Drei Männer an der Strassenecke

Horsche: Fischer-Z – Red Skies over Paradise
Lesen: Keine Zeit und Energie.
Essen & Trinken: Halberstädter Bockwürste, Butterbrot, Apfelwein sauergespritzt
Schaffe: Immer weiter – einen hundertvierzig Jahre alten Holzfussboden von der fürchterlichen Ausgleichsmasse befreien.
Gugge: Dokus auf arte: Eric Burdon – Rock´n´Roll Animal, Françoise Hardy – Die Diskrete und zum Feierabend The Kinks, die bösen Jungs des Rock’n‘ Rolls..

Bei uns in de Gass´

Drei Männer stehen zusammen. Nachbarn. Sprechen im Dialekt.

„Und?“
„Ausgleichsmasse wegmache.“
„Abschleife?“
„Weichholzdielen. Mit Spachtel und vorsichtig mit dem Hammer.“
„E Scheissarbeit.“
„Des kannste laut sage.“
„Und dann?“
Schulterzucken. Rumkucken.
„Also mir macht des Corona nix.“
„Vielleicht ein Bad einbauen.“
„Mit dem Corona ist es schön ruhig hier. Ich vermiss´ die Fliescher nachts nedd.“
Ei, mei Bawett schläft neuerdings wieder wie en Ratz.“

„Wer ist den euern Installateur?“
„Und wen habt Ihr?“
„Ach so.“
„Mir hawwe de Leiberger.“
„De Leiberger? De alte Theo iss doch gestorwe. Taugt denn dem sein Schwiegersohn überhaupt was?“
„Ich lass hinten im Hof die Anschlüsse jetzt neu machen. Da werrn merr des sehe, was der kann.“
„De Theo hat bei uns des Bad gemacht. Astrein, sag ich dir..“
„Ja ja, de Theo, der war en klasse Handwerker.“

„Genau, wie de Astheimer Walter.“
„Unn sei Schwester, die Gertrud.“
Hinten war die Schlosserei. Und vorn das Haushaltswarengeschäft. Auf der Theke stand nur brauchbares, nicht wie heutzutage an den Tankstellen und in den Apotheken.
„In dem Laden haste alles gekriegt. Und was sie nedd hatten, haste ned gebraucht.“
Auf der Theke stand eine Waage und dahinter war die Schubladenwand. Unzählige kleine Schublädchen. Schrauben oder Nägel gabs einzeln oder handvollweise, die wurden abgewogen.
„Und über der Wand mit dene Schublade hawwe die Gerippte gestanden. Wie sichs gehört, nulldreier Gläser.“
„Der Walter hat vielleicht e bissche länger gebraucht, aber die Arbeit war tiptop.“
Das Haus ist verkauft worden. Und aus dem grossen Schaufenster ist ein grosses Wohnzimmerfenster geworden.
„Jedesmal wenn dran vorbeigeh´ unn seh´ den Vorhang, fang´ ich an zu frieren.“

Drei Männer stehen an der Strassenecke. Jeder denkt sich seinen Teil

 

Ich bin zwei Strassen weit von hier geboren. Im alten Ortskern. Die paar hundert Menschen innerhalb des alten Ortsdamms waren Bauern, einige Handwerker und eine Handvoll Angestellte. Man arbeitete in der Nähe. Alles fussläufig oder mit dem Rad erreichbar. Die Bauern litten teilweise schwer unter den strukturellen Veränderungen. Aus Vollerwerbsbauern wurden Nebenerwerbsbauern; später Hilfsarbeiter. Allenfalls LKWfahrer weil sie erforderlichen den Führerschein dafür hatten.
Ich bin glücklich, diese scheinbar uralten Zeiten noch erlebt zu haben. Wenn der Bauer angespannt hat. Halt, davor hat er sich meist noch an den Mist gestellt. Die Frauen hatten viel Arbeit zu leisten. Aber es waren vielfältige, abwechslungsreiche Tätigkeiten. Und bei den Männern war es ebenso. Nicht wenige Arbeiten wurden gemeinsam verrichtet. Man half sich gegenseitig, weil man alleine nicht alles bewerkstelligen konnte.

Mit uns Kindern wurde nicht verhandelt. Mit uns wurde eindeutig gesprochen. Und die Erziehung war konsequent. Manchmal übersprang sie auch die Grenze und wurde sehr hart. Ich habe meine Kindheit überlebt.

Nachfolgend einige Zurufe, Titulierungen und Warnungen. Wo notwendig folgt die Übersetzung in Klammern.

Ihr Bälsch (Ihr Bälger), die Streigerung Ihr Dreckbälsch (Ihr Schmutzbälger). Das galt für die Buben. Ein Mädchen rief man Du Oos (du Aas), Die Steigerung war das Schinnoos (das Schindaas). Lärmten die Kinder zu arg als der Opa seinen Mittagsschlaf abhielt, so schrie er: Die Eeser (Plural von Oos) und die Bälsch gewwe kaa Ruh. Ich geh gleich raus unn schlaach deene uffs Kapital dass die Zinse waggele. (Ich gehe gleich nach draussen und schlage ihnen aufs Kapital dass die Zinsen wackeln). Für manche dieser Worte oder Sprüche habe ich lange gebraucht, um sie konkret zu verstehen.

Du Läusert (du Lausbub.) Du Lumbeanna (du Lumpenanna für ein schmuddeliges Mädchen). Die Steigerung dazu war das Dreckmensch. Du Daachdieb (du Tagdieb), du Faulenzer, du Fleschmaddigger (du Phlegmatiker). Du Fleebutz (?), so ein Simbel (so ein Simpel / Steigerung: Hutsimpel)…  Da fallen mir jetzt noch einige ein.
Interessanter waren allemal die Sprüche. Der ist zu blöd um einen Nagel in ein Pfund Butter zu schlagen. Dem kann man im Laufen die Schuhe besohlen. Du Krischer hast heut´ wieder nah´ ans Wasser gebaut (für einen weinerlichen Jungen). Dir schlaach ich mit der falschen Hand geje de Kehlbacke (Dir schlage ich mit der Rückhand gegen den seitlichen Hals). Du werrst verknibbelt, dassde in kein Sasch mehr passt (Du wirst verprügelt [geknüppelt] bis du in keinen Sarg mehr passt). Dem Dunischtgut (Tunichtgut) muss mer de Wille breche. Des kloa Dreckmensch willem alles ufftroyern (das kleine freche Mädchen will einem alles (auf)oktroyieren. Dir willisch Mores lern (dich will ich die Moral lehren). Du bist so bled wie die ganz anner Woch´(Du bist so blöde wie die ganze andere Woche).
Hier würden nun die sinnreichen Mantren der Erniedrungessprüche kommen. Aber draussen scheint die Sonne so schön. Und es ist herrlich ruhig.

Mir fiele im Moment keiner der Jungs in meinem Alter ein, der diese Erziehungsmassnahmen so gänzlich unbeschadet überstanden hat. Bei manchen merkt und sieht man es deutlich. Bei anderen weniger. Die Masse schwimmt in der Mitte, eher unauffällig. Die meisten warten darauf, dass „Corona aufhört“.
Der Bekleidungseinzelhandel wirbt mit Rabatten bis zu 70% und der Parole „wir sind zurück“. Der sie vertretende Verband hat herausgefunden, dass die Kauflust der Konsumenten „im Keller sei“. Das finde ich gesund. Weniger ist ohnehin mehr.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern gute Tage voller Lebensfreude.

 

 

Und die Jahre ziehn ins Land

Horsche:  Jefferson Airplane – Volunteers [1969]
Lesen: Gerhard Zwerenz – Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Essen & Trinken: Eine Pfanne mit Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, viel Knoblauch und frischen Kräutern aus dem Garten, Mozarella, Oliven und Weissbrot. Apfelwein (sauergespritzt) aus der Kleinkelterei unserer Vertrauens.
Schaffe: Einen Gang runterschalten. Dennoch die Handwerker im Blick behalten.
Gugge: Photographien von heute und vor Jahren

 

Sechs Jahre meldet mir WordPress. Vor sechs Jahren sass ich in Triest in einer alten, mässig erhaltenen Villa. Im Garten dahinter ein Meer von Schwertlilien in allen Farben. Damals musste ich zwangsläufig mit meinem Blog zu WP wechseln.
Ich bin dankbar, so viele Menschen durch die Bloggerei kennengelernt zu haben. Freundschaften sind entstanden, die ich nicht mehr missen möchte.
Inzwischen vermute ich, dass man beim Bloggen Persönlichkeiten viel rascher und unverblümt kennenlernen kann. Man kann sich geben, verstellen und nennen wie man will; aufmerksame Beobachter nehmen die Substanz hinter den Vorspiegelungen schnell wahr.

 

Eiscafés dürfen unter Auflagen und Vorgaben ihre Waren wieder verkaufen. Gartenlokale nicht. Wer legt da eigentlich welche Messlatten an? Sicherheitsabstände sind herstellbar. In den Einkaufszentren begegnen sich Menschen gedankenlos unter Missachtung der empfohlenen Sicherheitsabstände. Und alle warten nun auf die Rückkehr der alten Zustände. Konsumieren, Party machen, in Urlaube fahren. Gedankenlosigkeit was das Übermorgen betrifft.
Keine Generation vor meiner und der meiner Eltern konsumierte dermassen hemmungslos. Alleine die Vorstellung, welchen Sammelsurien ich selbst in meinem Leben bereits nachgejagt bin. Und jedesmal, wenn mir die inneren Strukturen des jeweiligen Sammelgebietes klar geworden waren, habe ich die Artefakte wieder verkauft. Oder eingetauscht und damit eine neue Sammelei begonnen. Bis vor wenigen Jahren.

Um die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nicht weiter voranzutreiben müssen wir danach fragen, was wir tatsächlich brauchen. Dadurch wird die jetzige Krise zu einer grossen Chance.

Stattdessen solls möglich schnell so weitergehen wie bisher. Wie das gesteuert und forciert wird, kann man an dem Beispiel eines Fernsehberichtknechts erleben.
Auf Ihrem feinen Blog hat die geschätzte Frau Knobloch dazu einen Link publiziert. Ab Minute 2:20 gehts zur Sache. Da versuchte der Berichtknecht der „Tagesschau“ die junge Frau Reemtsma vorführen. Sie hat sich nichts aufs Glatteis führen lassen. Vor solchen gradlinigen Menschen ziehe ich meine Hüte. Diese jungen Männer und Frauen brauchen jedwede Unterstützung. David gegen Goliath.

 

Auch vor allen Besuchern, Lesern und Guggern ziehe ich meine Hüte für ihr teilweise jahrelanges Interesse an meinen Berichten und Photographien. Ich wünsche Ihnen allen eine erfreuliche Woche.

 

Rückblicke beim Vanilleeis

Musik: Aphrodite´s Child – 666 (1971). Nach sanften Popsongs überraschten Demis Roussos und Vangelis mit diesem Album. Die Apokalypse des Johannes als progressives Rockkonzept.
Lektüre: Auf der Spur nach Kindheitsprägungen. Josephine Siebe : Kasperles Abenteuer in der Stadt.
Essen & Trinken: Eine Pfanne feinster Bratkartoffeln. Dazu Rohkostsalat. Apulischer Primitivo, Leitungswasser.
Arbeit: Historische Recherchen. Daneben eine quellenkritische Untersuchung eines Briefes von 1854.
Film: 1492, Die Eroberung des Paradieses. Wegen der Zurschaustellung von Gewalt nach füfnzehn Minuten beendet.

Wir sitzen im Garten. Jeder löffelt einen Tiegel mit Vanilleeis. Mit Schuss. Ich nehme heute Cointreau.
„Wie viele Urgrossmütter kann man auf natürlichem Wege eigentlich haben?“
„Ich hatte zwei. Eine mütterlicherseits und eine vom Vater her.“
„Ja, aber man müsste doch von beiden Seite je zwei haben. Das machte dann vier.“
„Stimmt, die Generationenfolge erweitert sich rückwärts betrachtet.“
„Wenn ich drüber nachdenke: die mir fehlenden Frauen und Männer sind auf Photographien abgelichtet.“

Der Schuss Cointreau nimmt dem Eis ein wenig von seiner Süsse, er verleiht eine fruchtige Note.
Ich kann mich bei meinen Urgrossmüttern bloss noch an wenige Begebenheiten erinnern. Sie starben als ich noch Kind war. Und sie tauchen heutzutage meist in Assoziationsketten aus dem Brunnen der Erinnerung wieder auf. Berta Brust (väterlicherseits) hatte einen schlanken schwarzen Gehstock. Die Zierde war der zierlich versilberte Griff mit einem prächtigen Jugendstilornament. Mit diesem Stock konnte sie behende umgehen; mindestens so schnell wie Zorro mit seinem Degen. Einmal, es war beim Geburtstagsfest meines Opas (ihres Sohnes), war ihr beim Toilettengang das Gebiss aus Mund gefallen. Als sie zurückkam blieb sie neben meinem Opa stehen. Der reagierte nicht gleich auf sie. Zzzwttt schnellte der Gehstock auf die Tischplatte. Zwischen Teller und Tassen, Sahnetopf und Kuchenplatte knallte der Stock auf das Tischtuch, ohne die geringste Beschädigung. Die Geburtstagsgesellschaft war verstummt.
„Robert, hol´ mir mal meine Zähne.“
Ich sehe die Szene noch heute lebhaft vor mir. Sie hatte den Tick, jedem zu erklären, dass man Eis nie pur essen solle. Die Kälte schade dem Magen. Sie war aber leidenschaftliche Eisesserin. Und hatte demzufolge immer eine Flasche Arrak, um, wie sie sagte, das Eis anzuwärmen, bevor es den Magen erreiche. Und nur dehalb habe sie einen so widerstandfähigen Magen. Immerhin wurde sie achtzig Jahre alt.

Meine zweite Urgrossmutter, Katharina Höhle, genannt Oma Kättsche, war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ich sehe sie in den ewig schwarzen Kleidern, dicken schwarzen Strümpfen und Männerschuhen. Darüber trug sie eine blaue Schürze mit einem Blumenmuster. Sie lebte in unserem Haushalt.
Ich sehe sie vor mir mit dem kleinen Knoten im Haar. Wie sie ihre wackelige Brille mit den randlosen Gläsern aufsetzte. Zum Abendessen trank sie meist Pfefferminztee und strich sich Schiebekäschen auf ihr Brot. Das waren die kleinen Käsedreiecke in Stanniol verpackt mit einem bunten Bildchen obendrauf.
Sie war die Auslöserin für meine erste schlimme Kinderqual. Andererseits sass ich als kleiner Junge auf ihrem Schoss. Während sie Gemüse putzte oder Kartoffeln schälte erzählte sie mir Grimms Märchen. Bei ihr habe ich gesehen, wie man einen Hefeteig ansetzt. Und Brombeergelee kocht. Fertigkeiten, die ich bis heute fast genauso mache. Weil sie einer vernünftigen Logik folgen. Sie hatte kein schönes Ende. Deshalb habe ich ihr schon lange ihre Ränke verziehen, die mir viel Leid eingebracht haben. Alleine durch die Märchen hat sie mir einen Kosmos eröffnet. Später, nach einer entsprechenden berufsbegleitenden Ausbildung, habe ich mit Märchen im professionellen Zusammenhang gearbeitet. Dafür werde ich ihr dankbar bleiben.

So leben die Vorfahren auf ihre Art in uns weiter. Ich weiss bis heute nicht, ob wir dabei wirklich die freie Wahl haben zu entscheiden, was von ihnen in uns weiterwirkt. Aus dem, was sie uns vorlebten, können wir jedenfalls unsere eigene Welt grösser machen. Wir alle haben viel mehr Möglichkeiten unser Leben schöner zu machen, als es uns oft auf den ersten Blick erscheinen mag.

 Ich wünschen allen Besuchern und Lesern beschauliche Ostertage

 

 

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Reflektionen im Morgengrauen

Wenig Musik gehört in den letzten Wochen. Dafür viel gelesen.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Van Bo Le-Mentzel – Der kleine Professor.
Und zur Zeit: Erwin Strittmatter – Der Laden.
Klingende Töne zum Frühstück: Dead Can Dance – Dionysus (2018)…

Leere Läden in der Innenstadt. Ein Vorurteil. Es gibt in fast jeder Strasse ein Nagelmalerstudio, einen Tätowierladen oder eine Piercingwerkstatt als letzte Instanzen, wo für das breite Publikum noch eine echte Kommunkation stattfindet. Oder man hält sich einen Hund.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Gebrauchshunde. Jagdhunde, Wachhunde. Folglich stehen sie mir noch immer näher als Katzen. Die Sympathie bekommt jedoch zusehends Risse. An den Hunden liegt das meist nicht. Zumindest so lange sie an der kurzen Leine geführt werden.
Es sind Leinenhalter, die sich Hunde anschaffen. Als lebendige Spielzeuge, Partner- oder Kinderersatz. Und natürlich auch als Einsamkeitsvertreiber. Irgendeine Ansprache auf der emotionalen Ebene braucht schliesslich jeder Mensch. Und so hört sich das dann gelegentlich an.
Kannst du das nicht mal lassen? Wie oft muss ich dir das denn noch sagen? Jetzt merk´ dir das doch endlich mal!
Im urbanen Raum werden immer mehr Flächen verdichtet. Grünflächen für Hundescheisse und -pisse werden rar. Einziger Vorteil, Hundebesitzer haben durch ihren vierbeinigen Besitz sogleich ein Gesprächsthema. In manchen Städten werden mittlerweile Hochbeete für Blumen oder kleine Bäume angelegt. Ein wichtiger Grund dafür liegt auf der Hand. Was den unsozialen Hundebesitzer natürlich nicht abhält. Er nimmt seine Fusshupe oder die frisch gestriegelte Flohschleuder in die Hand und setzt das Tier zum Kacken hoch ins Beet. Da machens die grossen Tölen ihren Besitzern leichter. Die hüpfen alleine hoch. Es ist widerlich, wie einige öffentliche Anlagen inzwischen aussehen.

An der Strassenseite des Ärmelhauses zieht sich ein flachwüchsiger Efeu am Sockel entlang. Seit Jahren trotzt er tapfer der täglich auf ihn hinrieselnden Hundepisse und den stinkenden Tretminen der Köter.
Wir könnten die freien Stellen unten am Sockel mit grossen Kieselsteinen belegen und dazwischen Steinbrech und andere unempfindliche Pflanzen anwachsen lassen.
Und die Hundebesitzer, frage ich stirnrunzelnd.
Wir könnens ja mal versuchen.
Das Ergebnis sieht gut aus. Inzwischen haben einige Wurzeln den Weg zwischen den Fugen der Verbundsteine hinunter ins Erdreich gefunden. Dadurch fühlen sich manche Zeitgenossen offensichtlich aufgefordert die grossen Kieselsteine als Steine zum Anstossen zu nehmen. Also werde ich in den kommenden Tagen die Steine in ein Zementbett legen müssen. Wer blaue Zehen begehrt, dem soll dieser Wunsch erfüllt werden.

Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Der Nachbar arbeitet zielstrebig an seiner Karriere als Deppchef. Er wohnt einige Häuser weiter auf der gegenüber liegenden Strassenseite. Und hat einen Hund. Er kommt die Strasse runter mit seinem Tier an der Leine. Bleibt genau gegenüber stehen. Der Hund muss sitzen machen. Das dauert. Ich vermute, der Hund will einfach weiterlaufen. Wie mit den anderen Familienmitgliedern auch. Hunde sind Gewohnheitstiere. (Welcher Bremer Stadtmusikant gibt den Rhythmus mit der Pauke vor?). Endlich sitzt das Tier befehlsmässig. Es erhält seine Kaubelohnung. Der Nachbar quert die Strasse mit seinem Hund. Und führt ihn zum Pissen zielstrebig an den Efeu. Ich bin ein untypischer deutscher Nachbar. Streit übers Hoftor liegt mir nicht.
Ich beobachte lieber und lerne dazu. Erfahrungen sind fruchtbarer als Streiterien.
Zufällig sehe ich den Deppchef, als er just die Strasse überquert. Schlagartig kratzt er die Kurve, als er mich wahrnimmt. Das Ärmelhaus ist ein Eckhaus und so biegt er mit seinem Tier in die andere Strasse. Letzthin öffnete ich frühmorgens die Jalousie. Er schien mich nicht zu bemerken. Sportlich reisse ich das Fenster auf. Der Deppchef reisst nicht minder sportlich an der Leine und kläfft seinen Hund an.
Musst du immer dahin laufen. Das ist doch alles schön gemacht. Kommst du jetzt wohl.
Vorige Woche standen wir uns Auge in Auge gegenüber und er sagt lobend:
Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Ebendrum, weil es keine Pinkelecke ist.
Aber der Efeu. Irgendwas hat der, dass der Hund da immer hin will.
Ja klar, weil jeder seinen Hund in den Efeu pinkeln lässt. Ist doch wie Zeitunglesen für Hunde.
Aber ihr habts schön gemacht. Sieht richtig klasse aus.
Genau, deshalb hoffen wir auch, dass die Pinkelei aufhört, weil es so ansehnlich ist.
Ach so. Es gibt Gesichtsausdrücke, die kann man nicht beschreiben…

In der Einführungsvorlesung stellt der Professor für Gestaltung digitaler Medien den Studenten eine Frage.
Welche elektronischen Aparaturen nutzen für Ihr Studium?
Ein einziger Studi verwendet zuhause noch einen Computer. Etwa ein Drittel der Studierenden nutzt Notebooks oder Tablets. Der grosse Rest benutzt hauptsächlich die elektronische Handfessel. Und die ersten schielen bereits nach dem Armband zur Sebst- und/oder Fremdüberwachung. Mit dem man der Welt zeigen und mit-teilen kann, was wirklich zählt im Leben, zum Beispiel wieviele Schritte noch fehlen zur Erreichung des individuellen Tagespensums.
Bei den Studierenden ist diese frappierende Naivität auffallend. Es gibt kaum einmal eine kritische Nachfrage zu den Vorlesungen der Dozenten. Zukünftige akademische Hilfsarbeiter, die immer unnötigere neue Apps erfinden. Mit denen sollen die Internetnutzer vom Wesentlichen abgelenkt werden. Das Rotkäppchensyndrom. Konsumartikelhersteller und Dienstleistungsanbieter als reissende Wölfe. Und hier werden ihre willfährigen Knechte herangezogen. Deren Grosseltern waren noch Handwerker, Bauern oder Büroangestellte. Haben Dinge hergestellt oder bearbeitet, die für die meisten Menschen weitgehend nutzbringend gewesen sind.

Früher habe ich mir vor Wahlen manchmal die Reden von Politikern vor Ort angehört. Es waren nicht viele Reden und es ist lange her. Zu viel fette Sahne statt handfestem Eintopf mit deftigem Schwarzbrot.
Eher zufällig wurde ich vor zwei Jahren Zeuge eines Auftritts des Spitzenkandidaten der Demokratischen Union Deutschlands. Fünfzig, seine floskelnden Schlagworte beklatschende Nichtdenker zollten Beifall für Luftballons und Kugelschreiber. Der Wahlkrampfmanager hatte den Tourbus der Wasserträger mit Parolen verzieren lassen. Ausgerechnet genau zwischen den Rücklichtern prangte die nichterfüllende Prophezeiung: „NRW – nie wieder Schlusslicht“. Obs daran lag, jedenfalls hat seine Partei die bis dahin regierende vormals sozial Demokratische Partei ab. Schlusslicht ist das Bundesland auch nach dem Regierungsparteienwechsel geblieben.

Die für meine diesjährige Wahl zum europäischen Parlament entscheidende Wahlkampfrede habe ich, wie mir scheint,  bereits mehrmals gehört und in meinem Herzen wohl bewegt. Die Namen und einige Phänomene mögen sich geändert haben, die grundlegenden Probleme sind geblieben. Und neue sind hinzugekommen. Das Gift der politischen Korrektheit wird allerorten versprüht.

Man könnte fast verzweifeln angesichts dieser einst schleichenden und jetzt masslos beschleunigten  Veränderungen. Gäbe es da nicht die verbliebenen Inseln der Menschlichkeit.
In dieser Woche waren wir in einer der letzten echten Frankfurter Apfelweinwirtschaft. Wir betraten das Lokal gegen achtzehn Uhr. Sechs Tische. Fünf lange Tische mit Bänken auf beiden Seiten. Auf dem runden Tisch verweist ein Schild auf den Stammtisch. Auf drei anderen Tischen stehen Klappschilder mit der Aufschrift reserviert. Wir setzen uns zu den alten Männern.
Der Abend war so grandios, dass wir danach Gästerezensionen im Internet suchten. Von stürmischer Begeisterung bis hin zu eindringlichen Warnungen waren die Bewertungen. Allein diese Bandbreite ist mir ein positives Qualitätsmerkmal. Wo alle begeistert sind, kann etwas nicht stimmen. Wo mehrheitlich gewarnt wird, werde ich jedoch vorsichtig.
Da wird vor dem maulfaulen Wirt gewarnt. Der Mann ist sechsundachtzig und arbeitet seit fast siebzig Jahren hinter der Theke. Bei einem meiner ersten Besuche sprach er uns an und fragte, woher wir kämen. Es entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf er uns viel von sich und seiner Wirtschaft erzählte.
Von bösartigen alten Männern und deren Sprüchen kann man in den anonymen Kritiken lesen. In der Tat erinnern manche an Waldorf und Statler aus der Sesamstrasse. Neben uns die beiden haben diese Lachfältchen, die Gutes verheissen. Eine aufgemöbelte Blondine betritt den Schankraum.
Der Alte neben uns bemerkt grinsend: Siebzehn Jahr´ blondes Haar.
Eher zweimal siebzehn wenn nicht dreimal, entgegne ich. Wir lachen herhaft. Immer mehr Gäste kommen herein. Nach und nach werden die Reserviertschilder von den Tischen genommen. Es ist auffällig, dass keine Handtelefone auf den Tischen liegen. Das liegt nicht nur am Durchschnittsalter der Gäste. Hier sitzt man zusammen an langen Tischen und spricht miteinander. Es wird lauter. Die Beiz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirt nimmt immer wieder den Zehn-Liter-Bembel aus dem Schwingestell auf der Theke und füllt ihn erneut. Bier steht hier nicht auf der Getränkekarte.
Neben uns sitzt jetzt ein anderer älterer Herr. Er kommt aus dem bayrischen. Hat früher lange in Frankfurt gearbeitet. Als Steinmetz hat er ein bekanntes Kunstwerk an markanter Stelle geschaffen. Seit einigen Jahren ist er Witwer. Kommt immer wieder hierher. Kann von der Stadt und dieser Wirtschaft nicht lassen.
Uns gegenüber nehmen zwei Frauen Platz. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Leben seit vielen Jahren in einer Fernbeziehung. Die Gespräche werden persönlicher. Wie gesagt, hier liegen keine Handfesseln auf den Tischen. Und spätestens sollte erkennbar sein, warum anfangs die Reserviertschilder auf den Tischen stehen.
Besonders kritischer Bewertungen erfreut sich der Kellner. Kein Mann für Gelaber. Ist dein Glas leer, tauscht er es gegen ein volles Glas aus. Unaufgefordert. Wer nichts mehr mag, legt seinen Deckel aufs Glas. Hin und wieder können seine Sprüche verwirren. Einmal standen Gäste unter der Tür. Suchten offensichtlich freie Tische. Es waren freie Pläte vorhanden. Der Kellner sprach sie an. Sie würden einen freien Tisch suchen. Er zeigte auf freie Plätze. Sie schienen unentschieden. Er sagte kurz: Also, wenn Ihr schauen wollt, dann geht am besten ins Museum.
Als ich einst einen „Äppler“ bestellte. fuhr er mich an: Wenn du Äppler willst, den gibts drüben am Kiosk. Hier gibts Apfelwein. Dazu muss man wissen, Äppler ist ein Kunstwort, das in der Marketingabteilung einer industriellen Apfelweinmosterei erfunden worden ist. Und leider immer mehr Verbreitung findet. Besonders bei Leuten, die nicht von hier sind. Uffgeplackte.
Und es fällt auf, dass in dieser Wirtschaft vorwiegend Einheimische verkehren. Südhessischer Humor ist nicht jedermanns Sache. Es wird immer lauter. Kreuz und quer wird durch das Lokal geredet und gerufen.
Mir fällt eine Szene ein, die ich vor Jahren hier erlebte und die mir die Atmosphäre in dieser Wirtschaft so kostbar macht.
Zwei Jungkarrieristen mit engen blauen Anzugshosen und langen brauen Spitzschuhen betreten das Lokal. (Braun und blau kleidet die Sau – auch das war so eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter). Die beiden Typen schauen sich um. Nehmen schliesslich Platz neben einem Mann mit gelber Armbinde. Der trinkt seinen Schoppen. Sein Hund liegt ruhig zu seinen Füssen. Die beiden fühlen unsicher in dieser realen Umgebung. Rundum Gebabbel und Gelächter.
Schliesslich meint einer der beiden den Blinden ansprechen zu müssen und schnörkelt los: Ein schönes Tier haben Sie da. Das hat doch sicher eine gute Ausbildung.
Freilich, entgegnet der Angesprochene, der ist gelernter Industriekaufmann.

Bei dem Alter des Wirtes stellt sich immer häufiger die bange Frage, wielange es dieses Lokal noch geben wird. Wie das weitere Schicksal solcher Lokalitäten aussieht, ist sattsam bekannt. Wir wissen, dass nichts bleibt und bedauern es oft.

Wir verlassen nach den mächtigen Rippchen mit Kraut und etlichen Schoppen mit den beiden Frauen das Lokal und fahren nach Bornheim. Wir verabschieden uns voneinander, denn unser Weg führt zu einem letzten Schoppen in eine andere (vormals )legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe. Auch dort ergab sich rasch ein Gespräch. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Nichts bleibt? Doch. Die Menschlichkeit und der Humor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

 

 

Reduktionsmeldungen

Viel gearbeitet in den letzten Wochen. Zeitweise wenig Musik gehört. Neu im Musikalarchiv: Kultur Shock – IX (2014)…

Die blutroten Kelche der stets üppig blühenden Kamelie sind eine Wucht. Der Jasmin neben der Haustür verströmt seinen unverschämten Duft. Nur der mächtige Schachtelhalm macht mir Sorgen. Er ist zwar gut durch den Winter gekommen, aber nun werden die Spitzen braun. Verschiedene Ursachen werden geprüft. Inzwischen habe ich die bräunlich weissen Enden sorgfältig zurückgeschnitten. Die Sommerküche ist bereit. Das Leben verlagert sich zusehends ins Freie.

Ungewollt höre ich ein Gespräch zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Mathematikprofessor. Studenten hatten sich über die hohe Durchfallquote der letzten Klausur beschwert. Er wurde dazu befragt. Der Mathematiker erklärte seinem Chef, dass das Niveau von Semester zu Semester immer weiter absinken würde. Eine Klausur, die er vor zehn Jahren noch mit hoher Bestehensquote schreiben liess, hätte heute eine Durchfallquote von etwa 80%.
Und ich habe jetzt zum zweitenmal seine Einführungsansprache gehört. Er flehte die Studenten fast schon an, in seinen Übungen zu erscheinen. Auch zuhause verschiedene Aufgaben zu üben. Einem Studenten entfährt das Wort Spass.Wie oft habe ich selbst von Eltern hören müssen, dass Lernen bitteschön Spass machen solle. Mir ist kein Mitschüler begegnet, der aus Spass französische Vokabeln gepault hätte. So geht’s weiter bergab. Langsam vielleicht, aber stetig. Das Schulsystem der ehemaligen Deutschen Republik hatte da eindeutige Vorteile. Da kam es nachprüfbar mehr auf Leistung an als bei den Klassenfeinden der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft.

Überhaupt habe ich öfter den Eindruck, dass manches auf dem Kopf steht.
Häuser sollen mit Styropormänteln verkleidet werden. Wegen der Energieeinsparung. Inzwischen kann sich jeder informieren, dass die entsprechende Investition sich erst nach ungefähr dreissig Jahren amortisiert. Die Häuser brauchen wegen der Abdichtung zusätzliche Belüftungen. Das treibt die Heizkosten jedoch in die Höhe. Auf dreissig Jahre umgerechnet . . . Ich frage mich, ob die Beteiligten noch ganz dicht sind. Bestraft werden jedenfalls die Vernünftigen. Die machen ihr Haus dort dicht, wo die meiste Energie verloren geht wird. Bei Türen, Fenstern und dem Dach. Zur Strafe kriegen sie keinen Energieausweis und können gegebenenfalls ihr Haus nur schlechter verkaufen.

Beispiele für diesen Wahnsinn nehmen rasant zu. Assistenzsysteme im Kraftfahrzeug. Sie sollen den Lenkern viele Dinge abnehmen. Klingt gut. Vor allem sehe ich im alltäglichen Strassenverkehr jedoch, dass andere Verkehrsteilnehmer ständig den Knecht für diese Systeme machen. Programmieren, individualisieren und kontrollieren. Wollen oder müssen – auf jeden Fall ist es eine Ablenkung und stellt eine Gefahrenquelle im Strassenverkehr dar.
Von den elektronischen Handfesseln und ihren immer neuen, und meist überflüssigen, Spielereien ganz zu schweigen. Spielladen. So heisst doch die Abholstation für die meist sinnlosen Kaufanreize. Unglaublich, mit welch hanebüchenen Rechtfertigungen manche Menschen anschliessend ihre Käufe begründen wollen.

Dabei bietet das Leben mit zunehmender Reduktion immer mehr Freiräume. Der bedeutsamste ist der Zeitgewinn. Zeit sei Geld hört man immer wieder. Dabei wird eher andersrum ein lebenstauglicher Schuh draus. Zeit ist die Abwesenheit von Geld. Und Zeit meint immer auch Lebenszeit. Das ist weder ein Aufruf zu Askese oder gar Armut. Besinnung ist der treffende Begriff.
Dass Autonomie und herzenswarme Lebensfreude ebenfalls enorm anwachsen können, habe ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können.

Vor über zwei Jahren begann das waghalsige Experiment. Das Ladenlokal mit dem kleinen angrenzenden Areal sollte als Arbeitsstätte und Wohnung gleichermassen dienen. Reduktion als alltägliches Erlebnis. Was anfangs wie ein Traumgespinst klang, funktionierte am Ende tatsächlich. Aus dem Verkaufsraum wurde je nach Bedarf und Tageszeit die Küche und der Lebensraum. Zu allen Jahreszeiten.
Ohne die üblichen Einrichtungen, die angeblich für ein behagliches Leben unverzichtbar sein sollen. Heizkörper und fliessend kaltes Wasser aus zwei Hähnen standen zur Verfügung. Dem Wasserkocher, der sich am Ende aufgelöst hat, danke ich dafür, dass er bis zum Ende durchgehalten hat. Zugegeben, eine Waschmaschine diente an einem anderen Ort der Bequemlichkeit. Und im Keller summte ein geschenkter Minikühlschrank.
Dieses manchmal abenteuerlich anmutende Projekt ist beendet worden. Die einfache Kochstelle mit der Gasflasche und einigen Gerätschaften bilden jetzt die  hiesige Sommerküche. Fliessend warmes Wasser erscheint mir inzwischen als Luxus. Und die Dusche grenzt bereits an Überfluss. Jetzt gilt es, die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und zu erweitern.

Am vergangenen Sonntag war ich seit Jahrzehnten wieder einmal in der hiesigen Eisdiele. Die alte Musikbox war nicht mehr da. Da haben wir gesessen nachmittagelang. Mit zu wenig Geld in der Tasche und viel zu viel Zukunft im Kopf. So nuckelten wir schier ewig an unseren Milchmixen, bis wir irgendwann zum Gehen aufgefordert worden sind. Mit einigen früheren Klassenkameraden war ich letzte Woche wieder einmal an jenem Erinnerungsort meiner Jugend.
Die Bestellung: „Einen Milchmix Nuss, bitte“, verstand die junge Bedienung nicht. Kein Wunder, heute muss man Milkshake sagen, wenn man verstanden werden will. Und Schmirgelpapier in der Nase haben, wenn einem vom aufdringlichen Parfum der jungen Frau nicht gleich schlecht werden soll. Ausserdem hatte sie die zur Zeit modischen, jede Körperfalte abzeichnenden Gummihosen an statt eines weissen Schürzchens und des unverzichtbaren weissen Kränzchens im Haar.
Nie wieder in eine Eisdiele oder eine Milchbar – alles im Leben hat seine Zeit. Überhaupt die Veränderungen allerorten.

Die Zauberflöte in der Semperoper war ein ganz besonderes Erlebnis. Sowohl das Gebäude wie auch die Aufführung. Klasse fand ich, dass am linken oberen Bühnenrand die Texte eingeblendet wurden. Was mich vom Besuch von Opern meist abhält, ist, dass ich häufig kein Wort der Gesänge verstehe.
In diesem Fall waren die eingeblendeten Texte geradezu verführerisch. Und so sang ich manche Arie schön leise mit. Ich bin mir schliesslich bewusst, dass das Publikum nicht wegen mir in diese Vorstellung gekommen ist. Dennoch murmelte ich offensichtlich nicht leise genug. Der Chinese neben mir zischte mich mit feindseligem Blick an: Mister, don´t sing please!
Ich verstummte augenblicklich. Und stellte mir vor, was der überaus humorvolle Herr Mozart an meiner Stelle dem humorlosen Mann mit der wichtigen Umhängetasche wohl entgegnet haben mochte.

Nichts bleibt wie es war. Aber auch nichts wird wirklich vergessen. Vor zwei Wochen war ich weiter nördlich unterwegs. Wollte bei dieser Gelegenheit auch im famosen Hinterhof vorbeischauen. Dort fand im vergangenen Jahr ein rauschendes Jubiläumsfest statt. Die Gittertür war an diesem Samstag verschlossen. Im verlassenen Hof standen einige Mülltonnen verloren herum. Die Schaufenster waren verwaist.
Frau Knobloch bitte melden Sie sich !

Einige andere erstaunliche Begebenheiten wären erzählenswert. Aber das Wetter ist verlockend schön. Der Garten einladend. Und ein kühler Apfelwein im Gerippten lässt mich nicht länger zögern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Frühlingstage

 

(Der zahnlose Löwe mit dem Löwenzahn)