Bücherarnos leuchtende Erinnerungseruptionen

Aus den alten Archiven aufgetaucht. Eine der Bands des Schlagzeugers Jon Hiseman. Tempest – Tempest (1973), Live in London (1973) und Living in Fear (1974). Danach war aus wirtschaftlichen Gründen Schluss. Bis auf wenige Stücke meistenteils nachvollziehbar aus meiner heutigen Sicht, trotz der erstklassigen Musikanten…

„Booksellers are all rascals…“, sagte Charles Dickens. Und der hatte mit seiner umfangreichen literarischen Produktion reichlich Erfahrungen gesammelt mit seinen Verlegern. Die Beispiele, die mir von Autoren persönlich erzählt worden sind, stützen diese Aussage. Dennoch müssen nicht alle Menschen Schlitzohren sein, die Bücher herstellen oder mit gebrauchten Büchern handeln.
Die Preisvorschläge einiger Antiquare für Bücher aus der Ärmelbibliothek dienten wahrscheinlich der Prüfung meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit. Als ernstgemeinte Verhandlungsgrundlagen waren sie absurd und ich lehnte sie folglich rundweg ab.
Inzwischen verkaufe ich über eine Plattform für Literatur und es läuft. Nicht wie geschmiert, aber es läuft durchaus zufriedenstellend. Interessant sind bei den Verkäufen die persönlichen Begegnungen mit Käufern, die ihre Schnäppchen im Ärmelhaus abholen. Heutzutage werden mehr und mehr dieser privaten Geschäfte weitgehend anonym abgewickelt. Das eröffnet fraglos für beide Seiten erweiternde Möglichkeiten.
Aber die direkten menschlichen Kontakte ziehe ich dennoch vor. Die sich dabei unter Umständen ergebenden Gespräche erbringen meist interessante Aspekte.
Der Mann, der letzthin ein kleines Konvolut von Arno Schmidt gekauft hat. Das anregende Gespräch hat mich direkt zurückkatapultiert. Die Frage ist wieder aufgetaucht, warum sich in Arno Schmidts privater Bibliothek so viele Werke von Friedrich Spielhagen finden und wo sich überhaupt der Niederschlag dieser Lektüre in seinen eigenen Werken auffinden lässt. Dieser Frage bin ich schon einmal vor fast drei Jahrzehnten nachgegangen. Ohne Erfolg.

Ein früherer Schulkamerad rief letzthin an. Wir haben uns vor etlichen Jahren beiläufig auf einer Kirmes gesehen. Hatten nach der kurzen gemeinsamen Schulzeit reichlich Kontakt wegen des gemeinsamen Hobbies. Dann liefen die Lebenswege auseinander. Nun wechseln einige Mails. Photographien ehemaliger Klassenkameraden werden versendet. (Mannomann sehen da manche alt aus). Sofort fallen mir Namen von Schülern und Lehrern ein. Anekdoten auch. Und Bands und deren Musiken, die eine gewisse Rolle gespielt haben. Jon Hiseman beispielsweise. Colosseum, Colosseum II, Tempest, Barbara Thompson´s Paraphernalia. Jede Menge Musikernamen tauchen schagartig wieder auf. Und : die Qualität der Musik ist rein subjektiv und an entsprechende Kontexte gebunden.

Es geht nichts Erlebtes wirklich verloren in einem Menschenleben.

Und auch manche (seit langem ersehnten) lichtbringenden Gegenstände aus der Dingwelt sind wieder beschaffbar, selbst wenn Gesetze und Vorschriften im Interesse der Wachstumswirtschaft das gerne verhindern woll(t)en. Es werde Licht (wie früher). Und auch so lange brennbar. Für einige Cents.

Es muss ein karmisches Einwirken sein, dass ich in der Nähe einer der Narrenhochburgen mein Leben verbringe. Gut, als Kind auf dem Kindermaskenball zu den Rhythmen einer viertklassigen Dorfbeatband verlegen herumhüpfen oder später als Jugendlicher auf dem Rosenmontagszug mitfeiern, das gehörte damals dazu. Aber wenn dann das Schicksal ernst in die moralische Instanz spricht, macht man einen grossen Bogen um das ganze höchst überflüssige Geschehen.
Ich besuchte in diesem Jahr an Fastnacht ein Museum. Bis in die Ausstellungsräume wummerdonnerten die Teschnoklänge des Umzuges. Lärm und Mussestörung als Strafe für die Vernünftigen.
Ausruhend an einem Geländer, schaute ich in die Tiefe. Und wurde dabei des Tändelns eines Pärchens gewahr. Und oh Wunder, nicht ich alleine. Über eine komplizierte Spiegelkonstruktion bemerkte ich eine Person, die mir irgendwie bekannt vorkam, und die die ganze Szenerie ablichtete.
Geehrte Besucher, Leser und Gugger : Nehmen Sie sich vor Lichtbildnern in Acht. Deren Wahrnehmungen können unberechenbar überall sein. Auch ohne Helau Geschrei. Ganz im Gegenteil.

(Photographie anklicken. Es werden dann zwar keine Kamellen aus dem Bildschirm geworfen, dafür kann man gross gugge)

 

 

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Reduktionsgewinne

In der weitgehenden Auflösung der Bibliothek tönen zur Arbeit die Stimmen der Vorleser. Zwischendurch die leise aufsteigenden Zweifel. Sie gehören zum Training. Reduktion beschenkt reichlich, sie will jedoch eifrig umworben werden.
Max Volkert Martens liest ausdauernde 2350 Minuten lang das Opus Magnum Uwe Johnsons : Jahrestage. Langeweile kommt nicht auf…

Das Herz des Rechenknechtes gab den Geist auf. Schon nach der Abgabe in der sogenannten PC-Klinik stellte sich in mir eine auffällige Gelassenheit ein. Ich vergass zu fragen, wie lange eine Reparatur wohl dauern könne. Tageweise brachten die Telefonate missliebigere Neuigkeiten. Na und, es ist wie es ist. Generationen schauen mir über die Schulter aus Vergangenheiten, in denen der private Umgang und der mit einer weiteren Öffentlichkeit in ganz anderen, jedenfalls persönlicheren Formen stattgefunden hatte.

Und jetzt sitzt Du neben mir und wir fahren zurück von den Freunden weiter nördlich. Am Rand der Heide klagt man nicht über das Wetter. Man erwartet kein anderes. Wie so viele Künstler hat auch der Herr Hundertwasser nicht weggeschaut, wenn Geld knisterte. Der Bahnhof wäre eine Diskussion wert.
Die Bundesstrasse 4 pflügt durch nebeldumpfe Gegenden, vorwiegend waldicht. Neben Uwe Johnson schiebt sich Arno Schmidt in meine Gedanken. Wir fahren langsam. Ich erzähle einiges von meinem vormaligen Lieblingsautor. Seine ländlichen Erzählungen handeln hier in dieser Gegend. Als Kind war ich öfter hier. An Wochenenden mit Tante und Onkel. Ich habe eine Vorstellung von der Heidelandschaft. Und zahlreiche Erinnerungen. In all das mischen Bilder aus den ländlichen Erzählungen. Die teilweise ätzenden Sprüche gegen die hiesige Landbevölkerung. Ihre Verschwiegenheit und ihre Verschlagenheit.
Dir liegt weniger an Heidelandschaften. Bist in einer anderen Heide gross geworden in diesem Land, deren stille Abwechslungslosigkeit noch nachzuwirken scheint.
Mensch, da sind jede Menge Teiche auf der Karte. Sicher gibts da auch eine Fischräucherei. Ich hätte Lust auf ein feinfrisches Fischbrötchen. Wer mit Landkarten reist hat den besseren Überblick und erspart sich die nervendes Geplapper aus dem Maschinchen.
Da vorn rechts. In der Tat. Du hast Recht mit deiner Mutung. Zuverlässig wie gewohnt. Du vermutest dich nur selten. Die Auswahl in dem kleinen, altmodisch schlichten Ladenlokal lässt nur eine Wahl. Die Fischbrötchen sind aber auch sowas von lecker.
Gugg´ mal, die Räucheraale. Hier mit diesem Prachtexemplar würde das Abendmahl zu einem kleinen Fest.
Sag mal, ganz hier in der Nähe steht das Haus von Arno Schmidt. (Man stelle sich vor: auf der Generalkarte aus den 1990er Jahren ist an der Ecke B4 – B244 noch immer Großer Kain zu lesen. Auch dies der Titel eines Feinkleinwerkes von Arno Schmidt.)
Wir hatten zwar eine andere Route geplant. Aber die kleinen Abenteuer ergeben sich auf Umwegen.
Ich war ewig nicht mehr in Bargfeld. Verfahre mich auch prompt. Aber in einem Kaff mit vier Strassen ist das ein zu vernachlässigendes Problem.
Mensch, ist das Grundstück eingewachsen. Man sieht das Holzhaus fast garnicht mehr. Wart mal, ich dreh um, dann steigen wir mal aus für ein paar Fotos.
Du vermutest dich wirklich sehr selten. Es war diese vermaledeite kleine Kante zwischen Weg und Acker. Der Wagen sitzt fest. Mir fallen sofort einige Anekdoten ein. Wie Arno Schmidt sich auslassen konnte über Leute, die an seinem Zaun entlang waberten. Bissig konnte er sein, der Solipsist in der Heide.
Nach einigen Versuchen steht fest, dass wir alleine die Karre nicht freikriegen würden. Klinkenputzen und klingeln.
Ja, da fragen Sie am besten beim Nachbarn.
Oh, ich würde Sie gerne rausziehen. Ich mach das ja immer gerne. (Immer? Klingt da Schadenfreude mit?) Aber unser Trekker ist in der Werkstatt.
Wen würden Sie uns denn empfehlen?
Joh, versuchen Sie das mal bei …
Wo mag sich das Landvolk am frühen Nachmittag wohl aufhalten. Nichts rührt sich nach den verschiedenen Klingeln. Dort vielleicht? Unfreundliche Windböen und der fisselige Nieselregen. Da, plötzlich kommt ein Lärm näher. Ein Monstrum von einem Traktor holperbrüllt um die Ecke. Stampft eilends auf uns zu. Der Fahrer scheint unser Winken zu ignorieren. Nochmal vierhändig. Vollbremsung. Genau neben uns. Wir erklären. Fragen und bitten. Ohne Kommentar donnert er mit seinem Ungetüm auf den Hof. Holt den Wagen aus der Garage. So richtig verstanden haben wir beide nicht, was da jetzt abgeht. Verschwindet mit dem Wagen irgendwo hinten auf dem Hof. Stille. Siestazeit in einem Heidenest. Wieso kommt der nicht mit einem Traktor zum Rausziehen?
Zackig kommt er plötzlich im PKW vom Hof und rasant auf uns zugedüst. Wir steigen ein. Der Mann fährt wirklich schnittig. Redet nichts. Wozu auch. (Das sind die Ahnungslosen aus der Stadt, die zu diesem verrückten Schreiberling pilgern) Holt die schwere Kette aus dem Kofferraum. Ein Klacks für einen Profi.
Vielen Dank. Wir möchten uns gerne erkenntlich…
Er schneidet mir das Wort ab: Macht zehn Euro!! Ich zahle und bekomme verabschiedend noch den kostenlosen Hinweis: Und machenSe das nich wieder.
Leicht durchnässt aber froh setzen wir unsere Reise fort. Der Aal zum Abendessen war ein natürlich Gedicht.

Der Rechenknecht muss wieder neu eingerichtet werden. Mit dem, was nicht verloren gegangen ist. Manches lässt sich wieder rekonstruieren. Anderes nicht. Auf dem Bau habe ich schon als Schüler gelernt: ein bisschen Schwund ist immer. Schadet ja auch nichts. Wenn ich mir bei den langweiligen Arbeiten nicht Uwe Johnson vorlesen lasse, lese ich selbst. Arno Schmidt? – Allerdings! Die kleineren Stücke. Aus der Inselstrasse. Oder die Stürenburg Geschichten. Und natürlich die ländlichen Erzählungen.
Im Zug der Reduktion steht die teure Vorzugsausgabe zum Verkauf. Heute Morgen erst fand ein erfolgreiches Verkaufsgespräch statt in Sachen der dritten Werkgruppe der Bargfelder Ausgabe. Ich habe letzthin in einem öffentlichen Bücherschrank einige der alten, lieblos gemachten Taschenbücher des Fischer Verlages gefunden. Die zerfleddern zuverlässig beim umblättern der Seiten.
Das macht aber nichts, weisst du. Wenn wir wieder einmal zusammen auf eine Entdeckungsfahrt gehen, stecke ich mir eins oder zwei davon in den Rucksack. Und wenn ich den Wagen dann wieder in einer Feuchtwiese versenken sollte entgegen deiner Mutung und es obendrein draussen regnet, dann lese ich dir eine dieser kleinen Schmidtchen Paradestückchen vor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein aufs Wesentliche reduziertes Wochenende.

(Photographien OoC, da sich meine Bildbearbeitungsprogramme beim Festplattentod grusslos verabschiedet haben)

 

 

 

Sich selbst oder anderen Menschen mit Freude (einen) Druck machen

Eine private Kompilation und ewig nicht mehr gehört. Und berührt noch immer: Pearl Jam – A Bunch of Covers…

Es spricht sich allmählich herum, dass ich derzeit auf ungewöhnliche Weise meine Bibliothek verkleinere. Ich verschenke meine Bücher hauptsächlich. Dabei fällt mir hin und wieder ein lange nicht beachtetes Exemplar in die Hände.
Aber darum geht es in diesem Beitrag (noch) garnicht.

Ich habe beim Buchhändler meines Vertrauens ein höchst originelles und überaus brauchbares Buch gefunden. Fast schon ein bibliophiles Juwel. Es vereinigt in sich dreierlei Eigenschaften, die sonst nur zu selten gleichzeitig zu finden sind.
Erstens ist es überaus liebevoll und ästhetisch gestaltet. Es leitet zweitens zu ebenso kreativem wie originellen Tun an. Und drittens wird dies auf sehr anschauliche Weise vermittelt.

Die beiden Autoren zeigen, wie in ihrer eigenen Küche eine Druckerwerkstatt entsteht. Und sie demonstrieren, wie feine Drucke auch ohne komplizierte Prozesse, ohne teure Druckerpressen oder gefährliche Chemikalien zuhause in der eigenen Küche entstehen können. Und sehr preiswert ist die Herstellung der Drucke obendrein. Insofern kann man das Werk ein praktisches Handbuch nennen. Oder eine hervorragend gestaltete Druckanleitung.

Die beiden Künstler führen vor, wie nach ihrer Methode Papier kunstvoll bedruckt werden kann. Postkarten, Bilder, Einladungen, Geschenkpapiere, Pappkartons, Sticker, Notizhefte, Buttons, Girlanden et cetera pp. Postergrosse Formate sind ebenso wenig ein Hexenwerk wie mehrfarbige Drucke.
Aber nicht nur Papier kann man auf diese Weise bedrucken. Nach der gleichen Methode lassen sich auch Textilien verschönern und individualisieren. Shirts, Stofftaschen, Kissenbezüge oder alle möglichen Tücher für verschiedene Zwecke sind nur einige Beispiele.
Selbst Holz kann man bedrucken. Und sogar Luftballons lassen sich auf diese Weise noch origineller gestalten.
Im Text wird zu den einzelnen Druckarten jeweils auf spezifische Besonderheiten der Trägermaterialien hingewiesen. und darüberhinaus gibts noch jede Menge praktischer Tipps zur handwerklichen Arbeit.
Überraschend war für mich, dass man auch in der Badewanne oder auf Fensterscheiben drucken kann. Ganz im Ernst.

Die Macher sind junge Gestalter bzw. Illustratoren, die ihr Handwerk in einem soliden Studium erlernt haben. Im Netz finde ich Informationen, dass sie mit ihrem Buch auch auf der frankfurter Buchmesse positives Aufsehen erregt haben, sodass sie bereits mehrfach in regionalen Fernsehsendungen ihr Buch und praktische Beispiele daraus präsentieren konnten. Ausserdem geben sie Seminare für ganz unterschiedliche Zielgruppen.

Wer also auf ganz besondere Art und Weise kreativ schaffen möchte, alleine oder mit anderen, der schaffe sich dieses Buch an. Überhaupt ist das Buch auch eine prima Geschenkidee.

Laura Sofie Hantke, Lucas Grassmann: In unsrer Küche wird gedruckt. Kreative Kleinauflagen handgemacht. Verlag Hermann Schmidt, Mainz. 115 S., 2016.

Der Webauftritt von Hantke und Grassmann: www.studio-lula.com
Der Webseite entnehme ich, dass schon am kommenden Samstag ein Seminar in Köln stattfinden wird.

(Am liebsten hätte ich hier das ganze Buch fotografisch abgebildet, so gut gemacht und anschaulich finde ich es. Aber das geht natürlich nicht und so müssen einige Eindrücke genügen)

 

Die Reduktion der sogenannten bürgerlichen Mitte

Am vergangenen Wochenende wiederentdeckt: Frank Zappa – Hot Rats (1969)…

Das wahlberechtigte Volk hat gewählt. Ich auch. Und jetzt fragen sich viele, wer denn wohl der drittstärksten Partei seine Stimme gegeben haben mag. Ich nicht. Aber eigentlich, versteht sich, ist das doch fast jedem klar. Andererseits aber eben doch nicht, denn von den derzeit vorliegenden Statistiken wird fast jede dieser Spekulationen widerlegt.
Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich habe sowieso andere Fragen. Wer beispielsweise, der einigermassen sehenden Auges in die eigene Zukunft oder die seiner Kinder schaut, hat mit seiner Stimmmacht die Wiederauferstehung dieser allerüberflüssigsten gelben Partei ermöglicht? Denen Europa im hinteren unteren Süden vorbeigeht; die sich nichts sehnlicher wünscht als die Wiederkehr des wirtschaftsfeudalen Mittelalters. Denn dieses Ziel haben sie neben anderen in ihrem Wahlprogramm versprochen.

Von den Grünen kann man schweigen, denn deren Eliten arbeiten bekanntlich seit einigen Jahren bereits dafür, mit der Fähigkeit des Chamäleons endlich den eigenen Vorteilen zuliebe nach Belieben und Nutzen von grün zu gelb changieren zu können.
Bleibt die SPD mit ihrem Herrn Schulz. Ja dem, der mächtig retuschiert mit den eisblaukalten Augen von den Wahlplakaten stierte. Wer die Berliner Runde verfolgt und ihm zugehört hat, der weiss wie beleidigte Charaktere als Verlierer keifen und nachtreten können. Und vorgestern verkündete er im Seeheimer Kreis der SPD, dass man bei den nächsten Bundestagswahlen mindestens 40% holen werde. Dass manchen Sitzungsteilnehmern die Luft aus den schon vorher mächtig aufgeblasenen Backen entwichen ist, wen wunderts. In Sachsen, einst eine der Hochburgen der SPD gibt es Wahlkreise, da erreichte diese Partei nicht mal mehr 10%.
Ich fragte mich seinerzeit, warum der Mann, der als Präsident des Europäischen Parlamentes weit über eine Viertelmillion Euro im Jahr verdient (ohne Sonderzulagen versteht sich), warum der sich als Kanzler mit gerademal der Hälfte zufrieden geben will. Aber spätestens nach seinen beleidigten Reaktionen wurde es mir klarer. Der wollte ja ursprünglich Kommissionspräsident werden. Hat aber nicht hingehauen, den Posten hat sich Jean-Claude Duncker geschnappt. Manche Stimme lassen verlauten, dass er schon als Parlamentspräsident hoffnungslos überfordert gewesen sei. Aber Macht will mehr Macht. Vielleicht sollte der ehemalige Bürgermeister einer kleinen Stadt mit 38.962 Einwohnern (nach dem Stand vom 31.12.2015) wie der vielberufene Schuster bei seinem Leisten bleiben. Derzeit laufen schon Wetten, ob er im November überhaupt noch Chef der SPD bleiben wird.
Sodann ein Bundespräsident, der öffentlich allen Ernstes feststellte, dass „die Statik der Demokratie“ in diesem unseren Land nicht mehr stimmen würde. Und dass man erforschen müsse, was die Menschen so missmutig stimme. Hinter welchen Monden hat dieser Mensch in den letzten Jahren eigentlich gelebt? Seine Partei hat unter dem verhalten wohlgefallenen Nicken von CDU und FDP dem Sozialstaat endgültig den Garaus gemacht. Als Erstwähler damals vor Jahrzehnten bewunderten wir Willy Brandt und stimmten für seine SPD. Doch wie verkommen ist diese Partei inzwischen. Was ist geblieben vom Gothaer Programm oder gar vom Erfurter Programm? Ob diese Programme, ausser dem Namen nach, noch jemand kennt in der SPD?

Die Parteien an den Rändern legen zu, denn die Mitte unserer Gesellschaft ist weggebrochen. Gegen Ende der Weimarer Republik begann ein ähnlicher Prozess. Das Problem der Spaltung der Gesellschaft jedoch ist nicht das ewig bedauerte Wegbrechen der Mittelschicht, sondern die generelle Krise und der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft. Angeheizt wird der beschleunigte Verfall durch den kranken Glauben an ein ewiges wirtschaftliches Wachstum. Fast jeder Mensch glaubt an das unausgesetzte Wachstum, weil es ihm vorgaukelt, er hätte die gleiche Chance wie die ewigen Gewinner. Hat er aber nicht. Und letztendlich fühlt es die Seele eines gesunden Menschen, dass wirtschaftliches Wachstum (oder mehr Wohlstand) nicht das Gleiche ist wie das Wachstum der eigenen Persönlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaftsform ist dabei das eigentliche Problem. Gerade mal zweihundert Jahre alt, hat sie, wie keine der früheren Gesellschaftsformen, unsere Erde und die Menschheit an den Abgrund gewirtschaftet.

Die Globalisierung ist reduziert auf rein wirtschaftliche Prozesse. Kolonisation mit anderen Mitteln als noch vor Jahrhunderten. Geschickter aber auch perfider. Rücksichtlose Ressourcenausbeutung. Privatisierung des Trinkwassers. Beispielsweise sind die Bodenschätze in Syrien längst verhökert – für prosperierende Geschäfte in der Zeit „danach“.
In unseren Breiten zum Beispiel ist das die knallharte und unmenschliche Ausbeutung der Arbeitskraft und Entrechtung der Arbeitnehmer. Und zwar in allen Etagen der Hierarchien. In allen? Nein, die Eliten sind davon selbstverständlich ausgenommen. Neben denen sind die Gewinner dieses sterbenden Systems seit Jahren nur die Eigentümer von Aktien und Schuldverschreibungen. Dem Rest der Menschen, im Grunde genommen die Milliarden Habenichtse rund um den Globus, wird nach Belieben mit Verarmung gedroht oder einfach das Geld entwertet. Und dies nicht bloss auf inflationären Wegen.
In Deutschland merkt man das erst jetzt ganz sanft. Einschnitte ins soziale Netz spüren die meisten Menschen hier noch garnicht am eigenen Leib. Das wird erst in den nächsten Jahren noch kommen. Stichwort Rentnerarmut. Aber das ist bloss der Anfang. Die Menschen werden jedoch medial schon dafür vorgeknetet. Damit man sie, wenn es dann soweit ist, leichter formen kann.
Und wie das mit den Menschen in unserem Land konkret veranstaltet wird, kann man am Programm und den Einschaltquoten der privaten Fernsehsender sehen und auf den meisten Radiosendern hören. Eine tagtäglich erbärmliche Wiederholung der stetigen Niveauabsenkung. Gezielte und gesteuerte Hirnerweichung und Seelenverbiegung.
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(Ich weiss zwar nicht, wer trommeln wird, gepfiffen jedoch wird bereits)

Reduktion? Nicht bei Herzensfreude und Schönheit

Wetter fast wie im April. Nur heisser. Passend dazu: Peter Hammill – All that might have been (2014). Die fetzigen Nummern für das Matratzenlager im nachtschwülen Partykeller: Knockout Rockin´ (Collector CD. Thanks to RYP). Nach über einem Jahrzehnt erneut eine solide Facharbeit: Procol Harum – Novum (2017)…

Die Ausstellung ist nun beendet. Vor den Organisatoren und beteiligten Künstlern ziehe ich meinen Hut und danke allen Machern und Mitmachern herzlich für ihr grosses Engagement. Sponsoren unterstützten die Vernissage und Ausstellung grosszügig. Das Interesse des Publikums in dem begrenzten Umfeld war beeindruckend. Positive Presseberichte waren erfreulich zu lesen. Wenn während der Ausstellungstage zudem Kunstwerke verkauft worden sind oder Anschlussaufträge folgten, dann war die Freude perfekt.
Die Aussenwand mit dem grossen Graffiti wird noch bis zum Abbruch des vormaligen Supermarktes zu bewundern sein. Über einen dauerhaften Standort wird derzeit nachgedacht. Das Sprühteam um Manuel Gerullis hat mit seiner künstlerischen Street-Art in diesem Jahr zudem den Kulturpreis der Stadt Wiesbaden gewonnen.

Mich haben die Gespräche inspiriert. Sowohl die mit den Künstlern als auch mit interessierten Guggern. Natürlich gibts da auch merkwürdige Begegnungen. Aber das sind für mich dann die eigentlichen Sahnehäubchen. So beispielsweise eine kenntnisreiche ältere Dame angesichts eines meiner Wasserbilder.

Das ist aber schön gemalt. Das ist mit Photoshop, gell?
Das ist eine Fotografie. Alles ohne Photoshop.
Doch, das ist Photoshop.
Das ist eine ganz normale Fotografie. Da ist nichts zusätzlich manipuliert.
Ja, das sehe ich auch, dass Sie das abfotografiert haben. Aber es ist trotzdem schön gemalt.
Das ist kein Gemälde. Ich habe das so fotografiert, wie ich es gesehen habe. Es ist die Spiegelung einer Wasser – –
Ja nein!, aber…
(manchmal kehrt die Stille von selbst ein).

Allzu still wirds jedoch nicht werden. Die Vorbereitungen für eine Einzelausstellung zu Beginn des nächsten Jahres werden schon in Kürze beginnen.

(Fotografien. Die obere und die untere sind Einzelbilder. In der Mitte ist es wie gewohnt eine Galerie. Anklicken und gross gugge)

Reduktion der Befehle – Die Meditation der Frösche

Als progressive Rockmusik noch progressiv war: Traffic – The Low Spark of High Heeled Boys (1971). Und nun zum Nachmittagstee: Julie Driscoll with Brian Auger & The Trinity – Streetnoise (1969)…

Wo die Natur scheinbar verschwendet, dient letztendlich alles der Erhaltung natürlicher Kreisläufe. Arterhaltung, Nahrungsketten und Prachtentfaltung. Wachsen, blühen und vergehen als Grundlagen des Seins.
Die dritte Amselbrut ist nun flügge geworden und hat das Nest und den Hinterhof verlassen. Dreimal drei kleine Amseln in den letzten Monaten. Vielleicht werden zwei von ihnen überleben. Die anderen werden dem Kreislauf der Natur einverleibt werden.

Wie anders dagegen arbeitet die menschliche Natur. Verschwendung bedeutet hier Ausbeutung und Zerstörung. Zur letztendlichen Gewinnmaximierung von einigen wenigen Nimmersatten und Gierhälsen. Geleistet aber wird die ganze Arbeit von den unüberschaubaren Herden der Konsumenten weltweit. Deren Verhalten wird herangezüchtet und dressiert durch immer zahlreicher auf uns einprasselnde Imperative.

Hol´ dir!
Verpass´ nicht!
Entdecke! Finde! Spare!
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Grammatische Befehlsformen, die irgendwann das gesunde Bewusstsein eines Menschen infizieren. Dann hält man den eigenen Konsum für Bescheidenheit und zeigt mit dem Finger auf all die anderen Verschwender. Oder man beneidet sie um ihre  Konsumartikel und vergisst ganz rasch die eigene angebliche Bescheidenheit. Eine weitere Erscheinung ist die diffuse Ablehnung der Bataillone von fremden Menschen, die in ihren Heimatländern bereits auf ihren Koffern sitzen und von den Konsumparadiesen der uns umgebenden Länder träumen.
Denkbar jedoch auch, dass man sich das Vergnügen leistet, all´ die Orte und Produkte bewusst zu vermeiden, die einem per Befehl eine Leistung abverlangen. Das kostet nicht nur nichts, sondern man spart sich recht schnell ein erkleckliches Sümmchen. Und Freude macht ein solches Abenteuer  garantiert.
Das Hamsterrad, in dem man sitzt, dreht sich immer nur so schnell, wie man selbst darin läuft.
Man kann es sogar verlassen. Dazu muss man jedoch auf die eigenen Beine stellen. Und sich orientieren können im eigenen Leben.
Was die Frage aufwirft, warum sich Menschen überhaupt verirren können. Ich glaube manchmal, dass Umwege und Irrwege die Gelegenheiten schaffen, dass man seine Ortskenntnis erweitert.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sommerfeines Wochenende. Und wer weiss, vielleicht werden Sie irgendwo sogar meditierende Frösche entdecken.

(Foto anklicken und grosse Bilder sehen)