Erstaunliche Beobachtungen auf zehn Quadratmetern

Wiederanhörungen. Was hat noch Gültigkeit? Reihenweise verlassen Scheiben das Musikalarchiv.
Bleiben wird: Billy Cobham – Crosswinds (1974)…

Die Schwalben haben ihre Nester verlassen. In diesem Jahr ist der Sommer schon vor dem Hochsommer vorüber. Ich hoffe auf einige weitere sonnige Tage. Immerhin konnte eine Schwimmrunde im Rhein stattfinden.
Im öffentlichen Bücherschrank die „Auto“biografie von Marilyn Manson gefunden. Das meiste hat wohl ein Redakteur des Rolling Stone zusammengeschrieben. Ich kenne keine Musik dieser Kreatur. Ein Klon zwischen Sylvesterrakete und Lumpensammler. Das typische, der beiden möglichen us-amerikanischen Schicksale. Ein kleiner, hässlicher Versager, der sich geschworen hat, es eines Tages allen zu zeigen. Was bringt einen Mensch dazu, sich nur um aufzufallen den Familiennamen eines gewissenlosen rechtsradikalen Massenmörders zuzulegen.
Der Zweite Weltkrieg kostete etwa 50 Millionen Menschenleben. Die aussenpolitischen Aktionen der US-Amerikas kosteten seit dem Zweiten Weltkrieg geschätzte 30-40 Millionen Menschenleben weltweit. Ich bin noch auf der Suche nach der genauen Quelle, bzw. exakteren Zahlen. Das geistferne Druckwerk liegt inzwischen in der Altpapiertonne.

Viel Balzac gelesen in letzter Zeit. Die menschliche Komödie. Das hält fein vom Bloggen ab. Erstaunlich aktuell erscheinen viele Beschreibungen Balzacs. Es scheint sich wenig geändert zu haben in den letzten zweihundert Jahren. Oder zweitausend.
Hauptsache das Bewusstsein schläft. Das nutzt Produzenten wie Konsumenten. Und den Politikern ists allemal recht.
Die alltägliche Einbildung vieler Menschen, informiert zu sein.
Ein balltretender Gladiator wechselt die Arena für eine Viertel Milliarde Euro.
Die Condottieri, die Söldnerführer des ausgehenden Mittelalters heissen heute Topmanager. Niemandem verpflichtet ausser dem Eigennutz. Vor allem dem eigenen. Verantwortungslos wird die Welt belogen und betrogen. Die Zeche zahlen die anonyme Menschenmasse. Arbeitsplatzvernichtung, Zerstörung des privaten Lebens; die Kollateralschäden des Wachstums. Früher segnete die Kirche die Auswüchse der Herrschenden. Heutzutage haben die Unternehmensberatungen dieses profitable Geschäft an sich gerissen. Schlimm nur, dass der Kleinbürger glaubt, in diesem Spiel eine reelle Gewinnchance zu haben. Auch mal gewinnen zu können. Naja, so einer, wie Marilyn Manson vielleicht.
Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr.
Und alle halbe Jahre gibt es ein neues Konsumprodukt für die Müllhalde, das niemand wirklich braucht. Dann ziehen die gekauften Werbesöldner durch die Lande und irrlichtern mit Kaufgründen. Und was hatten wir seit unserer Kindheit schon alles an Fantastischem gehabt, was seit Jahren nicht verrotten kann. Hot Wheels, Silly Putty, Pez-Boxen, Hüpfbälle, Flummis oder Knuffls um nur ein paar frühe Artikel zu nennen.
Und schon daddelts auf dem Einsamkeitsverwischfon. Die Werbung ist in den Einfachhirnen verankert und beginnt zu wuchern. Das nennt man heute Kommunikation. Ein menschliches Gegenüber aus Fleisch und Blut kann man sich mit keiner Handfessel herbeiwischen.

Der konsequente Verzicht auf die Nachrichtenmedien tut gut. Es kehrt Ruhe ein in den Falten der Seele eines modernen Menschen. Zurück zum Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Dahin, wo das must-have oder must-go-to keine Bedeutung hat. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen statt von Floskeln, Icons oder Gefällt-Mir-Klicks. Den Gefühlsausdruck des Mitmenschen erleben.
Ich merke es daran, dass ich in den letzten Monaten mindestens fünfzehn bis zwanzig Beiträge in diesem Blog nicht mehr geschrieben habe. Angefangen und spontan aufgehört.
Nur das Negative zu schreiben, das können viele Blogger besser als ich. Und die schönen Ereignisse, die wundervollen Entdeckungen und prächtigen Momente sind mir wieder dermassen kostbar geworden, dass ich sie nur mündlich teilen mag. In den Gesprächen, bei denen niemand unablässig aufs Daddelfon schielen muss. Oder im Garten zuschauen, wie sich die neuen Weinbergschnecken heimisch machen. Erstaunliche Beobachtungen sind möglich auf zehn Quadratmetern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern weiterhin noch ein paar feine sommerliche Tage.

(Fotografien zur Illustration. Klick öffnet die Galerie)

 

Freitagnachmittags einfach so

Aus Finnland an den Rhein gekommen: Wentus Blues Band feat. Phil Guy – The last of the big time spenders (2005)…

Das Internet soll ja angeblich nichts vergessen. Wenn dereinst jemand diesen Beitrag entdeckt, wird er sich fragen, von was denn da die Rede gewesen sei. Einzelhandel?
Den wirds in der gewohnten Form über kurz oder lang nicht mehr geben. Die heutigen Erstklässler werden schon bei ihrem Schulabschluss nicht mehr wissen, was ein Tante-Emma-Laden gewesen ist. Den haben die Konsumenten durch ihr Konsumverhalten bis dahin zum endgültigen Verschwinden gebracht. Mit ihren Ansprüchen. Dem was sie erwarten, haben wollen und bereit sind, dafür zu zahlen. Hohe Erwartungen, eine bandbreite Auswahl und das alles zum Minimalpreis. Unzufriedenheit ist ein fürchterlicher Treibstoff.
Ein europaweit sich vorfressendes Kettenunternehmen wirbt mit einem bestimmten Reizwort ausschliesslich in Deutschland. In deren Werbung in anderen europäischen Ländern findet man dieses Wort nicht. Dass dieses Alles-haben-wollen zum Kleinstpreis sich hierzulande mit sexuellen Begierden zusammenbringen lässt, wirft auf die deutschen Durchschnittskonsumenten ein merkwürdiges Licht.
Es gibt natürlich auch die Einzelhändler, denen ihr Kleinunternehmertum zu Kopf gestiegen ist. Die dadurch ihre Geschäfte selbst ruiniert haben. Zweifellos. Aber es ist das Verhalten der Masse der Konsumenten, die dafür sorgen, dass man über kurz oder lang nur noch bei Kettenläden kaufen können wird.
Es denkt sich doch längst kaum noch jemand etwas dabei, wenn die (meist) weibliche Aushilfe in der Bäckereifiliale also spricht: Ich werde später nochmal französisches Weissbrot backen. Wenn sie wenigstens aufbacken sagen würde zum dem Vorgang, wenn die Frosterware in den Heizofen geschoben wird.
Ein Jahr intensiver Beschäftigung mit Einzelhandelsfachgeschäften hat mein Bild von Konsumenten erheblich verändert. Deren unverschämtes Verhalten macht manchmal geradezu sprachlos.

Auf der vormals für kalte Büffets verwendeten grossen Platte fehlen verblühte gelbe Rosenblütenblätter. Rote, weisse, rosa und sogar violette Rosen blühen im Ärmelgarten. An gelben hingegen mangelt es.
Ich radle nach Mainz. Dort im Rosengarten gibt es Rosen in allen Farben und vielleicht habe ich Glück und gelbe Rosen sind am Verblühen.
In der Stadt genehmige ich mir ein Eis und schaue bei Oxfam vorbei. Draussen sehe ich das junge behinderte Paar. Der Mann kann nur mit grosser Mühe und mit Hilfe eines Gestells überhaupt gehen. Die Frau schafft es zwar ohne Hilfe, bewegt sich aber auch sehr wacklig. Ich verstehe aufgrund ihrer Artikulation nicht, über was sie sich unterhalten. Das ist aber nicht nötig. Denn etwa alle fünfzig Meter bleiben die beiden stehen. Ihre herzinniglichen Umarmungen sprechen dabei mehr als alle Worte. Ihr Anblick berührt mich.

Auf der Eisenbahnbrücke frage ich mich, wie oft wir darauf wohl schon gemeinsam den grossen Fluss mit dem Rad überquert haben. Das Wasser im Rhein ist weder golden noch ist es Wein (***). Der Rhein leuchtet heute in dunklem Türkis. Ich sehe dem Schifffahrtsverkehr zu und mir fällt dabei der Mann von vorgestern im Zug ein. Den mit dieser sonderbaren Zeitschrift. Es scheint mittlerweile für jede Überflüssigkeit und für jeden Konsumunsinn eine Zeitschrift zu erscheinen.
Drüben an der Mainspitze ist noch nichts los. Unter der Brücke gehen zwei Männer in schwarzen Badehosen flussaufwärts.
Zwanzig Minuten später sehe ich sie wieder flussabwärts in Richtung City schwimmend. Meine Badehose liegt zuhause im Schrank. Und mir fehlt eine Begleitung. Aber wer weiss, in den nächsten Tagen vielleicht. Im Rhein schwimmt man nicht alleine. Es braucht so wenig, damit die Lebensfreude aufblüht.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Sommerwochenende.

(Fotografien anklicken. Die Galerie öffnet sich rund um die Uhr)

Reduktion? Nicht bei Herzensfreude und Schönheit

Wetter fast wie im April. Nur heisser. Passend dazu: Peter Hammill – All that might have been (2014). Die fetzigen Nummern für das Matratzenlager im nachtschwülen Partykeller: Knockout Rockin´ (Collector CD. Thanks to RYP). Nach über einem Jahrzehnt erneut eine solide Facharbeit: Procol Harum – Novum (2017)…

Die Ausstellung ist nun beendet. Vor den Organisatoren und beteiligten Künstlern ziehe ich meinen Hut und danke allen Machern und Mitmachern herzlich für ihr grosses Engagement. Sponsoren unterstützten die Vernissage und Ausstellung grosszügig. Das Interesse des Publikums in dem begrenzten Umfeld war beeindruckend. Positive Presseberichte waren erfreulich zu lesen. Wenn während der Ausstellungstage zudem Kunstwerke verkauft worden sind oder Anschlussaufträge folgten, dann war die Freude perfekt.
Die Aussenwand mit dem grossen Graffiti wird noch bis zum Abbruch des vormaligen Supermarktes zu bewundern sein. Über einen dauerhaften Standort wird derzeit nachgedacht. Das Sprühteam um Manuel Gerullis hat mit seiner künstlerischen Street-Art in diesem Jahr zudem den Kulturpreis der Stadt Wiesbaden gewonnen.

Mich haben die Gespräche inspiriert. Sowohl die mit den Künstlern als auch mit interessierten Guggern. Natürlich gibts da auch merkwürdige Begegnungen. Aber das sind für mich dann die eigentlichen Sahnehäubchen. So beispielsweise eine kenntnisreiche ältere Dame angesichts eines meiner Wasserbilder.

Das ist aber schön gemalt. Das ist mit Photoshop, gell?
Das ist eine Fotografie. Alles ohne Photoshop.
Doch, das ist Photoshop.
Das ist eine ganz normale Fotografie. Da ist nichts zusätzlich manipuliert.
Ja, das sehe ich auch, dass Sie das abfotografiert haben. Aber es ist trotzdem schön gemalt.
Das ist kein Gemälde. Ich habe das so fotografiert, wie ich es gesehen habe. Es ist die Spiegelung einer Wasser – –
Ja nein!, aber…
(manchmal kehrt die Stille von selbst ein).

Allzu still wirds jedoch nicht werden. Die Vorbereitungen für eine Einzelausstellung zu Beginn des nächsten Jahres werden schon in Kürze beginnen.

(Fotografien. Die obere und die untere sind Einzelbilder. In der Mitte ist es wie gewohnt eine Galerie. Anklicken und gross gugge)

Reduktion der Befehle – Die Meditation der Frösche

Als progressive Rockmusik noch progressiv war: Traffic – The Low Spark of High Heeled Boys (1971). Und nun zum Nachmittagstee: Julie Driscoll with Brian Auger & The Trinity – Streetnoise (1969)…

Wo die Natur scheinbar verschwendet, dient letztendlich alles der Erhaltung natürlicher Kreisläufe. Arterhaltung, Nahrungsketten und Prachtentfaltung. Wachsen, blühen und vergehen als Grundlagen des Seins.
Die dritte Amselbrut ist nun flügge geworden und hat das Nest und den Hinterhof verlassen. Dreimal drei kleine Amseln in den letzten Monaten. Vielleicht werden zwei von ihnen überleben. Die anderen werden dem Kreislauf der Natur einverleibt werden.

Wie anders dagegen arbeitet die menschliche Natur. Verschwendung bedeutet hier Ausbeutung und Zerstörung. Zur letztendlichen Gewinnmaximierung von einigen wenigen Nimmersatten und Gierhälsen. Geleistet aber wird die ganze Arbeit von den unüberschaubaren Herden der Konsumenten weltweit. Deren Verhalten wird herangezüchtet und dressiert durch immer zahlreicher auf uns einprasselnde Imperative.

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Grammatische Befehlsformen, die irgendwann das gesunde Bewusstsein eines Menschen infizieren. Dann hält man den eigenen Konsum für Bescheidenheit und zeigt mit dem Finger auf all die anderen Verschwender. Oder man beneidet sie um ihre  Konsumartikel und vergisst ganz rasch die eigene angebliche Bescheidenheit. Eine weitere Erscheinung ist die diffuse Ablehnung der Bataillone von fremden Menschen, die in ihren Heimatländern bereits auf ihren Koffern sitzen und von den Konsumparadiesen der uns umgebenden Länder träumen.
Denkbar jedoch auch, dass man sich das Vergnügen leistet, all´ die Orte und Produkte bewusst zu vermeiden, die einem per Befehl eine Leistung abverlangen. Das kostet nicht nur nichts, sondern man spart sich recht schnell ein erkleckliches Sümmchen. Und Freude macht ein solches Abenteuer  garantiert.
Das Hamsterrad, in dem man sitzt, dreht sich immer nur so schnell, wie man selbst darin läuft.
Man kann es sogar verlassen. Dazu muss man jedoch auf die eigenen Beine stellen. Und sich orientieren können im eigenen Leben.
Was die Frage aufwirft, warum sich Menschen überhaupt verirren können. Ich glaube manchmal, dass Umwege und Irrwege die Gelegenheiten schaffen, dass man seine Ortskenntnis erweitert.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sommerfeines Wochenende. Und wer weiss, vielleicht werden Sie irgendwo sogar meditierende Frösche entdecken.

(Foto anklicken und grosse Bilder sehen)

 

 

Keine Ahnung, welcher Titel da passen könnte

Es ist eine Erinnerung an damals. An jenen heissen Sommernachmittag. In der Plastiktüte eine Doppellangspielplatte. Den Tonarm aufgelegt. Und schon die ersten Töne kamen aus einer anderen, noch unbekannten Welt: Pink Floyd – Umma Gumma (1969)…

Abends am Ufer stehen. Die Familie Kanadagans ist noch vollzählig. Sechs Jungvögel. Eine Junggans hat offensichtlich Probleme mit den Flügeln. Sie kann ihre Flügel zwar aussstrecken, aber an der Stelle des „Ellenbogens“ stimmt etwas nicht. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler. Vorbeigeher äussern bei ihrem Anblick sogleich und lautstark Mitleid. Da muss man doch was tun. Da muss jemand bei der Stadt anrufen. (immer sollen oder müssen die anderen etwas tun, versteht sich) Aufschlussreich, wenn man mit diesen Mitleidenden ins Gespräch kommt. Ihre Denkweisen kennenlernt.
Diesselben emotionalisierten Menschen verzehren heisshungrig Hühnchen und denken sich nichts dabei, dass alle kleinen Hähnchen spätestens bei der Geschlechtsreife anderweitig verarbeitet oder vernichtet werden. Von den Kälbern werden die männlichen rasch verzehrt bis auf wenige Ausnahmen; nur die weiblichen Tiere werden als Milch- und Fleischlieferanten am Leben gelassen. Mit der Geschlechtsreife bekommen die männlichen Tiere einen Hautgout der besonderen Art, einen unerwünschten Geschmack.
Wir haben uns kollektiv soweit von der Natur entfernt, dass vielfach die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr verstanden werden.
Die Junggans mit den verdrehten Flügeln tut sich mittlerweile schwer beim schwimmen. Durch ihr Gewicht hängen die abstehenden Federn im Wasser wie eine Bremse. Und irgendwann wird man das alte Lied singen von dem Fuchs, der die Gans geholt hat.

Zur Zeit erhitzt man sich in den Kulturabteilungen der Zeitungen und in den Literaturblogs über die literarische Seifenoper in Klagenfurt. Ob Busunfälle, Amokläufe, G-20 oder Literaturshows – Hauptsache das Publikum wird vom Wesentlichen abgelenkt. Und somit Jedem das seine und Jeder das ihre.  Während dieser Tage wirft sich die Bachmann in ihrem Brandgrab wahrscheinlich einige Pillen ein und spült sie mit teurem Kognac runter. Ach herrjeh. Und die Schreiberlinge und die Literaturkennerlinge und die Publikumlinge. Und ihr affektiertes und wichtigtuerisches Gewäsch und Geschnatter. Sie sind verzichtbar, da sie nichts leisten für den Fortschritt der Menschheit.
Eines meiner diesjährigen Geburtagsgeschenke waren die Tagebücher 2002 – 2012 von Fritz J. Raddatz. Auf dem Schutzumschlag ist er posend abgelichtet als schillernder Fatzke in diesem Geschäft der Blender. Sechshundertzweiundneunzig Seiten glatt gebügelte Eitelkeit in Pomade. Eine Kostprobe gefällig?
„Ich hatte immer gedacht, eine Geschichte des Rowohlt Verlages kann man, was die 60er Jahre betrifft, nicht schreiben ohne ein GROSSES, tragendes FJR-Kapitel. Kann man aber. Viel mehr als ein Portier war ich dort also nicht.“ (Raddatz, Fritz J.: Tagebücher 2002 – 2012. Rowohlt, Reinbeck, 20142, S.427.)
Und hinter der Nebelwand dieser Scheinwelt regiert das knallharte Geschäft, die Kalkulation, die schmierigen Seilschaften und das faulige Geschacher. Ist das nicht zutiefst lächerlich? Da schätze ich manche Texte in den kleinen Blogs viel mehr. So richtig aus dem Leben eines Menschen aus der wirklichen Welt, dass ich fast vergesse und es mir gleichgültig wird, ob sie wahr oder erfunden sind.

Die Bildung unterteilt die Menschen in Gruppen. Das Geld trennt jeden Menschen von seinen Mitmenschen. Soziale Arbeit? Meine ist derzeit neben anderen das wöchentliche Aufräumen im öffentlichen Bücherschrank meiner Gemeinde. Wie sehr drängt es manche Menschen ihre Bücher loswerden zu müssen? Bücher werden roh in den Schrank gestopft. Andere wühlen und grapschen wahllos. Ich habe darin unlängst einen kleinen Pappband gefunden. Die folgenden Zitate sind daraus: Tucholsky, Kurt: Schnipsel. Reinbeck, Rowohlt, 1973.

„Deutschlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Deutschlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.“

„Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus.“

„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

„Wenn sich in Rußland auch nur ein Achtel der Entführungen, Erpressergeschichten, Bandenüberfälle und Gewalttaten ereignete wie in Amerika –: das Geschrei der sittlich entrüsteten Amerikaner möchte ich mal hören! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung machen, sich auf Reisen anständiger benehmen und im übrigen den Schnabel halten.“

„Ein Künstler braucht keinen Erfolg zu haben. Aber ein Zahnarzt, der nicht von Schmerzen befreit; ein General, der dauernd Prügel bekommt, und ein Wirtschaftskapitän, der nicht weiß, wo Gott wohnt –: diese drei dürften nicht ganz das Richtige sein.“

Erfolgreiche Künstler verdienen freilich mehr. Und wen bewundert man mehr? Denjenigen, dem alles zufliegt, der glatt durchkommt und glänzend dasteht? Oder denjenigen, der aus den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und gegen alle Schwierigkeiten einige Fertigkeiten sich erringt? Umdenken tut Not. Diringend!
Aber in Zeiten des Internet und des Allesumsonsthabenwollen relativiert sich das alles. Um Kunst zu produzieren muss man nicht mehr lange üben, Berge versetzen, Flüsse durchschwimmen oder Brücken bauen und überqueren. Im Notfall erledigt der rücksichtslose Einsatz des Wischtelefons das alles ohne Kosten und Anstrengungen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende mit leuchtenden Erkenntissen.

(Fotografien zur Illustration des Textes. Foto anklicken für einen deutlicheren Hinblick)

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Reduktion : weiterhin gut behütet

Auf Radio Stone.fm einen heissen Titel gehört und spontan die dazugehörige Scheibe besorgt. Da geht die Post ab, die Musik fährt in die Beine: Hot Boogie Chillun – 15 Reasons to Rock´n´Roll (2005)…

Soweit ich mich erinnere, begannen vor einem Jahr auf den Tag genau, die ersten konkreten Schritte des Reduktionsprojekts. Wie oft zuvor schon hatte ich gedacht; man müsste, man sollte und man könnte. Dies und jenes mehr oder weniger halbherzig versucht, manches auch umgesetzt. Jetzt also mit lebendiger Konsequenz aber ohne dogmatische Anwandlungen ins Abenteuer der Reduktion springen.
Ich hätte mir nicht räumen lassen, was daraus in kurzer Zeit entstanden ist. Nein, keine Karriere und keine Anhäufung von Mammon, Es sind die Beobachtungen, die Wahrnehmungen und die Gespräche mit anderen Menschen. Der Gewinn sind die daraus erwachsenden Erkenntnisse. Sein lassen, was nicht weiterbringt und letztendlich lediglich Kraftvergeudung ist.
Die Erleichterung, sich nicht mehr zu beschweren über Kleinigkeiten. Kein Geschwätz über Dritte hinter den Linien. Lernen vom Wissen anderer Menschen. Mut schöpfen. Staunen über das derzeit fast schon pervertierte Kaufverhalten von Konsumenten. Die Freude über die dritte Brut der Amseln im Nest im Efeu. Lebensfreude pur, indem man das Wichtige vom Unwichtigen trennt. Die Aufzählungen liessen sich weiterführen. Noch läuft nichts perfekt. Stolpern gehört dazu. Fallen ist nicht schlimm, sondern liegenbleiben..

Ja, ich kommentiere gelegentlich noch immer in anderen Blogs. Zum Beispiel schrieb ich diesen hier: „Kannibalen waren der letzte Schrei in den frühen Reiseberichten des 16. und 17. Jahrhunderts. Deshalb legten die Verleger auf derlei Grusel & Grauen enormen Wert, das hob schliesslich die Verkaufszahlen. Also in etwa die Blödzeitung für den Adel der frühen Neuzeit. Ich stelle mir gern die indigenen Bevölkerungen vor. Lauschend den Reden der Missionare. Was mögen die Indianer wohl davon gehalten haben, dass wir bei vielen Gelegenheiten unseren Erlöser als Brot aufessen und sein Blut als Wein trinken…“. Dass es die Kannibalen, in der Form, wie sie literarisch tradiert worden sind, so nicht gab, haben Historiker längst erforscht.

Alle reden von Gentrifizierung. Gemeint sind in diesem Kontext meist raffgierige Spekulanten, die Immobilien aufkaufen, um sie zu renovieren oder umzubauen. Durch neuerliche Vermietung oder den Verkauf als Eigentum wird danach ein satter Profit erhofft. Über eine andere Form der Gentrifizierung finden sich Informationen nicht so leicht. Bestimmte Bevölkerungsgruppen kaufen nach und nach Ein- oder Mehrfamilienhäuser in einer Strasse oder einem Viertel in einer kleineren Stadt. Aus verschiedenen Gründen verlieren andere Investoren den Anreiz zum Kauf und für Verkäufer beginnen die Preise ihrer Immobilie zu sinken.
Im Lauf einiger Jahre sind die Immobilien des Quartiers mehrheitlich im Eigentum einer Bevölkerungsgruppe. Kulturwissenschaftlich spricht man von dem Gegenteil von Integration, nämlich der kulturellen Segregation. Ein international bekanntes Beispiel dieses Phänomens sind die weltweit verbreiteten Chinatowns. Hierzulande gibt es meines Wissens keine Chinatown.

Ich freue mich auf die Begegnung mit anderen kreativen Menschen. Die Vernissage findet Morgen um 19:00 Uhr statt.

(Herr Ärmel ist bekannt als der Untertan mit Mantel, Regenschirm und Hut. Die hier präsentierten prächtigen Hüte jedoch befinden sich nicht in den Ärmelschen Hutschachteln. Foto anklicken öffnet, wie immer, die Galerie)