Reduktion ist manchmal nicht möglich

„Modern day structures are fantastic
But have you seen a butterfly’s wings?
Man has created symphonies
But have you heard a blackbird sing?“ (Eric Burdon and the Animals, No Self Pity)
Die einzigartigen Geräusche der Natur kann keine Musik ersetzen. Wellenschlag, Möwenschrei und Böen, die sich an Strassenecken festbeissen…

Das Leben eines Menschen aufzeichnen. Aus den vorhandenen Materialien einen Text schreiben. Wie man dem auf diese Weise gewürdigten Menschen gerecht werden kann. Den Facetten seiner vielgestaltigen Persönlichkeit. Ein Lebensweg, der zwar stets nach vorn, in die Zukunft gerichtet, verläuft oder verlaufen ist; dessen Verlauf jedoch gekennzeichnet ist von vielfältigen Verästelungen. Es stellt sich die Frage, ob die Fülle im Entwicklungsmosaik überhaupt angemessen darstellbar ist. Einen Sommermorgen exakt zu beschreiben, befand ein Herr von Kügelgen seinerzeit, brauche ein halbes Leben. Aber das ist eine andere Sache.

Einige Tage ausspannen und dennoch nicht einfach abhängen. Die Wahl fiel auf die einmalige Hansestadt Stralsund. Betonung auf der ersten Silbe. Besichtigungen und Spaziergänge. Steife Brisen und Sonnenschein satt. Fischgerichte in allen Variationen begleitet von hervorragenden Bieren einer lokalen Braumanufaktur.

Stralsund gegenüber auf der Insel Rügen liegt der kleine Ort Altefähr. Das stets zuverlässige Meyers Reisebuch (Deutsche Ostseeküste II. Rügen und die pommersche Küste, Bibliographisches Institut, 2. Auflage, 1924) weist auf den grossartigen Blick hin, den man von hier aus auf die Silhouette von Stralsund geniessen kann.

Auf der kleinen, erhöht gebauten Kirche fällt der Grabstein ins Auge, den man einer jungen Frau zur Erinnerung hier aufgestellt hat. Sie war Ober-Stewardess einer Luftfahrtgesellschaft der BRD und wurde auf dem Boden der DDR beerdigt. Im Jahr 1959. Das kann FRagen aufwerfen.
Am 11. Januar 1959 befand sich die viermotorige Propellermaschine vom Typ Lockheed L-1049 G Super Constellation (D-ALAK) auf dem Flug (LH-502) von Hamburg nach Buenos Aires. Zwischenstopps waren in Frankfurt, Paris, Lissabon, Dakar und Rio de Janeiro. Beim Landeanflug auf den Galeão International Airport in Rio de Janeiro verunglückte das Flugzeug durch extrem schlechte Sichtverhältnisse und aufgrund fehlender Leitstrahlsendern beziehungsweise Funkfeuern seitens des Flughafens. Vom Kontrollturm des Flughafens aus wurde der Flugkapitän angewiesen „auf Sicht“ zu fliegen. So nahm das Unglück seinen Lauf.
„Das Fahrgestell berührte das Wasser und wurde abgerissen; die Maschine taumelte aufwärts – als versuche der Pilot, sie noch einmal hochzureißen – und sackte dann aus geringer Höhe wie ein Stein in das schlammige Ufergelände der Bucht. Das ausströmende Benzin entzündete sich; 36 Menschen starben, nur drei Angehörige des Bordpersonals konnten von den Rettungsmannschaften in Sicherheit gebracht werden.“ (Der Spiegel, 4/1959, S.18).

In Stralsund habe ich gelernt, dass es nicht bloss Stolpersteine sondern auch Stolperschwellen gibt. Am Hauptbahnhof wird der 1160 Menschen gedacht, die infolge ihrer seelischen Erkrankungen von hier abtransportiert wurden und bei der Aktion T4 ermordet worden sind. Eine andere Stolperschwelle befindet sich auf dem Boden vor dem städtische Krankenhaus Dort wird an 652 Menschen erinnert, die zwischen 1934–1939 in der chirurgisch-gynäkologischen Abteilung zwangssterilisiert worden sind.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Zeit.

 

 

 

 

Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Bei aller Reduktion sinnliche Fülle beispielsweise

Massenveranstaltungen und Aufmärsche werden mir zusehends befremdlicher. Ein Fest im Kreis herzoffener Menschen liegt mir näher. Kleinststädte und Flüsse, die sinds. Da komme ich her. Carl Orff – Carmina Burana (André Previn + Wiener Philharmoniker)…

Die lichten Stunden des Tages werden kürzer. Erntezeit. Letzte wärmende Sonnenstrahlen. Fast gleichzeitig regnet es in den Sonnenschein. Verschwenderisch buntes Blattleuchten, umkränzt von Regenbögen. Windböen zausen Büsche und Bäume. Treiben das Laub stossweise vor sich her wie es ihnen gefällt.
Abschied von den Sommerwirten am Steindamm nach einem leichten Mahl. Die Sonne, mittagsüdlich überm breiten Strom wärmt noch immer ganz angenehm gegen die kalten Windstösse im Rücken. An der ungemähten Streuobstwiese die Räder an knorrigen Baumstämmen anlehnen. Am Wegrand angebissenes und sogleich weggeworfenes Obst. Dabei liegen die reifen saftigen Birnen im hohen Gras griffbereit um den Stamm herum. Man braucht sich bloss zu bücken. Einem labyrinthisch verzweigten Apfelbaum hat jemand einen armstarken Ast abgebrochen.
Kein gutes Jahr für Walnüsse, dieses Jahr. Aber immerhin. Die mitgebrachten handlichen Tüten füllen sich.
Beim Nüssesammeln fragt eine Frau nach dem Tun.

Na, Nüsse sammeln.
Und was machen Sie dann damit?
Was man damit macht? – essen natürlich.
Die kann man tatsächlich essen?
Aber sicher, die sind sehr lecker…

So weit sind wir also schon gekommen. Mögen solche Menschen lebenslang von Hunger, Kälte und Wassermangel verschont bleiben, Nicht auszudenken, was wäre wenn.
Die Herbstwinde haben den uralten Apfelbaum befreit von seiner reifen Überfülle. Es liegen mehr Äpfel am Boden als ich aufnehmen kann. Das ist auch in Ordnung so, denn Tiere sollen auch noch Futter finden.

Ein letzter Blick in die Tiefe der alten Allee. An ihrem Ende befindet sich der lange Strand. In der dunklen Jahreszeit werden wir hier nicht im Sand liegen. Allenfalls Flippflitschsteine über kabbelnde Wellen tanzen lassen. Schon jetzt liegt dieser Teil der Aue verwaist. Die Ruhe wird sich jetzt mehr und mehr ausbreiten. Zur besinnlichen Rückkehr in ein kleines Paradies. Wir werden nicht frieren im kommenden Winter. Gespräche mit Menschen. Gemeinsam essen und trinken. Musik, Bücher und Filme. Sichere Herzenswärme gegen auszehrend kalte Einsamkeit.
Spaziergänge und Radfahrten. Jakobsberger Au. Langenau. Nonnenau. Und die Rabeninsel.

Die alte Fähre wird gleich kommen und uns übersetzen. Nur ein paar Kilometer noch und die prall gefüllte Satteltasche wird ihrer fruchtigsauren saftigen Last entledigt. Kurz darauf schon breitet sich im Ärmelhaus der verführerische Duft des sanft dämpfenden Apfelkompotts aus.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern goldenes Oktoberwochenende.

(Fotografien der Fülle – anklicken und die Grösse geniessen)

 

 

 

Stock statt Stick

Lange nicht gehört, aber noch immer angenehm in den Ohren: Gentle Giant – In a Glass-House (1973)…

Für meine Fusswanderungen benutze ich gerne einen Spazierstock. So einen schlichten, altgedienten von einem meiner Altvorderen. Solides Eschenholz hilft auch gegen die freilaufenden, mehrbeinigen Lebenspielzeuge lernunwilliger Zeitgenossen. Diese alten Stöcke sind den neumodischen sogenannten Sticks (die Bezeichnung allein deutet schon auf schnellmöglichen Bruch hin) haushoch überlegen. Und das nicht nur bezüglich der Stabilität.
Der alte Emil aus meiner Strasse hat mir vor Jahren einmal aufgezählt, wieviel Nützliches sich mit einem solchen Gerät ausrichten lässt und zu was er den alten Stock schon alles hilfreich anzuwenden wusste.

Vor einigen Wochen entdeckte ich auf meiner morgendlichen Siebenbrückentour im Nachbarort auf einem Spermüllhaufen einen Wanderstock. Von oben bis unten und rundum ist er mit zahlreichen Stocknägeln beschlagen. Die legen Zeugnis ab von den Wanderungen seines letzten Besitzers.
Bei den typischen Käufern von Stocknägeln denke ich spontan an den Tegernsee, Oberammergau oder ähnliche aufwühlende Orte. An feuchte Seen im Österreichischen oder Tyrolischen natürlich auch. Kalterer See, so nannte sich der Rotwein der deutschen Brennerüberwinder in den 1950er Jahren. Die noch kühneren Kraftfahrzeuglenker hatten das weithin sichtbare rote G an der vorderen Windschutzscheibe kleben als Beleg für die geglückte Überfahrung der Grossglockner Hochalpenstrasse. Aber ich schweife ab.

An dem wunderbaren Fundstück befinden sich Stocknägel von Orten und Gebieten, die mich nachdenklich machten. Von der Loreley abgesehen, hatte sich der Wanderer in Gegenden bewegt, die mir bekannt sind vor allem als düster, feucht und windig. Auf der Landkarte umriss ich das Gebiet, welches da schrittweise vermessen worden sein mag. Eigentlich handelt es sich dabei eher um keines der touristischen Traumziele.

Das weckte dann doch meine Neugier. Und als ich nur kurze Zeit darauf einen Kommentar in meinem Blog las, begann eine neue Geschichte.

(…)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Im Dschungel vor der Haustür

Angeregt durch eine Dokumentation der BBC zum Thema Krautrock, fielen mir die seinerzeit wegweisenden deutschen Elektroniker wieder ein, z.B Tangerine Dream, Klaus Schulze, Neu! oder auch: Cluster – Zuckerzeit (1974)…

Als Künstler hat sich Werner Herzog in meinem Bewusstsein verankert durch seinen Bericht „Vom Gehen im Eis.“ Dass einer ein Gelübde ablegt, das einen verehrten Menschen vom Sterben abhalten soll, indem er sich im Winter von München nach Paris aufmacht zu Fuss bis ans Krankenbett der betagten Patientin, das hat mich damals tief beeindruckt. Vor allem auch, weil Frau Eisler danach noch fast zehn Jahre gelebt hat.
Auch seine Spielfilme mochte und mag ich sehr. Dass er seit fast dreissig fast ausschliesslich Dokumentarfilme dreht, hatte ich zwar auf dem Schirm, aber die sind leider kaum in den Kinos zu sehen. Am Wochenende fand ich „Tod in Texas“ bei youtube. In der Dokumentation geht es um die Täter und Opfer eines Verbrechens und die Todesstrafe für einen der Delinquenten. Herzog führt die Interviews. Seine Stimme und die Art seiner Fragen können Gänsehaut erzeugen.

Ellmau ist an mir vorbeigegangen. Eine Lächelparty ohne den wichtigsten Gast. Die sinnlos verschleuderten Millionen zahlt die Gesellschaft. Wie lange eigentlich noch?
Der kleine Gernegross Blatter ist endlich zurückgetreten. Das fand ich denn eher lustig. Gespannt bin allerdings darauf, wie sich die Beschuldigten und Verdächtigen nun gegenseitig mit Dreck bewerfen. Auffällig auch diesmal wieder die schon fast ekelhafte Zurückhaltung deutscher Fussballfunktionäre.
Ein Frage habe ich noch: 1998 und 2010, soviel steht bereits fest, wurde für die Vergaben der WM gezahlt. Wurde in den Jahren 2002 (Japan / Korea) und 2006 (Deutschland) etwa nicht gezahlt? Und vorher und nachher?
Ach ja, die Deutsche Bank und ihre zwei Führer. Die haben das Handtuch geworfen und werden den Ring verlassen. Auf 14 Milliarden Euro sind die Rechtskosten inzwischen gestiegen für Anklagen gegen das Institut, das massgeblich an der (Vor-)Finanzierung des Zweiten Weltkriegs beteiligt gewesen ist. Egal, wer dort jetzt Chef werden wird, in der Stellenausschreibung werden Eigenschaften verlangt, zu denen Menschlichkeit keinesfalls zählt.

Bei soviel Verwirrung ziehts mich in die Wälder. Dschungel. Der liegt nur wenige Kilometer von Lummerland entfernt. Auf der Rabeninsel beispielsweise. Der schmale Pfad zur Inselspitze mit Blick auf Mainz ist derzeit nicht begehbar. Umgestürzte Bäume und über einen Meter hohes Brennesseldickicht machen die Passage unmöglich. Dafür gibts dann feine Sandstrände. Familiär oder eher verschwiegen. Und dann auch sumpfähnliches Gelände – womit sich die Kreise wieder schliessen.

                                     (Foto anklicken öffnet die Galerie – In Firefox F11 drücken und noch grösser gugge)