Ohnehin geht die Sonne auf

Sehr beeindruckend war Iggy Pop – Free (2019) und die letzten gesungenen bzw. gesprochenen Worte von Leonard Cohen – Thanks for the Dance (2019)…

Es klingt fast wie ein Märchen. An drei Silvestern neu geboren. Als Jugendlicher wegen Übermüdung im Schnee eingeschlafen. Zum Glück rechtzeitig aufgefunden worden. Als Erwachsener zweimal ohne erkenntliche Gründe am Silvesterabend zusammengebrochen. Beim zweitenmal mit Herz- und Atemstillstand. Da sass glücklicherweise eine Ärztin neben mir.

Schaumweinen ziehe ich andere Getränke vor. Für Knall- und Krawallkörper verschwende ich kein Geld. Diner for one habe ich als junger Mann mehrmals gesehen. Das reicht für ein langes Menschenleben. Und gute Vorsätze für neue Jahr pflegen sich nach wenigen Tagen in Luft aufzulösen. Insofern…

Ich gehe gelassen auf Silvester zu. Die Beantwortung der letzten Weihnachtspost erledigen. Die Gelegenheit nutzen, um das „schönste Kaufhaus Deutschlands“ betreten zu dürfen. Längere Spaziergänge über Felder und durch Weinberge. In einem malerischen kleinen Städtchen die Führung durch ein Pfefferkuchenmuseum geniessen. Auf dem unauffälligen Friedhof stehen. Nachdenklich vor einem einzelnen Grab. Ein schlichtes Holzkreuz, darauf ein Helm der untergegangenen Wehrmacht. Auf dem Holzschild in der Kreuzesmitte die Aufschrift: Hier ruht ein 17 jähr. Kriegsmüder, in den letzten Tagen des Krieges erschossener Soldat.

Zweitausendneunzehn war in der Rückbesinnung mein glücklichstes Lebensjahr. Kein Tag verging ohne ein herzliches Lachen. Gesundheit ist, was ich dafür halte. Dankbarkeit trägt. Am frühen Abend ein kleines Essen. Wohltemperierte Musik dazu und intime Gespräche. Später ein Film aus dem Archiv. Um viertel vor zwölf Uhr den Weg bettwärts nehmen. Kein unerwünschter Lärm stört den frühen Schlaf.

Der Neujahrsmorgen begrüsst mit strahlend blauem Himmel. Ein lange Wanderung im Rheinhessischen auf den Spuren von Trulli. Wingerthäuschen, die teilweise mehrere hundert Jahre alt sind. Fotografieren in der klaren Luft. Eisiger Wind spielt um die Finger. Der Zugang zur Fleckenmauer ist verschlossen. Auf dem bemerkenswerten alten jüdischen Friedhof sind an manchen Gräbern die schwarzen geschliffenen Namensplatten durch stumpfe Gewalteinwirkung zersplittert.

Über die unterschiedlichen Nachrichten der dem Herz nahestehenden Menschen nachsinnen. Endlich wieder von Wilhelm gelesen. Elsa hüllt sich weiterhin in Schweigen. Freude einerseits schafft die nötige Gelassenheit andererseits.
Ich freue mich auf dieses erste Jahr des neuen Jahrzehnts. Es kann ein erfreuliches Jahr werden. Dennoch werde ich auf der Hut sein. Was würde ich mitnehmen auf der Flucht ostwärts vor der us-amerikanischen Aggression. Wenn schon an vielen Orten auf der Erde, warum dann nicht auch mal in Europa den Sheriff raushängen lassen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen winterlich beschaulichen Januar.

(Trulli zwischen Dalsheim und Kriegsfeld)

Alle Jahre wieder : zu guter Letzt

Die letzten gesungenen Texte von Leonard Cohen : Thanks for the Dance (2019)….

Alle Jahre wieder. Wie in den Jahren zuvor. Der Jahresendbeitrag.
Meinen letztjährigen Text beschloss ich mit einem Zitat von Arthur Schopenhauer. Auch in dem nun vergehenden Jahr hat sich dieses Bonmot oft genug bestätigt.

Wohin man auch schaut, es scheint „die Barbarei kommt wieder, trotz Eisenbahnen, elektrischen Drähten und Luftballons.“ Viele Menschen ahnen, dass einschneidende Veränderungen in vielen Lebensbereichen unumgänglich sind und sein werden.  Aber „ein Haupthindernis der Fortschritte des Menschengeschlechts ist, daß die Leute nicht auf die hören, welche am gescheitesten, sondern auf die, welche am lautesten reden.“ Dabei gibt es kreative Ansätze zuhauf. Aber „ein neuer Gedanke wird zuerst verlacht, dann bekämpft, bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt.“
Der beste Sand im Getriebe unseres raffsüchtigen und lebensverachtenden Wirtschaftssystems ist die persönliche Reduktion. Da kann jeder Mensch das seine beitragen. Doch „wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“

Zudem befördert unsere Gesellschaftsordnung den ständigen Wettbewerb der Menschen gegeneinander. Der Brennstoff dafür sind Missgunst und Neid. „Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie selbst fühlen; ihre beständige Aufmerksamkeit auf fremdes Tun und Lassen, wie sie sich langweilen.“ Gedankenlos konsumieren schafft kein Lebensglück.
„Auch wird man einsehen, daß Dummköpfen und Narren gegenüber es nur einen Weg gibt, seinen Verstand an den Tag zu legen, und der ist, daß man mit ihnen nicht redet.“ In diesem Sinne gilt auch, dass „vergeben und vergessen heißt, kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.“

„Die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei.“ „Gesundheit ist gewiß nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Und lachen ist noch immer die beste Medizin. „Je mehr der Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren Lachen stets affektiert ist und gezwungen, sind intellektuell und moralisch von leichtem Gehalte.“
„Wenn man auch noch so alt wird, so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man ein Kind war: dieses, was unverändert, stets ganz dasselbe bleibt und nicht mitaltert, ist eben der Kern unseres Wesens, der nicht in der Zeit liegt und eben deshalb unzerstörbar ist.“

Trotz der vielen Hiobsbotschaften, die tagtäglich auf uns einprasseln, ist es ein Trost für den Geist und die Seele zu erkennen, „jeder Tag ist ein neues Leben, jedes Aufwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen ist eine kleine Jugend und jedes Zubettgehen und Einschlafen ein kleiner Tod.“ Man ist nicht bloss seines Glückes Schmied, sondern „jeder ist der heimliche Theaterdirektor seiner Träume.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern, ganz gleich ob Ossi, Südi, Nordi oder Wessi ein lichtes 2020er Jahr mit erhellenden Einsichten und erfreulichen Aussichten.

Ich habe mir erlaubt, klare Gedanken und Erkenntnisse Arthur Schopenhauers mit meinen eigenen Worten zu verweben. Mit den Anführungszeichen habe ich diese verwendeten Textstellen gekennzeichnet.

Reduktionsschritte auf der Zielgeraden

Musik? – Am Ende dieses Beitrags…

Ich habe diesen Beitrag mehrfach begonnen. Meine Ideen haben sich überschnitten, abgelöst oder überholt. Ich erlaube es mir, auf mein Wohlbefinden zu achten. Und derzeit greifen mir viele Beobachtungen erbarmungslos ans Herz. Immer wieder fallen mir Themen ein. Ich bedauere, dass die meisten einen negativen Anstrich haben. Damit ist Schluss.

„Wo nichts Gutes ist, da lauert etwas Schlechtes. Leer ist kein Herz“ – soweit Jeremias Gotthelf.

Dabei ist mein privates Leben eine Goldader unzähliger kleiner Glücksmomente. Tagtäglich. Die teile ich gerne mit anderen Menschen. Aber hier im wirklichen Leben. Ich fühle mich meinen Blogabonnenten, die mich seit Zeiten begleiten, näher oder ferner herzlich verbunden. In letzter Zeit verfolgen meinen Blog jedoch immer mehr Menschen, denen ich selbst im virtuellen Leben nicht begegnen möchte. Und noch weniger möchte ich mein privates Leben vor denen ausbreiten. Den meisten geht es ohnehin nur um ihr eigenes Geschäft. Schmeiss mit Scheixxe um dich, irgend jemand wird schon reagieren. So dass schmierige Kalkül.

Was soll man in diesen Zeiten noch schreiben? Diese Frage fiel mir spontan ein, als ich ein altes Chanson von Salvatore Adamo hörte. Was soll ich in meinem Blog noch schreiben?

Glätthäutige Schlagerbubis, oft mit Schabebart rund ums Schiefgrinsen und die Deppenkapp eine Nummer zu gross. Singt seiner Alleinerziehermutti schmachtend schmalziges Liebesgeträller – ich rette dich vor der bösen Welt, bleibe immer dein Männleinheld. Aber wechsle doch mir rasch das Windelein, ich bleib auch immer dein Büblein klein. So in der Art etwa. Das weibliche Pendant macht dabei eher auf grell.
Was soll ich da noch schreiben?

In einem Werk von W.G. Sebald schreibt der Autor von einem Bilderquartett, das in der Familie gespielt worden sei als er Kind war. Ich wollte wissen, um welches Quartett es sich nach Sebalds Beschreibung gehandelt haben könnte. Bei der Recherche nach Quartetten deutscher Städte stiess ich auf folgendes Angebot. Ich zitiere:
„Die hässlichsten Städte Deutschlands – Quartett (Spiel) – Deutschlands schönste Schandflecken in einem fröhlichen Gesellschaftsspiel. Wer schafft es, alle vier Karten der Serien „Ruhrpottcharme“ und „Wo liegt das denn?“ zu sammeln? Darüber hinaus gibt es natürlich auch die spannende Zocker-Variante mit beliebten Kategorien wie „Bedeutungslosigkeit“ oder „Luftverschmutzung“. Gewonnen hat, wer die meisten Daumen-runter gesammelt hat.“
Was soll ich da noch schreiben?

Umweltschutz ist in aller Munde. Mehr denn je. Nachhaltigkeit sowieso. Viele energiespendende und damit aber auch energieverbrauchende Installationen werden jetzt Zug um Zug durch gesetze und Verordnungen verboten. Weiterhin subventioniert wird dreckiges Rohöl. Für den Antrieb von schwimmenden Wohnblöcken. Manche haben bis zehn Stockwerke für mehrere tausend Menschen. Ich vermag mir nicht auszumessen, wieviele Tonnen Essensabfälle, Dreck und Fäkalien bei Kreuzfahrten Tag für Tag gewissenlos in die Weltmeere gekippt werden. Einen extra Absatz für die Urlaubsflieger erspare ich mir.
Was soll ich da noch schreiben?

Der urbane Raum wird weiter zugebaut und verpflastert. Auch Vorgärten in erschreckender Zahl. Nicht nur in den Metropolregionen erleidet die Infrastruktur der Verkehrswege mehrmals täglich einen Infarkt. Jeder dritte Arbeitsplatz in diesem Land hängt direkt und indirekt mit dem Automobil zusammen. Und viele Modelle werden immer grösser. Stichwort SUV, die Abkürzung für Sinnlos, Unvernünftig, Verschwenderisch. Klar, wer keine Kinder und sich somit über die Zukunft keine Gedanken macht, oder ohnehin ins Asoziale neigt, der braucht so ein fahrendes Monstrum. Lustig, wie manche damit in den Parkhäusern rangieren.
Bei einem virtuellen sogenannten sozialen Netzwerk hat sich eine Gruppe gebildet, die innerhalb weniger Wochen über eine halbe Million Mitmacher zählt. Der Gruppenname sagt eigentlich schon alles: fridays for hubraum.
Was soll ich da noch schreiben?

Bei der Bahn kann man Partyzüge chartern. „Party von Anfang an“ heisst die Parole. Kegelvereine, Mädelsversammlungen und so weiter und so fort. Letzte Woche fuhr ein solcher Partyzug Richtung Norderney. Bei der Durchfahrt durch einen Bahnhof flog eine Whiskyflasche aus dem Zug. Ein zweijähriges Mädchen wurde von dieser Flasche am Kopf getroffen und dabei schwer verletzt. An einem späteren Bahnhof wurde der Zug von der Polizei gestoppt. Alle Fahrgäste wurden von der Polizei kontrolliert. Immer wieder Aufrufe, der Flaschenwerfer möge sich melden. Tat er aber nicht. Stundenlange Verspätung infolge der Kontrollen. Befragte Passagiere nahmens mit Geduld. Sie wollten den Täter gefasst sehen.
Der hat sich erst Tage später bei der Polizei gemeldet. „Die Flasche sei aus dem Zug gefallen, als er an seinem Koffer hantiert habe.“ Ein bedauerliches Versehen.
Was soll ich da noch schreiben?

Ich habe den Text des Chansons von Salvatore Adamo gesucht. Einige Stellen hatte ich nicht klar verstanden. Auf einer Internetseite fand ich den Text veröffentlicht. Darunter den Kommentar des Seitenbetreibers. Er bezieht sich auf eine Textstelle. Zitat: „Das ist wirklich eine Frechheit, wie der sizilianische Jammeraffe das darstellt…“
Was soll ich Ihnen und Euch da noch schreiben?

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Zeit, und dass sie von den obigen Beispielen verschont bleiben mögen.

Das Lied von Salvatore Adamo kann man hier hören

 

 

 

 

 

Völlegefühl und Leere – gesunde Reduktion hilft dagegen

Musik? Ach was, es geht mir um dringlichere Anliegen. Obwohl, Musik spielt auch eine Rolle. Darüber dann später…

Zehnmal habe ich diesen Bericht angefangen. Schriftlich. In Gedanken schätzungsweise hundertmal.

Einzig zuverlässig scheinen mir noch meine Herzensbindungen. Der Rest ist vielfach Asche. Oder er zerfällt nach und nach dahin. Nachrichten machen mich regelrecht krank. Ich will über positive Entwicklungen lesen. Stattdessen titeln Zeitungen und Webseiten zunehmend mit dem Wetterbericht. Das vorhergesagte Wetter entwickelt sich jedoch zuverlässig nach anderen Kriterien.
Bewege ich mich im öffentlichen Raum befällt mich ein misslicher Zustand. Ich schwanke zwischen Entgeisterung und Hoffnungslosigkeit. In der Nachbarstadt stehen die Oberbürgermeisterwahlen an. Einer der Kandidaten wirbt für sich auf den Wahlplakaten, er sei „leidenschaftlich sachlich“. Ach so. Soweit ist es schon, dass Sachlichkeit ein Alleinstellungsmerkmal darstellt.
In den Radionachrichten spielt in jedem dritten Beitrag die Sicherheit eine Rolle. Dabei hat der Staat sein Gewaltmonopol längst weitgehend aufgegeben. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“. So so. Man bemerkt zur Zeit parteiübergreifend, dass vom rechten Rand eine Gefahr ausgeht. Wieso erst jetzt?
Am Rhein wollte die Wasserschutzpolizei die gültigen Angelerlaubnisse kontrollieren. An einem Angelplatz wurde seitens der der waidgerechten Petrijünger sofort das Feuer auf die Polizisten eröffnet. Mit Schusswaffen versteht sich.
Zunehmender Nationalismus bedeutet immer auch zunehmende Kriegsbereitschaft. Bei manchen vielleicht auch Kriegslust. Die einen suchen das Abenteuer und die heldenhafte Bewährung, die anderen schlicht Macht und den möglichen Profit.

„Die Schonung, die man sich gewährt, gewährt man in Wahrheit den gesellschaftlichen Verhältnissen.“ (Bernward Vesper).

Also wie Candide den eigenen Garten bestellen?
Die eigenen Ernten lagen fast ausnahmlos über den Erwartungen. Verschiedene Gemüse sind eingelagert. Marmeladen, Gelees und Kompotte stehen in schönen Reihen im Kellerregal. Die eingelegten Kirschen werden hoffentlich bis ins neue Jahr halten. Der Staudengarten wurde erweitert. Neue Pflanzen entwickeln sich prächtig. Die Ergebnisse der Aussaaten werden mit Freude erwartet. Erkannte Fehler werden im kommenden Jahr nicht wiederholt. Dahingehend alles in Butter.

Nun beginnt eine ruhigere Zeit. Kleinere Reisen und Besuche stehen an. Gemeinsam Essen und Trinken. Und Gespräche. Meine Beobachtungen im Blogleben leisten dem kräftigen Vorschub. Wenn ich die Blogs der Neuverfolger meines Blogs ansehe, frage ich mich… und denke an Wilhelm Busch:
„Oft ist das Denken schwer, indes
das Schreiben geht auch ohne es.“
Anderseits nimmt die Gruppe der Missionare und Weltbeglücker bedenklich zu. Die mir einreden wollen, wie ich sofort glücklich leben könne. Die mir einschreiben wollen, was mir unbedingt fehlt. Welcher Autor gut ist und welcher nicht. Welche Stadt ich unbedingt besuchen muss. Und welche Musik ich erst garnicht anzuhören brauche. Scheinbar allwissende Scheuklappenhirnis. Das lockere Band, das diese Menschen verknüpft, ist ihre offebsichtliche Unfähigkeit von sich selbst zu schreiben. Von ihren Befindlichkeiten. Dem Warum und Wohin. Ihren Ängsten oder wenigstens ihren Träumen.

Ich verbringe in der virtuellen Welt immer weniger Zeit. Manchmal habe ich den Eindruck, eine Stunde Verzicht darauf bedeutet zwei Stunden Gewinn an Lebenszeit.
Weil es noch viel zu viele Dinge hier im Haus gibt, habe ich wieder angefangen zu inserieren. Ich weiss, im Internet. Aber dabei besteht die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, wenn sie ihre neu gekauften Schätze hier abholen. Lieber weniger Geld durch Abholung statt Versand ein bisschen mehr Reibach. Dafür aber menschliche Begegnungen. Manche sind einfach unbezahlbar. Wie die Menschen aussehen, wie sie sprechen. Was sie vorhaben mit ihrem neuen Fund.
Im Prinzip hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert. Ich habe früher viel gesammelt und auch verkauft. Alles lief über Zeitungsinserate. Ich erinnere mich noch heute an Wohnungen und Häuser, die betreten durfte. Menschen und ihre persönlichen Geschichten habe ich erfahren, die ich nicht missen möchte auf meinem Lebensweg. Und wenn sie auch nur eine halbe Stunde dauerten. Sie haben sich eingebrannt. In jeder Schattierung.

Eine sonderbare Begegnung fand vor fast vierzig Jahren bei einem Verkäufer statt, der eine Legosammlung verkaufen wollte. Der Preis war klar, ich sah mir alles an und stellte fest, dass etliches fehlte. Sprach den Mann darauf an. Der fuhr sich an die Stirn. Wir gingen in sein Wohnzimmer. Dort stand ein beeindruckendes Aquarium. Die fehlenden Teile waren fein in die Unterwasserlandschaft integriert. Bunte Fischlein schwammen durch Legoskulpturen. Wir haben uns angesehen beide herzhaft gelacht.
Natürlich kann Merkwürdiges auch im Internet geschehen. Ich inserierte kürzlich ein Geländefahrrad der ersten Generation. Natürlich kamen Anfragen zur Sache. Und auch ein Angebot. Da schrieb eine Anke wörtlich:
Grüezi! Eine super reizende exotische Schönheit, eine erfahrene Dame mit Klasse, die mit Ihrer sympathischen Art zu überzeugen weiß, verwöhnt Dich mit Ihrem Traumbody mit den perfekten Maßen.! Diese vollbusige Nymphomanin weckt die Abenteuerlust in Dir! Interessiert? Komm zu mir . . .“
Das Rad kaufte ein Vater im Auftrag seines weit entfernt wohnenden Sohnes. Der Sohn war glücklich, endlich gerade dieses Modell gefunden zu haben. Und der Vater war Fotograf. Da gabs sofort einiges zu besprechen. Und als wir herausfanden, dass wir beide in vergangenen Zeiten die gleichen Motorräder und überdies die gleichen Modelle gefahren sind, wurde daraus ein schönes Erlebnis.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Herbstzeit

Nun zur Musik: Gestern abend fand die Liveübertragung eines Konzertes zur Vorstellung des neuesten Werkes von Iggy Pop statt. Aufgenommen in der Gaîté Lyrique in Paris. Eigentlich wollten wir nur mal kurz reinschauen. Nicht in Paris. Der Sender arte übertrug das Konzert. Kurz mal Iggy Pop sehen und hören. Wegschalten kam dann nicht mehr in Frage. Texte aus dem poetischen Werk von Lou Reed und Dylan Thomas. Gesungen von Herrn Pop. Umrahmt von einer unerwarteten Musik. Wir waren begeistert. Und wären gerne in Paris dabeigewesen.

Heute Morgen im Hof der Einrichtung

Angelegentlich einiger Gespräche mit Nachbarn und anderen Zeitgenossen. Mir schwillt langsam der Kamm. Die ersten Alben von Bob Dylan. The Freewheelin‘ Bob Dylan (1963), Another Side of Bob Dylan (1964), The Times They Are A-Changin‘  (1964). So viel hat sich, was viele seiner frühen Texte angeht, bedauerlicherweise nicht geändert…

Politische Korrektheit ist eine Machtfrage. Perfide Vorschriften und Gedankenkontrolle. Am Ende steht die Diktatur.
Ich kümmere mich nicht mehr drum. Eingedenk des Titels eines Album von Keith Richards: Talk is cheap. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Auf das Handeln im menschlichen Miteinander kommt es an.

In meiner Erinnerung begann es in den 1980er Jahren. Damals war jedermann von irgendetwas betroffen. Der grosse Betroffenheitstsunami schwappte in die Sprache. Aus dem Sprachschatz wurde der Sprachsumpf. Ich staunte, über oder von was man alles betroffen sein konnte. Und vor allem, dass sich nichts änderte. Rückblickend stelle ich fest, dass die vielen Betroffenheiten offensichtlich nichts gebracht haben. Ausser für die Betroffenen vielleicht. Gesprächsstoff. Sich selbst runterziehen. Aufmerksamkeit erregen. Betroffenheit. Viel Gerede und wenig Handeln.

Gleichzeitig begann die Genderisierung. Jedermann/-frau zeigte sich betroffen. Man/frau hatte betroffen zu sein. In meinem damaligen Freundskreis bestand die Arznei zur geistigen Gesundheit in der bekannten Gebärde des Obelix tok-tok-tok: die spinnen, die Leute.
Für mich ist der Feminismus ohnehin realisiert, seit Frauen am Strassenverkehr mindestens genauso rücksichtslos teilnehmen wie ihre maskulinen Verkehrsgegner. Dass Führungskräftinnen ihre Geschlechtsgenossinnen brutaler wegbeissen als die MitGlieder des gleichen Unternehmes es mit ihresgleichen tun, ist hinlänglich bekannt.
Lustig fand ich den Aufkleber in der Toilette unserer WG. „Das ist ein emanzipiertes Klo – hier pinkeln Frauen im Stehen“. Den würde ich heute nicht mehr kleben. Ich habe oft genug Toiletten gereinigt in meinem Leben. Aber eine Erkenntnis ist mir dennoch geblieben. Machtverhältnisse einfach umzukehren schafft nicht mehr Menschlichkeit.

Ich bin nur froh, dass ich morgens nicht in irgendwelchen Staus stehen muss. Und abends auf dem Rückweg das gleiche Szenario. Mir reichen schon die Angriffe auf meinen Geruchssinn durch aufdringlich und geschmacklos besprühte Männer und Frauen. Glücklicherweise sinds die Augen von Äffchen und Kätzchen, an denen die Chemikalien getestet werden. Die Konsumenten sprühen im Supermarkt mit dem Tester nicht in die eigenen Augen. Sie wären von der Wirkung bestimmt betroffen.

Am Dienstag titelte das Regionalblatt: Öl – Preisschock! In der Tat war nach der Zerstörung einiger saudi-arabischer Ölförderanlagen der Ölpreis kurzzeitig deutlich gestiegen. Dieser Preis wird schliesslich von Spekulanten gemacht. Aber hallo.
Als die Zeitungsleser beim Frühstück dieser Titel noch erschreckte, war der Ölpreis längst wieder gefallen. Auf das Niveau vom Frühjahr diesen Jahres. Der us-amerikanische Präsident bot an, von seinen Ölvorräten… There´s no show but business.
Jetzt sitzt er aber in der Klemme. Würde dem Iran gerne mal kriegerisch zeigen, wo der us-amerikanische Hammer hängt. Andererseits will er aber auch wiedergewählt werden. Und die Scharfmacher wetzen derweil die Messer. Eieiei.

(Das Bild ist schon älter. Es ist auch nicht von mir. Aber es ist gültig.)

Hier ist der Song zum Bild zu hören. Aus der Zeit als Bob Dylan noch wegweisend gewesen ist. Und hier folgt der Text. Der ist noch immer so gültig wie nur was: Masters of War.

Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Was wir alle in die Welt senden kommt unweigerlich zu uns zurück. Hier spricht man noch von Armut. Vorzugsweise von Rentnern. Aber die richtige Armut ist bei uns noch garnicht angekommen. In Südamerika gilt als arm, wer barfuss geht, weil er sich keine Schuhe leisten kann.
Hier geben Leute tatsächlich Geld aus für zerrissene (neue) Hosen. Sie ahnen ja garnicht, dass alles nur Vorbereitung ist. Zehn Jahre abwarten. Wenns so weitergeht, werden dann die ersten Habenichtse die Gebrauchtkleidercontainer aufbrechen. Die werden dann nicht mehr vom Ballermann reden. In deren Stadtviertel wirds genug ballern. Wir werden die freilich nicht Favelas nennen. In zehn Jahren. Und die, denen es vermeindlich besser geht, die werden um ihre Hütten Mauern hochziehen. Ich habe in Ländern gelebt und gearbeitet, wo das, was hier jetzt langsam und schleichend beginnt, längst schon alltägliche Wirklichkeit war. Und dagegen, um es gleich zu sagen, hilft keine der heute bei uns konkurrierenden politischen Parteien. Auch auf diesem Feld werden noch ganz andere Schlachten geschlagen werden.

Die bürgerliche Gesellschaftsform und das kapitalistische Wirtschaftssystem gehen Hand in Hand. Das Resultat ist die soziale Pest. Sozialpest. Die Idee des Bürgertuns gaukelt den Menschen vor, jeder könne es schaffen. Ja, was denn schaffen? Ein Blick auf die jährlichen Bildungsstatistiken zeigt bereist die Unterschiede. Mein lieber Herr Gesangsverein.
Es gibt den geschlossenen Zirkel der Eliten. Da kommt man kaum rein. Und dann der Rest. Der macht auf gut bürgerlich und liefert sich dem mörderischen Wettbewerb aus. Dafür haben wir unser Wirtschaftssystem. Das liefert den Brennstoff. Geld, Karriere, Konsum.
Und da glaubt der leitende Angestellte, er sei besser oder mehr wert als der einfache Angestellte. Was solls, wenn die Abteilung wegrationalisiert wird. Da kann der Leitende, weil älter, sogar das schlechtere Blatt auf der Hand haben. Die Selbstständigen schauen auf alle runter. Alles, wie wir es gelernt haben.
Und den Banken ist in ihrer systemimmanenten Raffgier am Ende schnuppe, ob einer hunderttausend verliert oder nur hundert. Die Masse sitzt in einem Boot. Und jeder glaubt immer noch, er habe seine eigene Yacht am Pier liegen. Dabei ist jede zweite Schaluppe eh finanziert und gehört einem Kreditverleihinstitut. Wenn es dem Profitstreben der Eliten dient, werden wir alle dafür geopfert werden. Was zählt es da, wenn Du drei Tage später dran sein wirst. . .

 

Ich höre jetzt auf weiterzuschreiben. Weitere Beispiele anführen für die komplexe Situation, in der wir alle stecken. Die Liste würde mich jedoch nur wütend machen. Oder verzweifelt. Oder beides. Ich versuche konstruktiv zu bleiben. In die Zukunft schauen. Das Positive sehen. Die eigenen Fähigkeiten üben und erweitern. Arbeiten. Träumen. Sand im Getriebe der Eliten sein. Mit Menschen sprechen. Andere Sandkörner suchen und finden. Es gibt jeden Tag neue Möglichkeiten dafür. Es hängt vom eigenen Willen ab. 

Im Hof der Einrichtung. Morgens gegen acht Uhr rollen die Autos vor. Türen werden geöffnet. Es wird sofort lebhaft. Kinder und Jugendliche klettern heraus. Die wenigsten. Den meisten jungen Menschen muss geholfen werden. Ungefähr ein Viertel sitzt in Rollstühlen. Körperliche Beeinträchtigungen mindestens. Zumeist mehrfach beeinträchtigte junge Menschen. Details sind mir teilweise bekannt. Ich bin nicht betroffen von den Anblicken. Für mich ist auch dies eine mögliche Daseinsform.
Ich frage mich manchmal, was mir diese jungen Menschen sagen würden, teilte ich ihnen die Sorgen und Nöte mit, die mir „gesunde Menschen“ erzählen. Ihre Klagen, ihre Beschwerden. Ich stelle mir vor, wie diese jungen Menschen in ein schallendes Gelächter ausbrechen. Alles kumulierte in der Frage: wissen deine Leute überhaupt wie gut es ihnen geht? Die können doch hingehen, wo sie wollen. Die können sich frei bewegen. Die brauchen doch fast nie einen zu fragen oder um Hilfe bitten. Wenn sie Hunger haben, machen sie sich was zu essen. Wenns drückt, gehen sie aufs Klo. Die brauchen keine Begleitung auf die Toilette, müssen vor niemandem die Hosen runterlassen. Oder sich windeln lassen. Setzen sich auf ein Rad und fahren los.
Wissen die, dass ein hoher Bordstein eine unüberwindbare Grenze sein kann?
Scheiss auf das Geld, ich träume davon, irgendwann mal schwimmen zu können.
Ich würde für mein Leben gern mal auf einem Punkkonzert vor der Bühne abhotten.
Einfach mal ganz allein rausgehen. Loslaufen.

..
.

Mir ist es jetzt wieder wohler. Diese jungen Menschen erden mich. Ich bin ihnen dankbar für ihr Dasein. Es zeigt mir, was wirklich zählt im Leben.
Manchmal zieht sich mir der Hals zu angesichts der Unbescheidenheit und des Genörgels in diesem Land. Das Geschwätz geht mir auf den Senkel. Und immer sind die anderen Schuld. Und die Ansprüche wachsen schneller als die Inflationsrate.
Klimakatastrophe. Ich zahl´ aber keine CO2 Steuer. Aber in zwei Wochen im schwimmenden Wohnblock fremde Meere bereisen. Eingepfercht mit vieltausend anderen Lemmingen. Essenfassen schichtweise.  Und wieder sehen und doch nichts verstehen. Schlechte Telefonfotos massenweise. Subventionierten Treibstoff tonnenweise in die Atmosphäre blasen und täglich Essensreste und Fäkalien von tausenden Kreuzfahrttouristen ins blaue Meer kippen. Die Branche hat ihre Umsätze in wenigen Jahren verdoppelt. Tendenz weiterhin steigend.
Ich höre jetzt wirklich auf. Für heute jedenfalls.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges und fröhliches Wochenende im Kreis geliebter Menschen.

 

 

Dienstags? Als weiter… was will merr mache…

Die Gründe sind verschieden. Hier laufen die alten Scheiben, mit denen ich als junger Bursche meine Plattensammlung angefangen habe. Heute erklingen hauptsächlich die Werke von Family und Colosseum…

Nichts los auf dem Markt. Es ist bereits halbneun. Schon klar, die Kauftempel öffnen erst um zehn Uhr. Davor hat man seine Ruhe in der Stadt und findet ohne weiteres einen Parkplatz.

Wir haben unsere Siebensachen rasch zusammen. Aber die Zwetschen.
Ob ich vielleicht nicht doch mal… Pflaumenblau trifft Grünauge.
Die sehen genau richtig aus. Soll ich oder soll ich?

Zwei Kilo, bitte.
In der Sommerküche steht der uralte gusseiserne Bräter (von Märklin Göppingen) auf dem kleinen Gasherd. Für zwei Kilo Zwetschen, die hier herum Quetsche genannt werden, sind hundert Gramm Zucker ausreichend. Und eine Prise frisches Zimtpulver sorgt für den Pfiff im Aroma.
Drei Stunden langsam einköcheln lassen und gelegentlich umrühren. Dann ist er fertig, der Latwersch oder die Latweje. So wird im südhessischen Ried das fast schwarze Pflaumenmus genannt.

Als Begleitmusik dazu passt dieses herzige Heimatlied.

Es ist zu einer lieben Gewohnheit geworden. Dienstags treffen wir uns in der Äppelweinbeiz. Der Wirt sieht seinem 88. Geburtstag entgegen. Und die Gäste befürchten danach das Ende einer der letzten wirklich typischen Apfelweinwirtschaften. Bereits in der letzten Woche waren die Fensterläden heruntergelassen. Am Laden der Eingangstür hing ein Papierstreifen. Vorübergehend geschlossen. Wie lange dauert vorübergehend? In der Beiz gegenüber trafen wir einige Stammkunden. Ahnungslosigkeit. Spekulationen.
Gestern hing dieser vermaledeite Schrieb noch immer
am runtergelassenen Fensterladen. Wir also gegenüber eingekehrt. Im Eichkatzerl die üblichen Stammgäste von gegenüber angetroffen. Mit denen wir „immer“ einen Tisch teilen. Die haben auch keine Ahnung. Nach zwei Schoppen und einem kleinen Gebabbel sind wir weitergezogen. Im Dax andere Stammgäste getroffen.
Was gibts Neues?
Nix neues. Prost!

Wir werden an den kommenden Dienstagen den gleichen Weg einschlagen. Wir hoffen auf hochgezogene Rollläden. Notfalls gibts in der näheren Umgebung noch andere Lokalitäten. Nicht unbedingt solche, an denen wir gestern das Schauspiel mitverfolgten, wie drei Busladungen chinesische Touristen durch eine Toreinfahrt in den offenen Hof einer Gastwirtschaft eingesaugt worden sind. Viele alte Wirtschaften mit dem ursprünglichen Flair gibts nicht mehr. Und Wirte, die noch selbst keltern, kann man bald an einer Hand abzählen.

Was wollte ich noch schreiben?

Ach ja, die im Bräter eingekochten zwei Kilo Zwetschen ergaben je ein grosses und ein kleines Glas schwarzer Latwersch. Die Bäurin am Rande des alten Ortskerns meinte ganz lapidar, unter zwanzig Kilo würde sie erst garnicht anfangen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern erfreuliche Spätsommertage.

(Ein Bembel im Dax in Sachsenhausen)