Wertverdrehungen da und dort

Für graue Februartage ebenso stimmig wie in einer lauen mexikanischen Nacht. Die Königin der Rancheras:
Chavela Vargas – ¡Por Mi Culpa! (2010)…

Durch jahrelanges Viellesen und -schreiben wird eine Korrektur meiner optischen Prothese erforderlich. In den Ländern, in denen ich für Jahre lebte, waren die Überprüfungen kein Problem. Ich war beim Optiker. Professionelles Equipment, Vermessung, Kontrollprüfungen. Alles wie erwartet. Dann das „empfohlene“ Brillenglas. Und der Preis dafür. Mein Blick liess die Frau ein anderes Glas zu einem niedrigeren Preis nennen. Das spielten wir einige Male durch, bis der Preis akzeptabel war.
„Jetzt brauchen wir nur noch das Rezept für den Zuschuss von der Krankenkasse“, sprach die Fachfrau, „das brauchen Sie nur bei einem Augenarzt abzuholen mit dem Hinweis auf die hier erfolgte Überprüfung.“
„Wieso sollte der Augenarzt das machen ohne Augenkontrolle?“
„Tja, die verdienen da heutzutage nichts mehr dran.“ – Gutgläubigkeit gehört bestraft. Und die Strafe folgt auf dem Fuss. Keiner der telefonisch kontaktierten Augenärzte ist bereit ein Rezept zu geben ohne zuvor erfolgte Kontrolle.
Die Mitarbeiterin des ortsansässigen Optikers hat mir fünfundvierzig Minuten meines Lebens gestohlen. Was sind die wert im Vergleich zu zwei neuen Brillengläsern?

Die ersten Schreibübungen für den Lebensweg eines deutschen Menschen. Der verflixte erste Satz. Die Materialfülle ist immens. Zur Verifizierung mancher Fakten und Daten stehen immer weniger Zeitzeugen zur Verfügung. Altersgemässer Schwund. Und die neuerlich unangenehme Erkenntnis, dass man bei nötigen Rückblenden ständig mit beiden Füssen im braunen deutschen Sumpf landet. Es ist mir mittlerweile unerträglich, von Opfern des „Nationalsozialismus“ oder des „Naziterrors“ zu lesen. Der „Nationalsozialismus“ und der „Naziterror“ wurde durch deutsche Menschen gelebt und realisiert. Und im Moment muss man diese Verharmlosungen wieder tagtäglich hören und lesen. Wann wird man endlich beginnen von den Tätern konkret zu sprechen und zu schreiben. Es waren deutsche Männer und Frauen nationalsozialistischer Gesinnung, die europaweit andere Menschen entwürdigt, beraubt, gedemütigt, terrorisiert und letztendlich ermordet haben.

Die grandiose Ausstellung im Frankfurter Städel. Making Van Gogh. Fünfzig Werke. Leihgaben von weltberühmten Museen. In dieser Zusamenstellung einmalig. Enormer Andrang. Eine mehr als hundert Meter lange Schlange vor dem Eingang. Wir haben eine Reservierung und dürfen direkt zum Eingang. Innen fast die Entmutigung angesichts des Gedränges. Aber gugge und lernen kann man überall. Meine famose Begleiterin hat die grandiose Idee, im Windschatten den geführten Gruppen zu folgen. Wenn diese ein Gemälde verlassen, haben wir die Möglichkeit dieses Werk aus nächster Nähe anzuschauen. Van Goghs Farbpalette berauscht die Pupillen. Es handelt sich entgegen der Werbung („aus allen Schaffensperioden“) fast ausschliesslich um Gemälde seiner letzten Lebensjahre. Und das „Making“ erklärt am Rande, wie ein Marketing zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts funktioniert hat. Van Gogh wurde von deutschen Kunsthändlern gehypt, wie man heute sagen würde. Van Gogh starb 1890 im Alter von 37 Jahren. Seine Bilder waren zu diesem Zeitpunkt fast unverkäuflich. Aber bereits um 1910 kostete ein Gemälde zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark.
Das interessiert nur wenige Besucher. Die meisten treibt anderes um. Man könnte es das Ich & Van Gogh Syndrom nennen. Mit dem Rücken zu einem Bild, um mit gezückter Handfessel ein Selbstportrait zu schiessen. Darüber kann man sich als Zuschauer lustig machen. Aber weitaus befremdlicher waren die vielen Kultursimulanten, die sich einem Gemälde näherten, das Kunstwerk mit der Handfessel anvisierten, abdrückten und beim Weiterziehen das Bild auf dem klitzekleinen Bildschirm betrachteten. Offensichtlich hat für diese Menschen das Abbild einen grösseren Wert als das Kunstwerk an sich. Ich denke an Walter Benjamins Essay von 1935 „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Die von ihm darin beklagte „Zertrümmerung der Aura“, hier findet sie in ungeheurem Ausmass statt. Ich finde es bedauerlich, wie wenig Wertschätzung diesen Kunstwerken entgegengebracht wird..

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen hellen Februar.

 

(Die Fotografien wurden freundlicherweise von meiner bonfortionösen Begleiterin zur Verfügung gestellt)

 

 

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Reduktionsschritte auf der Zielgeraden

Musik? – Am Ende dieses Beitrags…

Ich habe diesen Beitrag mehrfach begonnen. Meine Ideen haben sich überschnitten, abgelöst oder überholt. Ich erlaube es mir, auf mein Wohlbefinden zu achten. Und derzeit greifen mir viele Beobachtungen erbarmungslos ans Herz. Immer wieder fallen mir Themen ein. Ich bedauere, dass die meisten einen negativen Anstrich haben. Damit ist Schluss.

„Wo nichts Gutes ist, da lauert etwas Schlechtes. Leer ist kein Herz“ – soweit Jeremias Gotthelf.

Dabei ist mein privates Leben eine Goldader unzähliger kleiner Glücksmomente. Tagtäglich. Die teile ich gerne mit anderen Menschen. Aber hier im wirklichen Leben. Ich fühle mich meinen Blogabonnenten, die mich seit Zeiten begleiten, näher oder ferner herzlich verbunden. In letzter Zeit verfolgen meinen Blog jedoch immer mehr Menschen, denen ich selbst im virtuellen Leben nicht begegnen möchte. Und noch weniger möchte ich mein privates Leben vor denen ausbreiten. Den meisten geht es ohnehin nur um ihr eigenes Geschäft. Schmeiss mit Scheixxe um dich, irgend jemand wird schon reagieren. So dass schmierige Kalkül.

Was soll man in diesen Zeiten noch schreiben? Diese Frage fiel mir spontan ein, als ich ein altes Chanson von Salvatore Adamo hörte. Was soll ich in meinem Blog noch schreiben?

Glätthäutige Schlagerbubis, oft mit Schabebart rund ums Schiefgrinsen und die Deppenkapp eine Nummer zu gross. Singt seiner Alleinerziehermutti schmachtend schmalziges Liebesgeträller – ich rette dich vor der bösen Welt, bleibe immer dein Männleinheld. Aber wechsle doch mir rasch das Windelein, ich bleib auch immer dein Büblein klein. So in der Art etwa. Das weibliche Pendant macht dabei eher auf grell.
Was soll ich da noch schreiben?

In einem Werk von W.G. Sebald schreibt der Autor von einem Bilderquartett, das in der Familie gespielt worden sei als er Kind war. Ich wollte wissen, um welches Quartett es sich nach Sebalds Beschreibung gehandelt haben könnte. Bei der Recherche nach Quartetten deutscher Städte stiess ich auf folgendes Angebot. Ich zitiere:
„Die hässlichsten Städte Deutschlands – Quartett (Spiel) – Deutschlands schönste Schandflecken in einem fröhlichen Gesellschaftsspiel. Wer schafft es, alle vier Karten der Serien „Ruhrpottcharme“ und „Wo liegt das denn?“ zu sammeln? Darüber hinaus gibt es natürlich auch die spannende Zocker-Variante mit beliebten Kategorien wie „Bedeutungslosigkeit“ oder „Luftverschmutzung“. Gewonnen hat, wer die meisten Daumen-runter gesammelt hat.“
Was soll ich da noch schreiben?

Umweltschutz ist in aller Munde. Mehr denn je. Nachhaltigkeit sowieso. Viele energiespendende und damit aber auch energieverbrauchende Installationen werden jetzt Zug um Zug durch gesetze und Verordnungen verboten. Weiterhin subventioniert wird dreckiges Rohöl. Für den Antrieb von schwimmenden Wohnblöcken. Manche haben bis zehn Stockwerke für mehrere tausend Menschen. Ich vermag mir nicht auszumessen, wieviele Tonnen Essensabfälle, Dreck und Fäkalien bei Kreuzfahrten Tag für Tag gewissenlos in die Weltmeere gekippt werden. Einen extra Absatz für die Urlaubsflieger erspare ich mir.
Was soll ich da noch schreiben?

Der urbane Raum wird weiter zugebaut und verpflastert. Auch Vorgärten in erschreckender Zahl. Nicht nur in den Metropolregionen erleidet die Infrastruktur der Verkehrswege mehrmals täglich einen Infarkt. Jeder dritte Arbeitsplatz in diesem Land hängt direkt und indirekt mit dem Automobil zusammen. Und viele Modelle werden immer grösser. Stichwort SUV, die Abkürzung für Sinnlos, Unvernünftig, Verschwenderisch. Klar, wer keine Kinder und sich somit über die Zukunft keine Gedanken macht, oder ohnehin ins Asoziale neigt, der braucht so ein fahrendes Monstrum. Lustig, wie manche damit in den Parkhäusern rangieren.
Bei einem virtuellen sogenannten sozialen Netzwerk hat sich eine Gruppe gebildet, die innerhalb weniger Wochen über eine halbe Million Mitmacher zählt. Der Gruppenname sagt eigentlich schon alles: fridays for hubraum.
Was soll ich da noch schreiben?

Bei der Bahn kann man Partyzüge chartern. „Party von Anfang an“ heisst die Parole. Kegelvereine, Mädelsversammlungen und so weiter und so fort. Letzte Woche fuhr ein solcher Partyzug Richtung Norderney. Bei der Durchfahrt durch einen Bahnhof flog eine Whiskyflasche aus dem Zug. Ein zweijähriges Mädchen wurde von dieser Flasche am Kopf getroffen und dabei schwer verletzt. An einem späteren Bahnhof wurde der Zug von der Polizei gestoppt. Alle Fahrgäste wurden von der Polizei kontrolliert. Immer wieder Aufrufe, der Flaschenwerfer möge sich melden. Tat er aber nicht. Stundenlange Verspätung infolge der Kontrollen. Befragte Passagiere nahmens mit Geduld. Sie wollten den Täter gefasst sehen.
Der hat sich erst Tage später bei der Polizei gemeldet. „Die Flasche sei aus dem Zug gefallen, als er an seinem Koffer hantiert habe.“ Ein bedauerliches Versehen.
Was soll ich da noch schreiben?

Ich habe den Text des Chansons von Salvatore Adamo gesucht. Einige Stellen hatte ich nicht klar verstanden. Auf einer Internetseite fand ich den Text veröffentlicht. Darunter den Kommentar des Seitenbetreibers. Er bezieht sich auf eine Textstelle. Zitat: „Das ist wirklich eine Frechheit, wie der sizilianische Jammeraffe das darstellt…“
Was soll ich Ihnen und Euch da noch schreiben?

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Zeit, und dass sie von den obigen Beispielen verschont bleiben mögen.

Das Lied von Salvatore Adamo kann man hier hören

 

 

 

 

 

Reduktionsmeldungen

Viel gearbeitet in den letzten Wochen. Zeitweise wenig Musik gehört. Neu im Musikalarchiv: Kultur Shock – IX (2014)…

Die blutroten Kelche der stets üppig blühenden Kamelie sind eine Wucht. Der Jasmin neben der Haustür verströmt seinen unverschämten Duft. Nur der mächtige Schachtelhalm macht mir Sorgen. Er ist zwar gut durch den Winter gekommen, aber nun werden die Spitzen braun. Verschiedene Ursachen werden geprüft. Inzwischen habe ich die bräunlich weissen Enden sorgfältig zurückgeschnitten. Die Sommerküche ist bereit. Das Leben verlagert sich zusehends ins Freie.

Ungewollt höre ich ein Gespräch zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Mathematikprofessor. Studenten hatten sich über die hohe Durchfallquote der letzten Klausur beschwert. Er wurde dazu befragt. Der Mathematiker erklärte seinem Chef, dass das Niveau von Semester zu Semester immer weiter absinken würde. Eine Klausur, die er vor zehn Jahren noch mit hoher Bestehensquote schreiben liess, hätte heute eine Durchfallquote von etwa 80%.
Und ich habe jetzt zum zweitenmal seine Einführungsansprache gehört. Er flehte die Studenten fast schon an, in seinen Übungen zu erscheinen. Auch zuhause verschiedene Aufgaben zu üben. Einem Studenten entfährt das Wort Spass.Wie oft habe ich selbst von Eltern hören müssen, dass Lernen bitteschön Spass machen solle. Mir ist kein Mitschüler begegnet, der aus Spass französische Vokabeln gepault hätte. So geht’s weiter bergab. Langsam vielleicht, aber stetig. Das Schulsystem der ehemaligen Deutschen Republik hatte da eindeutige Vorteile. Da kam es nachprüfbar mehr auf Leistung an als bei den Klassenfeinden der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft.

Überhaupt habe ich öfter den Eindruck, dass manches auf dem Kopf steht.
Häuser sollen mit Styropormänteln verkleidet werden. Wegen der Energieeinsparung. Inzwischen kann sich jeder informieren, dass die entsprechende Investition sich erst nach ungefähr dreissig Jahren amortisiert. Die Häuser brauchen wegen der Abdichtung zusätzliche Belüftungen. Das treibt die Heizkosten jedoch in die Höhe. Auf dreissig Jahre umgerechnet . . . Ich frage mich, ob die Beteiligten noch ganz dicht sind. Bestraft werden jedenfalls die Vernünftigen. Die machen ihr Haus dort dicht, wo die meiste Energie verloren geht wird. Bei Türen, Fenstern und dem Dach. Zur Strafe kriegen sie keinen Energieausweis und können gegebenenfalls ihr Haus nur schlechter verkaufen.

Beispiele für diesen Wahnsinn nehmen rasant zu. Assistenzsysteme im Kraftfahrzeug. Sie sollen den Lenkern viele Dinge abnehmen. Klingt gut. Vor allem sehe ich im alltäglichen Strassenverkehr jedoch, dass andere Verkehrsteilnehmer ständig den Knecht für diese Systeme machen. Programmieren, individualisieren und kontrollieren. Wollen oder müssen – auf jeden Fall ist es eine Ablenkung und stellt eine Gefahrenquelle im Strassenverkehr dar.
Von den elektronischen Handfesseln und ihren immer neuen, und meist überflüssigen, Spielereien ganz zu schweigen. Spielladen. So heisst doch die Abholstation für die meist sinnlosen Kaufanreize. Unglaublich, mit welch hanebüchenen Rechtfertigungen manche Menschen anschliessend ihre Käufe begründen wollen.

Dabei bietet das Leben mit zunehmender Reduktion immer mehr Freiräume. Der bedeutsamste ist der Zeitgewinn. Zeit sei Geld hört man immer wieder. Dabei wird eher andersrum ein lebenstauglicher Schuh draus. Zeit ist die Abwesenheit von Geld. Und Zeit meint immer auch Lebenszeit. Das ist weder ein Aufruf zu Askese oder gar Armut. Besinnung ist der treffende Begriff.
Dass Autonomie und herzenswarme Lebensfreude ebenfalls enorm anwachsen können, habe ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können.

Vor über zwei Jahren begann das waghalsige Experiment. Das Ladenlokal mit dem kleinen angrenzenden Areal sollte als Arbeitsstätte und Wohnung gleichermassen dienen. Reduktion als alltägliches Erlebnis. Was anfangs wie ein Traumgespinst klang, funktionierte am Ende tatsächlich. Aus dem Verkaufsraum wurde je nach Bedarf und Tageszeit die Küche und der Lebensraum. Zu allen Jahreszeiten.
Ohne die üblichen Einrichtungen, die angeblich für ein behagliches Leben unverzichtbar sein sollen. Heizkörper und fliessend kaltes Wasser aus zwei Hähnen standen zur Verfügung. Dem Wasserkocher, der sich am Ende aufgelöst hat, danke ich dafür, dass er bis zum Ende durchgehalten hat. Zugegeben, eine Waschmaschine diente an einem anderen Ort der Bequemlichkeit. Und im Keller summte ein geschenkter Minikühlschrank.
Dieses manchmal abenteuerlich anmutende Projekt ist beendet worden. Die einfache Kochstelle mit der Gasflasche und einigen Gerätschaften bilden jetzt die  hiesige Sommerküche. Fliessend warmes Wasser erscheint mir inzwischen als Luxus. Und die Dusche grenzt bereits an Überfluss. Jetzt gilt es, die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und zu erweitern.

Am vergangenen Sonntag war ich seit Jahrzehnten wieder einmal in der hiesigen Eisdiele. Die alte Musikbox war nicht mehr da. Da haben wir gesessen nachmittagelang. Mit zu wenig Geld in der Tasche und viel zu viel Zukunft im Kopf. So nuckelten wir schier ewig an unseren Milchmixen, bis wir irgendwann zum Gehen aufgefordert worden sind. Mit einigen früheren Klassenkameraden war ich letzte Woche wieder einmal an jenem Erinnerungsort meiner Jugend.
Die Bestellung: „Einen Milchmix Nuss, bitte“, verstand die junge Bedienung nicht. Kein Wunder, heute muss man Milkshake sagen, wenn man verstanden werden will. Und Schmirgelpapier in der Nase haben, wenn einem vom aufdringlichen Parfum der jungen Frau nicht gleich schlecht werden soll. Ausserdem hatte sie die zur Zeit modischen, jede Körperfalte abzeichnenden Gummihosen an statt eines weissen Schürzchens und des unverzichtbaren weissen Kränzchens im Haar.
Nie wieder in eine Eisdiele oder eine Milchbar – alles im Leben hat seine Zeit. Überhaupt die Veränderungen allerorten.

Die Zauberflöte in der Semperoper war ein ganz besonderes Erlebnis. Sowohl das Gebäude wie auch die Aufführung. Klasse fand ich, dass am linken oberen Bühnenrand die Texte eingeblendet wurden. Was mich vom Besuch von Opern meist abhält, ist, dass ich häufig kein Wort der Gesänge verstehe.
In diesem Fall waren die eingeblendeten Texte geradezu verführerisch. Und so sang ich manche Arie schön leise mit. Ich bin mir schliesslich bewusst, dass das Publikum nicht wegen mir in diese Vorstellung gekommen ist. Dennoch murmelte ich offensichtlich nicht leise genug. Der Chinese neben mir zischte mich mit feindseligem Blick an: Mister, don´t sing please!
Ich verstummte augenblicklich. Und stellte mir vor, was der überaus humorvolle Herr Mozart an meiner Stelle dem humorlosen Mann mit der wichtigen Umhängetasche wohl entgegnet haben mochte.

Nichts bleibt wie es war. Aber auch nichts wird wirklich vergessen. Vor zwei Wochen war ich weiter nördlich unterwegs. Wollte bei dieser Gelegenheit auch im famosen Hinterhof vorbeischauen. Dort fand im vergangenen Jahr ein rauschendes Jubiläumsfest statt. Die Gittertür war an diesem Samstag verschlossen. Im verlassenen Hof standen einige Mülltonnen verloren herum. Die Schaufenster waren verwaist.
Frau Knobloch bitte melden Sie sich !

Einige andere erstaunliche Begebenheiten wären erzählenswert. Aber das Wetter ist verlockend schön. Der Garten einladend. Und ein kühler Apfelwein im Gerippten lässt mich nicht länger zögern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Frühlingstage

 

(Der zahnlose Löwe mit dem Löwenzahn)

 

 

Reflexionen anhand einer Bewirtungsliste

Ich habe drei, vier Scheiben, die sind vor Jahrzehnten jeweils an sehr heissen Nachmittagen auf meinen Plattenteller gesegelt. Und sie passen nach all den Jahren noch immer zu diesem ganz speziellen nachmittäglich sommerlichen Wetter. Unbeschwert schwebende Klänge, Texte zum mitträllern. Man hängt träge ab, obwohl noch einige Punkte auf der Agenda zu erledigen sind. Eine dieser Platten mit ein paar ganz feinen Balladen ist : Cockney Rebel – Psychomodo (1974)…

Am Wochenende wird das Ärmelhaus wieder lebensfroh bevölkert sein. Ich schreibe dafür gerade die Einkaufsliste. Bewirtungsliste ist doch das treffendere Wort. Während ich die einzelnen Artikel überlege, kreuzt ein Gedanke die Bewirtungsliste und meine Planung.

Merkwürdig, aber anhand des Wortes Bewirtungsliste fällt mir auf, dass ich in überfliessendem Luxus lebe.

Schüssel auf dem Dach, DVD-Spieler, Fernsehgerät, Grossflachbildschirm, Weihnachtsbaumbeleuchtung, Tablet, Navigationsgerät, Aktenvernichter, Insektenvernichter, Deckenventilator, tragbares Bluetooth Soundsystem, Funkwetterstation, Luftbefeuchter, Polster- und Teppichgeruchsauffrischungsgerät, Mikrowelle, Alukapselkaffeemaschine, Teeautomat, Dunstabzugshaube, Toaster, Tischgrill, Milchaufschäumgerät, Friteuse, Ananasaushöhler, Körnermühle, Eismachine, (Dampf)Entsafter,  Waffeleisen, Jogurtmaschine, Racletteapparat, Tiefkühlgerät, Lafer-Zauberstab, Eierkocher, Popcornmaschine, Massagegerät, Fön, Elektrozahnbürste, Maniküreset, Lockendreher, Wäschetrockner, Laubbläser und Laubsauger, Motorsense, Rasenkantenschneider, programmierbare Gartenberieselung, Heckenschere, Mähroboter…

Nicht eines dieser elektrisch betriebenen Geräte nenne ich mein Eigentum. Nicht einmal einen Fassadenkletternikolaus mit lustiger Beleuchtung hänge ich in der Weihnachtszeit an die Giebelwand.

Die ersehnte Blume kannte ich lediglich von verschiedenen frühneuzeitlichen Gemälden. Zum erstenmal in natura sah ich sie in dem Garten des Zisterzienserklosters St. Marienthal nahe Ostritz. Erfuhr dabei auch den Namen. Danach suchte ich die Zwiebeln und fand sie erst im späten Herbst. Anfang Dezember 2017 war die letzte ideale Pflanzzeit des vergangenen Jahres, die ich trotz des Risikos eines möglichen Ziwebelverlustes nutzte.
In dieser Woche entfaltete sich die Blütenpracht von drei der sechs gepflanzten Zwiebeln. Der Duft unterscheidet sich sehr von dem der bekannten weissen Lilien. Er ist ebenfalls stark, dabei aber wesentlich fruchtiger und subtiler. Ich setzte mich an den Rand des Beetes und liess mich vom Duft der Madonnenlilien einhüllen. Mir schien als stünde ich vor dem Isenheimer Altar des Mathias Grünewald.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein beglückendes Wochenende.

Die Bewirtungsliste steht: Spargel, verschiedene feine Schinken, Nachtschattengewächse, Grüne Sosse mit allem, was dazu gehört, Apfelwein satt. Leckereien für gediegene Frühstücke. Zum Glück brauchts nicht viel und vor allem keinen Maschinenpark.

 

 

Reduktion der Befehle – Die Meditation der Frösche

Als progressive Rockmusik noch progressiv war: Traffic – The Low Spark of High Heeled Boys (1971). Und nun zum Nachmittagstee: Julie Driscoll with Brian Auger & The Trinity – Streetnoise (1969)…

Wo die Natur scheinbar verschwendet, dient letztendlich alles der Erhaltung natürlicher Kreisläufe. Arterhaltung, Nahrungsketten und Prachtentfaltung. Wachsen, blühen und vergehen als Grundlagen des Seins.
Die dritte Amselbrut ist nun flügge geworden und hat das Nest und den Hinterhof verlassen. Dreimal drei kleine Amseln in den letzten Monaten. Vielleicht werden zwei von ihnen überleben. Die anderen werden dem Kreislauf der Natur einverleibt werden.

Wie anders dagegen arbeitet die menschliche Natur. Verschwendung bedeutet hier Ausbeutung und Zerstörung. Zur letztendlichen Gewinnmaximierung von einigen wenigen Nimmersatten und Gierhälsen. Geleistet aber wird die ganze Arbeit von den unüberschaubaren Herden der Konsumenten weltweit. Deren Verhalten wird herangezüchtet und dressiert durch immer zahlreicher auf uns einprasselnde Imperative.

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Grammatische Befehlsformen, die irgendwann das gesunde Bewusstsein eines Menschen infizieren. Dann hält man den eigenen Konsum für Bescheidenheit und zeigt mit dem Finger auf all die anderen Verschwender. Oder man beneidet sie um ihre  Konsumartikel und vergisst ganz rasch die eigene angebliche Bescheidenheit. Eine weitere Erscheinung ist die diffuse Ablehnung der Bataillone von fremden Menschen, die in ihren Heimatländern bereits auf ihren Koffern sitzen und von den Konsumparadiesen der uns umgebenden Länder träumen.
Denkbar jedoch auch, dass man sich das Vergnügen leistet, all´ die Orte und Produkte bewusst zu vermeiden, die einem per Befehl eine Leistung abverlangen. Das kostet nicht nur nichts, sondern man spart sich recht schnell ein erkleckliches Sümmchen. Und Freude macht ein solches Abenteuer  garantiert.
Das Hamsterrad, in dem man sitzt, dreht sich immer nur so schnell, wie man selbst darin läuft.
Man kann es sogar verlassen. Dazu muss man jedoch auf die eigenen Beine stellen. Und sich orientieren können im eigenen Leben.
Was die Frage aufwirft, warum sich Menschen überhaupt verirren können. Ich glaube manchmal, dass Umwege und Irrwege die Gelegenheiten schaffen, dass man seine Ortskenntnis erweitert.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sommerfeines Wochenende. Und wer weiss, vielleicht werden Sie irgendwo sogar meditierende Frösche entdecken.

(Foto anklicken und grosse Bilder sehen)

 

 

Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)