Wenn man der Angst die Tore öffnet

Musik: The New Yardbirds – London Blues (1968) Die Band nannte sich nach diesem Album Led Zeppelin.
Lektüre: Leonard Cohen: Wem sonst als Dir / The book of mercy. März Verlag,1985.
Essen & Trinken: Die letzten Kohlrabi vom letzten Jahr als köstliche Suppe. Ein Glas Rotwein. Dazu dunkles Brot.
Arbeit: In Haus und Garten dem Frühling entgegen. Die Sonne ist zu warm, der Wind zu kalt; das machts anstrengend.
Film: Mal sehen heute Abend, welche Angebote verlockend genug sein werden.

Die mediale Dauerberieselung zeigt Wirkung. Bei manchen Menschen macht sich Furcht breit. Und bei anderen geht längst die Angst um. Die grosse Frage: wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Kaltherzig und rosenwangig betrachtet ist diese Frage töricht. Denn niemand weiss genau, wie es weitergehen wird. Allenfalls, dass die weltweit agierenden Strippenzieher, die Gewinne an ihre Ufer ziehen werden. Die Zeche zahlen – wie übrigens immer, die Menschen ohne Macht und Lobby.

Als ich vor Jahrzehnten Deutschland verlassen hatte, um in Südamerika zu leben und zu arbeiten, war mein Einstieg Venezuela. Drei Wochen Urlaub, so als Akklimatisierung geplant. Drei Tage nach der Ankunft putschte der Militarist Hugo Chavez und errichtete eine Diktatur. Es wurde Ausländern geraten, Hotel, Wohnung oder Haus besser nicht zu verlassen. Die kleinen Läden rundum waren schnell geplündert. Chavez hat die „kleinen Leute“ aufgehetzt und bewaffnet, um ihre „Unterdrücker“ zu bestrafen. Die Asos aus den Slums nutzten die Gelegenheit und beschädigten ausgerechnet die kleinen Ladenbetreiber, die letztendlich genauso machtlos waren. Einige Lehren habe ich daraus gezogen; meine Vorübung sozusagen. Die Lage beruhigte sich ziemlich rasch und ich konnte in mein Zielland reisen.

Nach einem ruhigen Sommer brach am 3. November 2002 der Vulkan Reventador aus. Es wurde tagsüber dunkel und weisse Flocken segelten vom Himmel und bedeckten alles. Aschestaub mit Zementanteilen. Alle Blüten erstickten unter dem Belag und leichtere Stengel und Äste aller Pflanzen knickten unter dem Gewicht. Das Gewicht nahm durch den einsetzenden Regen noch zu. Ausnahmezustand.
Ich hatte Glück und war von Menschen umgehen, die Erfahrung hatten. Ich war aufgeregt; unerfahren mit Vulkanausbrüchen. Ich hatte die Lektion schnell gelernt: Du brauchst Trinkwasser, Benzin im Tank und Bargeld. (Und keinesfalls Klopapier!!!).

Zehn Jahre später. Mein Arbeitsantritt in Libyen verzögerte sich. Das Visum, die Papiere, die Stempel. Am Rand von Tunis wartete ich bereits seit fünf Wochen in dem geräumigen Hotelzimmer mit Kochgelegenheit auf meine Ausreise. Freitags mittags stand ich an der Zimmertür und rauchte eine Zigarette. Nebenan waren zwei italienische Geschäftsleute angekommen. Standen vor ihrem Zimmer und rauchten. Wir kamen ins Gespräch. Woher wohin? ZIgarette, Espresso?
Es hörte sich an wie eine Explosion. Noch eine. Weitere folgten. Im Umkreis stiegen Rauchsäulen auf. Schreie, Schüsse. Nach dem Freitagsgebet begann in Tunesien der sogenannte Arabische Frühling. Um es kurz zu machen: Trinkwasser, Papiere und Bargeld waren seit Ecuador immer vorrätig. Im Lauf der kommenden Woche wurde die Lage unübersichtlich. Ich hatte keine Sorge, Lebensmittel und Wasser waren vorhanden. (Und Toilettenpapier war verfügbar).
Ich kaufte freitags ein Flugticket für Samstag. Die innere Stimme. Freitags abends kam telefonisch die Empfehlung, dass man sicherheitshalber das Land verlassen solle. Samstags morgens am Flughafen herrschte Chaos. Es gab keine Flugtickets mehr. Alle Sitze waren besetzt, auf dem Fussboden lagerten ganze Familien. Um 13:00 Uhr landete mein Flieger in Frankfurt.

Was ich im Lauf der Jahre ebenfalls gelernt hatte: auf deine innere Stimme zu hören und danach zu handeln. Ist man unsicher, frage man sich, was ist das Allerschlimmste, was einem passieren kann. Man kann lernen, dass die innere Stimme zum eigenen Besten spricht.

Drei Jahre später. Mein letzter Auslandsstandort. Südosteuropa. Ein Erdbebengebiet. Trinkwasser, Benzin im Tank und Bargeld. Und eine gereifte innere Stimme. Ich wachte nachts auf. Zuerst hörte ich das bedrohliche Geklapper der grossen Schiebetüren des Kleiderschranks. Dann registrierte ich, dass mein Bett wackelte. Erdbeben! Angst! Raus aus dem Bett. Unter den Türsturz stellen. Dann raus aus dem Haus. Dazu braucht man sich nicht anzuziehen wie für den Opernball. Mir kommt eine halbe Minute lang bebende Erde vor wie eine Stunde. Endlos. Es ist die Angst und man kann nichts tun, weil man nicht weiss, was im nächsten Moment passieren wird. Die Angst lähmt und schwächt. Die innere Stimme zeigt Möglichkeiten und macht einen kreativ.

Und jetzt? Deutschland. Pandemie. Coronavirus. Ich habe einen halben Tank voll Sprit. Strom, Internet und Telefon funktonieren. Das Trinkwasser läuft wie immer. Die Regale in den Supermärkten sind wohl gefüllt. Niemand muss hungern. Im TV Dauerberieselung. Die Sammlungen vieler Museen kann man online besuchen. Man kann sogar belebende Spaziergänge draussen unternehmen. Oder eine kleine Radtour. Man kann mit anderen Menschen kommunizieren. Einzig auf den Abstand sollte man achten.

Die mediale Dauerberieselung zeigt Wirkung. Bei manchen Menschen macht sich Furcht breit. Und bei anderen geht längst die Angst um.
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Langeweile?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du nicht wie gewohnt schoppen und konsumieren kannst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du finanzielle Verluste erleiden wirst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Deine Kreuzfahrt ausfällt?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann? Dass Du am kommenden Wochenende nicht mit Freunden grillen kannst?
Und was ist das Schlimmste, was Dir jetzt passieren kann?. . . . .

Aber was ist denn jetzt wirklich das Schlimmste, was Dir passieren kann? Hier im Blog schon bald mehr darüber, wie man kreativ werden kann. Jeder Mensch auf seine Weise.

Ich wünsche allen Besuchern und Lesern kreative Ideen. Jetzt ist die Gelegenheit dafür günstig. Das Leben ist fantastisch.

 

 

22 Gedanken zu „Wenn man der Angst die Tore öffnet

  1. Das schlimmste? Dass Schwarzhändler die Nahrungsmittel horten, die öffentliche Infrastruktur dauerhaft zusammenbricht und Banden marodierend durch die Gegend ziehen, dass Behandlungen in Krankenhäusern nur noch gegen Schmiergeld möglich sind, dass, um wieder Ordnung herzustellen, Militärdiktaturen entstehen und die Bürgerlichen Rechte zu Klopapier werden.
    Noch sind wir zum Glück sehr weit davon entfernt und mir persönlich geht es gut. Angst habe ich nicht. Ich antworte nur auf Ihre Frage. Ich sah eben einen Report aus Italien, wo solche Befürchtungen wachsen.

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  2. Sehr geehrter Herr Ärmel,
    was für eine Geschichte, der sich hinterm Computermonitor versteckende Berufsknipser verneigt sich vor Hochachtung, mir wären da wohl längst einige Hosen nass geworden…Aber es stimmt natürlich, Panikmache und Kontrollverluste sind nicht angebracht, nüchtern betrachtet bewegen wir uns immer noch im Rahmen einer Grippeepedemie , nur mit bis jetzt unbesiegbarem Gegner. Abstand halten ist wichtig, hier in Hamburg wo die Fusswege manchmal nur 1,50 Meter breit sind gehts dann auf die Strasse…vor allem wenn wieder solche Volltrottel mit dem Handy vor dem Gesicht einem mitten auf dem Weg entgegenkommen…Und wenn ich dann überfahren werde …egal, der Mensch stirbt sowieso, meinen alten Herrn hat es am Freitag erwischt (ohne Virus) und die Challenge ist nun eine Beerdigung in diesen Home Office Zeiten zu organisieren…da waren ihre mutigen Arbeitsreisen sicher inspirierender ! Bleiben sie wohlauf , herzlicher Gruss aus Hamburg von Jürgen

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  3. Der Virus, der Virus, der ist kein Russ
    Zu Hause Bleiben ist ein Muss
    Und schnäuzen wir in den Ärmel
    dann machen wir´s doch GÄRNELL
    Weil Herr Ärmel mit geübten Wort
    Bläst uns die Sorgen fort

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  4. Mein lieber Herr Ärmel,
    was Phantasie in Zeiten der Entspannung bewirkt, können wir alle nun umso mehr goutieren: Das virtuelle Städel, Kinofilme für Kleingeld vorm heimischen Computer oder manch einer eben einfach nur gute alte Literatur~~~ soweit nur ein Abriss der gegebenen Möglichkeiten.

    Fantastereien in Zeiten der Anspannung hingegen scheinen nie auszureichen. Der verschobene olympische Gedanke mag das sein. Schneller, höher, weiter. Ergänzenswert vielleicht der laute Schrei nach: Mehr! Insofern lesen sich Ihre Notate nach einer gesunden Balance. Dafür danke ich Ihnen.

    Krumenkrümelige Dreckfingergrüße (Heh! Scherz! Drölfzigmalgewaschen!) sende ich als Ihre Frau Knobloch, selbst mit allen Wassern gewaschen zugeneigt wie stets.

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  5. Ach, die kreativen Ideen – ich verdamme sie. Zuerst fand ich es eine tolle Idee, mal wieder „Die Pest“ von Camus zu lesen. Das war in den 80er Jahren Pflichtlektüre. Mir ist der Humor stecken geblieben. Die Gesichter meiner Miteinkäufer im Supermarkt erschrecken mich jeden Tag aufs Neue. Bleibt froh…
    Eric

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    • Guten Tag und herzlich willkommen. Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar.
      Lesen kann eine kreativ Beschäftigung sein, ob aber „Die Pest“ dem eigenen Humor dient wage ich zu bezweifeln.

      Den Kontakt zu Miteinkäufern minimiere ich, indem ich seltener einkaufen gehe.

      Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen Tag und bleiben Sie gesund . . .

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  6. Es ist eigentlich schon gewaltig, was ein winziges Wesen so alles kann. Die Menschheit, die Spezies welche sich ja immer als die Krönung der Schöpfung betrachtet, wird durch den Winzling ziemlich hart gebeutelt. Die Seuche selbst, ist sicher nicht mit dem „Schwarzen Tod“ zu vergleichen, auch ist die Zahl der Opfer, im Verhältnis relativ gering, aber eines zeigt uns der Virus: Unser gesamtes Gesellschaftliches und Wirtschaftliches – System ist fragil. Es wird nicht gestört, weil Menschen durch das Virus getötet werden, sondern weil es nicht belastbar ist. Der Verlust eines Elements des Netzwerks kann das gesamte System zerstören. Und, wie üblich, gehen wir Vorwärts, schauen dabei Rückwärts, und denken dabei alles im Griff zu haben. Die Geschichtsbücher lehren uns leider etwas anderes. Gar nichts haben wir im Griff. Wir, die Menschen, wir sind im grossen Chor des Lebens nur eine Quantité Négligeable, die Erde braucht uns nicht. Wir, aber, brauchen die Erde.

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  7. Das Schlimmste? Ich versuche solche Gedanken zu vermeiden, der Blick nach vorne mit Zuversicht ist mir da wichtiger. Vielleicht ist das auch meine Lösung: die Hoffnung nie verlieren.
    Ich meine, die meisten von uns leben dank moderner Technik sicher bereits ihr 2tes oder 3tes Leben, da ist Dankbarkeit für manches mal kein Fehler.
    So ganz spontan.
    Also weiter geht’s!
    Fröhliche Grüße!
    (Gary Moore / Bluesrepertoire rauf und runter, eben: The Messiah….)

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    • Diese Frage folgt eher therapeutischen Zielen. Man fragt sich das in einer Situation, die einem sehr unangenehm ist, gar Ängste auslöst. Ein Lösung muss gesucht und gefunden werden. Die Ängste blockieren. Da hilft die Frage: was ist denn das Schlimmst, was dir in der jetzigen Situation passieren kann?
      Im Beitrag hätte ich das genauer beschreiben sollen. Ich bemerke es jetzt.

      Ich stelle mir diese Frage fast nie. Meist weiss ich rasch, was in einer Situation zu tun ist.

      Noch mmer Achim Reichel / aber nicht mehr lange

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  8. Was ist das Schlimmste was einem passieren kann?

    Nun, einem Freund von mir geht es gerade echt dreckig, sitzt den ganzen Tag auf dem Sofa und spielt mit der Playstation, ernährt sich nur noch von Tiefkühlpizza, traut sich nicht aus dem Haus, die sozialen Kontakte alle abgebrochen..

    naja und jetzt hab ich ihm auch noch das mit dem Coronavirus erzählt, hätte ich mal lassen sollen 😀

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    • Ich habe da mehr Glück. Ich kenne allenfalls Freunde, die Freunde haben, die . . . //// es ist nicht ganz einfach in diesen Zeiten.

      Aber solange Du Deinen Kommentar mit einem Lachsmilie beendest, besteht ja noch Hoffnung !! 🙂

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