Bei aller Reduktion – Fundstücke sammeln sich weiterhin an

Musikalische Fundstücke aus dem Archiv sind derzeit alte Labelsampler. In den lange vergangenen Schülerzeiten kamen diese Zusammenstellungen der notorischen Dürre  im Sparschwein gerade recht. Einen meiner ersten Sampler im 69er Jahr präsentierte vor einigen Tagen der famose Herr Riffmaster. Hier und jetzt laufen von Polydor: Supergroups Vol. 1 (1969), Pop-Sound ’70 (1970), Pot-End (1970)…

Etliche Rückfälle in meine eigene Vergangenheit. Auslöser dafür waren Lesereisen in die Biographien anderer Menschen. Ich verfolge mit allerwenigsten Ausnahmen nur noch Blogs, in denen Menschen von sich schreiben. Umso direkter desto lieber verweile ich. Wenn ich mich schon im virtuellen, also menschenleeren Raum aufhalte, dann möchte ich Menschen wenigstens auf ihren Lebenswegen begegnen. Alles andere erscheint mir inzwischen fast schon wie Zeitraub. Natürlich ohne Bezahlung versteht sich. Wie schrieb mir eine befreundete Bloggerin: Und im Internet, was ist da schon noch los? Recht hat sie.
Man findet durch eine vertrauenswürdige Empfehlung oder auch mit etwas Glück schon noch den einen oder anderen Blog, der die Aufmerksamkeit lohnt.

Fundstücke aller Orten.

Ich notiere seit einiger Zeit viele Details aus meiner Vergangenheit. Den Turbo angetreten hat der dreiteilige Roman von Erwin Strittmatter : Der Laden. Publiziert in der DDR in den 1980er Jahren. Eine schier unermessliche Menge an Mikrodetails erinnert der Mann und schreibt sie auf. Für mich werden beim Lesen zahlreiche eigene Erinnerungen wachgerufen. Und das Bedürfnis, die eigene Vergangenheit aufzuschreiben. Dafür könnte dieser Blog ein geeignetes Medium sein. Andererseits leben noch etliche Menschen, die ihre Begegnungen mit mir, bzw. das, was die bei mir auslösten, nicht gerne lesen möchten. Da bin ich ganz sicher um Unsicheren. Also weiterhin Details sammeln und aufschreiben. Und abwarten. Die Zeit läuft zu meinen Gunsten.
Der Laden wurde dreiteilig verfilmt. Atmosphärisch dicht. Prominente Besetzung. Dass von den vielen Details wenig übriggeblieben ist, muss in Kauf genomen werden. Und trotzdem ist die Verfilmung eine Empfehlung wert.

Vor einiger Zeit habe ich einen Blogger gefunden, dessen Blogroll eine Kopie meiner eigenen, längst nicht mehr aktuellen Blogroll war.
In einer regionalen Zeitung eines meiner Fotos gefunden. Der Urheberhinweis in Klammern lautete: Privat. Aha.
Zwei Wochen später unter einem Beitrag zum gleichen Thema in der gleichen Zeitung das gleiche Foto. Der Urheberhinweis in Klammern unter dem Foto verwies auf meinen Namen. Die erste Veröffentlichung fällt unter §2, Abs.5 des UrhG. Das Urheberrechtsgesetz. Teuer ist das Vergehen nicht. Unangenehm ist dafür die Kostennote des Anwalts. Ich habe jedoch eine Idee für einen Kompromiss, bei dem beide Seiten etwas gewinnen können.

Manche neueren Fundstücke sind ebenfalls nicht eingehender beschreibbar. Lehrstuhl für Medien und Informatik. Durch die Fotografie stehen mir die Medienleute naturgemäss näher. Im Kontext zur Informatik bilden sie jedoch rasch eine Art Gegenwelt. Die Rückseite des Mondes bewohnen offenbar die Informatiker. Programmierer lassen sie sich nur ungern nennen. Lieber ist ihnen die Zuschreibung Developer. Ach ja.
Der Lehr- und Forschungskörper beisst Nägel oder zappelt. Auf jeden Fall sprechen diese Menschen durchweg zu schnell. Und die Witzigkeiten. Ob es Ausdruck persönlicher Lebenstragik oder der verzweifelte Versuch ist, mit einem menschlichen Gegenüber in Kontakt zu treten – ich bin mir noch unsicher. Nicht jedes Körperteil verhält sich so, versteht sich.
Viel geht es ums Spielen. Das scheint dem Medium Computer innezuwohnen.
Schauen Sie sich mal den Algorithmus an und spielen Sie ein wenig damit.
Als Übungsaufgabe zu unserer letzten Vorlesung eignet sich ein Spielchen. Sie kennen Sudoku? Dann können Sie Ihre neuen Kenntnisse  dabei gleich anwenden.
Und dennoch lassen sich kleine Funde machen. Fachbegriffe beispielsweise. Streuspeicherung. Hätte ich diesen Begriff doch mit fünfzehn gekannt, als meine Eltern die Ordnung in meinem Zimmer anmahnten.
Das machen wir gerade in Mathe. Nennt sich Streuspeicherung. Das muss so sein…

Im persischen Golf sind zivile Schiffe beschädigt worden. Die Amerikaner wissen natürlich, wer das verursacht hat. Fotografische Beweise legen sie vor. Und schicken gleich ein Kriegsschiff in den Golf. Beweise wie damals. Wer erinnert sich noch an die „Beweise“ für Saddams Giftgasfabriken. Amerikaner lieben den Krieg. Sie suchen ihn und sie werden finden. Und bis dahin schreiben sie anderen Ländern vor, mit wem die Handel treiben dürfen. Traurige Funde sind das, bei denen man erst verstecken muss, was man hinterher finden will.

Lebensfreude. Sie entsteht, wenn Menschen zusammen aktiv sind. Wenn man arbeitet oder gemeinsam musiziert. Dieses Zusammenleben, auch wenn es nur für kurze Zeit existiert, schafft mehr Freude und Frieden, als man denken mag. Das mag mit der Spontanität zusammenhängen, die dann zwischen Menschen entsteht.
Ziemlich steif war die Veranstaltung zur Landung in der Bretagne. Kein Wunder. Wenn die zu ehrenden Veteranen 1945 achtzehn Jahre alt waren, sind sie heute dreiundneunzig.
Ich gedenke an diesem Tag den russischen Armeen. Die der braunen Hydra die Köpfe abgeschlagen und das Regime damit zu Fall gebracht hat.
Aber mir ist allemal die Lebensfreude und die Verständigung mit anderen Menschen näher. Deshalb hier einen
Fund von heute.

Die unten abgebildete Flasche Dujardin Triple Sec ist leer. Auch sie eine Trouvaille, das seit fast einem halben Jahrhundert in der hintersten Ecke eines Schrankes darauf wartete, gefunden zu werden. Letzthin war es soweit. Der Inhalt hat sich mit einem feinen Aroma und entsprechendem Wohlgeschmack bedankt.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Woche und natürlich ein feines Fundstück. Und Singen und tanzen Sie, solange es Ihnen noch vergönnt ist.

 

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Reflektionen im Morgengrauen

Wenig Musik gehört in den letzten Wochen. Dafür viel gelesen.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Van Bo Le-Mentzel – Der kleine Professor.
Und zur Zeit: Erwin Strittmatter – Der Laden.
Klingende Töne zum Frühstück: Dead Can Dance – Dionysus (2018)…

Leere Läden in der Innenstadt. Ein Vorurteil. Es gibt in fast jeder Strasse ein Nagelmalerstudio, einen Tätowierladen oder eine Piercingwerkstatt als letzte Instanzen, wo für das breite Publikum noch eine echte Kommunkation stattfindet. Oder man hält sich einen Hund.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Gebrauchshunde. Jagdhunde, Wachhunde. Folglich stehen sie mir noch immer näher als Katzen. Die Sympathie bekommt jedoch zusehends Risse. An den Hunden liegt das meist nicht. Zumindest so lange sie an der kurzen Leine geführt werden.
Es sind Leinenhalter, die sich Hunde anschaffen. Als lebendige Spielzeuge, Partner- oder Kinderersatz. Und natürlich auch als Einsamkeitsvertreiber. Irgendeine Ansprache auf der emotionalen Ebene braucht schliesslich jeder Mensch. Und so hört sich das dann gelegentlich an.
Kannst du das nicht mal lassen? Wie oft muss ich dir das denn noch sagen? Jetzt merk´ dir das doch endlich mal!
Im urbanen Raum werden immer mehr Flächen verdichtet. Grünflächen für Hundescheisse und -pisse werden rar. Einziger Vorteil, Hundebesitzer haben durch ihren vierbeinigen Besitz sogleich ein Gesprächsthema. In manchen Städten werden mittlerweile Hochbeete für Blumen oder kleine Bäume angelegt. Ein wichtiger Grund dafür liegt auf der Hand. Was den unsozialen Hundebesitzer natürlich nicht abhält. Er nimmt seine Fusshupe oder die frisch gestriegelte Flohschleuder in die Hand und setzt das Tier zum Kacken hoch ins Beet. Da machens die grossen Tölen ihren Besitzern leichter. Die hüpfen alleine hoch. Es ist widerlich, wie einige öffentliche Anlagen inzwischen aussehen.

An der Strassenseite des Ärmelhauses zieht sich ein flachwüchsiger Efeu am Sockel entlang. Seit Jahren trotzt er tapfer der täglich auf ihn hinrieselnden Hundepisse und den stinkenden Tretminen der Köter.
Wir könnten die freien Stellen unten am Sockel mit grossen Kieselsteinen belegen und dazwischen Steinbrech und andere unempfindliche Pflanzen anwachsen lassen.
Und die Hundebesitzer, frage ich stirnrunzelnd.
Wir könnens ja mal versuchen.
Das Ergebnis sieht gut aus. Inzwischen haben einige Wurzeln den Weg zwischen den Fugen der Verbundsteine hinunter ins Erdreich gefunden. Dadurch fühlen sich manche Zeitgenossen offensichtlich aufgefordert die grossen Kieselsteine als Steine zum Anstossen zu nehmen. Also werde ich in den kommenden Tagen die Steine in ein Zementbett legen müssen. Wer blaue Zehen begehrt, dem soll dieser Wunsch erfüllt werden.

Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Der Nachbar arbeitet zielstrebig an seiner Karriere als Deppchef. Er wohnt einige Häuser weiter auf der gegenüber liegenden Strassenseite. Und hat einen Hund. Er kommt die Strasse runter mit seinem Tier an der Leine. Bleibt genau gegenüber stehen. Der Hund muss sitzen machen. Das dauert. Ich vermute, der Hund will einfach weiterlaufen. Wie mit den anderen Familienmitgliedern auch. Hunde sind Gewohnheitstiere. (Welcher Bremer Stadtmusikant gibt den Rhythmus mit der Pauke vor?). Endlich sitzt das Tier befehlsmässig. Es erhält seine Kaubelohnung. Der Nachbar quert die Strasse mit seinem Hund. Und führt ihn zum Pissen zielstrebig an den Efeu. Ich bin ein untypischer deutscher Nachbar. Streit übers Hoftor liegt mir nicht.
Ich beobachte lieber und lerne dazu. Erfahrungen sind fruchtbarer als Streiterien.
Zufällig sehe ich den Deppchef, als er just die Strasse überquert. Schlagartig kratzt er die Kurve, als er mich wahrnimmt. Das Ärmelhaus ist ein Eckhaus und so biegt er mit seinem Tier in die andere Strasse. Letzthin öffnete ich frühmorgens die Jalousie. Er schien mich nicht zu bemerken. Sportlich reisse ich das Fenster auf. Der Deppchef reisst nicht minder sportlich an der Leine und kläfft seinen Hund an.
Musst du immer dahin laufen. Das ist doch alles schön gemacht. Kommst du jetzt wohl.
Vorige Woche standen wir uns Auge in Auge gegenüber und er sagt lobend:
Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Ebendrum, weil es keine Pinkelecke ist.
Aber der Efeu. Irgendwas hat der, dass der Hund da immer hin will.
Ja klar, weil jeder seinen Hund in den Efeu pinkeln lässt. Ist doch wie Zeitunglesen für Hunde.
Aber ihr habts schön gemacht. Sieht richtig klasse aus.
Genau, deshalb hoffen wir auch, dass die Pinkelei aufhört, weil es so ansehnlich ist.
Ach so. Es gibt Gesichtsausdrücke, die kann man nicht beschreiben…

In der Einführungsvorlesung stellt der Professor für Gestaltung digitaler Medien den Studenten eine Frage.
Welche elektronischen Aparaturen nutzen für Ihr Studium?
Ein einziger Studi verwendet zuhause noch einen Computer. Etwa ein Drittel der Studierenden nutzt Notebooks oder Tablets. Der grosse Rest benutzt hauptsächlich die elektronische Handfessel. Und die ersten schielen bereits nach dem Armband zur Sebst- und/oder Fremdüberwachung. Mit dem man der Welt zeigen und mit-teilen kann, was wirklich zählt im Leben, zum Beispiel wieviele Schritte noch fehlen zur Erreichung des individuellen Tagespensums.
Bei den Studierenden ist diese frappierende Naivität auffallend. Es gibt kaum einmal eine kritische Nachfrage zu den Vorlesungen der Dozenten. Zukünftige akademische Hilfsarbeiter, die immer unnötigere neue Apps erfinden. Mit denen sollen die Internetnutzer vom Wesentlichen abgelenkt werden. Das Rotkäppchensyndrom. Konsumartikelhersteller und Dienstleistungsanbieter als reissende Wölfe. Und hier werden ihre willfährigen Knechte herangezogen. Deren Grosseltern waren noch Handwerker, Bauern oder Büroangestellte. Haben Dinge hergestellt oder bearbeitet, die für die meisten Menschen weitgehend nutzbringend gewesen sind.

Früher habe ich mir vor Wahlen manchmal die Reden von Politikern vor Ort angehört. Es waren nicht viele Reden und es ist lange her. Zu viel fette Sahne statt handfestem Eintopf mit deftigem Schwarzbrot.
Eher zufällig wurde ich vor zwei Jahren Zeuge eines Auftritts des Spitzenkandidaten der Demokratischen Union Deutschlands. Fünfzig, seine floskelnden Schlagworte beklatschende Nichtdenker zollten Beifall für Luftballons und Kugelschreiber. Der Wahlkrampfmanager hatte den Tourbus der Wasserträger mit Parolen verzieren lassen. Ausgerechnet genau zwischen den Rücklichtern prangte die nichterfüllende Prophezeiung: „NRW – nie wieder Schlusslicht“. Obs daran lag, jedenfalls hat seine Partei die bis dahin regierende vormals sozial Demokratische Partei ab. Schlusslicht ist das Bundesland auch nach dem Regierungsparteienwechsel geblieben.

Die für meine diesjährige Wahl zum europäischen Parlament entscheidende Wahlkampfrede habe ich, wie mir scheint,  bereits mehrmals gehört und in meinem Herzen wohl bewegt. Die Namen und einige Phänomene mögen sich geändert haben, die grundlegenden Probleme sind geblieben. Und neue sind hinzugekommen. Das Gift der politischen Korrektheit wird allerorten versprüht.

Man könnte fast verzweifeln angesichts dieser einst schleichenden und jetzt masslos beschleunigten  Veränderungen. Gäbe es da nicht die verbliebenen Inseln der Menschlichkeit.
In dieser Woche waren wir in einer der letzten echten Frankfurter Apfelweinwirtschaft. Wir betraten das Lokal gegen achtzehn Uhr. Sechs Tische. Fünf lange Tische mit Bänken auf beiden Seiten. Auf dem runden Tisch verweist ein Schild auf den Stammtisch. Auf drei anderen Tischen stehen Klappschilder mit der Aufschrift reserviert. Wir setzen uns zu den alten Männern.
Der Abend war so grandios, dass wir danach Gästerezensionen im Internet suchten. Von stürmischer Begeisterung bis hin zu eindringlichen Warnungen waren die Bewertungen. Allein diese Bandbreite ist mir ein positives Qualitätsmerkmal. Wo alle begeistert sind, kann etwas nicht stimmen. Wo mehrheitlich gewarnt wird, werde ich jedoch vorsichtig.
Da wird vor dem maulfaulen Wirt gewarnt. Der Mann ist sechsundachtzig und arbeitet seit fast siebzig Jahren hinter der Theke. Bei einem meiner ersten Besuche sprach er uns an und fragte, woher wir kämen. Es entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf er uns viel von sich und seiner Wirtschaft erzählte.
Von bösartigen alten Männern und deren Sprüchen kann man in den anonymen Kritiken lesen. In der Tat erinnern manche an Waldorf und Statler aus der Sesamstrasse. Neben uns die beiden haben diese Lachfältchen, die Gutes verheissen. Eine aufgemöbelte Blondine betritt den Schankraum.
Der Alte neben uns bemerkt grinsend: Siebzehn Jahr´ blondes Haar.
Eher zweimal siebzehn wenn nicht dreimal, entgegne ich. Wir lachen herhaft. Immer mehr Gäste kommen herein. Nach und nach werden die Reserviertschilder von den Tischen genommen. Es ist auffällig, dass keine Handtelefone auf den Tischen liegen. Das liegt nicht nur am Durchschnittsalter der Gäste. Hier sitzt man zusammen an langen Tischen und spricht miteinander. Es wird lauter. Die Beiz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirt nimmt immer wieder den Zehn-Liter-Bembel aus dem Schwingestell auf der Theke und füllt ihn erneut. Bier steht hier nicht auf der Getränkekarte.
Neben uns sitzt jetzt ein anderer älterer Herr. Er kommt aus dem bayrischen. Hat früher lange in Frankfurt gearbeitet. Als Steinmetz hat er ein bekanntes Kunstwerk an markanter Stelle geschaffen. Seit einigen Jahren ist er Witwer. Kommt immer wieder hierher. Kann von der Stadt und dieser Wirtschaft nicht lassen.
Uns gegenüber nehmen zwei Frauen Platz. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Leben seit vielen Jahren in einer Fernbeziehung. Die Gespräche werden persönlicher. Wie gesagt, hier liegen keine Handfesseln auf den Tischen. Und spätestens sollte erkennbar sein, warum anfangs die Reserviertschilder auf den Tischen stehen.
Besonders kritischer Bewertungen erfreut sich der Kellner. Kein Mann für Gelaber. Ist dein Glas leer, tauscht er es gegen ein volles Glas aus. Unaufgefordert. Wer nichts mehr mag, legt seinen Deckel aufs Glas. Hin und wieder können seine Sprüche verwirren. Einmal standen Gäste unter der Tür. Suchten offensichtlich freie Tische. Es waren freie Pläte vorhanden. Der Kellner sprach sie an. Sie würden einen freien Tisch suchen. Er zeigte auf freie Plätze. Sie schienen unentschieden. Er sagte kurz: Also, wenn Ihr schauen wollt, dann geht am besten ins Museum.
Als ich einst einen „Äppler“ bestellte. fuhr er mich an: Wenn du Äppler willst, den gibts drüben am Kiosk. Hier gibts Apfelwein. Dazu muss man wissen, Äppler ist ein Kunstwort, das in der Marketingabteilung einer industriellen Apfelweinmosterei erfunden worden ist. Und leider immer mehr Verbreitung findet. Besonders bei Leuten, die nicht von hier sind. Uffgeplackte.
Und es fällt auf, dass in dieser Wirtschaft vorwiegend Einheimische verkehren. Südhessischer Humor ist nicht jedermanns Sache. Es wird immer lauter. Kreuz und quer wird durch das Lokal geredet und gerufen.
Mir fällt eine Szene ein, die ich vor Jahren hier erlebte und die mir die Atmosphäre in dieser Wirtschaft so kostbar macht.
Zwei Jungkarrieristen mit engen blauen Anzugshosen und langen brauen Spitzschuhen betreten das Lokal. (Braun und blau kleidet die Sau – auch das war so eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter). Die beiden Typen schauen sich um. Nehmen schliesslich Platz neben einem Mann mit gelber Armbinde. Der trinkt seinen Schoppen. Sein Hund liegt ruhig zu seinen Füssen. Die beiden fühlen unsicher in dieser realen Umgebung. Rundum Gebabbel und Gelächter.
Schliesslich meint einer der beiden den Blinden ansprechen zu müssen und schnörkelt los: Ein schönes Tier haben Sie da. Das hat doch sicher eine gute Ausbildung.
Freilich, entgegnet der Angesprochene, der ist gelernter Industriekaufmann.

Bei dem Alter des Wirtes stellt sich immer häufiger die bange Frage, wielange es dieses Lokal noch geben wird. Wie das weitere Schicksal solcher Lokalitäten aussieht, ist sattsam bekannt. Wir wissen, dass nichts bleibt und bedauern es oft.

Wir verlassen nach den mächtigen Rippchen mit Kraut und etlichen Schoppen mit den beiden Frauen das Lokal und fahren nach Bornheim. Wir verabschieden uns voneinander, denn unser Weg führt zu einem letzten Schoppen in eine andere (vormals )legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe. Auch dort ergab sich rasch ein Gespräch. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Nichts bleibt? Doch. Die Menschlichkeit und der Humor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

 

 

Reduktionsmeldungen

Viel gearbeitet in den letzten Wochen. Zeitweise wenig Musik gehört. Neu im Musikalarchiv: Kultur Shock – IX (2014)…

Die blutroten Kelche der stets üppig blühenden Kamelie sind eine Wucht. Der Jasmin neben der Haustür verströmt seinen unverschämten Duft. Nur der mächtige Schachtelhalm macht mir Sorgen. Er ist zwar gut durch den Winter gekommen, aber nun werden die Spitzen braun. Verschiedene Ursachen werden geprüft. Inzwischen habe ich die bräunlich weissen Enden sorgfältig zurückgeschnitten. Die Sommerküche ist bereit. Das Leben verlagert sich zusehends ins Freie.

Ungewollt höre ich ein Gespräch zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Mathematikprofessor. Studenten hatten sich über die hohe Durchfallquote der letzten Klausur beschwert. Er wurde dazu befragt. Der Mathematiker erklärte seinem Chef, dass das Niveau von Semester zu Semester immer weiter absinken würde. Eine Klausur, die er vor zehn Jahren noch mit hoher Bestehensquote schreiben liess, hätte heute eine Durchfallquote von etwa 80%.
Und ich habe jetzt zum zweitenmal seine Einführungsansprache gehört. Er flehte die Studenten fast schon an, in seinen Übungen zu erscheinen. Auch zuhause verschiedene Aufgaben zu üben. Einem Studenten entfährt das Wort Spass.Wie oft habe ich selbst von Eltern hören müssen, dass Lernen bitteschön Spass machen solle. Mir ist kein Mitschüler begegnet, der aus Spass französische Vokabeln gepault hätte. So geht’s weiter bergab. Langsam vielleicht, aber stetig. Das Schulsystem der ehemaligen Deutschen Republik hatte da eindeutige Vorteile. Da kam es nachprüfbar mehr auf Leistung an als bei den Klassenfeinden der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft.

Überhaupt habe ich öfter den Eindruck, dass manches auf dem Kopf steht.
Häuser sollen mit Styropormänteln verkleidet werden. Wegen der Energieeinsparung. Inzwischen kann sich jeder informieren, dass die entsprechende Investition sich erst nach ungefähr dreissig Jahren amortisiert. Die Häuser brauchen wegen der Abdichtung zusätzliche Belüftungen. Das treibt die Heizkosten jedoch in die Höhe. Auf dreissig Jahre umgerechnet . . . Ich frage mich, ob die Beteiligten noch ganz dicht sind. Bestraft werden jedenfalls die Vernünftigen. Die machen ihr Haus dort dicht, wo die meiste Energie verloren geht wird. Bei Türen, Fenstern und dem Dach. Zur Strafe kriegen sie keinen Energieausweis und können gegebenenfalls ihr Haus nur schlechter verkaufen.

Beispiele für diesen Wahnsinn nehmen rasant zu. Assistenzsysteme im Kraftfahrzeug. Sie sollen den Lenkern viele Dinge abnehmen. Klingt gut. Vor allem sehe ich im alltäglichen Strassenverkehr jedoch, dass andere Verkehrsteilnehmer ständig den Knecht für diese Systeme machen. Programmieren, individualisieren und kontrollieren. Wollen oder müssen – auf jeden Fall ist es eine Ablenkung und stellt eine Gefahrenquelle im Strassenverkehr dar.
Von den elektronischen Handfesseln und ihren immer neuen, und meist überflüssigen, Spielereien ganz zu schweigen. Spielladen. So heisst doch die Abholstation für die meist sinnlosen Kaufanreize. Unglaublich, mit welch hanebüchenen Rechtfertigungen manche Menschen anschliessend ihre Käufe begründen wollen.

Dabei bietet das Leben mit zunehmender Reduktion immer mehr Freiräume. Der bedeutsamste ist der Zeitgewinn. Zeit sei Geld hört man immer wieder. Dabei wird eher andersrum ein lebenstauglicher Schuh draus. Zeit ist die Abwesenheit von Geld. Und Zeit meint immer auch Lebenszeit. Das ist weder ein Aufruf zu Askese oder gar Armut. Besinnung ist der treffende Begriff.
Dass Autonomie und herzenswarme Lebensfreude ebenfalls enorm anwachsen können, habe ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können.

Vor über zwei Jahren begann das waghalsige Experiment. Das Ladenlokal mit dem kleinen angrenzenden Areal sollte als Arbeitsstätte und Wohnung gleichermassen dienen. Reduktion als alltägliches Erlebnis. Was anfangs wie ein Traumgespinst klang, funktionierte am Ende tatsächlich. Aus dem Verkaufsraum wurde je nach Bedarf und Tageszeit die Küche und der Lebensraum. Zu allen Jahreszeiten.
Ohne die üblichen Einrichtungen, die angeblich für ein behagliches Leben unverzichtbar sein sollen. Heizkörper und fliessend kaltes Wasser aus zwei Hähnen standen zur Verfügung. Dem Wasserkocher, der sich am Ende aufgelöst hat, danke ich dafür, dass er bis zum Ende durchgehalten hat. Zugegeben, eine Waschmaschine diente an einem anderen Ort der Bequemlichkeit. Und im Keller summte ein geschenkter Minikühlschrank.
Dieses manchmal abenteuerlich anmutende Projekt ist beendet worden. Die einfache Kochstelle mit der Gasflasche und einigen Gerätschaften bilden jetzt die  hiesige Sommerküche. Fliessend warmes Wasser erscheint mir inzwischen als Luxus. Und die Dusche grenzt bereits an Überfluss. Jetzt gilt es, die erworbenen Fähigkeiten zu erhalten und zu erweitern.

Am vergangenen Sonntag war ich seit Jahrzehnten wieder einmal in der hiesigen Eisdiele. Die alte Musikbox war nicht mehr da. Da haben wir gesessen nachmittagelang. Mit zu wenig Geld in der Tasche und viel zu viel Zukunft im Kopf. So nuckelten wir schier ewig an unseren Milchmixen, bis wir irgendwann zum Gehen aufgefordert worden sind. Mit einigen früheren Klassenkameraden war ich letzte Woche wieder einmal an jenem Erinnerungsort meiner Jugend.
Die Bestellung: „Einen Milchmix Nuss, bitte“, verstand die junge Bedienung nicht. Kein Wunder, heute muss man Milkshake sagen, wenn man verstanden werden will. Und Schmirgelpapier in der Nase haben, wenn einem vom aufdringlichen Parfum der jungen Frau nicht gleich schlecht werden soll. Ausserdem hatte sie die zur Zeit modischen, jede Körperfalte abzeichnenden Gummihosen an statt eines weissen Schürzchens und des unverzichtbaren weissen Kränzchens im Haar.
Nie wieder in eine Eisdiele oder eine Milchbar – alles im Leben hat seine Zeit. Überhaupt die Veränderungen allerorten.

Die Zauberflöte in der Semperoper war ein ganz besonderes Erlebnis. Sowohl das Gebäude wie auch die Aufführung. Klasse fand ich, dass am linken oberen Bühnenrand die Texte eingeblendet wurden. Was mich vom Besuch von Opern meist abhält, ist, dass ich häufig kein Wort der Gesänge verstehe.
In diesem Fall waren die eingeblendeten Texte geradezu verführerisch. Und so sang ich manche Arie schön leise mit. Ich bin mir schliesslich bewusst, dass das Publikum nicht wegen mir in diese Vorstellung gekommen ist. Dennoch murmelte ich offensichtlich nicht leise genug. Der Chinese neben mir zischte mich mit feindseligem Blick an: Mister, don´t sing please!
Ich verstummte augenblicklich. Und stellte mir vor, was der überaus humorvolle Herr Mozart an meiner Stelle dem humorlosen Mann mit der wichtigen Umhängetasche wohl entgegnet haben mochte.

Nichts bleibt wie es war. Aber auch nichts wird wirklich vergessen. Vor zwei Wochen war ich weiter nördlich unterwegs. Wollte bei dieser Gelegenheit auch im famosen Hinterhof vorbeischauen. Dort fand im vergangenen Jahr ein rauschendes Jubiläumsfest statt. Die Gittertür war an diesem Samstag verschlossen. Im verlassenen Hof standen einige Mülltonnen verloren herum. Die Schaufenster waren verwaist.
Frau Knobloch bitte melden Sie sich !

Einige andere erstaunliche Begebenheiten wären erzählenswert. Aber das Wetter ist verlockend schön. Der Garten einladend. Und ein kühler Apfelwein im Gerippten lässt mich nicht länger zögern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Frühlingstage

 

(Der zahnlose Löwe mit dem Löwenzahn)

 

 

In den Zeiten als das Wünschen noch geholfen hat

Samstagmorgen, geduscht, erfrischt und zu einem frugalen Frühstück die passende Mussigg. Leider fand ich bloss dieses eine Stück. Deshalb anschliessend, einer Bekanntmachung folgend: Prinzip – Der Steher (1980)…

 

Eine Chronik schreibt nur Derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist. (J.W. v. Goethe, Maximen und Reflexionen)

i) In der Küche. Die Urgrossmutter Kättche sitzt in ihrer blauen Kittelschürze am Küchentisch. Auf ihrem Schoss hält sie die weisse Emailschüssel. Sie schnippelt Bohnen. Grüne Bohnen. Meine Erinnerung will mich auf ihrem Schoss sitzend sehen. Einerseits stand da aber bereits die Schüssel. Andererseits waren die älteren Frauen zu wahrhaft artistischen Meisterleistungen imstande. Mit einem scharfen Messer bewaffnet, einen mächtigen Laib Brot an sich geklemmt, schnitten sie eine Scheibe Brot akkurat ab, ohne sich selbst dabei eine Brust zu amputieren.
Neben dem Küchenfenster die Balkontür wies nach Osten. Mein Blick endete an den Bauernhöfen im alten Ortskern.
Die Greisin ging bedächtig ihrer Beschäftigung nach. Es war ruhig in der Küche. Sie räusperte sich ein, zwei Male. Dann begann sie zu erzählen: Es war einmal…
Die an manchen Stellen welligen Ziegeldächer und das schiefe Fachwerk jahrhundertealter Giebelwände verschwammen vor meinem Blick und auf meiner inneren Leinwand schaute ich die famosen Bilder der Märchen, die sie mir erzählte. Immer und immer wieder. Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen und das mir liebste Märchen: Tischlein deck dich. Sie schöpfte die Sprache aus ihrem Inneren und half mir nichtsahnend dabei, grossartige Bilder aus meinem kindlichen Inneren zu schöpfen.
Ihre Stimme glitt episch getragen im Erzählstrom. Ohne Aufregung oder gar Dramatisierung. Ich sah dabei Bilder, die mir guttaten. Manche kann ich noch heute aus meinen Tiefen aufsteigen lassen. Das siebte Geisslein im Uhrenkasten. Die geschorene Ziege. Rotkäppchen und die Grossmutter, wie sie aus dem Bauch des Wolfs springen. Die anschliessende Operation des Wolfs durch den Jäger hat sich mir nie zu einem sichtbaren Bild geformt. Von wegen Brutalität im Märchen. Die findet allenfalls in der Vorstellungswelt von Erwachsenen statt.

ii) Später lernte ich lesen in dem alten Märchenbuch mit den Illustrationen von Else Wenz-Vietor. Im Untertitel versprach es Die fünfzig schönsten Märchen von Grimm, Andersen, Bechstein und aus Tausendundeiner Nacht. Wie es in unser Haus kam konnte mir niemand mehr sagen. Wie es Jahre später hingegen verschwand, das weiss ich noch. Mein jugendliches Bücherbrett wurde zu schmal für die Neuzugänge. Und so musste ich Entscheidungen treffen.

iii) Als Schulkind entschwanden mir die Märchen. Josephine Siebe ist heute allenfalls Kinderbuchsammlern noch ein Begriff. Bis vor etwa dreissig Jahren noch wurden ihre erfolgreichen Kasperlebücher immer wieder neu aufgelegt. Eine hölzerne Kasperlefigur erwacht zum Leben. Die zeitlich abfolgende Geschichte in den Büchern unterscheidet sich trotz der scheinbaren Nähe zu Pinocchio erheblich in ihren Motiven und Handlungssträngen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft ich diese Bücher gelesen, ja geradezu verschlungen habe. Habe mich mitgefreut und habe mitgelitten. Hier habe ich ausdauerndes Lesen gelernt. Und dabei Trost gefunden in einer oftmals grausamen Kindheit.

iv) Spätpubertät. Einige Mitbewohner in unserer WG lasen ebenfalls sehr viel. Mit entsprechend progressivem Bewusstsein versteht sich. Eines Tages lag auf dem Küchentisch ein Taschenbuch. Iring Fetscher – Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Die Halbwertzeit der von Fetscher umgedeuteten Märchen war relativ kurz. Die bourgeoisen Herrschaftsträume des tapferen Schneiderleins oder die Deflorationsphobie von Dornröschens Vater waren wenig bildmächtig. Am ehesten trafen den Lachmuskel noch die Bremer Stadtmusikanten als ein Rentnerkollektiv, das ein Haus besetzt. Vielleicht auch nur, weil wir selbst gelegentlich Leute in besetzten Häusern besuchten oder unterstützten.
Mein erstes Studium habe ich mit einer Diplomarbeit zum Thema Märchen abgeschlossen.

v) Die eigenen Kinder waren mittlerweile ins Märchenalter gekommen und das alte Interesse erwachte erneut. Nebenberuflich begann ich eine Ausbildung zum Märchenerzähler. Bei verschiedenen Gelegenheiten erzählte ich auch öffentlich Märchen. Lustig war ein Flash Mob (ein Wort, das zu jener Zeit noch garnicht existierte) als wir in einer Gruppe den Eisenhans vor der Kirche einer Kleinstadt aufführten.
Was mich bei alledem jedoch am meisten interessierte, waren einerseits die Bilder in den Märchen und andererseits die Strukturen der Texte. Dies führte zu Fragen, z.B. warum in manchen Kulturen eher Tiere oder Pflanzen im Mittelpunkt der Erzählung stehen, in anderen hingegen Menschen auftreten. Der Tor zur Märchenarbeit mit Erwachsenen stand nun offen.

vi) Mit meinem Interesse und der Beschäftigung mit Volksmärchen war ich nicht allein. In den 1980er Jahren fanden die Märchen eine neuerliche rege Beachtung. Psychologische Ausdeutungen oder esoterische Sichtweisen wurden hoffähig. Ein Markt bildete sich und Konsumenten waren rasch bereit, glänzendes Gold hinzugeben für stumpfes Salbadern oder mysteriöse Auslegungen.
Ich habe Gesprächsgruppen geleitet. Kindergärtnerinnen versucht zu motivieren, in ihren Gruppen Märchen zu erzählen. Und in persönlichen Coachings wirkten die (vermeintlich harmlosen) Märchenbilder enorm kraftvoll.

vii) Was mich derzeit intensiv beschäftigt, ist das Thema der Verwünschung. In den Volksmärchen werden ganz verschiedene Arten der Verwünschung dargestellt. Diese Verwünschungen als Bild an sich betrachtet sind weder positiv noch negativ. Sie stellen oftmals die Initialzündungen für sich anbahnende Entwicklungsprozesse dar. Häufig sind diese Verwünschungen als solche garnicht zu erkennen. Auch das Verhalten der verwünschten Protagonisten ist in vielfacher Weise literarisch ausgestaltet. Zu beachten ist jedoch, dass in keinem mir bekannten Märchen alle Aspekte einer Verwünschungen detailliert geschildert werden. Dagegen werden bestimmte Facetten augenscheinlich vorgeführt, wie das auch bei anderen Themen in den Märchen meisthin der Fall ist.
Meine Frage ist, ob es möglich sein könnte, dass Eltern oder andere direkte Bezugspersonen in ihrem Zusammenleben mit Kindern oder auch Jugendlichen, diese bewusst oder unbewusst verwünschen (müssen), um damit eine Entwicklung zur autonomen Persönlichkeit anzustossen. Die extremen Handlungsweisen der Erwachsenen, ob schwere Misshandlungen oder Helikoptereltern, lasse ich hierbei ausser Acht, da ich darüber noch nicht genügend Material habe.

In einem folgenden Beitrag könn(t)en eigene Erlebnisse und Erfahrungen als konkrete Beispiele dienen.
Dieser heutige Bericht versteht sich als Handübung der Erinnerung. Er ist ein weiterer Baustein zu einem autobiografischen Plan. Einige Berichte des vorigen Jahres zählen ebenso dazu.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein märchenhaftes Wochenende.

Ich-Denkmal von Hans Traxler am Mainufer

 

 

Gedanken Winter Wochenende

Am 26.1.2019 starb der legendäre Tastenspieler Ingo Bischof. Langjähriger Mitspieler bei Karthago und Kraan. Ingo Bischof hörte und sah ich erstmals mit Karthago live bei der Eröffnung des Roxy in Berlin. Das war im Januar 1976. Aus diesem Grund laut im Ärmelhaus: Karthago – Live at the Roxy. (endlich die komplette Aufnahme, 2011 )…

Langsam aber sicher sammeln sich die Entwürfe im Archiv. Anfänge oder Mittelteile oder Enden von noch zu vollendenden Beiträgen für meinen Blog. Für manche Erinnerungen ist es noch zu früh.
Das grosse Thema über jene, mich seit Jahren beschäftigende, Generation, der einmal der fatale Scheinfreispruch von der „Gnade der späten Geburt“ attestiert worden ist muss warten, so sehr er sich auch vordrängeln mag. Zu viele dieser Menschen mit ihren verkorksten Biografien und den daraus folgenden merkwürdigen Abirrungen leben noch in meinem Umfeld. Zudem sind nach dem Mauerfall noch einige Biografien aus dem Osten des Landes hinzugekommen.

Eine weitere auffälige Gruppe, über die in einem Beitrag zu berichten ist, sind Menschen meines Alters, die sich vor dem Mauerfall auf ehrerbietige Weise mit Institutionen der untergegangenen Deutschen Republik im Osten eingelassen haben. Dadurch haben sie sich ein Anrecht erworben auf bestimmte staatsnahe Berufe. Manche von denen, die sich zu dienstfertig erwiesen haben, müssen sich seit dreissig Jahren eingestehen, dass jene Institutionen sie sitzengelassen haben wie man schal gewordene Partner sitzen lässt. Die Lenker jener Institutionen hingegen weiden ihre Schäfchen auf den fruchtbaren Wiesen inmitten blühender Landschaften. Auch dafür gibt es Gründe, halbfertige Beiträge weiter zu fund(ament)ieren.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher aus dem Bereich der Belletristik gelesen. Ich kann Texte jenseits der Fachliteratur  wieder leidlich geniessen. Nach Jahren der Stagnation. Die intensivere literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltheorien hat mich dem reinen Lesegenuss entfremdet. Potz Lotman und Kristeva. Und Genette als Fundament. Fokalisierungen, Diegesen, Metalepsen und auktoriale Erzähler – geh mir weg damit. Das hat mir die beim Lesen aufsteigenden Bilder vernebelt. Trotz aller Kritik aus der poststrukturalistischen Ecke haben diese Theorien jedoch einen gewissen Reiz. Man muss halt ein gerüttelt Mass an kritischer Distanz wahren.
Andererseits entlarvt das erworbene Wissen natürlich die Texte. Auch meine eigenen, versteht sich. In vielen Blogs lese ich aufgrund dieser Einsichten immer weniger. Und wenn dann beim Leser noch einige psychologische Grundweisheiten vorhanden sind, entblättern sich die Erzähler in ihren Beiträgen vor dem Leser. Und am Ende kann es sogar peinlich sein, die eigenen Texte unter bestimmten Aspekten zu beleuchten.
Auch dies ist für mich also ein Grund vorsichtiger oder eben in längeren Abständen zu posten. Und nebenbei diejenigen zu beneiden, die ihre Beiträge von woanders her kopieren. Keine eigene kreative Leistung zwar, aber auch diese Menschen vermitteln helle Selbstbilder – wenn man genauer hinschaut.

Gelesen habe ich in den letzten Tagen mit Genuss:
Eine Menge Reportagen von Gabriele Goettle (Davon sind fünf Bände in der Anderen Bibliothek erschienen).
Ben Witter – Müssiggang ist allen Glückes Anfang.
Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone.
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind. Da freue ich mich von gleichen Autor auf das Nachfolgewerk „Alle sieben Wellen“, mit dem ich jetzt gleich beginnen werde.

An meinen begonnenen Texten werde ich dennoch weiterschreiben. Manchmal träume ich davon, ein Buch daraus zu machen. Machen zu lassen. Aber wie Mr. Wakeup beim träumenden Little Nemo ruft mir sofort eine Stimme zu: wieso?…und noch deutlicher in Versalien: WIESO.
Wieso sollte die Welt ausgerechnet solche Geschichten wie die Deinen brauchen? Mach´ besser was nützliches.
Was nützliches?
Koche ein unspektakuläres Gericht und lade liebe Menschen zu einem Mahl ein.
Lege Dir einen Nutzgarten an.
Geh´ hinaus an die Randgebiete und sammle Holz. Mit ein wenig Tapferkeit widerstehst Du Waldbesitzern und Feldschützen.
Restauriere einen alten gusseisernen Kanonenofen. Dazu brauchst Du nämlich viel Geduld.
Und bei allem: Sei eigensinnig und bleibe dennoch menschlich.
???

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse).

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Winterwochenende.

(Das Bild des Ofens wird wahrscheinlich schon bald folgen)

 

 

 

 

Die schräge Messerschiene – Hirndesign und Menschenliebe

Die Vorgeschichte wäre einen eigenen Beitrag wert. Zu Weihnachten lag die einjährige Freundschaft zu einem Radiosender im Internet auf dem Gabentisch. Fast hundert Moderatoren. Alle mit Erfahrungen als Radiomacher, Musikjournalisten oder Musikern. Teilweise legendäre Namen. Leute, die wissen, von was sie reden. Alle Richtungen der populären Musik der letzten hundert Jahre. Und vor allem keine Werbung und nicht die Jammergesänge kindischer Jungfrauen und alleinerzogener weinerlicher Jüngelchen. Jeder kann die täglichen Sendungen hören. Nur Freunde haben allerdings Zutritt zum Archiv – byte.fm. Und das hats wahrlich in sich…

Die gepflegte Dame mittleren Alters sah sich suchend in der kleinen, sehr einfach eingerichteten Küche um.
„Und an dem Preis wollen Sie unbedingt festhalten?“
Der Grossteil des vormals teuren Geschirrs war bereits anderweitig verkauft. Die wenigen verbliebenen Stücke bot ich als sehr preisgünstiges Konvolut an. Fundstücke für Sammler oder Benutzer. Die Fabrikation des Geschirrs war vor Jahren schon eingestellt worden. Einzelne Stücke erzielen auf dem Markt mitunter anständige Preise. Da sie fast alle restlichen Teile kaufen wollte, machte ich ihr einen schönen runden Verkaufspreis. Ein gutes und schnelles Geschäft für beide Seiten.

Gleich beim ersten abschätzenden Ansehen und Betasten der Teller und Tassen erwähnte sie, dass sie im Kulturmanagement beschäftigt sei. Design läge ihr am Herzen und sei wichtig für Ihr ästhetisches Wohlbefinden. Nur seien leider die meisten Angebote preislich überhöht, wenn nicht unverschämt. Mir fiel beim Anblick ihres flachrosa Twinsets aus Angora im Design von Jil Sander der Text eines Songs von Achim Reichel ein. 

„Und nimm aus dem Schlafzimmerschrank deine Röcke und Twinsets und deine Goldjäckchen,
Nimm deine Spitzenblusen und deine Schuhe und Schühchen, mit den Pfennigsabsätzen
Und die mit den Gold und Silber Aufsätzen
Und nimm deine Büstenhalter und Slips mit
Und lass deine Nylonstrümpfe nicht liegen

wenn ich sie anfassen muss, bekomme ich ´ne Gänsehaut.“
(Achim Reichel – Am besten, Du gehst)

„Und mit dem Preis wollen Sie mir nicht noch etwas entgegenkommen?“ Als ich auf ihr Verlangen nicht weiter reagierte, sah sie sich wieder suchend um. Im Lauf der Zeit lernt man das Verhalten von Käufern kennen. Sie gehörte offensichtlich zur Kategorie Nachschlag. Wenn das Preisdrücken nicht hinhaut, soll wenigstens ein Naturalrabatt herausspringen. Im Lauf des Lebens lernt man Erwiderungsstrategien. Ihrer Sorte Käufer begegnet am besten mit der goldenen Regel erfolgreicher Schweizer Verkäufer: Schweigen. Sie betastete ein Stück hier und besah ein anderes dort. Zeitraub und zu viel Aufwand für kleines Geld.

„Es handelt sich nicht um eine Haushaltsauflösung“, merkte ich nebenbei an. Aber sie war offenbar fündig geworden.
„Was ist denn hier mit der Designerschiene?“ Aus dem Munde mancher Menschen lassen die Worte Design oder Designer Widerwillen in mir aufsteigen. Es passt nicht zusammen. Nicht zu den zu engen Ballerinas denn diese stehen im krassen Gegensatz zur Frisur. Geduld wurde zur Energieleistung.

„Von welcher Schiene sprechen Sie?“ Sie zeigte mit einer Handbewegung zwischen nonchalant und wegwerfend auf die magnetische Halterung für die Küchenmesser.
„Die gibts doch für Kleingeld beim Elchkaufhaus“. Sie lächelte süffisant. Vielleicht über meinen Wortwitz.
„Ja, das weiss ich schon. Aber dort gibts nur noch die waagrechte Ausführung.“

 

Als ich seinerzeit aus Berlin zurückkam, machte ich mich auf die Suche nach einer Arbeit. Dürre Zeiten. Ausgebrannt vom tagtäglichen stundenlangen Fotografieren und der nicht endenwollenden Arbeit in der Dunkelkammer. Ausserdem war ich ziemlich abgebrannt. Der Sommer ging zu Ende und ich brauchte ein Dach überm Kopf. Gesucht wurden allenfalls Filmverkäufer oder Passbildknipser. Keine Ducati in der Garage. Keine Freundin. Keine WG. Musikalisch reichlich desorientiert. Damals passte meine Habe in den geräumigen Kofferraum eines Mittelklassefahrzeugs. Klamotten, Schallplatten, Bücher und Bettzeug.

Eines Abends wich die Ratlosigkeit neuen Aussichten in meiner alten WG. Natürlich hatte jeder eine Idee parat. Und jeder meinte die für mich beste auf Lager zu haben. Der folgende und alle sich anschliessenden Dialoge wurden im Dialekt gesprochen. Schliesslich waren wir alle Dorfbuben aus dem alten Ortskern.

„Du kannst meinen alten Kadett haben. Schenk ich dir. Hat noch TÜV bis Februar.“ Für eine Überraschung war Horst immer gut. Wir lachten lauthals von tief unterm Herzen heraus. Und von ihm stammten Ausdrücke, die ich noch heute gerne verwende. Lutscher oder Fratzemacher zum Beispiel. Im Dialekt gebraucht für einen Schwätzer und einen aufgeblasenen Angeber.

„Geschenkt? Und was soll die Wohltat unterm Strich kosten?“
„Nix. Musst halt wegen der Beifahrertür ein bisschen aufpassen.“

Einige Bierchen später war auch das Wohnungsproblem geklärt. Wobei Wohnung nun wirklich übertrieben ist. Horst stammte von einem Bauernhof. Ich hatte das Gehöft im Vorbeifahren schon einige Male gesehen. In den 1970er Jahren gab es in der ganzen Gegend zahlreiche, etwas heruntergekommene bäuerliche Anwesen. Der letzte Schritt hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Nach der Flurbereinigung wurden viele landwirtschaftliche Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquelle bewirtschaftet. Eine oder zwei Kühe zum Milchverkauf, Hühnerhaltung oder Spargelanbau erbrachten den monatlichen Grundbedarf. Die Bauern arbeiteten derweil als LKWfahrer oder Lagerarbeiter in den Firmen der näheren Umgebung. Wenige Landwirte, risikobereit oder bauernschlau sei dahingestellt, zogen als Aussiedler vor die Ortschaften und kauften oder pachteten Land von den Kleinbauern.
Manche Kleinbetriebe öffneten ihre Hoftore in den 1980er Jahren wieder. Die grüne Bewegung der Bildungsbürger sorgte für neue Einkommensmöglichkeiten. Im Morgengrauen kauften die vormaligen Bauern landwirtschaftliche Produkte auf dem nahen Grossmarkt. Beim Bauern, der längst Händler geworden war, einkaufen fürs umweltbewusste Gewissen und im Glauben an die eigene Unsterblichkeit.

„Musst halt mit meinem Vater klarkommen“, meinte Horst, „dann kannst du die frühere Knechtkammer überm ehemaligen Stall haben. Da steht vielleicht sogar noch ein Ofen drin.“ Was für ein Angebot. Ich brachte meine Habseligkeiten die schmale Treppe hoch in den kleinen Raum.
Die Anlage zur Beschallung war rasch aufgebaut. Eine Matratze. Ein Kasten Apfelwein. Und schon sassen die ersten Compañeros in der Kammer. Horsts Vater begegnete ich nicht. Im hinteren Teil sah das Anwesen etwas verwildert aus. Der Misthaufen schien seit Jahrzehnten zu liegen. Hin und wieder lief ein Huhn über das Pflaster des Hofes. Vielleicht auch zwei.

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich schaute frühmorgens aus dem kleinen Fenster hinunter in den Hof. Ein altes Herrenrad lehnte da an der Mauer. Was mochte die zweite Stange unter dem Oberrohr bedeuten? Ich ging runter in den Hof. Ich musste für meine Morgentoilette sowieso zur Pumpe. Zwei kleine Kordeln hielten den Stiel einer Harke unterm Oberrohr. Es wird eine Erklärung dafür geben, dachte ich mir. Und ging zur Pumpe für eine erfrischende Waschung. Im Tran hatte ich mein Handtuch oben vergessen. Und so stand ich da vornüber gebeugt. Aus meinen damals langen Haaren liess ich das Wasser ablaufen. Durch diesen haarigen Vorhang vor meinen Augen sah ich auf zwei Beine. Ich wrang die Haare aus. Der ältere Mann neben mir hatte zwei Eier in der Hand.

„Guude. Bist Du dem Ärmel sein Bub? Der Horst hat mir da was gesagt.“
„Guten Morgen. Ja, das stimmt. Ich habe mir oben das Zimmer eingerichtet. Übergangsweise.“
„Zimmer. Dass ich nicht lache. Eine Knechtkammer iss das. Du kommst nachher mal zu mir in die Küche zum reden.“
„Klar. Ich brauche etwa zehn Minuten.“
„Von zehn Minuten habe ich nichts gesagt. Ich habe gesagt : nachher.“
„Also gut, nachher.“

Das alte Fachwerkhaus hatte schon den dreissigjährigen Krieg und manche spätere Katastrophe erlebt. War niemals niedergebrannt. Kleine Fenster und niedrige Decken. In der Küche war es finster. Meine Tritte wurden durch einen nicht näher erkennbaren Teppich gedämpft. Eine karge Einrichtung. Der alte Eisenofen mit dem mächtigen Ofenrohr und dem seitlichen Wasserschiff. Auf dem Tisch lag allerlei herum.

„Kannst Dich da hinsetzen.“ Ich rückte den Stuhl vor den freien Platz auf der Tischplatte. Horsts Vater nahm mir gegenüber Platz. Mit dem Unterarm fegte er den Platz vor sich frei. Meine Augen hatten sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Ich sah, dass er die Schalen von der Tischplatte auf den Boden gewischt hatte. Der Boden am Tisch war übersät von Schalen.
Zu meinem Erstaunen fiel mir auf, dass ein angenehmer Geruch die Küche durchzog.

„Ich muss jeden Morgen die Eier von den beiden Hühnern suchen. Die streunen im Hof und legen, wo es ihnen gefällt. Zum pissen kannst Du auf den Mist gehen. Dort legen sie nicht.“ Bei diesen Worten schenkte er mir eine trübe Flüssigkeit ins Glas.
„Apfelwein. Selbst gekeltert. Ich putze sogar meine Zähne damit.“
„Ich habe noch nicht gefrühstückt. Später vielleicht.“
„Ach was, red´ keinen Unsinn. Hier…,“ und damit liess er den Deckel von dem grossen Topf auf diese gusseiserne Herdplatte scheppern. Er griff in den Topf und reichte mir eine sauber geschälte goldgelbe Kartoffel.
„Ich leb´ von Kartoffeln und Äpfeln. Und ich trink´ Apfelwein. Mich bringt nix um.“
„Leider.“
Dieses nachgeschobene Leider verwirrte mich. Ich griff die Kartoffel und biss hinein. Spülte mit dem Selbstgekelterten nach. Es war eine unwirkliche Situation. Sowas kommt doch bloss in Romanen vor.
Die lauwarme Kartoffel schmeckte prima. Der Apfelwein hätte etwas kühler sein dürfen. Aber einen Kühlschrank habe ich in der Küche nicht gesehen.
Ich habe den alten Bauern nach diesem morgendlichen Gespräch nicht wieder gesprochen. Ich sah ihn manchmal, wie er den Hof mit seinem Rad und der angebundenen Harke verliess. Oder wie er es gegen Abend an die Wand lehnte und den alten, offenschtlich schweren Jägerrucksack vom Gepäckträger nahm.

„Und, klappts mit Euch beiden“, fragte Horst Monate später.
„Kann nicht klagen“, erwiderte ich, „ganz am Anfang hatte er mich mal in die Küche bestellt und mir einige Fragen gestellt. Aber sonst begegnen wir uns nicht.“
„Der macht seine Sache. Will seine Ruhe haben und lässt andere in Ruhe.“
„Sag´ mal, Dein Vater schwingt sich morgens aufs Rad und kommt nachmittags mit seinem Rucksack wieder heim. Was macht er denn den ganzen Tag über?“
„Och, der radelt rum und kümmert sich um sein Essen. Je nach Jahreszeit.“

Ich wollte mehr wissen, aber Horst wurde maulfaul. Er wurde geradezu einsilbig. So kannte ich ihn bis dahin nicht. Einige Tage später, ich machte gerade das Hoftor hinter mit zu, sprach mich ein Nachbar an.
„Du bist doch dem Ärmel aus L*** sein Sohn?“ Ich bejahte.
„Wohnst Du etwa hier beim Horst seinem Vater?“ Ich bejahte.

Der Nachbar wurde redselig. Er kannte meinen Vater vom Fussballspielen. Sofort spulte er einige abgestandene Schwänke aus deren gemeinsamen alten Zeiten ab. Mit manchen Menschen ist es wie mit Motoren. Man muss sie warmlaufen lassen, dann kann man Gas geben.
„Horsts Vater hat ziemlich merkwürdige Lebensgewohnheiten“, eröffnete ich.
„Hast Du Dir den Hof schon mal genauer angeschaut“, erwiderte er. Und er begann zu erzählen. Darauf hatte ich gewartet. Damals fing das an. Seit jenen Zeiten warte ich immer auf die Geschichten der Alten.

Die Frau des Bauern war unverhältnismässig jung bereits gestorben. Den Mann sprang die Trauer so ungestüm an über den jähen Verlust seiner geliebten Frau, dass ihm sein Lebensplan durcheinander geriet. Er stürzte in sich selbst und versank darin. Vernachlässigte seine Arbeit. Die verbliebenen Felder. Das Vieh. Als die beiden Kühe schrieen weil die prallen Euter schmerzten, halfen die Nachbarn ohne viele Fragen. Im Kaff kennt einer den anderen. Da muss man nicht viel fragen. Nach und nach wurde das Inventar verkauft. Die Tiere, der mächtige Lanz Bulldog. Kleinigkeiten, die noch brauchbar waren.
Zurück blieb ein gebrochener Mann. Aber er begann zu schwimmen, stellte sich gegen seine Trauer ohne dagegen anzukämpfen.
Ich denke ihn mir in seiner Trauer unverstanden von der Nachbarschaft. Aber man liess ihn gewähren. In einem kleinen Dorf kann einem das Leben schwer werden. Und dennoch kann man sicher aufgehoben sein. Wenn man ein wenig Glück hat.
Ich hätte es damals nicht beschreiben können, aber ich konnte den Mann irgendwie verstehen. Er imponierte mir.
Er fuhr mit seinem Rad über die Äcker und besorgte sich, was er zu seiner Notdurft brauchte. Im Herbst vor allem Kartoffeln und Äpfel. Er schien tatsächlich ausschliesslich davon zu leben. Man liess ihn machen. Die wenigen Kartoffeln, die er sich von fremden Äckern holte waren zu verschmerzen. Selbst der bei uns seit unserer Kindheit gefürchtete Feldschütz kratzte sich hinterm Ohr und winkte dann ab wenn Horsts Vater ihm in der Gemarkung zufällig vor sein Dienstmoped lief.

Im kommenden Frühjahr bezog ich die Mehlkammer und die Stuben der Bäckerburschen eines ehemaligen Backhauses. Was aus dem alten Bauern geworden ist, weiss ich nicht. Wir waren nichts als jung. Horst ging in eine andere Stadt zu seinem Studium. Ich hörte Jahre später, dass er irgendwo Karriere gemacht haben soll.
Im folgenden Frühjahr fuhr ich den Kadett zum TÜV. Die Beifahrertür war mit dem angeschweissten Riegel einer Stalltür gesichert. Das ging damals noch durch. Wir lebten schliesslich auf dem Land. Damals noch. In der Grube  klopfte der Prüfer von unten mit dem Hämmerchen gegen den Boden des Autos. Und klopfte nochmals.
„Ich kenne doch das Geräusch. Ich weiss nicht, was Sie da gemacht haben, aber der Boden ist dicht.“ Er hämmerte noch mehrmals. Man musste ihm schliesslich nicht offenbaren, dass der durchgerostete Unterboden weitgehend mit Fertigbeton zugeschmiert und abgedichtet
worden war.
Horsts Vater wurde in gewisser Weise ein Vorbild für mich. Er lebte absolut reduziert. Kümmerte sich mit seinem Rad und seiner Harke um seine Nahrung. Ich bin unsicher, ob er darüber nachgedacht haben mag, was Liebe sei. Gelebt hat er sie jedenfalls bedingungslos. Es muss ihn am Leben gehalten haben, dass im schmerzlichen Leiden und in tiefer Trauer doch ein verborgenes Glück liegen kann, das einem am Leben festhalten lässt. Auch wenn man es nicht erkennt oder versteht.

 

Und dann verstand ich, dass sie nichts verstanden hatte, (Nun gehts weiter in gepflegtem Hochdeutsch.)
„Es gibt keine verschiedenen Ausführungen – – “ Sie unterbrach mich kalt.
„Doch, es gab eine waagrechte und eine schräge Ausführung. Das weiss ich genau, ich habe es im Katalog gesehen.“ Es gibt Menschen, denen ist nur mit der Wahrheit zu helfen.
„Sie sehen es doch selbst. Ich habe wegen des Platzmangels an der Wand die Magnetschiene schräg angebracht.“ Ein Moment der Stille. Ein letzter schnippischer Widerspruch.
„Ich habe aber auch die schräge Magnetschiene gesehen. Und die ist jetzt nicht mehr im Programm. Vielleicht wollen Sie mir Ihre ja nur nicht verkaufen.“
„Beim Elch können Sie diese kaufen. Die Löcher schräg gebohrt. Machen Sie es so und Sie haben auch eine schräge Designerschiene.“
Sie zahlte den vereinbarten Betrag mit frostiger Miene. Ich öffnete ihr das Hoftor. Sie verstaute mit schmallippigem Gruss die Geschirrteile in ihrem Auto.

Design? Dass ich nicht lache. Die meisten Produkte, von namhaften Desigern entworfen, taugen nicht fürs wirkliche Leben und keineswegs für den alltäglichen Gebrauch. Das wirkliche Leben hängt nicht an einer schrägen Messerschiene.
Horsts Vater. Das Wort Design ist dem Mann zeitlebens nicht über die Lippen gekommen. Alles Schabbes, hätte er wahrscheinlich bemerkt. Den Verlust eines herzinnigst geliebten Menschen zu betrauern und dennoch weiter seinen Lebensweg zu gehen. Das ist das wirkliche Leben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges Wochenende.