Reflektionen im Morgengrauen

Wenig Musik gehört in den letzten Wochen. Dafür viel gelesen.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Van Bo Le-Mentzel – Der kleine Professor.
Und zur Zeit: Erwin Strittmatter – Der Laden.
Klingende Töne zum Frühstück: Dead Can Dance – Dionysus (2018)…

Leere Läden in der Innenstadt. Ein Vorurteil. Es gibt in fast jeder Strasse ein Nagelmalerstudio, einen Tätowierladen oder eine Piercingwerkstatt als letzte Instanzen, wo für das breite Publikum noch eine echte Kommunkation stattfindet. Oder man hält sich einen Hund.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Gebrauchshunde. Jagdhunde, Wachhunde. Folglich stehen sie mir noch immer näher als Katzen. Die Sympathie bekommt jedoch zusehends Risse. An den Hunden liegt das meist nicht. Zumindest so lange sie an der kurzen Leine geführt werden.
Es sind Leinenhalter, die sich Hunde anschaffen. Als lebendige Spielzeuge, Partner- oder Kinderersatz. Und natürlich auch als Einsamkeitsvertreiber. Irgendeine Ansprache auf der emotionalen Ebene braucht schliesslich jeder Mensch. Und so hört sich das dann gelegentlich an.
Kannst du das nicht mal lassen? Wie oft muss ich dir das denn noch sagen? Jetzt merk´ dir das doch endlich mal!
Im urbanen Raum werden immer mehr Flächen verdichtet. Grünflächen für Hundescheisse und -pisse werden rar. Einziger Vorteil, Hundebesitzer haben durch ihren vierbeinigen Besitz sogleich ein Gesprächsthema. In manchen Städten werden mittlerweile Hochbeete für Blumen oder kleine Bäume angelegt. Ein wichtiger Grund dafür liegt auf der Hand. Was den unsozialen Hundebesitzer natürlich nicht abhält. Er nimmt seine Fusshupe oder die frisch gestriegelte Flohschleuder in die Hand und setzt das Tier zum Kacken hoch ins Beet. Da machens die grossen Tölen ihren Besitzern leichter. Die hüpfen alleine hoch. Es ist widerlich, wie einige öffentliche Anlagen inzwischen aussehen.

An der Strassenseite des Ärmelhauses zieht sich ein flachwüchsiger Efeu am Sockel entlang. Seit Jahren trotzt er tapfer der täglich auf ihn hinrieselnden Hundepisse und den stinkenden Tretminen der Köter.
Wir könnten die freien Stellen unten am Sockel mit grossen Kieselsteinen belegen und dazwischen Steinbrech und andere unempfindliche Pflanzen anwachsen lassen.
Und die Hundebesitzer, frage ich stirnrunzelnd.
Wir könnens ja mal versuchen.
Das Ergebnis sieht gut aus. Inzwischen haben einige Wurzeln den Weg zwischen den Fugen der Verbundsteine hinunter ins Erdreich gefunden. Dadurch fühlen sich manche Zeitgenossen offensichtlich aufgefordert die grossen Kieselsteine als Steine zum Anstossen zu nehmen. Also werde ich in den kommenden Tagen die Steine in ein Zementbett legen müssen. Wer blaue Zehen begehrt, dem soll dieser Wunsch erfüllt werden.

Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Der Nachbar arbeitet zielstrebig an seiner Karriere als Deppchef. Er wohnt einige Häuser weiter auf der gegenüber liegenden Strassenseite. Und hat einen Hund. Er kommt die Strasse runter mit seinem Tier an der Leine. Bleibt genau gegenüber stehen. Der Hund muss sitzen machen. Das dauert. Ich vermute, der Hund will einfach weiterlaufen. Wie mit den anderen Familienmitgliedern auch. Hunde sind Gewohnheitstiere. (Welcher Bremer Stadtmusikant gibt den Rhythmus mit der Pauke vor?). Endlich sitzt das Tier befehlsmässig. Es erhält seine Kaubelohnung. Der Nachbar quert die Strasse mit seinem Hund. Und führt ihn zum Pissen zielstrebig an den Efeu. Ich bin ein untypischer deutscher Nachbar. Streit übers Hoftor liegt mir nicht.
Ich beobachte lieber und lerne dazu. Erfahrungen sind fruchtbarer als Streiterien.
Zufällig sehe ich den Deppchef, als er just die Strasse überquert. Schlagartig kratzt er die Kurve, als er mich wahrnimmt. Das Ärmelhaus ist ein Eckhaus und so biegt er mit seinem Tier in die andere Strasse. Letzthin öffnete ich frühmorgens die Jalousie. Er schien mich nicht zu bemerken. Sportlich reisse ich das Fenster auf. Der Deppchef reisst nicht minder sportlich an der Leine und kläfft seinen Hund an.
Musst du immer dahin laufen. Das ist doch alles schön gemacht. Kommst du jetzt wohl.
Vorige Woche standen wir uns Auge in Auge gegenüber und er sagt lobend:
Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Ebendrum, weil es keine Pinkelecke ist.
Aber der Efeu. Irgendwas hat der, dass der Hund da immer hin will.
Ja klar, weil jeder seinen Hund in den Efeu pinkeln lässt. Ist doch wie Zeitunglesen für Hunde.
Aber ihr habts schön gemacht. Sieht richtig klasse aus.
Genau, deshalb hoffen wir auch, dass die Pinkelei aufhört, weil es so ansehnlich ist.
Ach so. Es gibt Gesichtsausdrücke, die kann man nicht beschreiben…

In der Einführungsvorlesung stellt der Professor für Gestaltung digitaler Medien den Studenten eine Frage.
Welche elektronischen Aparaturen nutzen für Ihr Studium?
Ein einziger Studi verwendet zuhause noch einen Computer. Etwa ein Drittel der Studierenden nutzt Notebooks oder Tablets. Der grosse Rest benutzt hauptsächlich die elektronische Handfessel. Und die ersten schielen bereits nach dem Armband zur Sebst- und/oder Fremdüberwachung. Mit dem man der Welt zeigen und mit-teilen kann, was wirklich zählt im Leben, zum Beispiel wieviele Schritte noch fehlen zur Erreichung des individuellen Tagespensums.
Bei den Studierenden ist diese frappierende Naivität auffallend. Es gibt kaum einmal eine kritische Nachfrage zu den Vorlesungen der Dozenten. Zukünftige akademische Hilfsarbeiter, die immer unnötigere neue Apps erfinden. Mit denen sollen die Internetnutzer vom Wesentlichen abgelenkt werden. Das Rotkäppchensyndrom. Konsumartikelhersteller und Dienstleistungsanbieter als reissende Wölfe. Und hier werden ihre willfährigen Knechte herangezogen. Deren Grosseltern waren noch Handwerker, Bauern oder Büroangestellte. Haben Dinge hergestellt oder bearbeitet, die für die meisten Menschen weitgehend nutzbringend gewesen sind.

Früher habe ich mir vor Wahlen manchmal die Reden von Politikern vor Ort angehört. Es waren nicht viele Reden und es ist lange her. Zu viel fette Sahne statt handfestem Eintopf mit deftigem Schwarzbrot.
Eher zufällig wurde ich vor zwei Jahren Zeuge eines Auftritts des Spitzenkandidaten der Demokratischen Union Deutschlands. Fünfzig, seine floskelnden Schlagworte beklatschende Nichtdenker zollten Beifall für Luftballons und Kugelschreiber. Der Wahlkrampfmanager hatte den Tourbus der Wasserträger mit Parolen verzieren lassen. Ausgerechnet genau zwischen den Rücklichtern prangte die nichterfüllende Prophezeiung: „NRW – nie wieder Schlusslicht“. Obs daran lag, jedenfalls hat seine Partei die bis dahin regierende vormals sozial Demokratische Partei ab. Schlusslicht ist das Bundesland auch nach dem Regierungsparteienwechsel geblieben.

Die für meine diesjährige Wahl zum europäischen Parlament entscheidende Wahlkampfrede habe ich, wie mir scheint,  bereits mehrmals gehört und in meinem Herzen wohl bewegt. Die Namen und einige Phänomene mögen sich geändert haben, die grundlegenden Probleme sind geblieben. Und neue sind hinzugekommen. Das Gift der politischen Korrektheit wird allerorten versprüht.

Man könnte fast verzweifeln angesichts dieser einst schleichenden und jetzt masslos beschleunigten  Veränderungen. Gäbe es da nicht die verbliebenen Inseln der Menschlichkeit.
In dieser Woche waren wir in einer der letzten echten Frankfurter Apfelweinwirtschaft. Wir betraten das Lokal gegen achtzehn Uhr. Sechs Tische. Fünf lange Tische mit Bänken auf beiden Seiten. Auf dem runden Tisch verweist ein Schild auf den Stammtisch. Auf drei anderen Tischen stehen Klappschilder mit der Aufschrift reserviert. Wir setzen uns zu den alten Männern.
Der Abend war so grandios, dass wir danach Gästerezensionen im Internet suchten. Von stürmischer Begeisterung bis hin zu eindringlichen Warnungen waren die Bewertungen. Allein diese Bandbreite ist mir ein positives Qualitätsmerkmal. Wo alle begeistert sind, kann etwas nicht stimmen. Wo mehrheitlich gewarnt wird, werde ich jedoch vorsichtig.
Da wird vor dem maulfaulen Wirt gewarnt. Der Mann ist sechsundachtzig und arbeitet seit fast siebzig Jahren hinter der Theke. Bei einem meiner ersten Besuche sprach er uns an und fragte, woher wir kämen. Es entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf er uns viel von sich und seiner Wirtschaft erzählte.
Von bösartigen alten Männern und deren Sprüchen kann man in den anonymen Kritiken lesen. In der Tat erinnern manche an Waldorf und Statler aus der Sesamstrasse. Neben uns die beiden haben diese Lachfältchen, die Gutes verheissen. Eine aufgemöbelte Blondine betritt den Schankraum.
Der Alte neben uns bemerkt grinsend: Siebzehn Jahr´ blondes Haar.
Eher zweimal siebzehn wenn nicht dreimal, entgegne ich. Wir lachen herhaft. Immer mehr Gäste kommen herein. Nach und nach werden die Reserviertschilder von den Tischen genommen. Es ist auffällig, dass keine Handtelefone auf den Tischen liegen. Das liegt nicht nur am Durchschnittsalter der Gäste. Hier sitzt man zusammen an langen Tischen und spricht miteinander. Es wird lauter. Die Beiz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirt nimmt immer wieder den Zehn-Liter-Bembel aus dem Schwingestell auf der Theke und füllt ihn erneut. Bier steht hier nicht auf der Getränkekarte.
Neben uns sitzt jetzt ein anderer älterer Herr. Er kommt aus dem bayrischen. Hat früher lange in Frankfurt gearbeitet. Als Steinmetz hat er ein bekanntes Kunstwerk an markanter Stelle geschaffen. Seit einigen Jahren ist er Witwer. Kommt immer wieder hierher. Kann von der Stadt und dieser Wirtschaft nicht lassen.
Uns gegenüber nehmen zwei Frauen Platz. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Leben seit vielen Jahren in einer Fernbeziehung. Die Gespräche werden persönlicher. Wie gesagt, hier liegen keine Handfesseln auf den Tischen. Und spätestens sollte erkennbar sein, warum anfangs die Reserviertschilder auf den Tischen stehen.
Besonders kritischer Bewertungen erfreut sich der Kellner. Kein Mann für Gelaber. Ist dein Glas leer, tauscht er es gegen ein volles Glas aus. Unaufgefordert. Wer nichts mehr mag, legt seinen Deckel aufs Glas. Hin und wieder können seine Sprüche verwirren. Einmal standen Gäste unter der Tür. Suchten offensichtlich freie Tische. Es waren freie Pläte vorhanden. Der Kellner sprach sie an. Sie würden einen freien Tisch suchen. Er zeigte auf freie Plätze. Sie schienen unentschieden. Er sagte kurz: Also, wenn Ihr schauen wollt, dann geht am besten ins Museum.
Als ich einst einen „Äppler“ bestellte. fuhr er mich an: Wenn du Äppler willst, den gibts drüben am Kiosk. Hier gibts Apfelwein. Dazu muss man wissen, Äppler ist ein Kunstwort, das in der Marketingabteilung einer industriellen Apfelweinmosterei erfunden worden ist. Und leider immer mehr Verbreitung findet. Besonders bei Leuten, die nicht von hier sind. Uffgeplackte.
Und es fällt auf, dass in dieser Wirtschaft vorwiegend Einheimische verkehren. Südhessischer Humor ist nicht jedermanns Sache. Es wird immer lauter. Kreuz und quer wird durch das Lokal geredet und gerufen.
Mir fällt eine Szene ein, die ich vor Jahren hier erlebte und die mir die Atmosphäre in dieser Wirtschaft so kostbar macht.
Zwei Jungkarrieristen mit engen blauen Anzugshosen und langen brauen Spitzschuhen betreten das Lokal. (Braun und blau kleidet die Sau – auch das war so eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter). Die beiden Typen schauen sich um. Nehmen schliesslich Platz neben einem Mann mit gelber Armbinde. Der trinkt seinen Schoppen. Sein Hund liegt ruhig zu seinen Füssen. Die beiden fühlen unsicher in dieser realen Umgebung. Rundum Gebabbel und Gelächter.
Schliesslich meint einer der beiden den Blinden ansprechen zu müssen und schnörkelt los: Ein schönes Tier haben Sie da. Das hat doch sicher eine gute Ausbildung.
Freilich, entgegnet der Angesprochene, der ist gelernter Industriekaufmann.

Bei dem Alter des Wirtes stellt sich immer häufiger die bange Frage, wielange es dieses Lokal noch geben wird. Wie das weitere Schicksal solcher Lokalitäten aussieht, ist sattsam bekannt. Wir wissen, dass nichts bleibt und bedauern es oft.

Wir verlassen nach den mächtigen Rippchen mit Kraut und etlichen Schoppen mit den beiden Frauen das Lokal und fahren nach Bornheim. Wir verabschieden uns voneinander, denn unser Weg führt zu einem letzten Schoppen in eine andere (vormals )legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe. Auch dort ergab sich rasch ein Gespräch. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Nichts bleibt? Doch. Die Menschlichkeit und der Humor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

 

 

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Reduktionsmeldungen

Viel gearbeitet in den letzten Wochen. Zeitweise wenig Musik gehört. Neu im Musikalarchiv: Kultur Shock – IX (2014)…

Die blutroten Kelche der stets üppig blühenden Kamelie sind eine Wucht. Der Jasmin neben der Haustür verströmt seinen unverschämten Duft. Nur der mächtige Schachtelhalm macht mir Sorgen. Er ist zwar gut durch den Winter gekommen, aber nun werden die Spitzen braun. Verschiedene Ursachen werden geprüft. Inzwischen habe ich die bräunlich weissen Enden sorgfältig zurückgeschnitten. Die Sommerküche ist bereit. Das Leben verlagert sich zusehends ins Freie.

Ungewollt höre ich ein Gespräch zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Mathematikprofessor. Studenten hatten sich über die hohe Durchfallquote der letzten Klausur beschwert. Er wurde dazu befragt. Der Mathematiker erklärte seinem Chef, dass das Niveau von Semester zu Semester immer weiter absinken würde. Eine Klausur, die er vor zehn Jahren noch mit hoher Bestehensquote schreiben liess, hätte heute eine Durchfallquote von etwa 80%.
Und ich habe jetzt zum zweitenmal seine Einführungsansprache gehört. Er flehte die Studenten fast schon an, in seinen Übungen zu erscheinen. Auch zuhause verschiedene Aufgaben zu üben. Einem Studenten entfährt das Wort Spass.Wie oft habe ich selbst von Eltern hören müssen, dass Lernen bitteschön Spass machen solle. Mir ist kein Mitschüler begegnet, der aus Spass französische Vokabeln gepault hätte. So geht’s weiter bergab. Langsam vielleicht, aber stetig. Das Schulsystem der ehemaligen Deutschen Republik hatte da eindeutige Vorteile. Da kam es nachprüfbar mehr auf Leistung an als bei den Klassenfeinden der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft.

Überhaupt habe ich öfter den Eindruck, dass manches auf dem Kopf steht.
Häuser sollen mit Styropormänteln verkleidet werden. Wegen der Energieeinsparung. Inzwischen kann sich jeder informieren, dass die entsprechende Investition sich erst nach ungefähr dreissig Jahren amortisiert. Die Häuser brauchen wegen der Abdichtung zusätzliche Belüftungen. Das treibt die Heizkosten jedoch in die Höhe. Auf dreissig Jahre umgerechnet . . . Ich frage mich, ob die Beteiligten noch ganz dicht sind. Bestraft werden jedenfalls die Vernünftigen. Die machen ihr Haus dort dicht, wo die meiste Energie verloren geht wird. Bei Türen, Fenstern und dem Dach. Zur Strafe kriegen sie keinen Energieausweis und können gegebenenfalls ihr Haus nur schlechter verkaufen.

Beispiele für diesen Wahnsinn nehmen rasant zu. Assistenzsysteme im Kraftfahrzeug. Sie sollen den Lenkern viele Dinge abnehmen. Klingt gut. Vor allem sehe ich im alltäglichen Strassenverkehr jedoch, dass andere Verkehrsteilnehmer ständig den Knecht für diese Systeme machen. Programmieren, individualisieren und kontrollieren. Wollen oder müssen – auf jeden Fall ist es eine Ablenkung und stellt eine Gefahrenquelle im Strassenverkehr dar.
Von den elektronischen Handfesseln und ihren immer neuen, und meist überflüssigen, Spielereien ganz zu schweigen. Spielladen. So heisst doch die Abholstation für die meist sinnlosen Kaufanreize. Unglaublich, mit welch hanebüchenen Rechtfertigungen manche Menschen anschliessend ihre Käufe begründen wollen.

Dabei bietet das Leben mit zunehmender Reduktion immer mehr Freiräume. Der bedeutsamste ist der Zeitgewinn. Zeit sei Geld hört man immer wieder. Dabei wird eher andersrum ein lebenstauglicher Schuh draus. Zeit ist die Abwesenheit von Geld. Und Zeit meint immer auch Lebenszeit. Das ist weder ein Aufruf zu Askese oder gar Armut. Besinnung ist der treffende Begriff.
Dass Autonomie und herzenswarme Lebensfreude ebenfalls enorm anwachsen können, habe ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können.

Vor über zwei Jahren begann das waghalsige Experiment. Das Ladenlokal mit dem kleinen angrenzenden Areal sollte als Arbeitsstätte und Wohnung gleichermassen dienen. Reduktion als alltägliches Erlebnis. Was anfangs wie ein Traumgespinst klang, funktionierte am Ende tatsächlich. Aus dem Verkaufsraum wurde je nach Bedarf und Tageszeit die Küche und der Lebensraum. Zu allen Jahreszeiten.
Ohne die üblichen Einrichtungen, die angeblich für ein behagliches Leben unverzichtbar sein sollen. Heizkörper und fliessend kaltes Wasser aus zwei Hähnen standen zur Verfügung. Dem Wasserkocher, der sich am Ende aufgelöst hat, danke ich dafür, dass er bis zum Ende durchgehalten hat. Zugegeben, eine Waschmaschine diente an einem anderen Ort der Bequemlichkeit. Und im Keller summte ein geschenkter Minikühlschrank.
Dieses manchmal abenteuerlich anmutende Projekt ist beendet worden. Die einfache Kochstelle mit der Gasflasche und einigen Gerätschaften bilden jetzt die  hiesige Sommerküche. Fliessend warmes Wasser erscheint mir inzwischen als Luxus. Und die Dusche grenzt bereits an Überfluss. Jetzt gilt es, die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und zu erweitern.

Am vergangenen Sonntag war ich seit Jahrzehnten wieder einmal in der hiesigen Eisdiele. Die alte Musikbox war nicht mehr da. Da haben wir gesessen nachmittagelang. Mit zu wenig Geld in der Tasche und viel zu viel Zukunft im Kopf. So nuckelten wir schier ewig an unseren Milchmixen, bis wir irgendwann zum Gehen aufgefordert worden sind. Mit einigen früheren Klassenkameraden war ich letzte Woche wieder einmal an jenem Erinnerungsort meiner Jugend.
Die Bestellung: „Einen Milchmix Nuss, bitte“, verstand die junge Bedienung nicht. Kein Wunder, heute muss man Milkshake sagen, wenn man verstanden werden will. Und Schmirgelpapier in der Nase haben, wenn einem vom aufdringlichen Parfum der jungen Frau nicht gleich schlecht werden soll. Ausserdem hatte sie die zur Zeit modischen, jede Körperfalte abzeichnenden Gummihosen an statt eines weissen Schürzchens und des unverzichtbaren weissen Kränzchens im Haar.
Nie wieder in eine Eisdiele oder eine Milchbar – alles im Leben hat seine Zeit. Überhaupt die Veränderungen allerorten.

Die Zauberflöte in der Semperoper war ein ganz besonderes Erlebnis. Sowohl das Gebäude wie auch die Aufführung. Klasse fand ich, dass am linken oberen Bühnenrand die Texte eingeblendet wurden. Was mich vom Besuch von Opern meist abhält, ist, dass ich häufig kein Wort der Gesänge verstehe.
In diesem Fall waren die eingeblendeten Texte geradezu verführerisch. Und so sang ich manche Arie schön leise mit. Ich bin mir schliesslich bewusst, dass das Publikum nicht wegen mir in diese Vorstellung gekommen ist. Dennoch murmelte ich offensichtlich nicht leise genug. Der Chinese neben mir zischte mich mit feindseligem Blick an: Mister, don´t sing please!
Ich verstummte augenblicklich. Und stellte mir vor, was der überaus humorvolle Herr Mozart an meiner Stelle dem humorlosen Mann mit der wichtigen Umhängetasche wohl entgegnet haben mochte.

Nichts bleibt wie es war. Aber auch nichts wird wirklich vergessen. Vor zwei Wochen war ich weiter nördlich unterwegs. Wollte bei dieser Gelegenheit auch im famosen Hinterhof vorbeischauen. Dort fand im vergangenen Jahr ein rauschendes Jubiläumsfest statt. Die Gittertür war an diesem Samstag verschlossen. Im verlassenen Hof standen einige Mülltonnen verloren herum. Die Schaufenster waren verwaist.
Frau Knobloch bitte melden Sie sich !

Einige andere erstaunliche Begebenheiten wären erzählenswert. Aber das Wetter ist verlockend schön. Der Garten einladend. Und ein kühler Apfelwein im Gerippten lässt mich nicht länger zögern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Frühlingstage

 

(Der zahnlose Löwe mit dem Löwenzahn)

 

 

Die schräge Messerschiene – Hirndesign und Menschenliebe

Die Vorgeschichte wäre einen eigenen Beitrag wert. Zu Weihnachten lag die einjährige Freundschaft zu einem Radiosender im Internet auf dem Gabentisch. Fast hundert Moderatoren. Alle mit Erfahrungen als Radiomacher, Musikjournalisten oder Musikern. Teilweise legendäre Namen. Leute, die wissen, von was sie reden. Alle Richtungen der populären Musik der letzten hundert Jahre. Und vor allem keine Werbung und nicht die Jammergesänge kindischer Jungfrauen und alleinerzogener weinerlicher Jüngelchen. Jeder kann die täglichen Sendungen hören. Nur Freunde haben allerdings Zutritt zum Archiv – byte.fm. Und das hats wahrlich in sich…

Die gepflegte Dame mittleren Alters sah sich suchend in der kleinen, sehr einfach eingerichteten Küche um.
„Und an dem Preis wollen Sie unbedingt festhalten?“
Der Grossteil des vormals teuren Geschirrs war bereits anderweitig verkauft. Die wenigen verbliebenen Stücke bot ich als sehr preisgünstiges Konvolut an. Fundstücke für Sammler oder Benutzer. Die Fabrikation des Geschirrs war vor Jahren schon eingestellt worden. Einzelne Stücke erzielen auf dem Markt mitunter anständige Preise. Da sie fast alle restlichen Teile kaufen wollte, machte ich ihr einen schönen runden Verkaufspreis. Ein gutes und schnelles Geschäft für beide Seiten.

Gleich beim ersten abschätzenden Ansehen und Betasten der Teller und Tassen erwähnte sie, dass sie im Kulturmanagement beschäftigt sei. Design läge ihr am Herzen und sei wichtig für Ihr ästhetisches Wohlbefinden. Nur seien leider die meisten Angebote preislich überhöht, wenn nicht unverschämt. Mir fiel beim Anblick ihres flachrosa Twinsets aus Angora im Design von Jil Sander der Text eines Songs von Achim Reichel ein. 

„Und nimm aus dem Schlafzimmerschrank deine Röcke und Twinsets und deine Goldjäckchen,
Nimm deine Spitzenblusen und deine Schuhe und Schühchen, mit den Pfennigsabsätzen
Und die mit den Gold und Silber Aufsätzen
Und nimm deine Büstenhalter und Slips mit
Und lass deine Nylonstrümpfe nicht liegen

wenn ich sie anfassen muss, bekomme ich ´ne Gänsehaut.“
(Achim Reichel – Am besten, Du gehst)

„Und mit dem Preis wollen Sie mir nicht noch etwas entgegenkommen?“ Als ich auf ihr Verlangen nicht weiter reagierte, sah sie sich wieder suchend um. Im Lauf der Zeit lernt man das Verhalten von Käufern kennen. Sie gehörte offensichtlich zur Kategorie Nachschlag. Wenn das Preisdrücken nicht hinhaut, soll wenigstens ein Naturalrabatt herausspringen. Im Lauf des Lebens lernt man Erwiderungsstrategien. Ihrer Sorte Käufer begegnet am besten mit der goldenen Regel erfolgreicher Schweizer Verkäufer: Schweigen. Sie betastete ein Stück hier und besah ein anderes dort. Zeitraub und zu viel Aufwand für kleines Geld.

„Es handelt sich nicht um eine Haushaltsauflösung“, merkte ich nebenbei an. Aber sie war offenbar fündig geworden.
„Was ist denn hier mit der Designerschiene?“ Aus dem Munde mancher Menschen lassen die Worte Design oder Designer Widerwillen in mir aufsteigen. Es passt nicht zusammen. Nicht zu den zu engen Ballerinas denn diese stehen im krassen Gegensatz zur Frisur. Geduld wurde zur Energieleistung.

„Von welcher Schiene sprechen Sie?“ Sie zeigte mit einer Handbewegung zwischen nonchalant und wegwerfend auf die magnetische Halterung für die Küchenmesser.
„Die gibts doch für Kleingeld beim Elchkaufhaus“. Sie lächelte süffisant. Vielleicht über meinen Wortwitz.
„Ja, das weiss ich schon. Aber dort gibts nur noch die waagrechte Ausführung.“

 

Als ich seinerzeit aus Berlin zurückkam, machte ich mich auf die Suche nach einer Arbeit. Dürre Zeiten. Ausgebrannt vom tagtäglichen stundenlangen Fotografieren und der nicht endenwollenden Arbeit in der Dunkelkammer. Ausserdem war ich ziemlich abgebrannt. Der Sommer ging zu Ende und ich brauchte ein Dach überm Kopf. Gesucht wurden allenfalls Filmverkäufer oder Passbildknipser. Keine Ducati in der Garage. Keine Freundin. Keine WG. Musikalisch reichlich desorientiert. Damals passte meine Habe in den geräumigen Kofferraum eines Mittelklassefahrzeugs. Klamotten, Schallplatten, Bücher und Bettzeug.

Eines Abends wich die Ratlosigkeit neuen Aussichten in meiner alten WG. Natürlich hatte jeder eine Idee parat. Und jeder meinte die für mich beste auf Lager zu haben. Der folgende und alle sich anschliessenden Dialoge wurden im Dialekt gesprochen. Schliesslich waren wir alle Dorfbuben aus dem alten Ortskern.

„Du kannst meinen alten Kadett haben. Schenk ich dir. Hat noch TÜV bis Februar.“ Für eine Überraschung war Horst immer gut. Wir lachten lauthals von tief unterm Herzen heraus. Und von ihm stammten Ausdrücke, die ich noch heute gerne verwende. Lutscher oder Fratzemacher zum Beispiel. Im Dialekt gebraucht für einen Schwätzer und einen aufgeblasenen Angeber.

„Geschenkt? Und was soll die Wohltat unterm Strich kosten?“
„Nix. Musst halt wegen der Beifahrertür ein bisschen aufpassen.“

Einige Bierchen später war auch das Wohnungsproblem geklärt. Wobei Wohnung nun wirklich übertrieben ist. Horst stammte von einem Bauernhof. Ich hatte das Gehöft im Vorbeifahren schon einige Male gesehen. In den 1970er Jahren gab es in der ganzen Gegend zahlreiche, etwas heruntergekommene bäuerliche Anwesen. Der letzte Schritt hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Nach der Flurbereinigung wurden viele landwirtschaftliche Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquelle bewirtschaftet. Eine oder zwei Kühe zum Milchverkauf, Hühnerhaltung oder Spargelanbau erbrachten den monatlichen Grundbedarf. Die Bauern arbeiteten derweil als LKWfahrer oder Lagerarbeiter in den Firmen der näheren Umgebung. Wenige Landwirte, risikobereit oder bauernschlau sei dahingestellt, zogen als Aussiedler vor die Ortschaften und kauften oder pachteten Land von den Kleinbauern.
Manche Kleinbetriebe öffneten ihre Hoftore in den 1980er Jahren wieder. Die grüne Bewegung der Bildungsbürger sorgte für neue Einkommensmöglichkeiten. Im Morgengrauen kauften die vormaligen Bauern landwirtschaftliche Produkte auf dem nahen Grossmarkt. Beim Bauern, der längst Händler geworden war, einkaufen fürs umweltbewusste Gewissen und im Glauben an die eigene Unsterblichkeit.

„Musst halt mit meinem Vater klarkommen“, meinte Horst, „dann kannst du die frühere Knechtkammer überm ehemaligen Stall haben. Da steht vielleicht sogar noch ein Ofen drin.“ Was für ein Angebot. Ich brachte meine Habseligkeiten die schmale Treppe hoch in den kleinen Raum.
Die Anlage zur Beschallung war rasch aufgebaut. Eine Matratze. Ein Kasten Apfelwein. Und schon sassen die ersten Compañeros in der Kammer. Horsts Vater begegnete ich nicht. Im hinteren Teil sah das Anwesen etwas verwildert aus. Der Misthaufen schien seit Jahrzehnten zu liegen. Hin und wieder lief ein Huhn über das Pflaster des Hofes. Vielleicht auch zwei.

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich schaute frühmorgens aus dem kleinen Fenster hinunter in den Hof. Ein altes Herrenrad lehnte da an der Mauer. Was mochte die zweite Stange unter dem Oberrohr bedeuten? Ich ging runter in den Hof. Ich musste für meine Morgentoilette sowieso zur Pumpe. Zwei kleine Kordeln hielten den Stiel einer Harke unterm Oberrohr. Es wird eine Erklärung dafür geben, dachte ich mir. Und ging zur Pumpe für eine erfrischende Waschung. Im Tran hatte ich mein Handtuch oben vergessen. Und so stand ich da vornüber gebeugt. Aus meinen damals langen Haaren liess ich das Wasser ablaufen. Durch diesen haarigen Vorhang vor meinen Augen sah ich auf zwei Beine. Ich wrang die Haare aus. Der ältere Mann neben mir hatte zwei Eier in der Hand.

„Guude. Bist Du dem Ärmel sein Bub? Der Horst hat mir da was gesagt.“
„Guten Morgen. Ja, das stimmt. Ich habe mir oben das Zimmer eingerichtet. Übergangsweise.“
„Zimmer. Dass ich nicht lache. Eine Knechtkammer iss das. Du kommst nachher mal zu mir in die Küche zum reden.“
„Klar. Ich brauche etwa zehn Minuten.“
„Von zehn Minuten habe ich nichts gesagt. Ich habe gesagt : nachher.“
„Also gut, nachher.“

Das alte Fachwerkhaus hatte schon den dreissigjährigen Krieg und manche spätere Katastrophe erlebt. War niemals niedergebrannt. Kleine Fenster und niedrige Decken. In der Küche war es finster. Meine Tritte wurden durch einen nicht näher erkennbaren Teppich gedämpft. Eine karge Einrichtung. Der alte Eisenofen mit dem mächtigen Ofenrohr und dem seitlichen Wasserschiff. Auf dem Tisch lag allerlei herum.

„Kannst Dich da hinsetzen.“ Ich rückte den Stuhl vor den freien Platz auf der Tischplatte. Horsts Vater nahm mir gegenüber Platz. Mit dem Unterarm fegte er den Platz vor sich frei. Meine Augen hatten sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Ich sah, dass er die Schalen von der Tischplatte auf den Boden gewischt hatte. Der Boden am Tisch war übersät von Schalen.
Zu meinem Erstaunen fiel mir auf, dass ein angenehmer Geruch die Küche durchzog.

„Ich muss jeden Morgen die Eier von den beiden Hühnern suchen. Die streunen im Hof und legen, wo es ihnen gefällt. Zum pissen kannst Du auf den Mist gehen. Dort legen sie nicht.“ Bei diesen Worten schenkte er mir eine trübe Flüssigkeit ins Glas.
„Apfelwein. Selbst gekeltert. Ich putze sogar meine Zähne damit.“
„Ich habe noch nicht gefrühstückt. Später vielleicht.“
„Ach was, red´ keinen Unsinn. Hier…,“ und damit liess er den Deckel von dem grossen Topf auf diese gusseiserne Herdplatte scheppern. Er griff in den Topf und reichte mir eine sauber geschälte goldgelbe Kartoffel.
„Ich leb´ von Kartoffeln und Äpfeln. Und ich trink´ Apfelwein. Mich bringt nix um.“
„Leider.“
Dieses nachgeschobene Leider verwirrte mich. Ich griff die Kartoffel und biss hinein. Spülte mit dem Selbstgekelterten nach. Es war eine unwirkliche Situation. Sowas kommt doch bloss in Romanen vor.
Die lauwarme Kartoffel schmeckte prima. Der Apfelwein hätte etwas kühler sein dürfen. Aber einen Kühlschrank habe ich in der Küche nicht gesehen.
Ich habe den alten Bauern nach diesem morgendlichen Gespräch nicht wieder gesprochen. Ich sah ihn manchmal, wie er den Hof mit seinem Rad und der angebundenen Harke verliess. Oder wie er es gegen Abend an die Wand lehnte und den alten, offenschtlich schweren Jägerrucksack vom Gepäckträger nahm.

„Und, klappts mit Euch beiden“, fragte Horst Monate später.
„Kann nicht klagen“, erwiderte ich, „ganz am Anfang hatte er mich mal in die Küche bestellt und mir einige Fragen gestellt. Aber sonst begegnen wir uns nicht.“
„Der macht seine Sache. Will seine Ruhe haben und lässt andere in Ruhe.“
„Sag´ mal, Dein Vater schwingt sich morgens aufs Rad und kommt nachmittags mit seinem Rucksack wieder heim. Was macht er denn den ganzen Tag über?“
„Och, der radelt rum und kümmert sich um sein Essen. Je nach Jahreszeit.“

Ich wollte mehr wissen, aber Horst wurde maulfaul. Er wurde geradezu einsilbig. So kannte ich ihn bis dahin nicht. Einige Tage später, ich machte gerade das Hoftor hinter mit zu, sprach mich ein Nachbar an.
„Du bist doch dem Ärmel aus L*** sein Sohn?“ Ich bejahte.
„Wohnst Du etwa hier beim Horst seinem Vater?“ Ich bejahte.

Der Nachbar wurde redselig. Er kannte meinen Vater vom Fussballspielen. Sofort spulte er einige abgestandene Schwänke aus deren gemeinsamen alten Zeiten ab. Mit manchen Menschen ist es wie mit Motoren. Man muss sie warmlaufen lassen, dann kann man Gas geben.
„Horsts Vater hat ziemlich merkwürdige Lebensgewohnheiten“, eröffnete ich.
„Hast Du Dir den Hof schon mal genauer angeschaut“, erwiderte er. Und er begann zu erzählen. Darauf hatte ich gewartet. Damals fing das an. Seit jenen Zeiten warte ich immer auf die Geschichten der Alten.

Die Frau des Bauern war unverhältnismässig jung bereits gestorben. Den Mann sprang die Trauer so ungestüm an über den jähen Verlust seiner geliebten Frau, dass ihm sein Lebensplan durcheinander geriet. Er stürzte in sich selbst und versank darin. Vernachlässigte seine Arbeit. Die verbliebenen Felder. Das Vieh. Als die beiden Kühe schrieen weil die prallen Euter schmerzten, halfen die Nachbarn ohne viele Fragen. Im Kaff kennt einer den anderen. Da muss man nicht viel fragen. Nach und nach wurde das Inventar verkauft. Die Tiere, der mächtige Lanz Bulldog. Kleinigkeiten, die noch brauchbar waren.
Zurück blieb ein gebrochener Mann. Aber er begann zu schwimmen, stellte sich gegen seine Trauer ohne dagegen anzukämpfen.
Ich denke ihn mir in seiner Trauer unverstanden von der Nachbarschaft. Aber man liess ihn gewähren. In einem kleinen Dorf kann einem das Leben schwer werden. Und dennoch kann man sicher aufgehoben sein. Wenn man ein wenig Glück hat.
Ich hätte es damals nicht beschreiben können, aber ich konnte den Mann irgendwie verstehen. Er imponierte mir.
Er fuhr mit seinem Rad über die Äcker und besorgte sich, was er zu seiner Notdurft brauchte. Im Herbst vor allem Kartoffeln und Äpfel. Er schien tatsächlich ausschliesslich davon zu leben. Man liess ihn machen. Die wenigen Kartoffeln, die er sich von fremden Äckern holte waren zu verschmerzen. Selbst der bei uns seit unserer Kindheit gefürchtete Feldschütz kratzte sich hinterm Ohr und winkte dann ab wenn Horsts Vater ihm in der Gemarkung zufällig vor sein Dienstmoped lief.

Im kommenden Frühjahr bezog ich die Mehlkammer und die Stuben der Bäckerburschen eines ehemaligen Backhauses. Was aus dem alten Bauern geworden ist, weiss ich nicht. Wir waren nichts als jung. Horst ging in eine andere Stadt zu seinem Studium. Ich hörte Jahre später, dass er irgendwo Karriere gemacht haben soll.
Im folgenden Frühjahr fuhr ich den Kadett zum TÜV. Die Beifahrertür war mit dem angeschweissten Riegel einer Stalltür gesichert. Das ging damals noch durch. Wir lebten schliesslich auf dem Land. Damals noch. In der Grube  klopfte der Prüfer von unten mit dem Hämmerchen gegen den Boden des Autos. Und klopfte nochmals.
„Ich kenne doch das Geräusch. Ich weiss nicht, was Sie da gemacht haben, aber der Boden ist dicht.“ Er hämmerte noch mehrmals. Man musste ihm schliesslich nicht offenbaren, dass der durchgerostete Unterboden weitgehend mit Fertigbeton zugeschmiert und abgedichtet
worden war.
Horsts Vater wurde in gewisser Weise ein Vorbild für mich. Er lebte absolut reduziert. Kümmerte sich mit seinem Rad und seiner Harke um seine Nahrung. Ich bin unsicher, ob er darüber nachgedacht haben mag, was Liebe sei. Gelebt hat er sie jedenfalls bedingungslos. Es muss ihn am Leben gehalten haben, dass im schmerzlichen Leiden und in tiefer Trauer doch ein verborgenes Glück liegen kann, das einem am Leben festhalten lässt. Auch wenn man es nicht erkennt oder versteht.

 

Und dann verstand ich, dass sie nichts verstanden hatte, (Nun gehts weiter in gepflegtem Hochdeutsch.)
„Es gibt keine verschiedenen Ausführungen – – “ Sie unterbrach mich kalt.
„Doch, es gab eine waagrechte und eine schräge Ausführung. Das weiss ich genau, ich habe es im Katalog gesehen.“ Es gibt Menschen, denen ist nur mit der Wahrheit zu helfen.
„Sie sehen es doch selbst. Ich habe wegen des Platzmangels an der Wand die Magnetschiene schräg angebracht.“ Ein Moment der Stille. Ein letzter schnippischer Widerspruch.
„Ich habe aber auch die schräge Magnetschiene gesehen. Und die ist jetzt nicht mehr im Programm. Vielleicht wollen Sie mir Ihre ja nur nicht verkaufen.“
„Beim Elch können Sie diese kaufen. Die Löcher schräg gebohrt. Machen Sie es so und Sie haben auch eine schräge Designerschiene.“
Sie zahlte den vereinbarten Betrag mit frostiger Miene. Ich öffnete ihr das Hoftor. Sie verstaute mit schmallippigem Gruss die Geschirrteile in ihrem Auto.

Design? Dass ich nicht lache. Die meisten Produkte, von namhaften Desigern entworfen, taugen nicht fürs wirkliche Leben und keineswegs für den alltäglichen Gebrauch. Das wirkliche Leben hängt nicht an einer schrägen Messerschiene.
Horsts Vater. Das Wort Design ist dem Mann zeitlebens nicht über die Lippen gekommen. Alles Schabbes, hätte er wahrscheinlich bemerkt. Den Verlust eines herzinnigst geliebten Menschen zu betrauern und dennoch weiter seinen Lebensweg zu gehen. Das ist das wirkliche Leben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.

 

 

Reduktionsgeschichte an klingenden Beispielen

Für diesen Beitrag habe ich viel Zeit aufgewendet. Musikalische Begleitmusik war dabei neben manch anderem:
Dead Can Dance – Dionysus (2018); Inga Rumpf (feat. KK’NF) – Official Bootleg Album – Fabrik, Hamburg 21.11.2014; Marianne Faithfull – Negative Capability [Deluxe Version] (2018); Ali Neander – This One Goes To Eleven (Feat. Hellmut Hattler) (2015); Gerhard Gundermann – Eine erste Auswahl (2015); The Smashing Pumpkins – Shiny And Oh So Bright Vol. 1 Lp No Past. No Future. No Sun. (2018); Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit (2016); Axel Zwingenberger, Dave Green, Charlie Watts – The Magic of Boogie Woogie (2010)…

Egal, es gibt wichtigeres zu berichten!

Vor einigen Jahren hatte ich mit einem Freund eine Hinundher Konversation. Ich weiss das eigentliche Thema nicht mehr. Sie zog sich hin und wurde zunehmend persönlicher und vertraulicher. Aus einem, mir heute nicht nicht mehr erinnerlichen Grund, listete ich mein Leben mit mein Musikreproduktionsgeräten auf. Es hätten genauso gut Bücher sein können oder Autos. Fahrräder, Füllfederhalter oder Kameras. Ich habe mich in meinem Leben gerne mit schönen und vor allem brauchbaren Dingen umgeben. Auch Kopfbedeckungen wären möglich gewesen. Ich hätte auch meine Motorräder auflisten können. Aber ich entschied mich, warum auch immer, für Geräte, die Musik betreffend.

Im Kontext zu meinem Reduktionsprojekt habe ich mich an diese ehemaligen Gespräche erinnert und mir fiel dabei auf, wie die Thematik meinen eignenen Lebensweg spiegelt.

Vorab: alle Fotos für diesen Bericht habe ich aus dem Internet entnommen, da ich selbst die Geräte in unserem oder später meinem Besitz nie fotografiert habe. Bis auf eine Ausnahme. Sollte also jemand daran Anstoss nehmen, dass er eventuell sein ungünstig geknipstes Bild hier sieht, dann gebe er sich Mühe und liefere mir ein ansprechenderes.
Die letzte Photographie in diesem Beitrag stammt von mir. Aber der Reihe nach.

Dieses Radio war das erste bewusst wahrgenommene Gerät der Klangerzeugung. Es stand in der Ecke auf der Eckbank in der Küche des elterlichen Haushalts. Es lief vornehmlich samstags morgens und man hörte HR1.


Dazu kam dann irgendwann als interessante Erweiterung eines Tages ein Tonbandgerät ins Haus.
Es war ein Philips RK64 – ein für damalige Verhältnisse sehr modernes und qualitativ hochwertiges Gerät. Volltransistorisiert, ein ungeheuer schweres Trumm. Vier-Spur, vier Geschwindigkeiten, stereotauglich, mit 18er Spulen und mit allerlei Schnickschnack, wie z.B. der Möglichkeit der Filmvertonung, was meinen Vater wohl auch zum Kauf bewogen haben mag, denn er filmte damals mit einer Bauer 88 Super8 Schmalfilmkamera. Er hat es aber offensichtlich nie hingekriegt, denn ich erinnere mich, nie einen vertonten Film gesehen zu haben. Und in der Küche war Schweigen angesagt, wenn mein Vater mit dem kleinen grauweissen Mikrophon Musikstücke aus der betagten Philetta aufnahm.

Soweit meine frühesten musikbezogenen Erinnerungen.
Kurzfristig ging die Philetta in mein Eigentum über. Ich habe sie dann, mit Teilen meiner Märklin Metallbaukästen, um es schlicht auszudrücken, in eine postmoderne Skulptur verwandelt. Eines Tages gabs einen gewaltigen Knall. Staub kam aus dem Lautsprechervorhang. Geschrei im Haus, weil etliche Sicherungen durchgeflogen waren. Das war das definitive Ende der Philetta. Keine Prügel für den kleinen Delinquenten, denn…

Meine Eltern hatten sich inzwischen ein Klangmöbel zugelegt.
Eines jener kleinbürgerlichen Imponiergebilde aus Furnier und Bakelit für die Zurschaustellung des persönlichen materiellen Erfolges. (Erhebet Euch nicht über die Kleinbürger, sind wir doch alle welche). Ich hatte als Bengel Zugang zu diesem Musikschrank. Durch welche Gnade ich dieser Erlaubnis teilhaftig geworden bin ist mir nicht erinnerlich.
Es handelte bei diesem Gerät um einen Schaub Lorenz  „Ballerina Konzert Stereo 10. Wer kennt denn diesen Namen heute noch? Das waren noch Typenbezeichnungen, die ein inneres Bild wachsenden Wohllebens vermittelten. Recht und links waren die Lautsprecher angebracht. Öffnete man die waagrecht montierte Klapptür in der Mitte, war unten der Plattenspieler von Perpetuum Ebner PE-66 mit dem berüchtigten 10-Platten-Wechslers, in Fachkreisen auch Plattentöter genannt. Links daneben stand ein senkrechtes Grill, in dem man 45er Singles einstellen konnte, auch EPs passten da rein.

Nun hatte ich Zugang zu Gus Backus (Da sprach der alte Häuptling der Indianer), Gitte (Ich will nen Cowboy als Mann), Connie Francis (Bacarole in der Nacht), Blue Diamonds (Sukiyaki) und 10 – 15 anderen 45ern. Dabei waren natürlich einige Scheiben in den schönen roten Covers von Herbert Hisel. Der später in Kanada so jämmerlich zu Tode gekommen ist. Es hat eine kleine Weile gedauert bis ich mehr geahnt als verstanden habe, was mir entgegenklang aus dem Schwabinger Nachtleben von dem Novak von Gisela Jonas. Die Hülle mit einem Schlösschen gesichert, dass da nicht etwa Kinder usw. usf.
Irgendjemand erklärte mir dann, dass man das Tonbandgerät mit einem Kabel direkt anschliessen kann… Ach, dafür ist dieses Kabel, das da rumlag und das mein Vater nie benutzte – – – Da wurden dann die Spulen bespielt und wieder gelöscht, denn an kaufen war vorerst nicht zu denken bei den Preisen

Mit diesem Tonbandgerät begann meine erste „Musiksammlung“, denn nun konnte ich das Tonbandgerät mit der Schaub Lorenz Ballerina Konzert Stereo 10 verkabeln und in aller Ruhe Aufnahmen machen. Bevorzugter Sender war der HR2 mit „Teens, Twens, Toptime“ moderiert von Volker Rebell, die lief ab 1970 und der Mann prägte meinen Musikgeschmack nachhaltig. Er grub die irrsten Sachen aus, die man in einem dumpfen Kaff wie meinem nie zu Gesicht, äähh Gehör bekommen hätte. Bevorzugt hörten Gymnasiasten Rebell, in der Schule war bei denen, die „richtige Musik“, will sagen keine Schlager, hörten Rebell und seine Musik immer ein Thema. Da mittlerweile auch Sender in den CDU regierten Ländern Wind davon bekamen, dass sie mit angesagter Musik  neue Hörer binden konnten, kam dann vom SWF3 Frank Laufenberg (Pop Shop, ab 1.1.1970, fast täglich von 12:03 – 15:00) ins Rennen, was ganz schlecht für die Erledigung meiner Hausaufgaben gewesen ist. Später kam dann Peter Kreglinger vom SDR3 aus Stuttgart dazu. Leider war der Sender zum Aufnehmen schwierig, da oft nur mit Nebengeräuschen zu empfangen. Aber Kreglinger war für mich damals ein rhetorisches Genie.  Er moderierte die Sendung Point täglich (?) von 14:30 – 16:00. Zitat: „POINT stand für Pop, Orientierung, Information, Notizen, Tipps. Das Ziel von POINT war es, die Dinge, die Jugendliche interessierten, anzusprechen und auf den Punkt zu bringen.“ (lt. wikidemia).

Aber zurück in die Chronologie. Kurz nach meinem zehnten Geburtstag bekam ich meinen ersten Plattenspieler, einen Dual P 410 V. Das war ein tragbarer Kofferplattenspieler mit dem eingebauten Lautsprecher im Deckel des Gerätes. Gute Eindrücke davon kann man hier sehen: Dual P410V
Der Anlass für dieses Geschenk war der Kracher überhaupt: meine erste Langspielplatte. A hard Days Night von den Beatles. Im Lauf des Jahres kamen dann noch zwei, drei Singles dazu. Diesen Plattenspieler hatte ich etliche Jahre. Nur einmal wurde der Doppelsaphir, den man umdrehen konnte für 45 und 33 rpm, gewechselt. Diese „Nadel“ würde ich heute gerne mal unter einem Mikroskop sehen. Auf dieser Horizontalkreissäge habe ich meine Singles durchsichtig genudelt.

Von da an gings dann richtig los mit der Musik und allem, was dazu gehörte. Ich erwarb vom schmalen Taschengeld auch hier und da selbst eine Single bei der örtlichen Niederlassung der Rheinelektra. Auch dieses Unternehmen kennt heute keiner mehr. Da hatte ich mal einen Ferienjob bei den Elektrikern. Osterferien, drei Wochen lang Schlitze kloppen zur anschliessenden Leitungsverlegung. Und zur Schadenfreude der Könner mit ihrem derben Gelächter. Das waren noch Initiationen ins wirkliche Leben. Damals brauchte es noch keinen Psychologen, der einem half beim Schuhebinden auf der Baustelle. Da musste man durch. Und nach Feierabend tröstete einem die Musik.
Irgendwann erbte ich das Tonbandgerät, da mein Vater offensichtlich überdrüssig wurde, dass man beim aufnehmen vom Radio immer still sein musste, um nur die Musik und keine sonstigen Geräusche aufzunehmen. Und dann kamen auch schon die ersten auf dem Flohmarkt selbst gekauften oder einfach auch getauschten LPs dazu. Meine Eltern hatten sich eine kleinere und leichter bedienbare Musikanlage gekauft. Ich hatte das Glück und durfte die Ballerina übernehmen. Da sass ich dann andächtig nachmittags nach der Schule aufgeklappten Öffnung des Musikschranks und hörte diese Platte immer und immer wieder. Was mir damals unbekannt war: auf dem Boden zwischen den „Boxen“ sitzend hatte man das viel plastischere Stereoerlebnis als wenn man irgendwo im Raum auf einem Sessel oder dergleichen herum lümmelte.

Inzwischen war mir aufgegangen, dass aus der Ballerina ein ganz andersartiger Klang den Raum erfüllte, als aus meinem kleinen Dual. Stereophonie hiess das magische Wort. Die Singles jener Zeit waren durchweg noch monophon aufgenommen worden. Dennoch klang es irgendwie anders, kam es besser rüber mit den Lautsprechern auf beiden Seiten.
Aber diese Apparatur unters Dach in mein Zimmer zu wuchten war mir unmöglich. Ich brauchte doch ohnehin nur die beiden Bretter mit den montierten Lautsprechern. Also zerlegte ich kurzerhand d
ieses „Musikmöbel“. Bub, der ich war, baute ich die beiden Schallbretter mit den Lautsprechern aus und montierte sie in meinem Zimmer an die beiden Armlehnen meines Sessels. Märklin Metallbaukästen lieferten die Verbindungsteile. Ich sass zwar nun stereomässig ideal zwischen den Lautsprechern, doch plötzlich waren da keine Bässe mehr. Was tun? Mir musste schon irgendwie klar gewesen sein, dass man Volumen braucht, um Bässe zu hören. Also kaufte ich, knapp bei Kasse wie nur je, zwei viereckige Plastikschüsseln in ätzendleuchtendem Gelb, schnitt die Böden passend aus und schraubte die Lautsprecher da hinein und sofort waren die Bässe wieder da. Diesen Klang möchte ich heute nochmal hören, es muss abartig geklungen haben. Aber ich war stolz wie Harry. (Woher stammt diese Metapher eigentlich?)

Ich entdeckte musikalische Persönlichkeiten, deren Werke ich noch heute allzeit goutieren kann.
Dann kam 1973 auf mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Wegen der Kracher ins Haus. Ein Plattenspieler Dual 1210 ohne Verstärker. Es war Ferienende und aus geleisteter Arbeit einiges an Geld vorhanden. Der Dula 1210 brauchte einen Verstärker. Das wurde der Teleton A300 aus irgendeinem Elektrozubehörladen, weil es dort Geräte mit Wumm für den notorisch zu schmalen Schülergeldbeutel gab.
Welche Boxen mag ich dazu nur gehabt haben? Die Lautsprecher in den Plastikschüsseln können es kaum gewesen sein..

Das erste wirklich brauchbare Cassetten Deck (so hiess das jetzt) kam etwas später. Es war ein Superscope 1015. Superscope war die Billigvariante aus dem Haus Marantz (so ähnlich wie heute Seat die Billigmarke von Volkswagen ist). Die einzigen sichtbar- und fühlbaren Unterschiede waren das schepperende Blechgehäuse des Superscope und die Typenbezeichnung. Superscope 1015 statt Marantz SD800.

Irgendein Deal muss damals mit meinem Vater gelaufen sein, bei dem ich ihm meinen Dual 1012 verkauft hatte. Es muss ein neuer Ferienjob gewesen sein, der es mir ermöglichte, meinen ersten richtig guten Plattenspieler neu zu kaufen: einen Technics SL 23. Der Technics scheint heute einen gewissen Kultstatus bei den Plattenspielerquälern zu haben. Die Preise für gebrauchte Geräte sprechen deutlich.

Was diese Buben mit den altehrwürdigen SL23ern heute anzustellen imstande sind, ruft fast Mitleid hervor. Andererseits haben wir in jungen Jahren ja auch versucht, die betagten alten Mopeds mit Farbe und Pinsel, mit Bananensattel und Überrollbügel auf Esay Rider zu trimmen.
Easy Rider war zu Ende.


Die Mopeds vor den Capitol Lichtspielen waren allesamt Chopper. Ich sass als Sozius auf einer Hercules 219. Den tragbaren, batteriebetriebenen Cassettenrecorder hochhaltend fuhren wir auf der Hauptstrasse im Kreis herum. Andere Mopedler schlossen sich uns an. Aus dem Raketenkäsorder lief in dem geschwätzigen Zweitaktlärm kaum hörbar die berühmte Stelle von Wasn´t born to follow von den Byrds als Wyatt und Billy irgendwo auf einer Landstrasse ihre zweirädrigen Eisenhaufen wendeten. Wir waren unbesiegbar. Nur ich nicht. Und alle Buben wussten in diesem Moment, sie würden mit einem dieser unsäglich untauglichen usamerikanischen Motorrädern die Route 66 runterdonnern. Nur ich wusste, dass ich es nicht tun würde. Irgendwann später würden sie es tun. Und sie behaupteten es sogar noch, als bereits die erste Schrankwand zuhause angeliefert wurde.

Die Musik lief zu jeder Gelegenheit und weil das Jagdhorn kräftig geblasen wurde, blieb am Ende dieser Epoche lediglich der Technics SL 23 übrig. Die anderen Geräte waren in meinem Umfeld verhandelt worden. Wie überhaupt in jenen vergangenen Zeiten.
Die erste komplett gekaufte Anlage kam 1979 oder 1980 ins Haus. Eine Akai von einem HiFi-Händler in W****, der damals noch am Schlosspark seinen Hinterhofladen hatte. Getrennte Vor- und Endstufe PR–A04 und PA–W04, ein Radioempfangsteil AT–K03 und das unvermeidliche Tapedeck CS–M02. Was haben wir in den kommenden Jahren diesem Mann für eine Menge Geld für TDK und Maxell Cassetten über die Theke geschoben.
Das Tape Deck (mittlerweile hiess es nicht mehr Cassette Deck)  gibt’s heute noch fürnen Appel und ein Ei bei ibäääh, das Radio habe ich viel zu selten benutzt, aber die Vor- und Endstufe PA-W04 und PR-A04 sind absolute Kracher gewesen, zwar nur die gehobene Mittelklasse dessen, was Akai auf dem Markt hatte, aber die Nachbarn werden die Anlage in Zusammenarbeit mit den kraftvollen KHL Boxen manche Nacht verflucht haben.
Wenn ich heutzutage an späten Abenden das Netz durchforste nach Vergangenheiten, stelle ich fest, dass die Sammler ihre antiquierten Topanlagen mit grossem Stolz ins Netz stellen. Der Nachteil dabei ist allerdings, dass Einsteiger- und Mittelklassemodelle oft weniger gesammelt und prösentiert werden. Sie gelten oftmals bedauerlicherweise als nicht „sammelwürdig“. Das mag mit der allgemeinen Steigerungswut zusammenhängen. Immer Áusschau halten nach dem besseren Produkt. Und ich zeige mit dem Finger auf niemanden.

Aufbewahrer bin ich allenfalls was Erlebnisse oder Wahrnehmungen betrifft. Ein richtiger Hard-Core Sammler war ich nie. Und aus diesem Grund ging die Akai Anlage nur wenige Jahre später bei einem Tauschhandel ihrer Wege. Dabei wurde der Technics SL 23 durch einen Revox B790 ersetzt.

Damit nahm die Entwicklung ihren wirklich obsessiven Lauf. Dieser Plattenspieler (welch schönes und treffendes Wort) lief dann zusammen mit der Bandmaschine Tandberg TD 20A, einem Monster von einer Tonaufzeichnungsgerät.

 

 

 

 

 

 

 

Die Lautsprecher der Anlage waren ziemlich speziell. Es war ein Paar Quad ELS 57, die auf einem elektrostatischen Prinzip funktionierten, also ohne herkömmliche Lautsprecher auskommen und direkt am Stromnetz hängen.

 

 

 

 

 

Gipfelgefühle. Klangerlebnisse. Bald waren jedoch auch die Schluchten und Abgründe unübersehbar: Das Tonband musste ständig wochenlang weg wegen „Einmessens“. Die 26cm Bänder waren sehr teuer. Die CellophanMembranen der Quad Elektrostaten haute es dauernd raus. Ausserdem konnte man den umwerfenden Klang der Quads nur geniessen, wenn man in genau in der richtigen Position zu den Lautsprechern sass. Und beweglich wie ich nun mal bin, wenn die passende Musik läuft…

Obwohl die Tauscherei finanziell sicherlich eine zumindest materiell gewinnbringende Transaktion gewesen ist, wurde mir das ganze Brimborium zu viel, weil der technische Schnick-Schnack drumherum das Musikhören offensichtlich zu beherrschen begann. Und die Allüren, die in den Gesprächen zutage traten, waren nicht meine Welt.

Also schraubte ich zurück auf Altbewährtes. Eine zwanzig Jahre alte Anlage von BrAun war ebenso solide wie pottschwer. In damaligen Zeiten, als diese Anlagen aktuell gewesen sind, waren sie gebraucht noch erschwinglich. Ruckzuck hatte ich für verschiedene Räume im alten Haus im Hinterhof einige Anlagen gegen das sogenannte „High End“ Equipment eingetauscht.
BrAun lag nahe, denn inzwischen hatten Kunst und Design die eigene Lebensmitte erreicht. Museen, Ausstellungen, Jugendstil, Bauhaus und Art Deco wurden zu Ankerpunkten unterschiedlicher Begehrlichkeiten. Der Kleinbürger als Ästhet.
Es fing an mit alten Klassikern der 60er Jahre, zuerst kamen die beiden Klassiker im Design von Dieter Rams.
Das Radiogerät das Radio CET 15

und der mächtige Röhrenverstärker CSV 60

Für den voluminösen Klang sorgten die beiden Lautsprecherboxen L80, mords Trümmer und fast 50kg schwer. Diese Anlage war anfangs der 1960er Jahre nur wenigen Menschen erschwinglich und entsprechend selten. Der Sound war überzeugend. Und im Gegensatz zu den vorherigen Schätzchen mit ihren Zicken geradezu unproblematisch. Das alte Haus im Hinterhof wurde bald mit etlichen weiteren Musikquellen ausgestattet. In meinem Büro stand beispielsweise ein Braun Regie 520. Versteht sich, dass auch die Werkstatt entsprechend beschallt worden war.

Aber es zieht sich wie ein roter Faden durch mein erwachsenes Leben. Wenn die materiellen Artefakte überhand nehmen, brauche ich eine entsprechende ordnende Reinigung. Da inzwischen auch kleine Menschen zunehmend das Haus zu erkunden begannen, war zeitweise Stille angesagt. Statt der tagtäglichen Klangrandale entschied ich mich für dezentere Töne. Klassische Musik begann mich zu interessieren. Besonders die zeitgenössische Klassik begeisterte mich zunehmend. Die angesammelten Antiquitäten mussten einer neueren Anlage der gleichen Marke weichen.
So gingen die 1980er Jahre dahin. Die weichgespülten Synthesizersounds habe ich bis heute nicht vermisst. Andere originelle junge Bands lernte ich mit entsprechender Verspätung kennen. Dass ich jedoch wirklich etwas vermisst hätte aus jener Epoche, kann ich nicht sagen.
1993 kaufte ich mir die ersten Scheiben aus den 1980er Jahren und holte manches sukzessive nach. Ich merkte, dass ich vieles verpasst haben musste, empfand es aber als keinen Verlust. Aber meine Einstellung zur Musik hatte sich geändert. Text und Musik waren gleich wichtig geworden, das hatte ich durch die klassische Musik gelernt, da musste ich öfter etwas dazu lesen, um es besser verstehen zu können..

Inzwischen schweifte der ästhetisch suchende Blick aber schon hin und wieder zu Bang & Olufsen. Die Geräte dieses Herstellers waren auf dem Gebrauchtmarkt aber schwieriger zu finden, da diese bei der Neuanschaffung noch teurer und entsprechend seltener gewesen sind als die Geräte von BrAun. Inzwischen waren auch in diesem Segment professionelle Sammlermärkte entstanden.
Der erste Receiver im alten Haus im Hinterhof war ein Beomaster 1900 aus den 1970er Jahren. Erworben für etwa 50 DM, bald gefolgt von dem legendären „Rechenschieber“, dem Beomaster 1200 aus den Endsechziger Jahren

Es dauerte nicht lange, da schenkte mir jemand den Beomaster 6000, einen Verstärker für die Anfang der 1970er Jahre angesagte Quadrophonie. Ein Riesendrum, das nie richtig funktionierte, also verschenkte ich es weiter, da das angepeilte Ziel einer kompletten Quadrophonie Anlage hinsichtlich Plattenspieler und vor allem der nur schwer aufzutreibenden quadrophonisch aufgenommenen Schallplatten dafür kaum zu realisieren und noch weniger zu finanzieren war.
Die Geräte waren solide verarbeitet und klangen gut. Heute nennt man das wohl haptisch wertig. Es folgten nun bloss noch Geräte von Bang & Olufsen. Die komplette 7000er Anlage mitsamt Fernsehgerät und Videorekorder. Telefon und Lichtsteuerung. Steuerbar alles mit einer einzigen Fernbedienung. Klingelte das Telefon, wurde die Musik unsichtbar auf eine dezente Lautstärke reduziert. Die verkabelten Lampen wurden gedimmt, wenn das Fernsehgerät eingeschaltet worden ist.
ber alles hat bekanntlich ein Ende (nur die Wurst hat zwei laut Sephan Remmler).

Als die Zelte abgebrochen wurden, um in anderen Ländern zu leben und zu arbeiten, fand ein scharfer Reduktionsschritt statt. In dem Übersee-Container fand nur diese eine Musikmaschine Platz, die mir bis vor kurzem noch immer viel Freude gemacht hat: B&O Beosystem 2500, 1. Serie 1990 mit dem damals nachträglich kostenlos eingebauten RDS für das Radioempfangsteil…

Die vielen Stromausffälle in Südamerika mit ihren brutalen Stromstössen beim Wiedereinschalten haben ihm ein frühes Ende bereitet. Der CD-Spieler musste daraufhin vor Jahren schon ausgetauscht werden. Das Cassettenteil ist ewig schon ohne Funtion. erneuert. Und letzthin gab die automatische Türöffnung den Geist auf.

Es stehen Entscheidungen an und Veränderungen in nächster Zeit. Eine gute Gelegenheit, um sich abends anderweitig ein wenig umzutun. Sieh da, die Preise für höherwertige Unterhaltungselektronik stehen auf Verkauf. Eine defekte B&O ist gut verkäuflich. Was aber dann?
Ich klicke ein wenig hier und da. Stimmt ja, das war damals was. Für mich auf jeden Fall unerschwinglich. Deutsche Marke, hervorragende Qualität. Frog Design. Hartmut Esslinger. Der Mann hat die frühen Produkte von Apple entworfen. Aber darum gehts mir garnicht. Mir gehts um reduzierten Aufwand und gleichzeitige Schönheit und Funktionalität.
Ich mache aussagekräftige Fotografien des alten 2500er Beosystems. Ich tue mich schwer mit dem Text. Schaue zwischendurch mal nach Anlagen des deutschen Herstellers. Zwei, drei Angebote gibts hier in der Nähe. Eine Nacht noch drüber schlafen ist fast immer gut. Nein, ich publiziere mein Angebot doch noch rasch.
Am nächsten Morgen ist die Anlage bereits vor dem Frühstück verkauft.
Ja, die Herrschaften hätten Zeit. Das Ehepaar hat das achte Lebensjahrzehnt vollendet. Der Wega 3141-2 Receiver von 1978 sieht aus wie aus dem Laden. Der Test vor Ort fällt kurz aus. Alles in Ordnung. Kein Rauschen in den Potis. Und zu dem Preis können Sie die Lautsprecher auch noch mitnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

Beat, Rock, progressive Musik – – anfangs der 1970er Jahre kam Krautrock dazu auf den Labels Ohr, Pilz, Brain Kuckuck oder Bazillus.. Die elektronische Musik der kosmischen Kuriere bis Mitte des Jahrzehnts –  – immer ausgeflippteres Gegniedel. New Wave, Neue Deutsche Welle. Immer bessere Anlagen, immer optimalere Messwerte, immer teurere Ausrüstungen. Natürlich weitgehend gebraucht gekauft oder aus Konkursmassen, da das Geld weiterhin vorrangig in die Musik investiert worden ist.
Bin ich durch diese vielen Prozesse weiser geworden? – Weiser vielleicht nicht, aber klüger. Ja, eindeutig. Ich habe gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist. Ich hätte das alles auch etwas rationaler anstellen, und weniger Geld ausgeben und Zeit investieren können. Spass hats aber dennoch gemacht. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt durch die persönlichen Kontakte.
Heute gilt, dass mich Musik in erster Linie erfreuen soll. Ich will noch immer gerne interessante Musiken entdecken. Das ist alles. Manchmal herrscht tagelang Stille, manchmal rumpelts volle Kanne. Ich heisse zwar nicht Hans, habe den Hans im Glück jedoch wahrscheinlich am eigenen Leib erlebt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein Wochenende voller Wohlklang – Rock on!

 

Reduktion – Alles verändert sich, wenn Du es veränderst!

Die DoppelLP wurde gespielt bis sie fast durchsichtig geworden war : Klaus Hoffmann – Ich will Gesang, will Spiel und Tanz (1977). Viele Texte sind für mich auch heute noch gültig…

Am Strassenrand gefunden und mitgenommen : Langenscheidts Kurzgrammatik Lateinisch. Langenscheidt, Berlin etc. 1996, 13. Auflage. Immer wieder mal nachschauen lohnt sich meist für mich. Auf merkwürdigen Wegen fand dieses Buch den Weg zu mir :
Max u. Gerda Mezger : Meine Frau die Gärtnerin. Verlag Hans Dulk, Hamburg 1955. …

Wollen wir ein paar Scheiben von dem Wacholderschinken nehmen?
Klar, gerne.
Darfs noch etwas sein?
Mh, hättest du auch Lust auf diese Wurst da?
Oh ja, die sieht lecker aus.
Legen Sie uns bitte das kleine Stück da noch dazu.
Gerne. Haben Sie noch andere Wünsche?
Nein, das reicht, vielen Dank…
Später beim Frühstück hältst du plötzlich inne und sagst mehr zu dir selbst als in die Runde : Wie privilegiert sind wir doch, dass wir in einem Geschäft mit vollem Angebot einfach auswählen können, was wir möchten. Dein Blick, als du das sagtest, durchfuhr mich wie ein leichter Stromschlag. Wenn wir über die Zustände in diesem Land sprechen wissen wir, es muss sich etwas verändern.

Der Film Im Lauf der Zeit von Wim Wenders wurde gedreht in elf Wochen zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober 1975, zwischen Lüneburg und Hof, entlang der Grenze zur DDR. Die Premiere fand am 4. März 1976 im Kino Kurbel in Berlin statt. An einem der darauffolgenden Wochenenden warst du zu Besuch bei uns in Berlin. Wir haben den Film wahrscheinlich in der Filmkunst 66 in der Bleibtreustrasse gesehen, denn das war eines meiner Stammkinos in Berlin. Nach der Vorstellung verliessen wir das Kino schweigend. Unsere Blicke waren jedoch vielsagend. Aber das wurde mir erst zwölf Jahre später bewusst.

Das war auch so ein typisches Erlebnis am letzten Sonntag. Wir stoppelten auf dem abgeernteten Zwiebelfeld, was liegengeblieben war und von der Erntemaschine nicht aufgenommen wurde. Die kleinen Zwiebelchen mit dem feinen starken Aroma. Im Nu hatten wir drei, vier Kilo gesammelt. Am Feldrand radelte eine Gruppe Ausflügler vorbei. Einer schrie vom Sattel seines Elektrohobels aus zu uns herüber aufs Feld : Ein Kilo kostet sechzig Cent. Im nächsten Supermarkt wahrscheinlich.
Wir schauen uns an und verstehen uns wortlos. So vielen Menschen sind inzwischen die finanziellen Aspekte wesentlich wichtiger als das wahrnehmende Erleben. Sich miteinander vergnügen statt miteinander zu arbeiten. Vergnügen am liebsten als Dauerprozess. Und möglich bequem und preiswert. Und risikolos, versteht sich. Die Verantwortung tragen die anderen. Dabei wird der Konsum in der Freizeit mit Freiheit verwechselt. Statt wenigstens einmal auszuprobieren in einer gemeinsamen Arbeit Lebensfreude zu empfinden und anschliessend den Erfolg zu geniessen.

Das Internet erleichtert viele Recherchen. Wenn ich daran denke, wie viel Arbeit es bereitete und welche Wege man gehen musste, um seinerzeit die Fahrtstrecke in dem Film von Wenders zu rekonstruieren. Anfangs wollten wir sie noch auf unseren Motorrädern abfahren. Doch zuerst kam dies dazwischen und dann jenes. Aufgeschobene Zeiten. Macht ja nichts, es fehlen noch immer einzelne Teilstücke der Strecke. Und ausserdem haben wir ja noch ewig Zeit.
Sprachlosigkeiten in der WG trennten sich unsere Wege für zwei Jahre. Was jedoch stets gültig blieb, war dieser eine (zumindest für mich) bedeutende und entsprechend bei jeder Gelegenheit bis zur Floskel von uns allen, die den Film gesehen hatten, zitierte Satz : „es muss alles anders werden“. Eigentlich aber sprachen wir vorwiegend über irgendetwas statt von uns. Ändern müssen es die anderen, wir waren doch die grossen Durchblicker.

Ich freue mich auf dieses Wochenende. Wir haben fleissig Samen gesammelt von Malven, Mohn, Wicken und Nigella und werden ihn aussäen. Für die kommenden Tage hat gestern die Pflanzzeit begonnen. Leider ist keine gute Erntezeit für Früchte. Aber unser frisch gekochtes Birnenfeigenkompott wird uns vorzüglich schmecken.
Wenn wir zusammen essen, sagen wir uns oft lachend, dass Essen unsere Lieblingsspeise ist. Wir sind uns einig darin, dass wir die Zustände um uns herum nur dadurch verändern, dass wir uns selbst ändern. Der Satz „es muss alles anders werden“ verlagert lediglich die Verantwortung ins Irgendwo. Global denken und regional handeln als erste Richtschnur. Bei sich selbst anfangen.

Als ich dich aus der schweizer Klinik abholte war klar, dass der Sand jetzt schneller durch die Uhr rinnen wird. Wieso konnten wir jetzt so einfach miteinander sprechen? Ohne wenn und aber. In den folgenden zwei Wochen. Lang, persönlich und essentiell. Und auch, dass sich alles ändern müsse; dass man alles selbst ändern müsse. Ich hatte inzwischen die letzten fehlenden Wegstrecken so einigermassen herausfinden können. Als du sonntags überraschend ins Krankenhaus gefahren wurdest, sprachen wir nochmals über die Strecke. Am späteren Abend hast du dann das Bewusstsein verloren. In vier Wochen auf den Tag wird es dreissig Jahre her sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die erkaltete wächserne Hand eines toten Menschen in meiner Hand hielt.
Als sich im Film die Wege der beiden Männer trennen, pinnt Robert aussen an der Tür einen Zettel an : es muss alles anders werden. Das solong ist mir bis heute geblieben.

Wir haben nicht den Schlüssel zum Paradies. Wir wissen aber, dass der Weg vor uns, vor unseren Augen liegt. Und dass er Arbeit ist. Nicht zurück in Anklagen schielen, um die Verantwortung für unsere Bequemlichkeit anderen als Schuld zuzuschieben. Den Eltern, Geschwistern, Schulkameraden, Lehrern oder anderen Menschen. Ich bin dankbar für die Menschen um mich herum, die versuchen, sich täglich ein wenig zu ändern. Die gelegentlich stolpern dabei und dennoch ihr Lächeln nicht verloren haben. Die mir Vorbild und Ansporn sind dafür; andere, noch unbekannte Wege zu gehen.
Entweder wir arbeiten aktiv mit an notwendigen Veränderungen oder wir werden von den Umständen zwangsweise verändert werden.

„Wieder eine Nacht, wieder eine Nacht,
die wir mit reden zugebracht,
wir haben festgestellt, haben festgestellt,
dass nur die Tat uns Beine macht,
und wir merken jeder Tag ist Arbeit und wir sehen ein,
jeder Schritt zurück muss neuer Anfang sein,
wir sind doch viel zu viele um allein zu sein….“ (Klaus Hoffmann – Ein neuer Anfang)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

 

(Das erste Bild ist ein Schnappschuss aus dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Das zweite Bild ist eine Photographie von heute Mittag, als ein schwacher Orkan hier durchgezogen ist.)

 

 

 

 

Das Reduktionsprojekt läuft und läuft

Wer im Glashaus sitzt trifft garantiert mit jedem Wurf : Gentle Giant – In a Glasshouse (1973). Anschliessend und weil es zum Thema passt : Billy Bragg – Back to the Basics (1987)…

Das Reduktionsprojekt läuft. Ein immaterieller Aspekt, der an Gewicht gewonnen hat, ist die zunehmende Distanz. Der Alltag liefert ständig Beispiele, die diesen Abstand hinsichtlich der eigenen seelischen Gesundheit nötig machen.

Seit zwei Jahren beobachte ich nun den Kundenverkehr in einem ausgesuchten Einzelhandelsfachgeschäft. Die Wahrnehmungen sind ernüchternd. Fachgeschäfte mit entsprechenden Fachkräften gibt es immer weniger in Zeiten, in denen Aushilfen in Bäckereiketten statt vom aufbacken vom backen reden. Das ist Irreführung der Kunden.
Aushilfen in sogenannten Boutiquen, denen bei der Anprobe eines Kunden nichts besseres einfällt als: „Das gefällt mir gut.“ Als würde es die Kundin interessieren was der Teilzeiterin gefällt. Der Preis ist heiss.
Der Einzelhandel „stirbt“ natürlich nicht, wie vielfach geäussert wird. Es sind lediglich die Strukturen, die sich radikal verändern und schon verändert worden sind. Weg vom Fachgeschäft hin zur Einzelhandelskette, zum Discounter und ab in die ShoppingCenter. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Konventionelle Einzelhändler, Discounter und Kunden haben alle ihren individuellen Anteil daran.
Mir fällt auf, dass die Kunden beim Betreten eines Einzelhandelsfachgeschäftes ihre Konsumattitüden nicht im Griff haben. Mir scheint, dass Ketten oder OutletZentren den Konsumenten längst das Hirn weichgekocht haben. Und die perfide Dauerparole einer Elektrokette, mit der eine der sieben Todsünden in eine Siegermedaille umgemünzt worden ist, wird voraussichtlich nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Gewissenlose Werbeleute arbeiten längst an noch unmenschlicheren Parolen.
Besonders auffällig sind die sprachlichen Äusserungen im Einzelhandelsfachgeschäft. Es werden Dinge verlangt, die augenscheinlich nicht vorrätig sind. Erkundigungen werden eingeholt, um anschliessend irgendwo anders auf Schnäppchenjagd zu gehen. Artikel werden geknipst ohne zu fragen; zuhause beginnt die dann die Suche im Internet nach dem besseren Preis. Den Gipfel bilden unverschämte Preisvorschläge trotz der Auszeichnung von Waren. Auf die Frage, ob man das Geschacher auch im Supermarkt versuchen würde, kommt die Antwort spontan: „Nein. Aber man kanns ja mal versuchen.“

Die derzeitige Propagandamaschine der deutschen Staatsmedien von ARD & ZDF ist enorm gut geschmiert und läuft auf Hochtouren. Was die Journaille zusammenschreibt, ist mir unbekannt. Die gepanschte Einheitssuppe ist längst ungeniessbar und das Niveau längst ranzig geworden. Mittlerweile ist sogar der SPIEGEL, die vormalige „Bild-Zeitung für Abiturienten“ vollends zu einem Hetzblatt verkommen. Wer einmal die Probe aufs Exempel machen möchte, liest im Spiegel zum Thema WM einen Artikel von 1962 oder 1966 und einen jetzt aktuellen.
Kein Wunder sind die gravierenden Unterschiede, wenn Chefredakteure beliebig von einem Chefsessel in den nächsten pupen. Geld und Karriere regieren das Denken und Handeln. Persönliche Überzeugungen sind da allenfalls hinderlich. Sie sind ohnehin käuflich geworden. Rückgrat – das braucht doch niemand mehr im Wachstumsmarkt der Physiotherapeuten und Wellnessoasen.

Nach dem Halbfinalspiel zwischen England und Kroatien wird der kroatische Co-Trainer der siegreichen Mannschaft als erstes gefragt : „Das ist jetzt das dritte Spiel ihrer Mannschaft, das in erst in der Verlängerung entschieden wurde. Was ist los?“ – dem Mann hätte man auch einfach zu dem Sieg gratulieren können. Aber er hat den Makel des Südosteuropäers. Kommt halt irgendwoher vom Balkan.
Und was und vor allem wie im Kontext der Fussballweltmeisterschaft über Russland berichtet wird, geht nicht mehr auf die Häute einer ganzen Kuhherde. Ein erhellender Bericht zu findet sich HIER.
Und immer wieder der Herr Putin. Hat man eigentlich auf dem Schirm, dass es noch 146.877.088 (Stand 2018) andere russische Menschen gibt. Menschen mit Plänen, Hoffnungen, Träumen und auch Ängsten. Menschen, die in russischen Lebensverhältnissen so gut zurechtkommen wie deutsche Menschen in deuten Verhältnissen. Und viele russische Menschen leben gerne in der russischen Föderation. Aber das kann und darf nicht sein im Kosmos deutscher Vorstellungswelt. Und die wird wie seit Jahrzehnten auch weiterhin fleissig beeinflusst von einer vorurteilsvollen Berichterstattung. Was muss eigentlich passieren, dass sich an dieser feindseligen Haltung etwas ändert?

Stattdessen werden Freunde hofiert, die noch nie Freunde Europas oder gar Deutschlands im Speziellen gewesen sind. Liest eigentlich ein Mensch, was dieser neue USBotschafter in Berlin so daher redet; wes Geistes Kind dieser Mensch ist? Geschenkt. Hauptsache wir dürfen unsere Scheuklappen aufbehalten. Auf der Handfessel wischen, die Knöpfe im Ohr und von schönen neuen Produkten träumen, die wir demnächst kaufen werden. Jedenfalls solange die Banken die Kreditlinien noch genehmigen.

„Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen.“ (Henry Kissinger : Imperialism and Expansionism in American History: A Social, Political, and Cultural Encyclopedia and Document Collection. Hrg. von Chris J. Magoc & David Bernstein, ABC-CLIO, 2015. S. 1236). Na, wer sagts denn. Solche Freunde wünscht man niemandem, nichtmal dem bösen Nachbarn.
Henry Kissinger ist der Mann vom 11. September. Nein, nicht vom 11.9.2001. Er war der Stratege hinter den Aktionen vom 11.9.1973. Da wurde ein demokratisch gewählter Präsident in Chile weggeputscht weil er usamerikanischen Interessen im Weg gestanden hat. Ausgetauscht wurde er gegen einen gewissenlosen Diktator und seine Junta, auf deren Konto Tausende von Gefolterten, Verschwundenen und Toten gehen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern vertrauenswürdige Freunde und ein feines Sommerwochenende.

(Photographien, nebenbei aufgenommen)