Wegbereitungen

Eine meiner Ewigkeitsballaden. A Louse is not a Home. Zu hören auf:
Peter Hammill – The silent Corner and the empty Stage (1974)…

Lebenskonzepte speisen sich aus vielen verschiedenen Ursprüngen. Die Herkunftsfamilie, menschliche Begegnungen und immer wieder besondere Ereignisse. Diese Melange prägt den Menschen über viele Jahre und schafft ihm Mittel und Werkzeuge, um ab einem gewissen Lebenszeitpunkt sein Leben weitgehend selbstbestimmt zu steuern und zu leben. Und für das eigene Denken, Fühlen und Handeln die Verantwortung zu übernehmen.

Meine Herkunftsfamilie entstammt jener Generation, die von einem ehemaligen Kanzler der Deutschen behaftet worden ist mit dem Etikett der Gnade der späten Geburt. Mir fallen die Pubertierenden und Heranwachsenden in jenen Jahren des Krieges ein. Die Jungs durchweg sozialisiert in der Jugend, benannt nach ihrem wahnsinnigen Führer. Die Mädels hatten ihren eigenen Verein. Verballhornt in Bubi drück mich (BdM). Kinder weitgehend beraubt ihrer Kindheit, Jugendliche beraubt ihrer Jugend. Verbogen, verdreht und belogen. Wie anders soll ich es mir erklären, dass damals Fünfzehnjährige Brücken und Kirchen in die Luft gesprengt haben ohne Bedauern. Auch notfalls nicht davor zurückschreckten, einen Menschen, der den Irrsinn nicht weiter mitmachen oder bloss zur Vernunft aufrufen wollte, hinzurichten in den letzten Tagen. Im Angesicht des Untergangs.
Es gab auch Ausnahmen. Da ist mir ein ganz besonderer Mensch bekannt, der zum Flakhelfer gezwungen worden ist. Unter seinen pflichttreuen Kameraden war durch seinen Mut und seine Taten jene bewundernswürdige Ausnahme, die die Regel nur bestätigt. Er hat den Krieg überlebt und arbeitete danach viele Jahre als anerkannter Arzt.

Aufgewachsen im zunehmend industrialisierten südlichen Bembelland. In einem alten Ortskern. Die Kirche gegenüber. Bauernhöfe rundum. Die Landwirte mit kleineren Höfen verkauften und verpachteten im Zug der Flurbereinigung nach und nach. Sie kamen als ungelernte Arbeiter in den umliegenden Fabriken unter. Noch war der Faselstall in Betrieb. Auf dem alten Rathaus wurde zuverlässig jedes Jahr das Storchennest besiedelt.
Im Herbst kam der Holzschneider mit dem Lanz Bulldog. Auf dem Traktor war hinten die Bandsäge montiert. Er schnitt den Bauern das Holz für den Winter. Die groben Stücke wurden auf dem Knittelkarren nach Hause geschafft und dort ordentlich in feine Scheite gehackt. Erscholl der Ruf „Ahl Eise, ahle Öfe“ oder gar „Zigeuner!“, dann wurde der Riegel des Hoftores vorgelegt. In unserem Hof erinnere ich mich an den alten Holztisch. In der Kirschen- oder Pflaumenzeit sassen Frauen drumherum. Vor ihnen angeschraubt an der Tischplatte die handbetriebenen Maschinchen zum Entkernen der jeweiligen Früchte. Samstags brachten Bauernfrauen ansehnliche quadratische Bleche in die Backstube. Die Kuchen darauf wurden in der letzten Hitze des mächtigen Backofens ausgebacken. In der Waschküche eines Hofes stand der grosse Kupferkessel. Von unten befeuert wurde darin das Schweinefutter gekocht, zu Zeiten auch die Wäsche gewaschen. Zur Pflaumenernte versammelten sich die Frauen, um in wechselnden Schichten den Latwersch, das Pflaumenmus, im Kupferkessel einzukochen. Im Spätjahr wurde geschlachtet. Wir Kinder waren dabei. Welcher Junge dem Metzger am besten zur Hand ging mit kleinen Diensten, dem schenkte er die Schweinsaugen. Es war ein bescheidenes Vergnügen, den kreischenden Mädchen die Augen nachzuwerfen. Psychologen traten ihren Dienst später wegen ganz anderer nicht zu vergessender Ereignisse an. So viele Geschichten schwimmen im Brunnen der Erinnerung.

Was ich als Kleinstärmel tief internalisiert haben muss, war das Wort artig. Artig sein. Und Sauberkeit. Auf alten Photographien sehe ich ein männliches Kind. Im Anzug oder verkleidet in bayerischer Maskerade. Die zweiteiligen, kratzigen Wollstrümpfe und das Tirolerhütchen sind auf keiner Photographie zu sehen. Meisthin mit einem Lächeln. Damals noch. Dass ich mich, der Familienerinnerung nach, im Alter von zwei Jahren geweigert habe, mich von Frauen anfassen zu lassen, es war vielleicht Instinkt. Ein Jahr später nahm mich eine Verwandte mit zum Einkaufen. Während ihres Schwätzchens mit der Inhaberin des Kolonialwarenladens nahm ich aus der Bonbonniere zwei kleine Kaugummis. Ohne zu fragen. Zuhause wurde auch ich nicht gefragt. Ohne weitere Erklärungen schritt man zur Tat. Mein drittes Lebensjahr, ich habe es überlebt. Und auch die weiteren kraftvollen Versuche, einen kleinen Menschen abzurichten und zu dressieren in Wort und Tat. Die Gnade der späten Geburt machte nicht wenige Eltern zu gnadenlosen Dompteuren. Unmenschlich und selbstgerecht.

Welche Wege wird ein Mensch beschreiten mit diesem Erbe seiner Herkunft. Das Leid der anderen Kinder in den Nachbarschaften war da kaum ein Trost. In der vierten Klasse überbrachte die Lehrerin die Nachricht. Ein Klassenkamerad hatte sich aufgehängt.
Viele Eltern blieben ohne Schulabschlüsse. Einige wenige, vorwiegend Männer, hatten ein Notabitur. Frauen betrieben häufig ohne Ausbildung die Familiengründung. Kleinbürgerliches Umfeld mit den üblichen Auffälligkeiten. Einblidung statt Ausbildung. Der Traum von der Reise nach Italien und dem jährlichen Mehr (sic!). Zur Arbeit noch immer mit dem Rad, aber nächstes Jahr mit dem NSU Quickly. Und als mit der hochspezialisierten, feinmechanischen deutschen Wertarbeit für einen weit entfernten Korea-Krieg das deutsche Wirtschaftswunder endlich begann, durfte man von einer 200er Zündapp träumen. Und endlich neue Möbel. Und so weiter. Fast jeder Mensch meines Alters, mit dem ich über diese Themen sprechen kann, kennt die gleichen geschusterten Legenden. Familiengeschichten gestrickt und gehäkelt.

Die Frage bleibt. Welche Wege wird ein Mensch beschreiten mit diesem Erbe seiner Herkunft? In meinem Fall war der Rucksack voll mit einem ganzen Arsenal an Verhaltensauffälligkeiten. Dies wiederum bedeutete Strafen, etliche Schulwechsel und immer wieder wechselnde Bezugsgruppen. Straucheln ohne zu fallen ist eine artistische Kunst. Artig und artistisch liegen nicht nur phonetisch dicht beeinander. Wer neben der Kümmernis und Qual (und die Lehrer und Lehrerinnen sollen bei dieser Gelegenheit genau erinnert werden) auch die kleinen Freuden erlebt und verinnerlicht hat, wer auch Gutherzigkeit, Milde und Humor erfahren durfte, der hat einiges Brauchbare für weite Horizonte späterhin.

Rettungen boten immer wieder die kleinen Fluchten. Anfänglich die verwirrend schönen Fieberträume während der jährlich zweimalig wiederkehrenden Halsentzündungen. Im Winter einmal ausgebüxt in Hausschuhen. Aufgetaucht und wiedergefunden in der Volksschule inmitten einer Meute lachender Kinder. Auch die geheimen Gänge in die Kirche gegenüber. Darin die Gemälde an den Wänden und der Decke bewundern und sich in Phantasien verlieren. Heute sind die Kirchen hier im Umkreis durchweg verschlossen. Ob Kindern ein gleichwertiger Ersatz geboten wird?
Dann die folgenschwere Begegnung mit der Literatur. Dieser Hang wurde im Ärmelhaus befeuert, ohne die möglichen Konsequenzen zu bedenken. Schliesslich las man selbst, war von Anfang an Kunde bei einem Lesering. Als man bemerkte, dass der eigene Spross ganz anderes als Ganghofer und Rosegger las und mit ganz anderen Auswirkungen war es zu spät. Die Dressur war misslungen. Man hatte sich eine Laus ins Haus gesetzt, die einem in allem und jedem widersprach und dabei kaltschnäuzig die Unzulänglichkeiten und Fehlleistungen nachwies. Und vor allem die Lebenslügen. Überlegenheitsgefühle in Gummiwänden. Nur allzu rasch verpuffte die Wirkung. Wer austeilen will muss auch einstecken können. Und wer schon als kleines Kind gelernt hat zu überleben, der kann viel einstecken.

Menschen ausserhalb der Familie waren auf meinen Wegen Überlebensretter und eine unschätzbare Hilfe gleichermassen. In anderen Zusammenhängen hier im Blog habe ich sie als meine menschlichen Engel beschrieben. Diese Menschen waren richtungsweisend. Sie haben mich vor Schlimmerem bewahrt. Ihre Impulse waren förderlich. Manche ihrer Sätze oder Ansichten haben mich verstört oder empört. Und sich dennoch Jahre später als richtig und berechtigt erwiesen. Mein Dank ihnen gegenüber währt lebenslänglich. Davon demnächst mehr.

Rahmenabsteckung

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, diese unerwünschten Nachrichten als naturgegeben hinzunehmen. Meine musikalischen Helden kommen in die Jahre. Family, King Crimson, Roxy Music, Phil Manzanera (801), U.K., Uriah Heep oder Wishbone Ash waren die vielleicht bekanntesten Gruppen, für die John Wetton (12.6.1949 – 31.1.2017) den Bass zupfte…

Meine gegenwärtige Lebensphase wird geprägt von einem Projekt unter dem Titel Fülle durch Reduktion. Wie kommt man zu dem Begriff oder der Metapher von der Fülle durch Reduktion? In meinem Fall stehen dafür individuelle Prägungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir auf meinem eigenen Lebensweg zuteil geworden sind. Insofern wird es in weiteren Beiträgen nicht um komplizierte theoretische Blasen gehen oder abstraktes Geschwurbel. Es wird um die Praxis meines Alltags gehen. Um die darin auffindbaren Möglichkeiten und die Grenzen des individuell Machbaren.
Insofern wird es hier in diesem Blog persönlicher werden. Dazu ermutigt haben mich neben zahlreichen persönlichen Gesprächen auch die Mehrzahl der letzten Kommentare. Wenn Menschen, die in der nächsten Zeit hier vorbeischauen, für sich eine brauchbare Anregung in den Themen finden sollten, dann wäre das ein erfreulicher Erfolg für alle Beteiligten.

Bei der Fülle durch Reduktion handelt es sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel von quantitativen hin (oder zurück) zu qualitativen Werten. Jeder, der das weltweite Geschehen aufmerksam beobachtet, kann bemerken, dass der Masse Mensch qualitatives Wertedenken durch ein Quantitatives weitgehend bereits ersetzt worden ist. Dieser Prozess ist gesteuert. Interessiert sind dabei nicht nur Konsumartikelproduzenten. Die herrschenden Eliten im allgemeinen haben daran ein Interesse. Ihr Werkzeug dabei ist der Wettbewerb um jeden Preis. Jeder gegen jeden. Und dabei die Marionettenspieler und Strippenzieher nicht erkennen.

Dreh- und Angelpunkt für die sich weltweit zuspitzende Notlage jedes einzelnen Menschen ist für mich das bürgerliche Gesellschaftssystem im demokratischen Gewand. Nicht umsonst wird in unserem Land bei jeder sich bietenden Gelegenheit den bürgerlichen Werten, dem Wettbewerb und der Demokratie das Wort geredet. Die böse Dreieinigkeit vor der kein Entkommen möglich scheint. Es fehlt die Möglichkeit einer Alternative. Das kommunistische System, das ebenfalls ein bürgerliches System gewesen ist, war zum Untergang bloss früher als das kapitalistische System verurteilt. Und die jetzigen Populisten denken ebenso wenig an die Menschen, es geht ihnen um Macht und Geld.

Jeder kann es wissen, kaum jemand will es wahrhaben und über allem schweben die Hoffnung, von allem Üblen verschont zu bleiben und der gleichzeitige Wunsch nach ein wenig „Mehr“ bitteschön. Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.
Auch ich stelle schmerzlich fest, immer wieder von „Verbesserungswünschen“ heimgesucht zu werden. Einziger Trost dabei ist mir die Wahrnehmung, noch immer ein Teil meiner menschlichen Umgebungen zu sein.
Optimierung lautet ohnehin die Parole. Politik und Industrien machen es deutlich. Die entscheidenden Fragen beginnen nicht mit warum sondern mit wie. Wie machen wir das? Statt, warum wir machen das? Das ob wird dabei gleich mitabgeschafft. Beispiele dafür kann man in jedem Moment Dutzende finden. Kritische Einwände, ob dies oder jenes sinnvoll ist oder ob es überhaupt der Menschheit dient, werden handstreichartig weggewischt. Man wird verdächtigt, zurück ins Mittelalter zu wollen. Wird überschüttet mit Häme.
Ich hätte nichts gegen bestimmte Formen mittelalterliches Lebens. Der feudale Haushalt, Oikos (daher kommt das Wort Ökonomie), war vereinfacht gesagt eine primitive Art sozialstaatlichen Handelns. In etwa also das, was die bürgerlichen Parteien bei uns gerade restlos am vernichten sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt.
Ich empfinde mich aber gleichsam in der griechischen Antike lebend. In einer derartigen Demokratie. Damals hatte mitnichten das Volk ein Mitspracherecht an den politischen Prozessen. Es waren lediglich die Freien, d.h. diejeinigen Menschen, die nicht um ihre alltägliche Notdurft arbeiten mussten. Diese reiche Elite, und nur sie hatte ein wirkliches Mitspracherecht an politischen Entscheidungen. Der grosse Rest waren Unfreie und Halbfreie, denen grundlegende Rechte fehlten. Das wird heute gerne verschwiegen. In Deutschland gibt es noch immer nicht das Instrument des Volksentscheids.
Damit ist der grosse Rahmen abgesteckt, indem sich meine Motivation entfaltet hat, manches wenigstens versuchsweise zu verändern. Aussteigen kann ohnehin niemand mehr. Das beste Beispiel dafür liefern prominente Aussteiger selbst. Und wenn sich ein Exkommunarde und Schaulinker wie Rainer Langhans im Dschungelcamp für Geld produziert, dann pfeifens die Spatzen von den Dächern.

                    Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein mittelwinterlich herzfrostfreies Wochenende.

 

Gelbschwarzrote Küche der Armen

Für viele, später weltberühmte Musiker waren er und seine sich stetig verändernde Band das Sprungbrett auf die grossen Bühnen. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er mein Interesse für den Blues geweckt hat. Auch im Alter von 83 Jahren ist nach wie vor präsent: John Mayall & The Bluesbreakers – Talk about that (2017)…

Gelb. Schwarz. Rot. Gelbe Umschläge, schwarze Schrift und in Rot der Name des Verlages. MÄRZ (Der Link führt zur informativen Webseite des Verlages). Der Verlag und sein Programm waren zwischen 1969 und ??? sind nicht weniger legendär als der Verleger Jörg Schröder.
Als junger Mann bekam ich in einem Antiquariat eher beiläufig die zahlreichen Rezensionsexemplare des Verlages für kleines Geld angeboten. Diese Bücher waren allesamt von einem seinerzeit bekannten Autoren dort verkauft worden.
Ein typischer linker Verlag mit der zeitgeistlich weiten Spanne von politischer Aufklärungsliteratur über die Werke junger Autoren bis hin zu pornografischen Werken. Im März Verlag erschienen einige Bücher Leonard Cohens erstmals in deutscher Sprache. Zeitgenössische amerkanische Autoren wurden dem deutschen Publikum präsentiert. So beispielsweise Carlos Castaneda, Ken Kesey oder Neil Postman. Aber auch junge deutsche Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Peter O. Chotjewitz, Paulus Böhmer oder Hermann Peter Piwitt fanden hier vorübergehend eine verlegerische Heimat. Der Verlag bot daneben noch Nachdrucke verschiedener politischer Klassiker an. Meine umfangreiche Sammlung von Titeln des März Verlages steht längst in fremden Bücherregalen. Einer der ganz wenigen mir verbliebenen ist:
Couffignal, Huguette: Die Küche der Armen. Mit über 300 Rezepten. Aus dem Französischen von Monika Junker-John und Helmut Junker. Frankfurt, März bei Zweitausendeins. 1977. OLn. OU aus Pergamin, DEA, 4°, 384 S.

Kaum ein Fernsehsender kommt derzeit ohne Kochsendung aus. Die bringen ordentliche Einschaltquoten. Dass die wenigsten Zuseher die Gerichte später selbst kochen ist in entsprechenden Untersuchungen inzwischen gut dokumentiert. Kochbücher werden auch gern gekauft als Verlegenheitsgeschenke.
In diesen Zeiten rasanten Konsums ist Die Küche der Armen so etwas wie eine kulinarische Atempause in der alltäglichen  Völlerei. Dieses Buch bietet neben den zahlreichen Rezepten einen fundierten Einblick in die Esskultur des grossen, ärmeren Teils der Weltbevölkerung. Was aus dem Mangel heraus an Kreativität entfaltet wird, um sättigende Speisen zuzubereiten, ist erstaunlich. Freilich mögen manche Speisen für mitteleuropäische Vorstellungen reichlich exotisch sein. Auch sind etliche Zutaten hierzulande garnicht erhältlich. Viele Rezepte machen jedoch schon beim Lesen Lust, sie selbst auszuprobieren. Und das nicht bloss, weil man an vielen Rezepten erkennen kann, wie einfach, gesund und preisgünstig man kochen und sich ernähren kann.

Die Vorstellung dieses Buches ist der Auftakt für kommende Beiträge in diesem Blog. Es geht dabei um die Fülle in der Reduktion. Jeder weiss um den Zustand der Welt, fast jeder beklagt ihn. Aber viel zu wenige Menschen sind bereit, bei ihrem eigenen Verhalten zu beginnen. Für die herrschenden Verhältnisse sind wir alle verantwortlich durch unsere Einstellungen und besonders durch unser Konsumverhalten.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Woche.

 

 

2017 – immer horsche immer gugge – egal wo und wann

Ich freue mich aus mir unerfindlichen Gründen auf die erste Scheibe mit dem Jahresaufdruck 2017. Dabei gibt es wahrlich genug Musik im Ärmelarchiv. Bis dahin: Magic Sam – West Side Soul 1967)…

Das neue Jahr beginnt. Ich misstraue den guten Vorsätzen in der Silvesternacht. Aus eigener Erfahrung und in der Erinnerung an die Vorsätze anderer Menschen. Die Halbwertzeit dieser Vornehmungen ist bedauerlich kurz.
Dagegen vertraue ich auf andauernde Metamorphosen. Verwandlungen, umso langfristiger desto besser.

Machsten du an Silvester?
S gibt verschiedene Einladungen. Lust hätte ich auf was ganz Ruhiges.
Zwei Silvester habe ich auf Intensivstationen verbracht. Nicht wegen eines Abusus gleich welchen Ursprungs. Davon ist etwas geblieben.
Und du?
Wie gewohnt. Mit Freunden, die das Haus auf der Insel haben.
Na, das wird sicher wieder stimmungsvoll. Viel Spass dabei. Wir werden telefonieren.

Klar, gerne. Fein, lass uns was zusammen machen. Auf schön ruhig freue ich mich.
Wir können uns was kochen. Prima Musik. Lecker Getränke.
Lass uns ein schlichtes Menu ausdenken.
Klasse Idee.

Was ist denn los? Ist dir nicht gut?

Silvester im Krankenhaus geht garnicht. In besagtem Krankenhaus sind ab einundzwanzig Uhr keine Besuche(r) mehr erlaubt. Auch nicht an Weihnachten oder Silvester. Schliesslich ist ein Krankenhaus heutzutage ein betriebswirtschaftlich organisiertes Unternehmen. Wirtschaftsgegenstand sind Menschen und deren Krankheiten. Damit wird Geld verdient. Und mit dem Geld werden Arbeitsplätze geschaffen und erhalten. Oder auch abgebaut.
Der kranke Mensch ist der eine Aspekt in diesem Wirtschaftskreislauf. Und die Zertifizierungen des Medizinalunternehmens der andere, der entscheidende Aspekt.

Die Beobachtungen der letzten Woche, das Horsche und Gugge in der Abteilung jenes Kranken Hauses reichten inzwischen fast für eine groteske Novelle. Wenn die Essenausgabe nach Zertifikat fast schon zu vielfältig – patientenorientiert versteht sich – ist, aber dafür völlig unsystematisch über den Flur und in die Zimmer verteilt wird; das wirft beim stillen Beobachter Fragen auf. Der Reihe nach von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett ginge schneller und ruhiger. Aber das ist eben nicht zertifiziert.
Der – nach eigener Aussage – wegen multiplem Krebs todgeweihte jüngere Mann im Zimmer quer gegenüber erhält Besuch.
Hallihallo, ich bin Melanie vom Wundmanagement, ich bin angerufen worden, um nach Ihrer Braunüle zu sehen. Warum sie nach ihrer Vorstellung wie ein Füllen wiehern muss – hühühühü – wird ihr zertifiziertes Geheimnis bleiben.
Wer beruflich noch unentschlossen ist, sollte sich vielleicht erkundigen, wo man sich zum zertifizierten Wundmanager ausbilden lassen kann. Wundmanager! In welchem Hirn wuchern solche Begriffe?
Mit der älterem Dame im Zimmer gegenüber habe ich mich gerne unterhalten. Sie ist offenbar verwirrt. Ständig gut gekleidet und zur Abreise bereit. Ihre Tasche steht bereits nach dem Frühstück perfekt gepackt auf ihrem ordentlich gemachten Bett. Ich kann mich ganz ernsthaft mit ihr bereden. Über ihre Sorge etwa, ob die Tischdecke jetzt zu gut ihrem Tisch passt. Da liegt zwar keine Tischdecke drauf, ich sehe sie trotzdem und gratuliere ihr zu ihrer guten Wahl.
Die Dame bringt mit ihrer Erscheinung eine angenehme Ruhe in die blau-weiss-kittelige Aufgeregtheit und Wichtigtuerei. Die Assistenzärztin kann nur in Fremdworten. Profilneurosen benötigen keine Zertifizierung. Ich habe das kleine Latinum und einen Internetzugang. Ich höre ihrem aufgeblasenen Gerede zu. Ob sie vom Blasen die geringste Ahnung hat – ich will es lieber nicht wissen, und unzertifiziert tuten braucht sie auch nicht.
Dr. Wichtig beispielsweise. Wahrscheinlich heisst der kaum fünfunddreissigjährige, einsneunzig grosse Mann mit dem Ziegenbart und der intelligent sein wollenden Brille ganz schlicht Müller-Wuppertal. Ständig schnellschrittig von hier nach dort. Ewig gehetzt. Zimmer rein, Zimmer raus. Wichtiger Aktentransporteur auch dem Karriereweg zur Zertifizierung.
Mit vierzig vermutlich selbst Patient in der Kardiologie. Es gibt Menschen, die mit Lichtenberg zu reden, meinen, alles was man mit einem ernsten Gesicht tut, wäre auch eine ernste Sache. Wie lange werden Wichtigtuer noch Konjunktur haben?

Wieso heisst es Krankenschwester aber Krankenpfleger und nicht Krankenbruder oder Krankenpflegerin? Die jungen Krankenbrüder waren durchweg freundlicher im Umgang mit den Patienten als die Krankenschwestern. Das ist mir positiv aufgefallen.

Ich habe viele weitere Beobachtungen sammeln dürfen. Oder müssen. Alles eine Frage des Standpunkts. Mir ist jedoch die grundsätzlich die Gesundheit näher. Gerne auch unzertifiziert.

Das neue Jahr hat begonnen. Es wird ein Gutes werden. Da bin ich mir sicher.
Und nächstes Silvester werden wir mit einem einfachen Menu feiern. Versprochen.
Eigentlich wollte ich das neue Jahr mit einem Beitrag zu einem Kochbuch beginnen. Der wird auch kommen. Zu seiner Zeit.

                                                              (Foto anklicken und gross gugge)

Zu guter Letzt? Kommt der neue Anfang…

Die Besucher, Leser und Gugger, die diesen Blog schon länger auf ihren Schirmen haben, kennen die untenstehende Fotografie. Sie zeigt den letzten Beitrag des zu Ende gehenden Jahres an…

Die wichtigsten Arbeiten sind erledigt. Der kleine Koffer liegt offen am Boden. Morgen wirds losgehen. Kennenlernen, essen, trinken und feiern. Hier und da und dort. Ich freue mich auf die Begegnungen mit anderen Menschen in anderen Landschaften.
In diesem Jahr wird es auf diesem Blog keinen Jahresrückblick geben. Ich halte es lieber mit zwei Versen eines Liedes von den Dubliners:
„For what’s done is done and what’s won is won
and what’s lost is lost and gone forever…“

Im kommenden Januar werde ich mit einer Buchvorstellung meinen ersten 2017er Beitrag beginnen. Damit wird dann die zukünftige Richtung angezeigt werden. Denn mit firlefänzigen Nichtigkeiten will ich niemandem die Zeit rauben.

Freude und Menschlichkeit seien die Wegweiser bei allem Handeln, Denken und Fühlen. In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern im kommenden Jahr viel Humor und gutes Gelingen in allen Belangen.

(Dieses Motiv wird so nicht mehr aufzunehmen sein. Die in die Welt grüssende Figur ist seit kurzem von schmucklosen Antennen umstellt. Das sind die Zeichen der Zeit)

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Wer ebenfalls grüssen mag, klickt auf die Fotografie

Aller Tage Abend? Keineswegs! (I)

Ich danke Ihnen, höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, für die Bekanntmachung mit dieser norwegischen Band, die seit kurzer Zeit im Ärmelhaus häufig ertönt: Madrugada – Madrugada (2008)…

Zu dieser Zeit haben saisonal Bilanzen und Rückblicke Konjunktur. Wer zu den Quellen gelangen will, muss jedoch gegen den Strom schwimmen.  Und wenn es gut geht, halten sich dabei Rücksicht und Vorsicht im Gleichgewicht.
Ich freue mich auf das kommende Jahr und blicke aus diesem Grund lieber nach vorn. Schliesslich sind meine Augen auch vorn im Kopf angebracht.
Spannende Herausforderungen warten auf lebensfreudige Menschen. Nicht wenige dieser Menschen fangen nämlich wieder an, beim Sprechen und Schreiben alle grammatische Zeiten zu benutzen. Nicht einfach so zum Spass, dafür ist das Thema zu ernst.
Diese Zeiten sind von der Vergangenheit bis zur Zukunft: Plusquamperfekt (mehr als Perfekt) – Perfekt (gemacht, erledigt, gebongt) – Imperfekt (noch nicht erledigt, wirkt noch in die Gegenwart) – Präsens (die Gegenwart – jetzt) – Futur I (wird sein) – Futur II (wird dereinst gewesen sein).
Ein wichtiges Kennzeichen der bürgerlich kapitalistischen Endzeit ist die Abschaffung von Imperfekt (seit einigen Jahren strategisch ablenkend in Präteritum umbenannt) und Futur. Das Plusquamperfekt beherrscht ohnehin nur noch ein kleiner Teil der Muttersprachler in den europäischen Ländern und das Futur II findet sich selbst in der sogenannten Hochliteratur nur noch selten.
Unser Bewusstsein – und es drückt sich neben unserem Handeln vor allem in unserem Sprechen aus – ist mittlerweile weitgehend reduziert auf den scheuklapprigen Gebrauch von Perfekt und Präsens. Was bedeutet das?
Was vorbei ist, ist vorbei und alles andere findet jetzt statt. Wir werden dadurch von den zeitlichen Prozessen abgeschnitten. Bewusstseinsmässige Digitalisierung könnte man das auch nennen. On off. Ist gewesen oder findet statt. Sei dabei oder nicht. Was vorbei ist, ist vorbei.
An einem konkreten Beispiel sieht das in etwa so aus. Was ich kaufte oder trank (Imperfekt), beinhaltet den Prozess des Erwerbs oder Genusses, der noch nachwirkt in die Gegenwart (Präsens). Das Glücksgefühl des Kaufs oder den guten Geschmack des Getränks, an dem ich mich noch immer erfreue oder den ich noch immer schmecke. Was ich hingegen zur selben Zeit gekauft oder getrunken habe (Perfekt), ist bereits erledigt. Passé. Ich bin schon dabei, mir Gedanken zu machen, wie ich mit dem Kauf jetzt umgehe. Der Geschmack ist bereits verflogen./
Ich bin wieder bereit für den nächsten Prozess, den nächsten Kauf oder den nächsten Genuss.

Um dieses System der steten Bereitschaft nun für die Wirtschaft so richtig profitabel zu machen, muss man die Sprechenden dazu bringen, das Futur zu vermeiden. Oder noch besser, zu vergessen. Denn das Futur beschreibt Zeitspannen vom Jetzt in die Zukunft. Zum Beispiel das Abwarten oder das Sparen. Ein Vorgang oder ein Kauf wird in der Zukunft stattfinden. Für die Produzenten von Konsumartikeln, Reisen oder anderen Verkaufsangeboten ist dieses (ab)wartende Bewusstsein ebenso lästig wie für Dienstleister, ganz besonders trifft das für die Kreditverkaufsinstitute (Banken) zu. Die verdienen sehr viel Geld damit, dass Menschen nicht abwarten wollen oder können. Nicht abwarten, sondern gleich kaufen. Und zwar mit einem Kredit. Kauf jetzt! Sparen ist ein typisches Beispiel für einen zukunftsorientierten Prozess und damit besonders störend für die Wachstumswirtschaft. Nicht auszudenken, wenn Menschen in dieser Zeitspanne zu denken beginnen würden, oder sich mit anderen Menschen über ihre Konsumabsichten austauschen würden. Am Ende gar ihr Geld nicht für Nutz- oder Sinnloses wegwerfen würden. Ohne Konsum bricht unsere Wirtschaft zusammen. Also kauf´ jetzt, aber dalli. Was weg ist, ist weg. Sei doch endlich mal so blöd und hab Spass. Wer bis hierher gelesen hat, kann mal versuchen, den vorgehenden Satz im Futur auszusprechen.
Die römische Eins oben in der Klammer will auf weitere, kommende Ideen und Gedanken zu unserer derzeitigen Situation hinweisen.

                            Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen helleuchtenden vierten Advent