Diagonal durchs Land

Der Tipp von Zaphod kommt gerade recht: Afro Celt Sound System – Anatomic (2005) [schönen Dank dafür!]…
 
Von der Küste des Ionischen Meeres geht es wieder landeinwärts. Die wenigen Strassen sind in gutem Zustand. Wenig Kraftfahrzeugverkehr. Gefährlicher ist es in der Dunkelheit. Schafherden tragen keine signalfarbene Wolle. Unbeleuchtete Fahrzeuge, Eselskarren und Fussgänger sind dann unterwegs. Auffällig ist der häufig überraschende Wechsel zwischen landwirtschaftlich kultivierten Flächen und brach liegenden. Verantwortlich dafür sind die noch weitgehend ungeklärten Eigentumsverhältnisse nach dem Zusammenbruch der Diktatur. Entlang der Strasse sieht man wieder Bunker, die heute andere Zwecke erfüllen.
Die nächste Etappe führt nach Gjirokaster. Die mittelgrosse Stadt gilt als eine der steilsten der Welt. Die Strassen steigen teilweise so sehr an, dass neben dem Dach eines Hauses der Keller des Nebenhauses beginnt. Geburtsort des bekannten Schriftstellers Ismail Kadaré. Der lebt seit 1990 im Exil in Paris. Wenn man sich mit der jüngeren Geschichte des Landes vertraut macht, stellt sich die Frage, wie er all den Verfolgungen und „Säuberungen“ während der Schreckensherrschaft des Kranken entgehen konnte. Seine Werke lesen sich danach schon anders.
Die Gassen sind schmal und in fast jedem Haus befindet sich ein Laden. Im Schaufenster eines Andenkenlädchens stehen Tassen mit Ansichten der Stadt. Der übliche auf Folklore getrimmte TouriNepp. Wie um alles in der Welt mag es aber in einem Kopf aussehen, der eine Tasse mit dem Portrait des Oberirren kauft? In der Metzgerei hängt das Fleisch ungekühlt hinter dem Schaufenster in der Fenster, so kann man es besser sehen. Für eine Pause bei dem Auf- und Abgehen ins Café. Kaffee? Ähh, coffee with milk? – café latte? — ? – : Aaahh, yes! Der Kellner hat offensichtlich keine Milch zur Hand, denn hurtig sieht man ihn in einige Läden in der Nachbarschaft eilen. Der Kaffee ist aromatisch und tiefdunkelbraun. Die Bitte nach etwas mehr Milch wird mit einer grossen Büchse Kondensmilch beantwortet.
Über der Stadt liegt die mächtige Festung. Der Aufstieg wird als zu steil eingeschätzt. Stattdessen scheint es interessanter, eines der prächtigen alten Handelshäuser zu besuchen, das zu besichtigen ist. Die Holzarbeiten aus Gjirokaster waren früher berühmt und begehrt. Man kann es heute noch an den kunstvollen Decken und geschnitzten Verzierungen bewundern. Die Bettstatt befindet sich als eine Art Hochbett mit einem Holzgeländer unter der Decke des Zimmers. Die übrige Ausstattung verweist auf osmanische Traditionen, schlicht und klar strukturiert. Die Besichtigung des Geburtshauses des allmächtigen Herrschers, der die Stadt 1961 zur Museumsstadt erklärt hat, kann man sich sparen. Vermutlich handelt es sich bei den drei Frauen in einem der Zimmer um späte Verwandtschaft, die sich mit dem kleinen Eintrittsgeld ein schmales Zubrot verdienen. Beim Anblick einer grossen halb verfallenen (Hunde?)hütte im Garten neben dem Haus steht die Frage im Raum, ob der allmächtige Führer hier in seiner Jugend schon mal an Kindkollegen ausprobiert hat, was er später einem ganzen Volk angetan hat.
 
      (Fotoklick öffnet die Galerie – Foto 1-5 aus der Buggelwutz aufgenommen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Willkommen zurück im Alltag

Von meinem freizügigen Nachbarn, der mich während der vergangenen Woche fast schon vermisste: die gesammelten Werke von Billy Cobham und Gentle Giant. Beim Entwickeln vieler Fotografien werden so nebenbei lang versunkene Erinnerungen wach…
 
Wenn jahrzehntelange beste Freunde in der Dunkelkammer zu Gast sind, sollen sie auch die besten „Merk“Würdigkeiten des Landes sehen und erleben. Und dabei am besten auch gleich die (mitteleuropäischen) Vorurteile gegenüber den südosteuropäischen Gegenden etwas abbauen. Das ist wohl gelungen. Rundfahrten und Besichtigungen, eine kleine Rallye, ein Abstecher nach Albanien und sogar reichlich Sonne, wenn auch nur gelegentlich. Leider drängt der Herbst mit Macht auf den Schwarzen Berg. Bei starkem Regen bieten sich dann Besichtigungen unterschiedlicher Tempel an. Mutter Teresa und der Mann, der mit seinem Schaf an der Leine durch die Strassen flaniert. Regenbögen. Gutes trinken und reichlich Getränke. Lichtspektakel. Gebirge und die Adria. Freundliche Menschen und grandiose Wolkenbilder. Bewegend sind solche kleinen Rundfahrten, denn die Schwierigkeiten bei der Einreise werden durch ein kleines Hindernis beim Einchecken zum Rückflug rund gemacht. Wir sind einen Tag zu früh am Flughafen…
Viel Freude beim Bildergugge und allen Besuchern ein schönes Wochenende.
 
      Zum Öffnen der Galerie ein Foto anklicken

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Besser: Halbinsel ganz statt Insel nicht mal mehr halb

Bei dieser Hitze auch noch Musik? – Der Lärm der Zikaden reicht vollauf…

Wie wärs mit einem kurzweiligen Wochenende am Meer? Gute Idee, Frau Waas! An der Einfahrt zur boka kotorska (Kotor-Bucht), liegt vorgelagert die Halbinsel Luštica. Unser Ziel ist das äusserste Ende. Forte Rose.  Die winzige Dörfchen war zu Zeiten der österreichischen Besetzung Zoll- und Quarantänestation. Die „Alte Post“, einige Kapitänshäuser und eine kleine Befestigung, das Forte Rose. Heute umgewandelt für den Tourismus mit einigen einfachen Bungalows, einem Restaurant und was den Sprung in die türkisblauen Fluten angenehm macht. Die wenigen alten Häuser sind in Appartments für Feriengäste umgestaltet. Es geht ruhig und beschaulich zu, Kraftfahrzeuge werden vor dem Ort abgestellt. Eine Runde schwimmen in der kristallklaren Adria. Fische und Krustentiere gegen Abend bei einem fast schon zu romantischen Sonnenuntergang. Bewegungen des Wassers. Schwärme kleiner Fische. Versinken in verzaubernde Muster rundum. Muscheln, Steine, getrocknete Algen regen die Fantasie an. Und das wie so oft in ähnlichen Situationen leerstehende Haus am Wasser, das die Fantasie in Gang setzt.
Die Halbinsel Luštica ist so dünn besiedelt, dass es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Und zumindest ein alter Bus ist hier fast überall unterwegs. Natürlich sind die Investoren auch hier unterwegs. Da ist der Golfplatz schon angelegt, den einmal die exklusiven Villen und Wohnungen umgeben sollen. Wenige schmale Strassen führen über Luštica. Die Maccia zu beiden Seiten ist undurchdringlich. Hier und da sind kleinere Ansammlungen von Olivenbäumen zu sehen. Zur Adria hin gibt es fast durchgehend Steilküsten. 
Ich wünsche den Menschen, bei all den Anstrengungen, die weitgehend unberührte Natur touristisch zu erschliessen, dass sie die Insel Sylt als Warnung begreifen. Die Dokumentation „Sylt – Ausverkauf einer Luxusinsel“ hat mich ziemlich geschockt. Die dortige Spekulation hat die einheimische Bevölkerung fast gänzlich vertrieben. Mieten unbezahlbar. Saisonarbeitskräfte leben in überteuerten Löchern oder in Wohnwagen, weil das billiger ist. Grundschulen werden geschlossen bzw. zusammengelegt mit allen Konsequenzen für die Kinder. Der Nachschub für immens hohen Wasserverbauch soll nun aus einem Naturschutzgebiet gefördert werden. Wer braucht schon eine funktionierende Natur auf der Suche nach der Rendite.
Wer sich interessiert, kann hier die Dokumentation sehen –> Klick <– Sylt.
      (Zum besseren Anschauen kann man auf die Fotos vom Wochenende klicken)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurze Impression vom Winter

Im Park nebenan sind fleissige Gärtner zugange – steht der Frühling schon vor der Tür?…


Es ist ein kurzer Ausflug in die Winterlandschaft. Drei Tage sollten es werden, aber das Leben zieht einen ab, ein Strich durch die Rechnung sozusagen. Zum nächsten wintersicheren Skigebiet sind es gerade einmal etwas mehr als eine Stunde Autofahrt. Schon bald nach der Stadtausfahrt sieht man in der Ferne die schneebedeckten Gipfel. Zwischen 1400 und 2000 Meter garantieren Wintersport bis mindestens März. Wir wollen eine Nase Winter schnuppern, ein bisschen spazierengehen und eine Sauna soll es auch geben. Obwohl es das letzte Wochenende vor dem Ende der Winterferien ist, geht es gemächlich zu. Nicht zu vergleichen mit den Skigebieten der Alpen. Auch preislich merkt man, dass der Ski- und Wintersportzirkus hier noch nicht angekommen ist. 
Auf einem längeren Spaziergang geniessen wir die herrliche Ruhe der Winterlandschaft. Wir laufen auf der Landstrasse, denn die Sommers genutzten Wanderwege sind nicht präpariert und Wegmarkierungen liegen unter der weissen Pracht verdeckt.
Am nächsten Morgen gehen wir vom Hotel zu den Skipisten und Liften. Wir kaufen Ticket (Berg-und Talfahrt) und sitzen gleich darauf im Sessellift, der uns auf knapp 2000 Meter bringen soll. Die Pisten sind gut präpariert und markiert. Skiläufer schwingen in eleganten Schwüngen talwärts. Snowboarder ziehen im tiefen Pulverschnee ihre Spuren zwischen Felspassagen und Bäumen abseits der markierten Pisten. Kurz vor dem Ende der Auffahrt wird der Wind unangenehm und schneidend eisig. Ausserdem ist der Gipfel in Wolken. Schade eigentlich, denn so haben wir keine Fernsicht. Fotografieren ist mir aber ohnehin nicht möglich, denn meine Finger sind zu klamm, um die Kamera zu bedienen. Zehn Minuten später fahren wir talabwärts. Ein klarer Rakija aus Birnen macht die Finger wieder beweglich.
Am Nachmittag finden wir einen Waldweg und beschliessen in der Sonne ein Stück durch den verschneiten Wald zu laufen. Einzig ein Mann mit seinem Bündel auf dem Rücken überholt uns unterwegs. Er verlässt den Weg kurze Zeit später und geht nach rechts zu einem kleinen eingeschneiten Häuschen. Hundegebell begrüsst ihn. Verstreut liegen diese Häuser im Tal, vorwiegend Ferienhäuser. Verlassen liegen die meisten. Im Sommer scheint hier mehr Leben zu sein. Aus der Gegend um Kolašin kann man in den Kosovo oder nach Albanien wandern. Das touristische Angebot dafür wird mit viel Energie ausgebaut und vorangetrieben. Wer Wintersport mag, kann hier auf jeden Fall einen sportiven und dennoch ruhigen Urlaub verbringen. Es gibt Lifte und Abfahrten für jeden Schwierigkeitsgrad. Die Preise dafür sind ebenso zivil wie für die Unterkünfte verschiedener Kategorien. Ein überschaubares Gebiet und (noch) nicht überlaufen. Klein aber fein.
    (Foto anklicken öffnet die Wintergalerie)

 

 

 

 

 

Impressionen aus Apulien

Blaue Fetzen im Graugewölk…

     (Galerie öffnen? Foto anklicken!)

 
Nach Italien ziehts mich von Zeit zu Zeit immer wieder einmal. Ist irgendwie eine zählebige Liebe. Nicht die einzige, aber eine der lebenslangen. Seit mich als Kind drei schwarzgekleidete italienische Frauen vor den (damals typischen) deutschen Erziehungsmethoden meiner Erzeuger bewahrt haben. Später warens die Motorräder. Ducatis. Einzylinder aller Hubraumklassen. Fahrten auf der Suche nach Ersatzteilen, Motoren, Fragmenten. Familienurlaube folgten. Kulturgeschichtliche und literarische Interessen.
Bis in den Süden kam ich nie. Isola del Giglio (die jetzt wegen einer Fähre bekannt ist) war der südlichste Punkt. Und nun also Apulien. Liegt ja quasi gegenüber vom Schwarzen Berg. Mit der Fähre von Bar nach Bari. Nachbarschaft sozusagen.
Eine satte Woche unbekanntes Land erkunden. Frau Waas hatte die glorreiche Idee. Der ideale Mix: Ausspannen, essen und trinken. Und auch Neues entdecken. Apulien ist übervoll von Kultur und Geschichte. Hier zwischen Adria und Ionischem Meer haben im Lauf der vergangenen Jahrtausende viele Schiffe angelegt. Andere sind über Land gekommen. Alle haben ihre Zeugnisse hinterlassen.
Was ist geblieben nach den viel zu wenigen Tagen?
Die alte Poststation mit dem kleinem Gutshof (masseria) von 1710. Heute heisst sie Masseria Quis ut Deus und beherbergt Gäste. Wer ist wie Gott? Auf hebräisch ist dieser Ausdruck den meisten als Name geläufiger: Michael. Jener Erzengel, der auf dem Gargano, dem Sporn Italiens, seinen Fuss auf die italienische Erde gesetzt haben soll. Wie immer man zu Erzengeln stehen mag; die Freundlichkeit und der Service unserer Gastgeber war jedenfalls überwältigend. Von diesem Standort aus lässt sich Apulien hervorragend erkunden und entdecken. Luigi kocht sehr originell und lediglich mit dem, was die Landschaft hervorbringt. Und Gino der Manager ist in allen Belangen ein kompetenter Gesprächspartner. Das schöne: man hat einfach Zeit für einen Plausch oder ein Gespräch.
Die Landschaft liegt weit hingebreitet unter dem hohen und selbst jetzt im November unglaublich blauen Himmel. Jede Stadt hat ihre Geschichte, meist mit eindeutigen Akzenten. Je nachdem, welche Herrscher ihr Spuren am deutlichsten hinterlassen haben. Griechen, Römer, Normannen, Byzantiner, Ottomanen, Schwaben (Staufer), Spanier, Franzosen, – die Vielfalt ist imposant.
Tarent, die alte griechische Hafenstadt ist ziemlich heruntergekommen. Direkt hinter dem Hafen liegt das grösste Stahlwerk Europas, eine Dreckschleuder ohnegleichen. Luigi, der Koch im Quis ut Deus sagt: weisst du wieviele meiner Freunde keinen Vater mehr haben. Krankheiten, Missbildungen: Dioxine und andere Chemikalien haben ihren Tribut gefordert in vielen Jahren. In der Festung Karls V. befindet sich heute das Kommando der italienischen Marine. Auf eine Führung wollten wir nicht warten. Es gibt ganz andere Schönheiten zu sehen in der Landschaft Apuliens.


Wir haben die Stadt nur kurz besucht. Unsere Lieblingsstadt ist Oria geworden. Auch beim zweiten Besuch war die Burg für Besucher geschlossen. Stattdessen fanden wir auf einem kleinen Platz in den verwinkelten Gassen das Ristorante Vincenzo Corrado. Das „Menu für Durchreisende“ war ein Gedicht, beim abschliessenden Sambuca zum Espresso wanderte der Blick himmelwärts und den Gedanken wuchsen Flügel.


Kein Wunder, dass in dieser Stimmung alte Bauernhöfe rasch zum Traumhaus werden können. Viele Gehöfte stehen leer. Da lohnt dann schon der eine oder andere Blick.


Im bosco del pianelle, einem Naturschutzgebiet oberhalb von Crispiano kann man herrliche (und kurze, gell Frau Waas?) Wanderungen unternehmen. In der Macchia findet sich ein allerschönstes Plätzchen für einen frugalen handfesten Imbiss. Die Aussicht reicht bis den Gestaden des Ionischen Meeres. Viel zu schnell vergeht ein Nachmittag in der unglaublichen Stille; einzig die Kühle zum Sonnenuntergang mahnt zum Aufbruch, denn es wird inzwischen früh dunkel.


Leichter Brandgeruch liegt in der Luft. Die Bauern verbrennen den Baumschnitt. Herbstliche Stimmungen. Die Felder werden gepflügt. Uralte Feldmauern, die man hier überall sieht, werden nach Bedarf instandgesetzt. Wir werden sicherlich wiederkommen.
Jetzt müssen erstmal die vielen Fotos entwickelt werden. Und all die Begegnungen und Geschichten sollen sich langsam setzen. Die Espressi in den Cafés zwischendurch. Der Uhrmacher und der Schuster in Crispiano. Die alten Männer auf den Plätzen kleiner Städte. Die alten interessanten Läden. Ein Mittagsschläfchen in einem uralten Olivenhain. Das Lächeln der Metzgerin. Enge Gassen. Schwere Rotweine. Marmor und Sandstein. Die kulturhistorischen Schätze. Das Leben an sich.

Auf dem Markt – gugge, horsche, probieren und kaufen

Das Wetter macht Freude…

     (Zum vergrössern Foto anklicken)

 

 

Heute ist Lattwersch-Tag. Lattwersch sagt man zumindest in Hessen. Pflaumenmus kann man natürlich auch dazu sagen. Ich ziehe Lattwersch vor. Die Zwetschen haben genau das richtige Stadium zwischen zu viel und zu wenig Reife. Irgendwo zwischen hart und weich, innen genau diesen bräunlich gelben Farbton, schon ein wenig rot und kaum noch grünlich.
Auf dem Markt ist das Angebot reichhaltig. Und ungemein günstig. Die Landwirte aus der Umgebung haben hier in der Hauptstadt ihre Stände gepachtet. Doch die kleinen Preise haben auch ihre Kehrseite. Mancher Verkäufer steht den ganzen Tag, bietet seine Waren an und geht dafür am späten Nachmittag mit weniger als zehn Euro Tageseinnahme nach Hause. Deshalb sage ich unseren deutschen Besuchern als erstes, dass sich feilschen und handeln hier selbstredend verbietet. Besuchern aus anderen Ländern muss ich das nicht sagen, die sind anders drauf. Aber die Deutschen. Haben sich natürlich zuhause vorbereitet auf die Reise. Bei ADAC, Verbraucherberatung und ihrer Reiseversicherung über das zu besuchende Land erkundigt. Fünf Fernsehsendungen zum Land angesehen, mehrere Reiseführer studiert und sind nun bestens im Bild. Und meist auch ein wenig zu eingebildet.
Zwei Fragen bewegen mich noch immer nach all den Jahren: warum müssen deutsche Touristen in anderen Ländern geradezu zwanghaft handeln? Und warum ist es für deutsche Touristen so eminent wichtig, im Ausland an Orten zu sein, an denen „keine Touristen“ sind. Kaum ein privater deutscher Reisebericht im Internet, in dem diese Floskel nicht irgendwie und -wo vorkommt…
Der Markt also. Liegt direkt neben der Einkaufsmeile (shopping-mall). Dort gibts den Supermarkt im Erdgeschoss und darüber die üblichen Markenläden. Unterm Dach dann die fast-food Etablissements. Wie in vielen anderen Ländern mittlerweile auch. Einfallslos. Wers geschafft hat oder zumindest der Meinung ist, kauft hier.
In der grossen Halle daneben sieht das Publikum anders aus. Die Leute prüfen sorgfältig und kaufen wenig. Die Einkommen sind sehr niedrig und die Arbeitslosigkeit ist hoch.
Zwei Stockwerke gibts auch hier. Unten die Abteilung mit Obst, Gemüse und selbst gebranntem Schnaps, Honig, Olivenöl und anderen Leckereien. Drumherum in abgetrennten Abteilungen bekommt man Eier, Käse, Fisch und Fleisch. Oben im ersten Stock, die kleinen Stände mit Bekleidung, Schuhen und viel nützlichem Kleinkram für den Haushalt. Ich bin gerne dort, und wenns auch lediglich zum horsche un gugge ist. An keinem Stand sowohl unten als auch oben geht man vorbei, ohne angesprochen zu werden. Izvolite –  was darfs sein?
Männer mit ausdrucksstarken Gesichtern. Kettenrauchende Marktfrauen hinter den Kartoffelbergen. Der Kellner, der von Stand zu Stand seine Runde geht, um Kaffee zu bringen oder neue Bestellungen entgegenzunehmen. Die nette Blumenverkäuferin mit dem melancholischen Blick. Fachsimpeln über Wasserhähne und Angelrollen. Kritisch prüfende Blicke in die Auslagen. Fingern zwirbeln Textilqualitäten aus Kunstfaser. Die Levis für zwölf Euro. Hässlichere Bademäntel sah ich nie. Schrauben und Haken werden auch einzeln verkauft. Knappe Dessous. Das Angebot wechselt saisonal, ist alleweil aktuell. Bis ich meine neue Badehose endlich finde, muss ich zwei Runden drehen. Dafür sieht man die ersten Regenjacken.
Unten kann man vor dem Kauf fast alles probieren. Die Zwiebelfrau ist sichtlich sauer, weil ich ihr nur ein Pfund abkaufe. Sie redet auf mich ein, will mehr in die Tüte packen. Ich verstehe nichts. Blicke und Gesten sagen dennoch viel. Klar, wenn man bedenkt, wie karg die Gewinne hier sind. Einer wie der Ackermann oder einer seiner nichtsnutzigen Kollegen müsste hier mal zwangsweise zwei Jahre arbeiten. Das würde den Blick schärfen für die Lebenswirklichkeit der Menschen, die von ihrer eigenen harten Arbeit und dem lachhaft kargen Lohn dafür abhängt. Spekulation und Abzockerei schenkt keinem dieser Menschen die dünne Suppe in den Teller.
Ich habe hier einen Lieblingsstand. Der Mann verkauft Früchte. Was die Natur gerade bietet. Heute brauche ich Pflaumen. Achtzig Cent das Kilo. Probati! Die Einladung zu probieren nehme ich gerne an. Prima Aroma. Was ist das? Da, diese kleinen roten Früchte. Den Namen kenne ich nicht. Er wiederholt und ich schreibe auf. Zeige ihm dann den Zettel. Wirds so geschrieben? Meine Handschrift kann jeder lesen, sein Blick verweilt (zu) lange auf dem Wort. Ja. Ich nehme versuchsweise ein Pfund mit. Zuhause im Wörterbuch finde ich nichts. Erstmal den Lattwersch kochen.
Als alles soweit gerichtet ist, klicke ich mich durchs Internet und werde fündig. Die kleinen roten Früchtchen schmecken ungemein frisch und herb. Kornelkirschen. Vitaminbomben von Natur aus. Kornelbäume kann man quasi restlos verarbeiten. Das Holz ist sehr hart, die Heilkraft der Blätter empfiehlt schon Hildegard von Bingen. Leider gibts die Bäume in Mitteleuropa kaum noch, in Südosteuropa scheint das anders zu sein.
Ich entscheide mich für eine Marmelade. Die Früchte in ganz wenig Wasser kochen. Wenn sie richtig weich sind, kann man sie besser durch ein Sieb passieren und wird dabei gleich die Kerne los. Das Mark mit Zitronensaft und Zucker vermischen. Die aufkochende Flüssigkeit wird leuchtend knallig rot. Und schmeckt schon kochend heiss dermassen verführerisch. Ich werde morgen nochmals zum Markt gehen müssen. Die beiden Gläser werden schnell zur Neige gehen.