Wenn das Herz springt, solls leuchten dabei

Ich habe Hoffnung, dass der Bustransport klappen wird am Wochenende und wünsche mir für die vielstündige Reisedauer gesprochene Literatur zur Unterhaltung. Ich denke kurz über Heiner Müller nach, verwerfe den Gedanken jedoch. Später am Abend lade ich ihn dann doch in den Mp3-Spieler: Heiner Müller / Einstürzende Neubauten – Die Hamletmaschine (1991)…

Ich will gerade die Dunkelkammer verlassen. Ein Bekannter lässt per Mausklick das virtuelle Telefon klingeln. Dies und jenes. Satzsträhnen zu schwachen Sinnzusammenhängen geflochten. Den Zopf hält der Unmut zusammen über jede Form von Extremisten. Sie sind es, die Politiker dazu ermuntern, meine Rechte, unser aller Rechte und Freiheiten mehr und mehr einzuschränken. Zu beschneiden durch Sicherheitskontrollen an Flughäfen, Überwachungen im öffentlichen Raum und zunehmende Bespitzelung unserer privaten Kommunikation.
Mehr und bessere Sicherheit wird uns maulfeil vorgegaukelt. Geliefert wird in Mogelpackungen für die Masse. Es gibt einen Grad der Unterdrückung, sagte Ernst Jünger, der als Freiheit empfunden wird. Wir, das heisst mein Bekannter und ich stellen fest, dass unsere Meinungen extremer geworden sind hinsichtlich der Folgen des unseligen Treibens von Extremisten, von mohammedanischen Religionsfaschisten, Hooligans und schwarzbraunem Gesocks.

Eine Wolkenbeobachterin weist um 18:17 hin auf eine Produktion des ZDF von 2009 hin. Heiner Müller. Ein empfehlenswertes Portrait eines der angeblich grössten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts.
Der Mann sieht toll aus, vor allem seine Augen beeindrucken mich immer wieder. So voller Gefühl im Gegensatz zu dem gefährlich kleinen schmallippigen Mund, der auch bei schwerwiegendsten Aussagen kaum bewegt wiird von der sanften Stimme und der auffallend undeutlichen Sprache. Und das Gesicht überdies verborgen hinter Brille und Zigarrenqualm.
Was Müllers Umgang mit Frauen betrifft, steht er in einer bedenklichen Tradition: goetherilkebrecht – … Castorp sagt, dass Müller in der Diktatur gut leben konnte, weil er auf der Bühne ja auch ein Diktator gewesen sei. Hitchcock und Fassbinder stehen hinterm Vorhang und lächeln wissend. Und ich bin kein berühmter Künstler. Nicht weil ich vielleicht Probleme hätte, mich in einer Gruppe zu präsentieren. Keinesfalls, aber ich schätze die Fähigkeiten anderer Menschen wahrschenlich zu sehr und zudem ist meine Eitelkeit mangelhaft.
Angesichts der Flimdokumentation leuchtet für mich einmal mehr die Erkenntnis auf, dass bedeutende Künstler in aller Regel sozial die grössten Egomanen sind (Arschlöcher wäre zwar der treffendere Ausdruck, aber das sagt man ja nicht) – – Originalton Müller bei Minute 43:15 vor laufender Kamera: „Mit Diktaturen kann ich umgehen. Demokratie langweilt mich.“ Was geht im Kopf eines Menschen tatsächlich vor, dessen Werkzeug das Wort und dessen Material die Sprache ist?
Für welche Menschen schrieb dieser Mann eigentlich (ausser für sich); für seine Mitmenschen etwa in der Deutschen Diktatorischen Republik (Ost)? Er, der die Welt bereisen konnte, Verleger im Westen hatte und Uraufführungen weltweit. Der seine feinen Zigarren und modischen Brillen jederzeit und mühelos in Valuta zahlen konnte.
Bei Minute 43:54 spricht er die Wahrheit gelassen zigarrenbalancierend aus: „die erste moralische Verpflichtung ist die meiner Arbeit gegenüber.“ Soviel zu viel besprochenen Solidarität.  

In vielem hatte Heiner Müller Recht mit seinen Prognosen hinsichtlich des Untergangaufkaufs der DDR durch die (wenn auch durch Pump) finanzstärkere BRD. Menschen sind unter die Räder und in zersetzende Getriebe gekommen bei diesem in Hinterzimmern ausgeklüngeltem Geschäft, viele Menschen, zu viele.
Meinen Tribut zolle ich Müller dadurch, dass ich mir die Hamletmaschine anhöre in der Fassung der Einstürzenden Neubauten.
„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa … „
Vor uns sehen wir keinesfalls blühende Landschaften. Die Hoffnungslosen, die, denen man es tagtäglich zeigt in tagtäglich primitiveren Ablenkungssendungen der Privatkanäle auf welcher brüchigen Sprosse der buntgelogenen Leistungsleiter ewigen Wachstums sie stehen. Die bereits Aussortierten gehen wieder in Horden auf die Strasse. Die haben ihre Feinde gefunden und sowieso nichts mehr zu verlieren. Die, denen gegenüber der Kleinbürger sich noch als besser dastehend dünkt, ausgestattet mit tieferem Durchblick und dem günstig gekauften Kraftfahrzeug. Kleinbürger, die sich die Angst wegatmen in der Hoffnung, ihre Arbeitskraft gerade noch so lange verkaufen zu dürfen bis die letzten Raten der Immoblie abgestottert sind.
Und spätestens in einigen Jahren, wenns dann drauf ankommt, fünf Minuten vor Zwölf, welche Farbe werden sie wohl bekennen?
Als es ganz eng geworden ist, beim letzten Mal in diesem Land, entschied sich die breite Masse für ein ekelhaftes Kotbraun mit allen Konsequenzen.
Ich habe, so fällt mir auf, nie zuvor ein Stück von Heiner Müller auf der Bühne gesehen. Jetzt ist es zu spät dafür, auch für Goethe ist es zu spät, für Brecht… von denen jedoch sah ich Stücke. Heiner Müller stört das bedenklich in seiner Eitelkeit und er rächt sich an mir, indem ich jetzt gerne eine Zigarre rauchen möchte.
Und wenn das Herz springen sollte, möge es dabei doch leuchten, bitte sehr.

Herzsprung.

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Blütenlese

Frisch aus dem Briefkasten gefischt: Peter Hammill & Gary Lucas – Other World (2014)…

Die Kirschblüte steht in Japan für die Vergänglichkeit, da die Blüte einer Knospe lediglich einige wenige Tage währt. Ebenso symbolisiert das sanft zu Boden schwebengleitende Blütenblatt den gelassenen Tod des Kriegers. Überdies wird der Kirschblüte auch bei Hochzeiten grosse Bedeutung zugeschrieben. Hier steht sie als Zeichen für die Reinheit, Schönheit und das Glück. Merkwürdigerweise, und das nicht nur in Japan, blühen ältere Kirschbäume weitaus prächtiger als junge Exemplare. Ein Zeichen für die reiche Lebenserfahrung.

    (Zur Erbauung der Besucher, Leser und Gugger ein Foto anklicken)


Alle Jahre wieder: Inventur – Bilanz – Was bleibt

Musik und Texte zum Wachbleiben: Jello Biafra & The Guantanamo School of Medicine – White People and the Damage done (2013)…
Wie gehabt zum Jahresende wird durchgelüftet, aufgeräumt und durchgekehrt. Meinen Umgang mit den „guten Vorsätzen“ habe ich bereits im letzten Jahr gepostet. Wenig grundsätzlich Neues also. Steht nur noch aus die Inventur mit abschliessender Bilanz.
 
Entgegen der Selbstzufriedenheit selbstherrlich unfähiger Politiker gärte es  zunehmend bei vielen Völkern auf der Erde. Und der Fall Mollath zeigt, dass offensichtlich noch eine wirksame öffentliche Macht besteht, auch wenn dieser Fall im Vorfeld der Wahlen in Bayern seine eigene Dynamik erhielt. Sehr schön hat die unglaublichen Vorgänge übrigens Dieter Hildebrandt kommentiert, der kürzlich leider verstorben ist.
Hinsichtlich der diesjährigen Wahlen hat sich mein jahrzehntelang gehegter Wunsch endlich erfüllt: das Verschwinden der ohnehin überflüssigen Fast-Drei-Prozent Partei. Man wird bescheiden und erfreut sich bereits über kleine Schrittchen.
Die allerhöchsten Wahrsager des Berliner Bundespolitbüros und ihre Bezahler in den Chefetagen der Konzerne machen indes weiter wie gehabt: was sie heute nicht halten, werden sie morgen nicht einmal mehr versprechen. Von der ewigen Leier der „sicheren Rente“ vielleicht abgesehen. Den Artikel 20.2 des Grundgesetzes fürchten sie zusehends weniger. Ich will nicht hoffen, dass sie demnächst beginnen, die Wahrheit zu sprechen; na dann gute Nacht. 
Was mich allerdings zunehmend besorgt, ist die rasch fortschreitende Entindividualisierung. Als menschliche Gemeinschaft werden wir mehr und mehr zur dumpfen Konsumherde degradiert. An die Stelle des unseligen Wortes „Stimmvieh“ des noch immer nicht vergessenen F.J. Strauss tritt nun der Begriff „Konsumvieh“. Ausgeheckt und betrieben werden diese viehischen und menschenunwürdigen Strategien in den Chefetagen grosser Konzerne weltweit. Dort sitzen die Strategen und Führer, die manchen politischen Diktatoren in nichts nachstehen. Die ihre perversen  Weltherrschaftswachstumsträume auf Kosten der ganzen Menschheit vorantreiben mit Rücksicht bestenfalls auf ihren eigenen Interessen.
Als Gegenkraft hat sich jener mutige junge Mann erwiesen, der uns über die dreckigen Machenschaften der Datenschnüffler informierte wohlwissend, dass daran sein Leben hängen würde. Natürlich wurde in Berlin nicht er sondern jener russische Spekulationsmilliardär empfangen und hofiert. In diesem Zusammenhang wundere ich mich allerdings, dass noch immer zu wenige wache Menschen die Newsletter von Campact, Avaaz oder Attac abonnieren, um für wichtige Aktionen wenigstens dort ihre Stimme zu erheben. Auch Sand im Getriebe sorgt für Entschleunigung. 
Zu meiner Lebensfreude trugen auch in diesem Jahr wieder Menschen mit Ecken und Kanten bei, die sich redlich mühen auf ihren Lebenswegen. Menschen, denen die moralischen Grundsätze vom Geben und Nehmen im sozialen Umgang noch nicht abhanden gekommen sind. Dankbarkeit und Freude wärmt meine Seele beim Gedanken an diese Menschen. Ich hoffe und wünsche mir, diese Begegnungen weiter intensivieren zu können.
Meine wichtigste Frage wird auch im kommenden Jahr „cui bono?“ (wem nutzt es?) bleiben. Nicht auf dem Boden (m)eines kleinlichen Egoismus – nutzt es mir? –  sondern im Hinblick auf mein eigenes Verhalten und das meiner Mitmenschen im Kontext mit den sozialen Auswirkungen der jeweiligen Handlungen.
In einem erweiterten Sinn bedeutet das auch zukünftig den weitgehenden Verzicht auf unnützen Konsum und sinnfreie Mitläuferei in jeglicher Form. Dabei geht es mir nicht um hehres Asketentum. Im Gegenteil vermag diese Frage das Leben enorm zu bereichern. Sie öffnet Augen und Ohren für den alltäglichen Wahnsinn, dem wir ausgeliefert sind. Immer häufiger stellt sich dann heraus, wie sehr wir schon bereit sind, jedweden Irrsinn als Normalität zu akzpetieren und zu ertragen. Wer wundert sich noch über Veganer in Lederjacken. Alles scheint möglich auch wenn es nicht mehr stimmt. Die Penetration der Medizinindustrie und ihrer Hintermänner in den Pharmakonzernen. Krank werden durch vermehrte Tablettenschluckerei. Sterbenden noch rasch einen Herzschrittmacher einmontieren. Immer älter werden können und sich immer jünger darstellen müssen. Eine vorgeblich immer gesündere Ernährung aus den industriellen Chemielaboren von Nestlé, Iglo und Konsorten. Immer mehr auf die eigene Individualität pochen und sich dabei ins soziale Abseits katapultieren.
Derlei Aberwitzigkeiten halten mich wach dafür, die positiven Seiten meines Lebens genügend zu schätzen und zu würdigen. In diesem Sinne freue ich mich auf das kommende Jahr.
Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für das Interesse und die anregenden Kommentare und wünsche allen ein gesundes, erkenntnisreiches und freudiges 2014er Jahr.

 

Neue Rose

Rossini – Die diebische Elster…


Über den alten Bahnhof und den Frevel, den die Bahn ihm antut, habe ich hier schon mehrfach berichtet. Auf einer der letzten Erkundungen bei einer Fotosession in Begleitung von König Alfons dem Viertel-Vor-Zwölften sehe ich sie. Eine schöne Rose, die dort steht und sich blühend vom Lehrstellwerk (für Fotos hier klicken) abwendet. Vielleicht ahnt sie schon ihrem Schicksal entgegen und wie es ihr ergehen wird wenn die Abrissbirne dem ehrwürdigen Gebäude Löcher ins gediegene Gemäuer reisst.
Das muss doch nicht sein!
Heute im Morgensonnenschein mit dem Spaten in der Hand beginnt die Rettungsaktion. Eine wunderschöne grosse Blüte, die ihren betörenden Duft verströmt ist Rechtfertigung genug. Die mächtige Wurzel zeigt an, wielange diese schöne Rose schon hier steht. Heute wirst du umziehen an einen sicheren Platz. Menschen sollen sich an dir erfreuen auch über die nächste Aktionärsversammlung hinaus.
Zuerst die Wurzel gut wässern und einen würdigen neuen Platz suchen. Deine Blüte, die jetzt in einem Väschen steht verbuchst du unter Umzugskosten. Auf die Blüte deiner drei mächtigen Knospen sind wir schon gespannt. Nach den Blitzausflügen in den Regenwald und nach Hamburg wirds soweit sein. In den nächsten Tagen schon.


Bayern und kein Ende

Auch aus Bayern und trefflich passend: Kraudn Sepp (1896-1977). Der Mann sang und begleitete sich selbst auf der Zither dazu. „Entdeckt“ wurde er 1974. Die erste Schallplatte 1976. Das Erscheinen der zweiten 1977 erlebte er nicht mehr…
      (Klick – macht Fotos gross)

Meine früheste Erinnerung an Bayern waren die Heimatfilme, die meine Eltern sonntags nachmittags im Fernsehen anschauten. Die Muster des Orientteppichs im Wohnzimmer waren die Fahrbahnen für die abenteuerlichen Fahrten meiner Spielzeugautos. Zwischendurch wurde meine Aufmerksamkeit ab- und hingelenkt zu den Wackelbildern im Schaub-Lorenz Fernsehapparat. Da sah ich Menschen in unbekannter Kleidung, ungehörter Sprache und unverständlicher Sprache. Und Berge und Seen und Kühe. Bauern. Merkwürdige Musik und Gesänge. Versteht sich, dass ich Lederhosen mit aufklappbarem Hosenlatz und röhrendem Hirsch auf dem Hosenträger ebenso trug wie zu besonderen Gelegenheiten den kleinen Schlips, der mich sogar auf den Schwarzen Berg begleitet hat.
Später dann einige Urlaube. Einzig die Molkerei in Knottenried ist mir in Erinnerung und auch bloss deshalb, weil ein Foto dafür einsteht. Bayern war im Prinzip eine Passage. Zum Brenner zum Beispiel. Italien war das eigentliche Ziel. Als ich heranwuchs ersetzte – mit nunmehr zwei deutschen Programmen – das Fernsehen mein Bild von Bayern. Es begann mit „Isar 12“ und „Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger“ (Host mi, Fröschl?“). Im zwieten Programm das „Königlich Bayrische Amtsgericht“. Und 1972 kam „Der Bastian“ im Vorabendprogramm. Da war das Bild von Bayern bereits ausgemalt. Politisch trug ein Mann mit notorisch kurzem Hals und lautem Geschrei auf der politischen Bühne den Firniss auf mein Bild.
Es gab jedoch auch die andere Seite. Popol Vuh, Werner Herzog, Sparifankal, Biergärten, Skifahren, Linderhof, Herbert Achternbusch oder eben den Kraudn Sepp. Und einen fürchterlichen Absturz im Kloster Andechs.
Zwiespältig oder vielfältig. Besser zwiefältig. Da zogen Typen an, die schien es nur dort geben zu können und andererseits war da eine Engstirnigkeit, die so garnicht zu den Stiernacken ihrer Protagonisten passen wollte. Wastl Fanderl gegen Pop-Sunday in Bayern2. Heute vermute ich, dass die exotisch anmutende Bandbreite mich ihren Bann geschlagen hat. Ein Ende ist vorerst nicht abzusehen. Liebe alte Freunde und neue, die es womöglich werden könnten tun das ihrige dazu.


Bei dieser Gelegenheit will ich diesen Bayern meinen Dank abstatten mit einem bescheidenen Wunsch

Ein Heftpflaster für Herbert Achternbusch
Ein Megaphon für Karl Valentin
Eine Tasche voller Notizbücher für Friedrich Reck
Einen Papierflieger für Ludwig II.
Einen Zündschlüssel für Bertold Brecht
Ein Spiegelkabinett für Rainer Werner Fassbinder
Einen Regenschirm für Emerenz Meier
Ein Kräuterzuckerl für Tante Frieda
Einen Misthaufen für Josef Bierbichler
Eine Seifenblase für Henriette Krötenschwanz
Ein Abschleppseil für Wolf Wondratschek
Eine Fahrradglocke für Georg Hackl
Ein rosa Seidenkissen für Eva Mattes
Eine Mass für W.G. Sebald
Eine Pipette für Lukas Berlinger
Einen Wolkenschieber für Florian Fricke
Ein Walkie-Talkie für Franz Xaver Kroetz
Einen Sonnenaufgang für Erika Groth-Schmachtenberger

Inventur – Bilanz – Was bleibt?

Frischer Wind…

Zum Jahresende wird aufgeräumt und durchgekehrt. Mein Umgang mit den „guten Vorsätzen“ ist bereits gepostet. Steht nur noch aus die Inventur mit abschliessender Bilanz.
Eine Revolution im eigenen Land angesichts der Vorbilder in anderen Weltgegenden sowohl von rechts als auch von links war nicht ernsthaft zu erwarten. Wünsche ich mir allerdings in den gezeigten Formen auch zukünftig nicht. Viel bedenklicher scheint mir die Unbeweglichkeit der breiten Mitte der Gesellschaft. Angesichts der offensichtlichen Leidensfähigkeit bei zunehmender Bevormundung, Überwachung und der Beschneidung individueller Freiheiten schwanke ich noch immer zwischen Mitleid und Bewunderung. Wielange wird diese träge Masse noch schweigen im Zeichen des Wolfs, sichtbar gestempelt auf ihren rechten Schultern?
Zur Zufriedenheit selbstherrlich unfähiger Politiker herrscht also weiterhin Ruhe im Land. Von daher ist in diesem Jahr alles beim Alten geblieben. Hinsichtlich der Wahlen im kommenden Jahr glimmt als Hoffnungsschimmer am Zeithorizont zumindest das Verschwinden der ohnehin überflüssigen Fast-Drei-Prozent Partei. Man wird bescheiden und erfreut sich bereits über kleine Schrittchen. Und wenn es sich überdies fügen wollte, dass Miss Merkel nach den nächsten Wahlen ihr dümmliches Mantra „same procedure as every year, Wahlvolk“ nicht gebetsmühlenartig weiterleiern könnte. Fromme Wünsche. Allerdings werden wir auch weiterhin von der Partei (macht der Name einen Unterschied?) regiert werden statt mit der Verfassung Ernst zu machen.
Die allerhöchsten Wahrsager im berliner Reichstag und ihre Bezahler in den Chefetagen der Konzerne – was sie heute nicht halten, werden sie uns morgen nicht mal mehr versprechen. Den Artikel 20.2 des Grundgesetzes fürchten sie zusehends weniger. Ich will nicht hoffen, dass sie demnächst beginnen, die Wahrheit zu sprechen; na dann gute Nacht.
Da halte ich mich lieber an Menschen, auf die dieses Wort in seinem ursprünglichen Sinn noch zutrifft: Menschen mit Ecken und Kanten, die sich redlich mühen auf ihren Lebenswegen. Menschen, denen die moralischen Grundsätze vom Geben und Nehmen im sozialen Umgang noch nicht abhanden gekommen sind.
Dankbarkeit und Freude wärmt die Seele beim Gedanken an diese Menschen. Besonders freue ich mich über Menschen, die ich kennenlernen durfte in diesem Jahr. Ich hoffe und wünsche mir, diese Begegnungen weiter intensivieren zu können.
Meine Frage des Jahres „cui bono?“ (wem nutzt es?) werde ich weiterhin pflegen. Nicht auf dem Boden (m)eines kleinlichen Egoismus – nutzt es mir? –  sondern im Hinblick auf mein Verhalten und das meiner Mitmenschen im Zusammenhang mit den sozialen Auswirkungen der jeweiligen Handlungen. In einem erweiterten Sinn bedeutet das auch zukünftig den weitgehenden Verzicht auf unnützen Konsum in jeglicher Form. Dabei geht es mir nicht um hehres Asketentum. Im Gegenteil vermag diese Frage das Leben enorm zu bereichern. Sie öffnet Augen und Ohren für den alltäglichen Wahnsinn, dem wir ausgeliefert sind. Immer häufiger stellt sich heraus, wie sehr wir schon bereit sind, jenen Irrsinn als Normalität zu akzpetieren und zu ertragen.
Herr Sleeper, dem ich mich nicht allein darin verbunden fühle, hat in seinem Blog einen feinen Post dazu geschrieben.
Mein Satz des Jahres ist eigentlich ein bedingender Nebensatz, den ich der guten Frau Mahlzahn verdanke. „Wenn die Klügeren immer nachgeben, regieren die Dummen die Welt!“
In diesem Sinne verloren einige sogenannte öffentliche Personen den letzten Rest meiner Achtung. Ausserdem verabschiedete ich neben einigen merk-würdigen(!) Zeitgenossen auch jenen Tragikomiker, der es nicht hinnehmen konnte und wollte, dass ich seiner eitlen Schwatz- und Geltungssucht die eingeforderte Bewunderung versagte. Meine Entscheidung krönte er seiner Attitüden gemäss damit, dass er in einer Radiosendung als Herr des Mikrofons unflätige Ausdrücke gegen mich ins Publikum lallte. „Betrunken im Dienst“ – da ist die Konsequenz der Ereigniskarte in einem bekannten Brettspiel ganz eindeutig.
Diese kleinen, nur im Moment unangenehmen Erlebnisse, beeinträchtigen meine Lebensfreude nicht. Sie sind mir dennoch wichtig als Peilstäbe auf meinem Weg. Sie machen aufmerksam auf die mir wirklich wichtigen Menschen in meinem Leben. Sie halten mich wach dafür, die positiven Seiten meines Lebens genügend zu schätzen und zu würdigen. In diesem Sinne freue ich mich auf das kommende Jahr.
Ich danke allen Lesern für das Interesse und die anregenden Kommentare und wünsche ihnen ein gesundes und erkenntnisreiches 2013er Jahr.