Erstaunliche Beobachtungen auf zehn Quadratmetern

Wiederanhörungen. Was hat noch Gültigkeit? Reihenweise verlassen Scheiben das Musikalarchiv.
Bleiben wird: Billy Cobham – Crosswinds (1974)…

Die Schwalben haben ihre Nester verlassen. In diesem Jahr ist der Sommer schon vor dem Hochsommer vorüber. Ich hoffe auf einige weitere sonnige Tage. Immerhin konnte eine Schwimmrunde im Rhein stattfinden.
Im öffentlichen Bücherschrank die „Auto“biografie von Marilyn Manson gefunden. Das meiste hat wohl ein Redakteur des Rolling Stone zusammengeschrieben. Ich kenne keine Musik dieser Kreatur. Ein Klon zwischen Sylvesterrakete und Lumpensammler. Das typische, der beiden möglichen us-amerikanischen Schicksale. Ein kleiner, hässlicher Versager, der sich geschworen hat, es eines Tages allen zu zeigen. Was bringt einen Mensch dazu, sich nur um aufzufallen den Familiennamen eines gewissenlosen rechtsradikalen Massenmörders zuzulegen.
Der Zweite Weltkrieg kostete etwa 50 Millionen Menschenleben. Die aussenpolitischen Aktionen der US-Amerikas kosteten seit dem Zweiten Weltkrieg geschätzte 30-40 Millionen Menschenleben weltweit. Ich bin noch auf der Suche nach der genauen Quelle, bzw. exakteren Zahlen. Das geistferne Druckwerk liegt inzwischen in der Altpapiertonne.

Viel Balzac gelesen in letzter Zeit. Die menschliche Komödie. Das hält fein vom Bloggen ab. Erstaunlich aktuell erscheinen viele Beschreibungen Balzacs. Es scheint sich wenig geändert zu haben in den letzten zweihundert Jahren. Oder zweitausend.
Hauptsache das Bewusstsein schläft. Das nutzt Produzenten wie Konsumenten. Und den Politikern ists allemal recht.
Die alltägliche Einbildung vieler Menschen, informiert zu sein.
Ein balltretender Gladiator wechselt die Arena für eine Viertel Milliarde Euro.
Die Condottieri, die Söldnerführer des ausgehenden Mittelalters heissen heute Topmanager. Niemandem verpflichtet ausser dem Eigennutz. Vor allem dem eigenen. Verantwortungslos wird die Welt belogen und betrogen. Die Zeche zahlen die anonyme Menschenmasse. Arbeitsplatzvernichtung, Zerstörung des privaten Lebens; die Kollateralschäden des Wachstums. Früher segnete die Kirche die Auswüchse der Herrschenden. Heutzutage haben die Unternehmensberatungen dieses profitable Geschäft an sich gerissen. Schlimm nur, dass der Kleinbürger glaubt, in diesem Spiel eine reelle Gewinnchance zu haben. Auch mal gewinnen zu können. Naja, so einer, wie Marilyn Manson vielleicht.
Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr.
Und alle halbe Jahre gibt es ein neues Konsumprodukt für die Müllhalde, das niemand wirklich braucht. Dann ziehen die gekauften Werbesöldner durch die Lande und irrlichtern mit Kaufgründen. Und was hatten wir seit unserer Kindheit schon alles an Fantastischem gehabt, was seit Jahren nicht verrotten kann. Hot Wheels, Silly Putty, Pez-Boxen, Hüpfbälle, Flummis oder Knuffls um nur ein paar frühe Artikel zu nennen.
Und schon daddelts auf dem Einsamkeitsverwischfon. Die Werbung ist in den Einfachhirnen verankert und beginnt zu wuchern. Das nennt man heute Kommunikation. Ein menschliches Gegenüber aus Fleisch und Blut kann man sich mit keiner Handfessel herbeiwischen.

Der konsequente Verzicht auf die Nachrichtenmedien tut gut. Es kehrt Ruhe ein in den Falten der Seele eines modernen Menschen. Zurück zum Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Dahin, wo das must-have oder must-go-to keine Bedeutung hat. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen statt von Floskeln, Icons oder Gefällt-Mir-Klicks. Den Gefühlsausdruck des Mitmenschen erleben.
Ich merke es daran, dass ich in den letzten Monaten mindestens fünfzehn bis zwanzig Beiträge in diesem Blog nicht mehr geschrieben habe. Angefangen und spontan aufgehört.
Nur das Negative zu schreiben, das können viele Blogger besser als ich. Und die schönen Ereignisse, die wundervollen Entdeckungen und prächtigen Momente sind mir wieder dermassen kostbar geworden, dass ich sie nur mündlich teilen mag. In den Gesprächen, bei denen niemand unablässig aufs Daddelfon schielen muss. Oder im Garten zuschauen, wie sich die neuen Weinbergschnecken heimisch machen. Erstaunliche Beobachtungen sind möglich auf zehn Quadratmetern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern weiterhin noch ein paar feine sommerliche Tage.

(Fotografien zur Illustration. Klick öffnet die Galerie)

 

Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

(Fotografien anklicken. Die Galerie öffnet sich rund um die Uhr)

Fünf gerade machen

Wilde Mädels: Cobra Killer – Uppers & Downers (2009). Nach dem energetischen Auf und Ab zurück in die sicheren Gefilde des Progrock: Genesis – The Lamb lies down on Broadway (1974)…

Früh erwacht. Nicht zu früh, aber dennoch war die Nacht zu kurz. Das lange Telefonat mit dem anregenden Austausch. Im Aufwachen Erinnerungsfetzen daran. Unterm Blauhimmel wabern Nebelschwaden. Vielleicht sollte man im Älterwerden an die Gründung einer WG denken. Mit welchen Inhalten und Zielsetzungen wäre die zu beleben? Die idealistischen Vorstellungen der Jugendjahre lassen sich nicht einfach wiederholen.
Am Flatterband der Gedanken nach draussen. Es ist kalt, die frische Luft riecht nach Schnee. Nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal eine morgendliche Vorfrühstücksradfahrt zum Wachwerden. Eine Fünf-Brücken-Tour. Der letzte Nebel auf den Wiesen am Fluss. Am Ufer haben etliche Binnenschiffe festgemacht. Das monotone Klopfen der Dieselmotoren um die Akkumulatoren aufzuladen. An der meistbefahrenen Schleuse Deutschlands herrscht schon reger Betrieb. Die meisten Schiffe haben eine hohe Ladelinie. Die Schiffer warten auf Frachtaufträge. Auf der Maaraue läuft mir beinahe ein Hund ins Rad. Den interessiert nicht das Hierherhierher-Geschrei seines Leinenhalters.

Auf dem Rhein findet die Prüfung für einen Bootsführerschein statt. Das Publikum steht am Ufer. Fachkundige Handbewegungen. Der schneidende Krach eines hochdrehenden Motors schrillt durchs Unterholz. Auf einer versteckt liegenden Wiese Fahrversuche mit dem ferngesteuerten Modell eines Geländewagens.
Das neu aufgestellte Denkmal zur Erinnerung an das gefährliche Handwerk der Rheinflösser. Die allerletzte grosse Flösserei aus dem Schwarzwald fand 1968 statt. Grosse Flossverbände waren bis dreihundert Meter lang. Mit dem Denkmal wird an die lokalen Flösser erinnert. Die letzten Hiesigen verloren 1964 ihre Arbeit.
Die zahlreichen Rheindurchstiche zur Begradigung des Stroms im vorletzten Jahrhundert waren damals das grösste Bauprojekt Deutschlands. Seitdem soll es auch keine Fälle von Malaria mehr geben. Der fielen viele Menschen zum Opfer, die an den Ufern des Rheins lebten.

Gegenüber die Vedute der Stadt Mainz. Auch diese Stadt hat ihre Zwillingstürme. Am linken Rand des Sichtfeldes, also im Süden erhebt sich der Turm von St. Stephan. Erinnerung an eine innige und glückliche Stunde in der vergangenen Woche. Marc Chagall war 95 Jahre alt, als er die zauberhaften blauen Glasfenster entworfen hatte. Sonnenschein taucht das Kirchenschiff in kühles Blau. Das eigene Wärmeempfinden wird dadurch nicht berührt.

Von der Eisenbahnbrücke, der fünften auf meiner morgendlichen Runde, schweift der Blick hin zur Mainspitze. In dieser klimatisch angenehmen Gegend siedeln seit vielen Jahrtausenden Menschen. Vormals reichte das Delta des Neckars bis fast hierher. Die Menschen fanden in den weitläufigen Flusslandschaften ideale Lebensbedingungen.
Ich freue mich auf ein Frühstück. Die alte Landstrasse zwischen den beiden Städten war in meinen Kindertagen von einer beeindruckenden Kastanienallee gesäumt. Die meisten davon mussten der Verbreiterung der Strasse weichen.
Auf meiner letzten Etappe wird die Strasse von der Autobahn unterbrochen. Einige der verbliebenen alten Kastanien leuchten schwach im Morgendunst. Fünf-Brücken-Tour. Das bedeutete in lange vergangenen Zeiten einen ausgedehnten Sonntagsspaziergang. Von daher hat sich auch die Bezeichnung erhalten. Ich muss jetzt aber noch die Autobahn überqueren. Die sechste Brücke. Und auch diese Brücke gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten.
Es dauert manchmal lange, bis die Sprache an die veränderten Gegebenheiten angepasst wird. Sowohl im Allgemeinen wie im Besonderen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine unangepasste Woche, wo immer das möglich sein wird.

                                                                 (Fotografie anklicken und die Bilder vergrössern)

 

Oktober wars gestern noch

Ian Anderson ist in meinem musikalischen Kosmos eine feste Grösse. Ich bewundere seine enorme Musikalität und hervorragende Qualitäten als Songschreiber. Egal ob solo oder als Kapellmeister von Jethro Tull. Sein letztes Soloalbum ist ein Streifzug durch die englische Geschichte in fünzehn Liedern: Ian Anderson – Homo Erraticus (2014)…

Also, ich bin ja in dem Nest hier gross geworden. Was waren wir Jungs froh, wenns endlich Frühjahr wurde und auf den Bächen das Eis brach dort drunten im Wiesengrund. Dann konnten wir endlich die Angeln ausm Schuppen holen. Wir sind auf Schleien und kleine Barsche gegangen.
Und im Sommer kam jedes Jahr wieder der fahle Jim Youlden aus Halesworth mit seinem Traktor vorbei, der hatte hinten dran sonen Aufbau, weisst du, wo die heute ihren Überrollbügel haben. So nen Aufbau hatte der, das warne Bandsäge. Der hielt gerade hier gegenüber am Anger und sägte gegen kleinen Lohn den Bauern ihr Holz für den kommenden Winter.
Auch den paar Angestellten, die drüben in der kleinen Fabrik arbeiteten. Die hatten ja nix in den Muckis, verstehst du. Die Arbeiter, die hackten ihr Holz, akkurat in kleinen Scheiten, die sie in ihren Ställchen aufschichteten.
Sei doch mal ruhig, Jack!

Na und im August kochten die alten Weiber im kupfernen Waschkessel das Pflaumenmus, das musste drei Tage und Nächte ununterbrochen gerührt werden. Dass den alten Frauen die Arme dabei nicht einschliefen, dafür wechselten die sich ab. Aber so müde die manchmal auch waren, die schwätzten und schwabbelten tagelang.
Da sind wir einmal drüben in die Waschküche von dem Wilburn, der lebt ja nun auch seit Jahren nicht mehr. Dort hatten wir dummen Schlingel von unten den Kessel nachgeheizt und die Alten haben nichts mitgekriegt, so waren die am salbadern, nachdem sie sich über Kathys Geistermärchen entsetzlich erschrocken hatten. Und auf einmal gabs ein Mordsgeschrei weils plötzlich so sehr im Kessel dampfte und das Mus zu kochen anfing. Das ist uns der olle Wilburn vielleicht mit der Mistgabel nach.
Iss ja gut, alter Junge, die Pfeife ist eh gleich aus.

Naja und dann um diese Zeit im Oktober kam jahrein jahraus der Krautschneider. Der ging mit seinem Gehäcksel von Hof zu Hof und schnitt den Bauern hier das Kraut, das die Frauen dann in die Fässer einlegten. Das weiss ja heute keiner mehr. Klar gabs hier jede Menge Kraut zu essen. Das wird gerne vergessen. Nachher im ersten Krieg wurden die verdammten Deutschen zu den Krauts, die sie heute noch sind. Und da gabs tatsächlich Leute hier, die lieber Kohldampf schoben (woher kommt dieses Wort eigentlich?) als den verdammten Kohl zu essen.

So verging das Jahr und hatte seinen eigenen Rhythmus. Dauernd war was los, ununterbrochen musste man rackern um über die Runden zu kommen. Und die schweren Pferde waren der Stolz jedes Bauern. An Kirchweih wurden sie gestriegelt und geschmückt. Das schönste Kaltblut wurde gekürt und sein Besitzer durfte sich zwei Tage lang umsonst die Kanne geben.
Für euch jungen Leute wollten wir ja, dass das alles mal einfacher werden sollte. Das war nämlich manchmal ganz schön hart hier und am Ende hattest du nicht mal nen Schilling, um im „Postillion und Hufeisen“ nen Pint und nen Gin zu nehmen am Sonntag nach der Kirche.
Brr, steh doch mal ruhig, alter Junge.

Ich mag diese Jahreszeit im Oktober am liebsten, wenn morgens die Nebelschwaden so richtig nassfeucht aus den Feldern aufsteigen. Die letzten Äcker sind gepflügt. Die Geräte werden danach überholt. Der Winter mit seinen harten Winden fegt noch nicht übers Land. Es wird schon früher dunkel aber an einem sonnigen Tag leuchtet das bunte Laub und erhellt dir deine Seele für die langen Wintertage.

Der alte Jack hier, der mag den Winter auch nicht gerne, der geht lieber raus und arbeitet so wie ers schon sein ganzes langes Leben lang getan hat, nicht wahr, Jack. Er ist jetzt das letzte Kaltblut hier im Dorf. Er ist ein Shire, schau mal, er spürt, dass wir von ihm reden, der hat ein Stockmass von einem Meter sechsundneunzig. Hey, und ich bin ein Mann von aufrechten einsvierundachzig. Aber gegen Jack bin geradezu ein Männchen.
So, ich muss jetzt aber wirklich weiter. Ich will nachsehen, ob die Kühe noch einige Nächte draussen bleiben können. Jack braucht auch noch seinen kleinen Ausritt am Abend. Vielleicht treffen wir uns ja nachher noch mal im „Postillion und Hufeisen.“
Dann singen wir gemeinsam das Lied von den stolzen englischen Pferden – von den Kaltblütern – – –
Hüü Jack, komm alter Junge, iss ja gut . . . .

Kaltblüter – Jethro Tull (1978)

Eisenbeschlagen, leichtfüssig, trabstaubwirbelnd,
Ein Oktobertag, gegen Abend
Schweissig erhabene Adern stemmen sich stolz gegen den Pflug
Auf dem mächtigen Brustkorb trocknet Salz an der Luft
Letzter eines Schlages – nach ehrlicher Tagesmüh´
pflügst du die Scholle unter
Feuerstein an der Fessel, ackerst und schaffst
Fliegen fleddern an deinen Nüstern
Der Suffolk, der Clydesdale, der Percheron sie wetteifern

neben dem Shire mit seiner wehenden Mähne
Nadelholz in die Abenddämmerung schleppziehend
um dann auf einem warmen Lager aus Stroh zu ruhen

Kaltblüter, bewegt die Erde unter mir
Hinten rackert der Pflug rutschend und schiebend
Nur wenige sind jetzt noch übrig
Es gibt nichts mehr zu schaffen
Der Traktor ist auf dem Vormarsch

Lass mich dir ein Stutenfohlen finden für deinen würdigen Samen,
um den alten Schlag zu erhalten
Und wir werden Seite an Seite stehen tief im Wald,
hinten wo die jungen Bäume wachsen
Um dich
vor den Blicken zu verbergen, die sich über deine Grösse lustig machen
und dein Stockmass über einsneunzig
Und eines Tages wenn die Ölbarone auf dem Trockenen sitzen und

Die Nächte draussen kälter aufziehen
Dann werden sie um deine Stärke bitten und deine sanfte Kraft
deine edle Anmut und deine Haltung
Und du wirst dich noch einmal ins Zeug legen zum Gesang der Möwen
im Geschirr vor dem Tiefpflug, furchpflügend.

Wie Panzer auf der Kuppe des Hügels stehend
Aufrecht dem kalten Wind offen zugewandt
in steifem Zuggeschirr, erdverbunden
Gegen die niedrige Sonne weit ausgreifend
Bringt mir ein Rad aus eichenem Holz,
Zügel von poliertem Leder,
Ein Kaltblut und einen aufgewühlten Himmel,
der schweres Wetter zusammenbraut
Bringt ein Lied für den Abend,
Blank gewienertes Messing blitzt im Morgengrauen
über  glitzrige Äcker wie Dunst auf einem Wiesenteppich
In diesen dunklen Städtchen liegt das Volk im Schlaf
wenn die Kaltblüter vorbeidonnern,
um die niedergehende Kleinstadt wach zu rütteln
durch den herzbeseelten Schrei des Reiters

Die alten Hände beleben sich augenblicklich – – –
Bring´  Hufkratzer, Strohbündel und Striegel
Begeistere dich an all den Klängen,
Die Kaltblüter kommen nach Hause.

Originaltext: Ian Anderson
Das Lied ist erschienen auf: Jethro Tull – Heavy Horses (1978)

PS:  Wer sich für Pferde interessiert, kann im Netz nach Fotos vom Shire Horse, Clydesdale, Percheron oder Suffolk suchen. Das sind die klassischen englischen Kaltblutrassen. Das Shire Horse ist die grösste Pferdrasse mit einem Stockmass bis über 2,00 Meter. Ian Anderson setzt sich neben seinen anderen Umweltaktivitäten auch für den Erhalt der alten Kaltblüter ein.

Mittwochs im August

Was Zufälle betrifft, dazu am Ende mehr. Das Konzert der 2000er Tour ist mir unvergesslich und heute musste es einfach wieder laut werden: Apocalyptica – Cult (Special Edition 2001)…

Ich schaue aus dem Fenster. Ein Mann auf einem uralten Rennrad fährt gemütlich träge um die Ecke. Im grossen Gang langsam tretend. Mann zu gross Rad zu klein. Rad zu gross Mann zu klein. Wann beginnt das Leiden und für wen, wenns partout nicht zusammenpasst?

Erst Anfang August und bereits die ersten Frühherbsttage. Leichter Regen nieselt draussen. Die Morgenübungen im taufeuchten Gras des Gartens sind aufbauend und schärfen den Blick. Mir fällt auf, dass ich in jeder Jahreszeit gut leben kann. Hitze, Regen, Nebel oder Schnee, sie gelten mir gleich. Jede Zeit hat ihr Eigenes und hält Schönheiten für Sehmänner bereit.

Neulich abends habe ich die Dokumentation Im toten Winkel gesehen. Es geht darin um Traudl Junge. Sie wurde als junge Frau die Sekretärin des Braunauer Grössenwahnsinnigen und blieb es bis zum Ende. Sie lebte danach in München und arbeitete als Journalistin. Frau Junge lebte allein und schwieg ihr Leben lang über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Ihre Gedanken und Reflektionen interessierten niemanden. Ihre Fragen nach ihrer persönlichen Schuld und ihren Verstörungen musste sie demzufolge jahrzehntelang mit sich selbst ausmachen. Aufgrund einer schweren Krankheit wurde sie frühpensioniert.
Heller gelang es, sie im Jahr 2001 zu interviewen. Sie sprach dabei mit schonungsloser Offenheit über sich selbst. Am Tag nach der Uraufführung des Films 2002 starb Traudl Junge im Alter von 82 Jahren. Mich berührte ihr Satz gegen Ende des Films tief: „Ich glaube, ich beginne mir jetzt zu verzeihen.“
Vielleicht beginnt die Liebe dort, wo man sich selbst verzeihen kann. Dann erübrigt es sich, andere Menschen anzuklagen oder unangemessene Forderungen zu erheben.

Der Tag war so verrückt, dass er hier nicht zu beschreiben ist. Wie überhaupt die letzten Wochen. Laut soll die Musik erklingen. Während Apocalyptica ihre Celli malträtieren erreicht mich eine Anfrage, ob ich 2Cellos kennen würde. Kannte ich nicht. Bis dahin jedenfalls. Nach einem Blick auf ihre Webseite und einer Probeanhörung klingelte ich flugs bei meinem Nachbarn. Der kannte das Duo natürlich schon.
Ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle. Ich kann mir manche Geschehnisse nicht erklären. Einfach abwarten. Gelassenheit hilft. Dann tritt vieles ans Tageslicht und lässt sich verstehen.

Gesehen in Hamburg

Gesehen in Hamburg

Sandwelten (eine vorsichtige Annäherung)

Wir warten auf einen eindeutigen Frühling: King Crimson – The ConstruKction Of Light (2000)…

Die Ostsee wurde mir ein fremdes graues Meer während eines verregneten Sommerurlaubs in Schleswig-Holstein. Zwar hatte ich sie vorher bereits einmal auf einer Fähre überquert, damals war es lediglich eine zu überquerende Wasserfläche, die mich vom Reiseziel in Finnland trennte.
Diese Ansicht hat sich grundsätzlich geändert als ich kurze Zeit nach dem Mauerfall in Rügen gewesen war. Dort sah ich eines Morgens eine tiefblaue Ostsee und der Sonnenaufgang beleuchtete die Kreidefelsen von Kap Arkona in den betörendensden rötlichen Farbtönen. Seitdem ist mir die Ostsee sehr liebgeworden.
Vor einigen Jahren stiess ich auf den alten Bildband „Wanderdünen“ der Fotografin Erna Lendvai-Dircksen. Die grobkörnigen Schwarzweissaufnahmen sind einmalig. So entstand der Wunsch, diese besondere Landschaft selbst einmal sehen zu wollen.

Die letzten Reisetage verbringen wir in der Küstenlandschaft an der Ostsee. An weissen Sandstränden spazieren, die pommersche Küche geniessen, entspannen, Abstand nehmen von den vielfältigen Begegnungen mit der Geschichte, das Erlebte reflektieren und letztendlich natürlich auch fotografieren
Wir fahren morgens nach
Łeba (Leba). Ein kleiner, wie aus der Zeit gefallener Fischerort mit stillen Strassen und romantischen Winkeln. In der Hochsaison wird das freilich anders sein, davon zeugen die Pensionen und Hotels. In  Łeba lebte und arbeitete der expressionistische Maler Max Pechstein von 1921 bis 1945.
Westlich des Ortes beginnt die einzigartige Dünenlandschaft, die zum UNESCO Weltnaturerbe gehört. Die Wanderdünen schieben sich, von den Windverhältnissen getrieben, seit Jahrhunderten langsam in östlicher Richtung. Die höchste Düne ist die Lontzkedüne mit einer Höhe von über vierzig Metern. Sie wandert jedes Jahr je nach den Windverhältnissen um bis zu zehn Meter nach Osten. Das heutige Łeba ist eine Neugründung, denn das ursprüngliche Dorf wurde vor mehreren hundert Jahren bereits unter der Düne begraben. Ebenso geschieht dies auch der Küstenbewaldung. Im Lauf der Zeit ersticken die Bäume im Sand und an vielen Stellen ragen nur noch die bizarr skulpturalen Überreste einst mächtiger Kiefern oder Birken aus dem Sand.
Das Dünengebiet erstreckt sich etwa dreissig Kilometer weit bis nach Rowy (Rowe). Wir parken das Auto am Ortsrand von Łeba und kaufen die Eintrittskarten für den Besuch der Dünen. Da wir lieber am Strand laufen wollen als die etwa sechs Kilometer zur Düne zu Fuss zurückzulegen, lösen wir gleich noch die Fahrkarten für die kleine Elektrobahn, die zwischen dem Eingang zum Naturpark und der Düne pendelverkehrt
Möchten Sie auch das Raketenmuseum besuchen? Ich denke an einen polnischen militärgeschichtlichen Erinnerungsort und lehne dankend ab. In den 1960er wurden hier Raketen zur Höhenforschung abgeschossen. Wir sind jedoch in Polen und da ist die deutsche Geschichte nie allzu weit entfernt, denn später erfahren wir, dass hier die Flugabwehrraketen vom Typ Rheintochter getestet und abgeschossen worden sind.

Es liegt in der Natur von Bildern, zu verschwinden und plötzlich wieder aufzutauchen, zusammen mit der Freude und dem Schmerz, die wir mit ihnen verbinden, wie klappernde Blechdosen hinter einem altmodischen Hochzeitsgefährt. (Patti Smith – M Train, S.300)

Wir erblicken die ersten Bäume, die von der unablässig wandernden Sandmasse langsam erstickt werden. Hier und da zeigen sich noch letzte Spuren von Wachstum, von anderen Bäumen sind nur noch Gerippe erkennbar. Steil steigt der Trampelpfad zur Lontzkedüne hinauf. Das Gehen im weichen weissen Sand strengt dabei zusätzlich an. Oben angekommen, meint man eine andere, fremde Welt betreten zu haben. Nicht umsonst wird dieser Teil der Dünen die polnische Sahara genannt. Unaufhörlich weht hier oben der Wind. Wir haben Glück mit dem Wetter, deutlich über 20° und hellster Sonnenschein. Da ist die Brise angenehm, denn das Gehen auf dem lockeren Sand wird mit der Zeit schweisstreibend. Im Sommer kann der Sand leicht bis zu 50° heiss werden.
Viele ältere Touristen sind unterwegs, die meisten aus Deutschland. Dazwischen tummeln und vergnügen sich einige Schulkassen mit ihren Betreuern. Einzelne Gebite sind zum Schutz der Natur abgesperrt aber es bleibt dennoch genügend Platz für alle Besucher.
Die Entfernung zwischen der Lontzkedüne und der See mag einen Kilometer betragen. Landeinwärts wird die Bedrohung des Waldes deutlich sichtbar. An manchen Stellen fällt die Sandmasse fast lotrecht gegen den dichten Wald ab. Ich frage mich, ob der Waldboden mit seinen üppigen Blaubeersträuchern bei meinem nächsten Besuch noch zu sehen sein wird.
Ich überquere die Düne sehr gemächlich, denn mit fast jedem Schritt ergeben sich neue Panoramen. Die schnell ziehenden Wolken lassen überdies ständig neue Schattenspiele sehen. In der Sonne ist das Licht gleissend hell. Die Kontraste machen die Strukturen im Dand stellenweisse unsichtbar. Der Sand ist so fein, dass ihn die Brise sogleich von der angehobenen Handfläche weht. Und wer sich auf den Bauch legt, kann sehen, dass ein ewiger Flugsandflimmer über den Boden gleitet. Ich möchte gerne einmal während eines kräftigen anlandigen Windes hier sein. Ich stelle mir ein fantastisches Schauspiel vor. Dann allerdings ohne Kamera, denn schon jetzt mahnt der Flugsand zur Vorsicht im Umgang mit dem optischen Gerät.

Auf der anderen Seite der Düne erlaubt ein schmaler Einschnitt den Abstieg zum breiten Strand. Wo eben noch die tricherförmige Vertiefung eines Schuhs zu sehen war, ist kurz darauf nur der wellenförmige Sand zu sehen. Bretthart wird dann der Boden. An windgeschützteren Stellen liegen Myriaden von glattgeschliffenen Flippsteinen. Auf den Sandwellchen flitschen die Steine elastisch über weitere Strecken als auf dem Wasser.
Die Blicke schweifen frei über den breiten Strand, hinaus über die Ostsee oder in das Sandmeer der Dünenlandschaft. Himmel und Horizont scheinen nur wenige Schritte entfernt von der geahnten Unendlichkeit.

Wie vorher bereits geschrieben, entgeht man der deutschen Vergangenheit in Polen schwerlich. Im Dünengebiet von Łeba wurden jene Soldaten ausgebildet und trainiert, die dann später in Nordafrika verheizt worden sind.

(Foto anklicken zur Galerie. Rechts unten auf „Bild in Originalgrösse“ klcken, machts noch grösser. Und F11 dann nochmals)