Völlegefühl und Leere – gesunde Reduktion hilft dagegen

Musik? Ach was, es geht mir um dringlichere Anliegen. Obwohl, Musik spielt auch eine Rolle. Darüber dann später…

Zehnmal habe ich diesen Bericht angefangen. Schriftlich. In Gedanken schätzungsweise hundertmal.

Einzig zuverlässig scheinen mir noch meine Herzensbindungen. Der Rest ist vielfach Asche. Oder er zerfällt nach und nach dahin. Nachrichten machen mich regelrecht krank. Ich will über positive Entwicklungen lesen. Stattdessen titeln Zeitungen und Webseiten zunehmend mit dem Wetterbericht. Das vorhergesagte Wetter entwickelt sich jedoch zuverlässig nach anderen Kriterien.
Bewege ich mich im öffentlichen Raum befällt mich ein misslicher Zustand. Ich schwanke zwischen Entgeisterung und Hoffnungslosigkeit. In der Nachbarstadt stehen die Oberbürgermeisterwahlen an. Einer der Kandidaten wirbt für sich auf den Wahlplakaten, er sei „leidenschaftlich sachlich“. Ach so. Soweit ist es schon, dass Sachlichkeit ein Alleinstellungsmerkmal darstellt.
In den Radionachrichten spielt in jedem dritten Beitrag die Sicherheit eine Rolle. Dabei hat der Staat sein Gewaltmonopol längst weitgehend aufgegeben. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“. So so. Man bemerkt zur Zeit parteiübergreifend, dass vom rechten Rand eine Gefahr ausgeht. Wieso erst jetzt?
Am Rhein wollte die Wasserschutzpolizei die gültigen Angelerlaubnisse kontrollieren. An einem Angelplatz wurde seitens der der waidgerechten Petrijünger sofort das Feuer auf die Polizisten eröffnet. Mit Schusswaffen versteht sich.
Zunehmender Nationalismus bedeutet immer auch zunehmende Kriegsbereitschaft. Bei manchen vielleicht auch Kriegslust. Die einen suchen das Abenteuer und die heldenhafte Bewährung, die anderen schlicht Macht und den möglichen Profit.

„Die Schonung, die man sich gewährt, gewährt man in Wahrheit den gesellschaftlichen Verhältnissen.“ (Bernward Vesper).

Also wie Candide den eigenen Garten bestellen?
Die eigenen Ernten lagen fast ausnahmlos über den Erwartungen. Verschiedene Gemüse sind eingelagert. Marmeladen, Gelees und Kompotte stehen in schönen Reihen im Kellerregal. Die eingelegten Kirschen werden hoffentlich bis ins neue Jahr halten. Der Staudengarten wurde erweitert. Neue Pflanzen entwickeln sich prächtig. Die Ergebnisse der Aussaaten werden mit Freude erwartet. Erkannte Fehler werden im kommenden Jahr nicht wiederholt. Dahingehend alles in Butter.

Nun beginnt eine ruhigere Zeit. Kleinere Reisen und Besuche stehen an. Gemeinsam Essen und Trinken. Und Gespräche. Meine Beobachtungen im Blogleben leisten dem kräftigen Vorschub. Wenn ich die Blogs der Neuverfolger meines Blogs ansehe, frage ich mich… und denke an Wilhelm Busch:
„Oft ist das Denken schwer, indes
das Schreiben geht auch ohne es.“
Anderseits nimmt die Gruppe der Missionare und Weltbeglücker bedenklich zu. Die mir einreden wollen, wie ich sofort glücklich leben könne. Die mir einschreiben wollen, was mir unbedingt fehlt. Welcher Autor gut ist und welcher nicht. Welche Stadt ich unbedingt besuchen muss. Und welche Musik ich erst garnicht anzuhören brauche. Scheinbar allwissende Scheuklappenhirnis. Das lockere Band, das diese Menschen verknüpft, ist ihre offebsichtliche Unfähigkeit von sich selbst zu schreiben. Von ihren Befindlichkeiten. Dem Warum und Wohin. Ihren Ängsten oder wenigstens ihren Träumen.

Ich verbringe in der virtuellen Welt immer weniger Zeit. Manchmal habe ich den Eindruck, eine Stunde Verzicht darauf bedeutet zwei Stunden Gewinn an Lebenszeit.
Weil es noch viel zu viele Dinge hier im Haus gibt, habe ich wieder angefangen zu inserieren. Ich weiss, im Internet. Aber dabei besteht die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, wenn sie ihre neu gekauften Schätze hier abholen. Lieber weniger Geld durch Abholung statt Versand ein bisschen mehr Reibach. Dafür aber menschliche Begegnungen. Manche sind einfach unbezahlbar. Wie die Menschen aussehen, wie sie sprechen. Was sie vorhaben mit ihrem neuen Fund.
Im Prinzip hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert. Ich habe früher viel gesammelt und auch verkauft. Alles lief über Zeitungsinserate. Ich erinnere mich noch heute an Wohnungen und Häuser, die betreten durfte. Menschen und ihre persönlichen Geschichten habe ich erfahren, die ich nicht missen möchte auf meinem Lebensweg. Und wenn sie auch nur eine halbe Stunde dauerten. Sie haben sich eingebrannt. In jeder Schattierung.

Eine sonderbare Begegnung fand vor fast vierzig Jahren bei einem Verkäufer statt, der eine Legosammlung verkaufen wollte. Der Preis war klar, ich sah mir alles an und stellte fest, dass etliches fehlte. Sprach den Mann darauf an. Der fuhr sich an die Stirn. Wir gingen in sein Wohnzimmer. Dort stand ein beeindruckendes Aquarium. Die fehlenden Teile waren fein in die Unterwasserlandschaft integriert. Bunte Fischlein schwammen durch Legoskulpturen. Wir haben uns angesehen beide herzhaft gelacht.
Natürlich kann Merkwürdiges auch im Internet geschehen. Ich inserierte kürzlich ein Geländefahrrad der ersten Generation. Natürlich kamen Anfragen zur Sache. Und auch ein Angebot. Da schrieb eine Anke wörtlich:
Grüezi! Eine super reizende exotische Schönheit, eine erfahrene Dame mit Klasse, die mit Ihrer sympathischen Art zu überzeugen weiß, verwöhnt Dich mit Ihrem Traumbody mit den perfekten Maßen.! Diese vollbusige Nymphomanin weckt die Abenteuerlust in Dir! Interessiert? Komm zu mir . . .“
Das Rad kaufte ein Vater im Auftrag seines weit entfernt wohnenden Sohnes. Der Sohn war glücklich, endlich gerade dieses Modell gefunden zu haben. Und der Vater war Fotograf. Da gabs sofort einiges zu besprechen. Und als wir herausfanden, dass wir beide in vergangenen Zeiten die gleichen Motorräder und überdies die gleichen Modelle gefahren sind, wurde daraus ein schönes Erlebnis.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Herbstzeit

Nun zur Musik: Gestern abend fand die Liveübertragung eines Konzertes zur Vorstellung des neuesten Werkes von Iggy Pop statt. Aufgenommen in der Gaîté Lyrique in Paris. Eigentlich wollten wir nur mal kurz reinschauen. Nicht in Paris. Der Sender arte übertrug das Konzert. Kurz mal Iggy Pop sehen und hören. Wegschalten kam dann nicht mehr in Frage. Texte aus dem poetischen Werk von Lou Reed und Dylan Thomas. Gesungen von Herrn Pop. Umrahmt von einer unerwarteten Musik. Wir waren begeistert. Und wären gerne in Paris dabeigewesen.

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Heute Morgen im Hof der Einrichtung

Angelegentlich einiger Gespräche mit Nachbarn und anderen Zeitgenossen. Mir schwillt langsam der Kamm. Die ersten Alben von Bob Dylan. The Freewheelin‘ Bob Dylan (1963), Another Side of Bob Dylan (1964), The Times They Are A-Changin‘  (1964). So viel hat sich, was viele seiner frühen Texte angeht, bedauerlicherweise nicht geändert…

Politische Korrektheit ist eine Machtfrage. Perfide Vorschriften und Gedankenkontrolle. Am Ende steht die Diktatur.
Ich kümmere mich nicht mehr drum. Eingedenk des Titels eines Album von Keith Richards: Talk is cheap. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Auf das Handeln im menschlichen Miteinander kommt es an.

In meiner Erinnerung begann es in den 1980er Jahren. Damals war jedermann von irgendetwas betroffen. Der grosse Betroffenheitstsunami schwappte in die Sprache. Aus dem Sprachschatz wurde der Sprachsumpf. Ich staunte, über oder von was man alles betroffen sein konnte. Und vor allem, dass sich nichts änderte. Rückblickend stelle ich fest, dass die vielen Betroffenheiten offensichtlich nichts gebracht haben. Ausser für die Betroffenen vielleicht. Gesprächsstoff. Sich selbst runterziehen. Aufmerksamkeit erregen. Betroffenheit. Viel Gerede und wenig Handeln.

Gleichzeitig begann die Genderisierung. Jedermann/-frau zeigte sich betroffen. Man/frau hatte betroffen zu sein. In meinem damaligen Freundskreis bestand die Arznei zur geistigen Gesundheit in der bekannten Gebärde des Obelix tok-tok-tok: die spinnen, die Leute.
Für mich ist der Feminismus ohnehin realisiert, seit Frauen am Strassenverkehr mindestens genauso rücksichtslos teilnehmen wie ihre maskulinen Verkehrsgegner. Dass Führungskräftinnen ihre Geschlechtsgenossinnen brutaler wegbeissen als die MitGlieder des gleichen Unternehmes es mit ihresgleichen tun, ist hinlänglich bekannt.
Lustig fand ich den Aufkleber in der Toilette unserer WG. „Das ist ein emanzipiertes Klo – hier pinkeln Frauen im Stehen“. Den würde ich heute nicht mehr kleben. Ich habe oft genug Toiletten gereinigt in meinem Leben. Aber eine Erkenntnis ist mir dennoch geblieben. Machtverhältnisse einfach umzukehren schafft nicht mehr Menschlichkeit.

Ich bin nur froh, dass ich morgens nicht in irgendwelchen Staus stehen muss. Und abends auf dem Rückweg das gleiche Szenario. Mir reichen schon die Angriffe auf meinen Geruchssinn durch aufdringlich und geschmacklos besprühte Männer und Frauen. Glücklicherweise sinds die Augen von Äffchen und Kätzchen, an denen die Chemikalien getestet werden. Die Konsumenten sprühen im Supermarkt mit dem Tester nicht in die eigenen Augen. Sie wären von der Wirkung bestimmt betroffen.

Am Dienstag titelte das Regionalblatt: Öl – Preisschock! In der Tat war nach der Zerstörung einiger saudi-arabischer Ölförderanlagen der Ölpreis kurzzeitig deutlich gestiegen. Dieser Preis wird schliesslich von Spekulanten gemacht. Aber hallo.
Als die Zeitungsleser beim Frühstück dieser Titel noch erschreckte, war der Ölpreis längst wieder gefallen. Auf das Niveau vom Frühjahr diesen Jahres. Der us-amerikanische Präsident bot an, von seinen Ölvorräten… There´s no show but business.
Jetzt sitzt er aber in der Klemme. Würde dem Iran gerne mal kriegerisch zeigen, wo der us-amerikanische Hammer hängt. Andererseits will er aber auch wiedergewählt werden. Und die Scharfmacher wetzen derweil die Messer. Eieiei.

(Das Bild ist schon älter. Es ist auch nicht von mir. Aber es ist gültig.)

Hier ist der Song zum Bild zu hören. Aus der Zeit als Bob Dylan noch wegweisend gewesen ist. Und hier folgt der Text. Der ist noch immer so gültig wie nur was: Masters of War.

Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Was wir alle in die Welt senden kommt unweigerlich zu uns zurück. Hier spricht man noch von Armut. Vorzugsweise von Rentnern. Aber die richtige Armut ist bei uns noch garnicht angekommen. In Südamerika gilt als arm, wer barfuss geht, weil er sich keine Schuhe leisten kann.
Hier geben Leute tatsächlich Geld aus für zerrissene (neue) Hosen. Sie ahnen ja garnicht, dass alles nur Vorbereitung ist. Zehn Jahre abwarten. Wenns so weitergeht, werden dann die ersten Habenichtse die Gebrauchtkleidercontainer aufbrechen. Die werden dann nicht mehr vom Ballermann reden. In deren Stadtviertel wirds genug ballern. Wir werden die freilich nicht Favelas nennen. In zehn Jahren. Und die, denen es vermeindlich besser geht, die werden um ihre Hütten Mauern hochziehen. Ich habe in Ländern gelebt und gearbeitet, wo das, was hier jetzt langsam und schleichend beginnt, längst schon alltägliche Wirklichkeit war. Und dagegen, um es gleich zu sagen, hilft keine der heute bei uns konkurrierenden politischen Parteien. Auch auf diesem Feld werden noch ganz andere Schlachten geschlagen werden.

Die bürgerliche Gesellschaftsform und das kapitalistische Wirtschaftssystem gehen Hand in Hand. Das Resultat ist die soziale Pest. Sozialpest. Die Idee des Bürgertuns gaukelt den Menschen vor, jeder könne es schaffen. Ja, was denn schaffen? Ein Blick auf die jährlichen Bildungsstatistiken zeigt bereist die Unterschiede. Mein lieber Herr Gesangsverein.
Es gibt den geschlossenen Zirkel der Eliten. Da kommt man kaum rein. Und dann der Rest. Der macht auf gut bürgerlich und liefert sich dem mörderischen Wettbewerb aus. Dafür haben wir unser Wirtschaftssystem. Das liefert den Brennstoff. Geld, Karriere, Konsum.
Und da glaubt der leitende Angestellte, er sei besser oder mehr wert als der einfache Angestellte. Was solls, wenn die Abteilung wegrationalisiert wird. Da kann der Leitende, weil älter, sogar das schlechtere Blatt auf der Hand haben. Die Selbstständigen schauen auf alle runter. Alles, wie wir es gelernt haben.
Und den Banken ist in ihrer systemimmanenten Raffgier am Ende schnuppe, ob einer hunderttausend verliert oder nur hundert. Die Masse sitzt in einem Boot. Und jeder glaubt immer noch, er habe seine eigene Yacht am Pier liegen. Dabei ist jede zweite Schaluppe eh finanziert und gehört einem Kreditverleihinstitut. Wenn es dem Profitstreben der Eliten dient, werden wir alle dafür geopfert werden. Was zählt es da, wenn Du drei Tage später dran sein wirst. . .

 

Ich höre jetzt auf weiterzuschreiben. Weitere Beispiele anführen für die komplexe Situation, in der wir alle stecken. Die Liste würde mich jedoch nur wütend machen. Oder verzweifelt. Oder beides. Ich versuche konstruktiv zu bleiben. In die Zukunft schauen. Das Positive sehen. Die eigenen Fähigkeiten üben und erweitern. Arbeiten. Träumen. Sand im Getriebe der Eliten sein. Mit Menschen sprechen. Andere Sandkörner suchen und finden. Es gibt jeden Tag neue Möglichkeiten dafür. Es hängt vom eigenen Willen ab. 

Im Hof der Einrichtung. Morgens gegen acht Uhr rollen die Autos vor. Türen werden geöffnet. Es wird sofort lebhaft. Kinder und Jugendliche klettern heraus. Die wenigsten. Den meisten jungen Menschen muss geholfen werden. Ungefähr ein Viertel sitzt in Rollstühlen. Körperliche Beeinträchtigungen mindestens. Zumeist mehrfach beeinträchtigte junge Menschen. Details sind mir teilweise bekannt. Ich bin nicht betroffen von den Anblicken. Für mich ist auch dies eine mögliche Daseinsform.
Ich frage mich manchmal, was mir diese jungen Menschen sagen würden, teilte ich ihnen die Sorgen und Nöte mit, die mir „gesunde Menschen“ erzählen. Ihre Klagen, ihre Beschwerden. Ich stelle mir vor, wie diese jungen Menschen in ein schallendes Gelächter ausbrechen. Alles kumulierte in der Frage: wissen deine Leute überhaupt wie gut es ihnen geht? Die können doch hingehen, wo sie wollen. Die können sich frei bewegen. Die brauchen doch fast nie einen zu fragen oder um Hilfe bitten. Wenn sie Hunger haben, machen sie sich was zu essen. Wenns drückt, gehen sie aufs Klo. Die brauchen keine Begleitung auf die Toilette, müssen vor niemandem die Hosen runterlassen. Oder sich windeln lassen. Setzen sich auf ein Rad und fahren los.
Wissen die, dass ein hoher Bordstein eine unüberwindbare Grenze sein kann?
Scheiss auf das Geld, ich träume davon, irgendwann mal schwimmen zu können.
Ich würde für mein Leben gern mal auf einem Punkkonzert vor der Bühne abhotten.
Einfach mal ganz allein rausgehen. Loslaufen.

..
.

Mir ist es jetzt wieder wohler. Diese jungen Menschen erden mich. Ich bin ihnen dankbar für ihr Dasein. Es zeigt mir, was wirklich zählt im Leben.
Manchmal zieht sich mir der Hals zu angesichts der Unbescheidenheit und des Genörgels in diesem Land. Das Geschwätz geht mir auf den Senkel. Und immer sind die anderen Schuld. Und die Ansprüche wachsen schneller als die Inflationsrate.
Klimakatastrophe. Ich zahl´ aber keine CO2 Steuer. Aber in zwei Wochen im schwimmenden Wohnblock fremde Meere bereisen. Eingepfercht mit vieltausend anderen Lemmingen. Essenfassen schichtweise.  Und wieder sehen und doch nichts verstehen. Schlechte Telefonfotos massenweise. Subventionierten Treibstoff tonnenweise in die Atmosphäre blasen und täglich Essensreste und Fäkalien von tausenden Kreuzfahrttouristen ins blaue Meer kippen. Die Branche hat ihre Umsätze in wenigen Jahren verdoppelt. Tendenz weiterhin steigend.
Ich höre jetzt wirklich auf. Für heute jedenfalls.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein ruhiges und fröhliches Wochenende im Kreis geliebter Menschen.

 

 

Dienstags? Als weiter… was will merr mache…

Die Gründe sind verschieden. Hier laufen die alten Scheiben, mit denen ich als junger Bursche meine Plattensammlung angefangen habe. Heute erklingen hauptsächlich die Werke von Family und Colosseum…

Nichts los auf dem Markt. Es ist bereits halbneun. Schon klar, die Kauftempel öffnen erst um zehn Uhr. Davor hat man seine Ruhe in der Stadt und findet ohne weiteres einen Parkplatz.

Wir haben unsere Siebensachen rasch zusammen. Aber die Zwetschen.
Ob ich vielleicht nicht doch mal… Pflaumenblau trifft Grünauge.
Die sehen genau richtig aus. Soll ich oder soll ich?

Zwei Kilo, bitte.
In der Sommerküche steht der uralte gusseiserne Bräter (von Märklin Göppingen) auf dem kleinen Gasherd. Für zwei Kilo Zwetschen, die hier herum Quetsche genannt werden, sind hundert Gramm Zucker ausreichend. Und eine Prise frisches Zimtpulver sorgt für den Pfiff im Aroma.
Drei Stunden langsam einköcheln lassen und gelegentlich umrühren. Dann ist er fertig, der Latwersch oder die Latweje. So wird im südhessischen Ried das fast schwarze Pflaumenmus genannt.

Als Begleitmusik dazu passt dieses herzige Heimatlied.

Es ist zu einer lieben Gewohnheit geworden. Dienstags treffen wir uns in der Äppelweinbeiz. Der Wirt sieht seinem 88. Geburtstag entgegen. Und die Gäste befürchten danach das Ende einer der letzten wirklich typischen Apfelweinwirtschaften. Bereits in der letzten Woche waren die Fensterläden heruntergelassen. Am Laden der Eingangstür hing ein Papierstreifen. Vorübergehend geschlossen. Wie lange dauert vorübergehend? In der Beiz gegenüber trafen wir einige Stammkunden. Ahnungslosigkeit. Spekulationen.
Gestern hing dieser vermaledeite Schrieb noch immer
am runtergelassenen Fensterladen. Wir also gegenüber eingekehrt. Im Eichkatzerl die üblichen Stammgäste von gegenüber angetroffen. Mit denen wir „immer“ einen Tisch teilen. Die haben auch keine Ahnung. Nach zwei Schoppen und einem kleinen Gebabbel sind wir weitergezogen. Im Dax andere Stammgäste getroffen.
Was gibts Neues?
Nix neues. Prost!

Wir werden an den kommenden Dienstagen den gleichen Weg einschlagen. Wir hoffen auf hochgezogene Rollläden. Notfalls gibts in der näheren Umgebung noch andere Lokalitäten. Nicht unbedingt solche, an denen wir gestern das Schauspiel mitverfolgten, wie drei Busladungen chinesische Touristen durch eine Toreinfahrt in den offenen Hof einer Gastwirtschaft eingesaugt worden sind. Viele alte Wirtschaften mit dem ursprünglichen Flair gibts nicht mehr. Und Wirte, die noch selbst keltern, kann man bald an einer Hand abzählen.

Was wollte ich noch schreiben?

Ach ja, die im Bräter eingekochten zwei Kilo Zwetschen ergaben je ein grosses und ein kleines Glas schwarzer Latwersch. Die Bäurin am Rande des alten Ortskerns meinte ganz lapidar, unter zwanzig Kilo würde sie erst garnicht anfangen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern erfreuliche Spätsommertage.

(Ein Bembel im Dax in Sachsenhausen)

 

 

 

 

Septemberfülle und irgendwas ist ja immer

Im Oxfam Buchladen fiel mir ein Karton mit drei Schallplatten in die Hände. Zuhause den alten Plattenspieler aus dem Keller geholt und reaktiviert. Erstaunlich, wie das Leben so spielt. Meine Schallplattenversammlung hatte ich vor Jahrzehnten verkauft. Und jetzt dieses bekannte Gefühl: schwarze Scheiben aus ihren Hüllen ziehen. George Harrison und Kollegen: The Concert for Bangla Desh (1971)…

Im September 1986 wurde mir eines Morgens bewusst, dass ich diesen Monat sehr lieb habe. Seitdem habe ich mich des öfteren gefragt, woher diese Liebe kommen mag. Entscheidende Lebensveränderungen fielen in diesen Monat. Neue Wege öffneten sich. Manche frei gewählt, andere notgedrungen. Menschen kennengelernt, die zu Freunden wurden. Andere Freunde starben lange vor der Blüte ihres Lebens.
Ich glaube, es ist die Atmosphäre. Es beginnt schon beim Wetter. Morgenfrische und blauer Himmel lassen einen guten Tag erwarten. Eine Stunde später ist der Himmel grau und mahnt vor Übermut. Er verweist auf den vor der Tür stehenden Herbst. Ein Weilchen später hat die Sonne den Hochnebel aufgelöst. So durchwehen frohe Gedanken die Seele.
Eine schlüssige Antwort jedoch scheint nicht in Sicht.

Hin und wieder durften wir vor dem Abendessen fernsehen. Donnerstags lief von 17 bis 18 Uhr die Sendung Sport-Spiel-Spannung. Einmal monatlich. Und ohne Wiederholung. Im Werbefernsehen bewunderte ich Armin Dahl. Und Karoline, die karierte dänische Kuh gefiel mir viel besser als Frau Antje, die holländische Käsefee.
Werbebilder im Fernsehen erhalten sich lebenslang. Und wer meint, frei von der Macht der Bilder zu sein, der sollte sich bald kennenlernen.

Auf arte.tv läuft derzeit die Serie Slow Life. Zehn Filmchen zeigen, jeweils fünf bis sechs Minuten lang, wie man das Publikum weichkocht für die neue Weltordnung. Schöne Sätze werden da von Fachleuten gesprochen. Nachdenken darüber lohnt sich.
„Der Verbraucher ist das Produkt, aber das verstehen die meisten Menschen nicht“, so James Williams, der sich mit Aufmerksamkeitsökonomie und der Manipulationskraft von Apps beschäftigt. Ganz so neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht. Bereits in seinem Werk Walden schrieb Henry David Thoreau: „Siehe da! Die Menschen sind die Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden.“
Die Menschen im Silicon Valley schicken ihre Kinder angeblich überwiegend auf Steiner-Schulen, weil es im Unterricht keine Computer und TVs gibt. Das ändert nichts an den Arbeiten ihrer Eltern. Denn auch die sind längst Gefangene der von ihnen entwickelten Apps.

Aufenthalte in Städte strengen mich zunehmend an. Allein, wie sich viele Menschen im urbanen Getriebe bewegen, wie sie aussehen und handeln und was dabei gesprochen wird. Deshalb zitiere ich derzeit gerne meinen Lieblingssatz.
„Wer schön sein muss, der will auch leiden.“ Der stammt von Till Lindemann. Und ein aktuelles Musikvideo seiner Band gefällt mir gut.

In der Stadt unterhält Oxfam einen eigenen Buchladen. Die Damen waren ob meiner Einlieferung erfreut. Ihre Freude wurde zu meiner Freude. Der öffentliche Bücherschrank hier in der Gemeinde verkommt langsam zu einer Papiertonne. Ich komme mit dem Aufräumen und sortieren nicht mehr nach. Nicht wenige Menschen scheinen Bücher zu hassen.
Auf einer Anzeigenseite biete ich ein Plakat aus den siebziger Jahren an. Interessenten haben sich bereits gemeldet. Eine Anfrage kam von einer Frau, die für eine dieser Scheinschauen für Antiquitäten und angebliche Raritäten arbeitet und fragte, ob ich mir vorstellen könne, dieses Bild in ihrer Nachmittagsschau anzubieten. Die Verblendungsgindustrie macht offenbar vor nichts und Niemandem mehr halt.

Der September. Von einem mir persönlich bekannten und geschätzten Blogger hörte und las ich seit Längerem nichts mehr. Vor einigen Tagen schwirrte eine Nachricht in den elektronischen Postkasten. Der Mann erfreut sich eines grossen Glückes. Was zählen jetzt noch die Zeiten, die möglichen Irrtümer und gelegentlichen Zweifel auf dem Weg zu diesem Gipfel?

Der Hochnebel wehrt sich mit einem sanften Sprühregen. Dennoch löst die Sonne die grauen Wolkenschleier auf. Für heute jedenfalls. Es ist nicht wichtig, ob es auch Morgen so sein wird. Von Bedeutung sind die Menschen, denen wir in unseren Herzen Wohnung geben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderschönen Spätsommertag.

 

(Photografische Impressionen aus Hessen vom vergangenen Wochenende)

 

 

Trotz Postillon und Libelle – die Lebensfreude wächst

Im Hintergrund leiert Jim Morrison seine drogenschwangeren Texte. Aber in diesen Zeiten ist mir wohler mit Polkaholix — Denkste ! (2002), The Great Polka Swindle (2007) und Rattenscharf (2013)…

Die tägliche Freude beim morgendlichen Gang durch den Garten. Vorsicht ist angesagt. Überall springen kleine Kröten. Deshalb bleiben der trotz der sommerlichen Wtterung die ebenerdigen Türen geschlossen. Der rote Lein leuchtet in der Morgensonne. In den gelben Taglilien baut eine Wespenspinne ihr Netz. Fast täglich sind neue Entdeckungen möglich. Erfreulich wenige spanische Nacktschnecken. Unerfreulich wenige Weinbergschnecken.
Am Wiesenrand liegt eine b
laugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea) mit gespreizten Flügeln. Wir vermuten eine Unterkühlung und setzen die Libelle behutsam auf einem Holzstoss in die wärmenden Sonnenstrahlen. Von der abendlichen Begegnung mit dem Igel finden wir keine Spuren.

Zwei Herzen schlagen in der Brust. Da überschneidet sich die Freude auf die wenigen freien Tage mit dem Verlassen des Gartenparadieses. Die Bahnfahrkarten liegen bereit. Der Koffer ist aufgeklappt. In Bohsdorf möchte ich den Laden besichtigen. Den hat Erwin Strittmatter in seiner Trilogie „Der Laden“ ausführlich beschrieben.
Es sind Jahre vergangen, seit ich zuletzt die privaten Wohnräume von Autoren besichtigt habe. Im Gespräch darüber erinnere ich viele Orte wieder. Immer wieder lustig ist die Anekdote, als ich auf Virginias Woolfs Bett sass.

Selbst in der Sonne verändert sich die Haltung der Libelle nicht. Lediglich die Tautröpfchen im zarten Flügelgespinst sind inzwischen verdunstet. Nach der Besichtigung des Ladens in Bohsdorf werden wir im naheliegenden Muskauer Park ein schönes Kleinod hinterlassen.

Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Generation der zwischen 1920 und 1940 in Deutschland geborenen Menschen. Mit ihrer Kindheit und Jugend, ihrer seelischen Konfiguration und den damit einhergehenden Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen. Mit ihren Werten und Gewohnheiten.
Letzthin habe ich mir den Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ angesehen. Diese Trilogie hat mich dermassen bewegt, dass ich mir selbst Abstand verordnete.
Ich entschloss mich, zur Abwechslung kurzfristig in einer Gartenwirtschaft zu arbeiten.  Es gibt für mich nichts Interessanteres als Menschen. In der Nachbarschaft hat der Hauseigentümer eine Frau untergebracht. Am Klingelschild steht der Name seines Sohnes. Der Kombi des Mannes steht gelegentlich vor dem Tor. Er wohnt hier nicht. Die Gerüchteglöckchen haben bisher zu keinem vollen Glockenschlag geführt. Die Fensterläden zur Strassenseite sind stets geschlossen. Zur Gartenseite ist spätabends Lichtschein zu sehen.

Gegen Mittag stand fest, dass die Libelle nicht wieder in ihr Leben zurückkehren würde. Sehr rasch verblassten ihre wunderschönen Farben. Kurz darauf konnte man eine Wespe bestaunen, welche der Libelle den Kopf leerte. Warum tun Wespen das? Warum verlieren tote Libellen in Stundenfrist ihre schillernde Farbe?
Wir wissen nichts. Das heisst, der Menschheit wird ständig neues Wissen mitgeteilt. Man forscht allerdings im Sinne des Konsums und des Wettbewerbs. Besonders des wirtschaftlichen Wettbewerbs. Aber die wirklichen Geheimnisse des Lebens sind auf diesem Weg nicht zu ergründen. Fünfzig Prozent der menschlichen Erfindungen bringen uns zeitweilig voran. Fragen nach dem Wohin werden weitgehend vermieden. Die anderen fünfzig Prozent der Erfindungen dienen der Zerstörung. Fast alle sogenannten menschlichen Fort-Schritte in den letzten Jahrhunderten zerstören unsere Lebensgrundlagen
.

Hey man, you sell me Greenland. I pay cash in Dollars, ya know. Do ya?
Vermessene Politiker allerorten. In England will einer die Opposition aus dem Parlament aussperren. Wer vom Wachstum spricht, glaubt, dass alles steigerbar ist.

Spätabends im Garten. Rascheln. Im Lichtkegel der Taschenlampe erscheint ein Igel. Eine Schrecksekunde auf beiden Seiten. Doch der Igel tapert unbeirrt weiter durchs dichte Grün. Das helle Knacken kurz darauf lässt auf ein splitterndes Schneckenhaus schliessen. Wir essen weder Weinbergschnecken noch Froschschenkel. Die Ernte im Garten fällt üppig aus. In einer Kleinanzeige finden wir einen gebrauchten Gefrierschrank für unsere Bedürfnisse.
Es gibt fast alles in gebrauchtem Zustand. Man muss nur warten können. Alle vierzehn Tage ist hier Sperrmüll. Zwei bis vier Wohnzimmer sind da jedesmal zu finden.
Selbstverständlich bewahren wir auch zu vorgeschrittener Stunde unsere Spontanität und Lebensfreude. Und so dürfen wir durchreisenden Bloggern für ein Weilchen unseren Garten als Ruhepause anbieten. Wir stellen in einem Gespräch erneut fest, dass keine noch so lebendig anmutende virtuelle Kommunikation reale menschliche Begegnungen ersetzen kann. Wahre Lebensfreude entsteht durch das Gespräch im Angesicht des Gegenübers.

Unterwegs auf der alten Landstrasse zwischen Bad Muskau und Görlitz. Heute ist das ein gut befahrbarer Feldweg. Freigegeben für den öffentlichen Verkehr. Ohne weitere Kennzeichnung. Ortsansässige benutzen diese Wege, um rascher von einem ins andere Dorf zu kommen. So dicht an der Neisse finden sich zahlreiche kleinere Kriegsgräberstätten. Da liegen die letzten Aufgebote, hinbefohlen um die „russischen Horden“ aufhaltend, das Reich zu retten.

Gedenksteine. „Hier wurden fünfundzwanzig Männer in den letzten Kriegstagen sinnlos geopfert.“ Ein Blick auf die Grabsteine zeigt, dass die meisten noch keine fünfundzwanzig Jahre alt geworden waren.

An einer Wegkreuzung steht ein Gedenkstein für einen Postillon. Er wurde von einem Mitreisenden ermordet.
Wir fragen uns, aus welchem Grund der Mord wohl geschah. Die Antwort kommt spontan: aus Habgier. Hier in Mitteleuropa werden derzeit keine Menschen geopfert. Es muss kein Blut fliessen. Wir alle opfern unsere Lebensgrundlagen für unser Wohlleben und unsere Bequemlichkeit.

Hallo?
Ich fahre wieder für drei Wochen in Urlaub. Da kann ich ja nun nicht mehr in Ihrem Hof parken. Naja, das ist auch nicht so schlimm. (Im Hof lagert Holz. Und überhaupt.)
Nein, das geht jetzt nicht mehr.
Wo kann ich denn dann  parken? (Jetzt sollen andere die Lösung anbieten).
Keine Ahnung, vielleicht hier in einer Seitenstrasse.
Ach, ich habe schon einige Mails an Ihre Gemeinde geschrieben. Aber ich habe keine Antwort bekommen. Ich will doch sichergehen, dass da während meines Urlaubs keine Baustelle eingerichtet wird und mein Auto vielleicht abgeschleppt wird.
Vielleicht suchen Sie sich anderweitig einen Parkplatz für die Zeit.
Aber das kostet ja Geld…..

Die Anruferin hat seit Jahren ein Verhältnis mit einem Wohnmobilenthusiasten. Der ist jedoch verheiratet. Und also soll niemand etwas erfahren. Beispielsweise wie die Frau ihr Bettzeug aus ihrem Wagen in den Campingwagen umlädt. Eine kleine schmierige Geschichte. Wie sie so oder so ähnlich alltäglich vorkommt. Natürlich gehen, dem Vorurteil zufolge, alle Männer fremd. Wer aber fragt nach den mit(fremd)gehenden Frauen.
Kriege beginnen immer im Kleinen. Wenn die nimmersatten Haie jedoch das grosse Geschäft wittern, beginnt das grosse Morden und Schlachten. Ich frage mich, welcher Landwirt seine heimische Wirtschaft gerne gegen einen Hof und Ländereien in der Ukraine getauscht hat. Damals. Als es gegen Russland ging.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern friedliche Spätsommertage.

 


 

Steinernes Herz und wuchernde Assoziationen

Als Heranwachsender konnte ich nur wenig mit Soul anfangen. Zwei, drei Nummern fand ich mitreissend, aber meine Musiken kamen aus anderen Studios. Aufgrund des grossartigen Berichtes bei arte.tv über das Stax Label in Memphis läuft derzeit: The Complete Stax Volt Singles 1959-1968 (9 CDs / 1991)…

Wir diskutierten wie fast an jedem Samstag vormittags um Gott und die Welt. Er war einer meiner wegweisenden Lehrer ins Leben. Er liess mir den Raum, mich mit ihm über ganz unterschiedliche Themen auseinanderzusetzen. Er korrigierte meine juvenil rozigen Ansichten nur mässig. Wenn ich mich gar zu sehr in einen unausgegorenen Gedanken hineinmanövriert hatte, konterte er meist mit einem ziemlich provokanten Satz. Manche dieser Sätze begleiten mich noch heute.
Als lausiger Schüler kam ich zu ihm ins Haus. Meine Eltern hofften wohl, er würde es schaffen und mir dabei helfen, meine miserablen schulischen Leistungen zu verbessern. Er war Naturwissenschaftler und hatte sich einen Namen gemacht auf seinem Fachgebiet. Daneben war er sozial engagiert und hielt schon Ende der 1950er Jahre Vorträge, zum Beispiel über „Die geheimen Verführer“ von Vance Packard. Das war ein Werk, das sich kritisch mit den Methoden der Werbeindustrie und der daraus folgenden Beeinflussung des Unterbewusstseins der Konsumenten auseinandersetzte.

Aufgrund seiner Kenntnisse und Interessen bemerkte er wohl ziemlich rasch, dass es mir nicht an intellektueller Stärke mangelte. Hier lag ein deviantes Verhalten vor, verursacht durch die häuslichen Verhältnisse, durch Aufzucht und Erziehung. Er mag daraus den Schluss gezogen haben, dass Nachhilfe in meinem Fall nichts nütze und sprach also mit mir. Keine therapeutischen Gespräche und doch bot er mir die beste Therapie. Gab mir beispielsweise Lesehinweise. So begeisterte und motivierte er mich für Literatur, Philosophie, Psychologie und Geschichte.
Das meiste freilich zu früh für den grossen Buben, der ich damals noch war. Aber immerhin wurden auf diese Weise wertvolle Grundsteine gelegt. Er begleitete mehrere meiner Schulwechsel und war durch unsere spätnachmittäglichen Gespräche zu einer wichtigen Bezugsperson für mich geworden.

Ich wurde älter und wir trafen uns mittlerweile samstagsvormittags in der Küche seiner Familie. Wir tranken Bier und er kochte. Und er konnte kochen. Hausmannskost. Viel grundlegendes über das Kochen habe ich dabei gelernt. Irgendwann in dieser Zeit hatte er mir das Du angeboten. Es war eine Zeit, als Kinder und Jugendliche die Erwachsenen noch per Sie ansprachen.
An einem dieser Samstage wies er mich anlässlich der Veröffentlichung von Zettels Traum auf Arno Schmidt hin. Erzählte mir schier Unglaubliches von diesem Autor. Der Haken sass im Bewusstsein und ich kaufte mir gleich ein Taschenbuch dieses Autors. Unlesbar! Eine unmögliche Orthographie, die Interpunktion wie Kraut und Rüben. Aber irgendwie doch originell. Und vor allem witzig.

Kurze Zeit später las ich „Das steinerne Herz“ von Schmidt. Die Fabel ist, wie meist bei Schmidt, recht schlicht gestrickt. Die Kunst hingegen bestand im Aufbau des Textes und der eigenwilligen Schreibweise. Zwei Geschichten in einer. Oder vielleicht doch drei.
Naja, meinte er, der Schmidt hat ja schon allein beim Titel einige Anspielungen gemacht.
Ich verstand nicht.
Also, erstens ist Das steinerne Herz eine Geschichte von E.T.A. Hoffmann und dann ist da die Assoziation zum Kalten Herz von Wilhelm Hauff.
Ich muss die Augen ziemlich weit aufgerissen haben.
So ist das schon bei den Titeln von Arno Schmidt. Wir haben uns letzthin doch über Zettels Traum unterhalten. Zettel ist der Weber im Sommernachtraum von William Shakespeare. Allerdings in der Übersetzung von Wieland, die fast nicht zu finden ist.
So werden kleine Haken ausgelegt, die einen Heranwachsenden neugierig werden lassen.

Das Steinerne Herz ist der erste deutsche Nachkriegsroman, in dem sowohl die BRD als auch die DDR eine Rolle spielen. Und beide Staaten kriegen auch gleich ihr Fett weg. In der kunstvoll verschlungenen Handlung geht es neben anderem um zwei Liebesbeziehungen. Die Haupthandlung des Romans spielt in Ahlden. Und da Schmidt sich selbst einmal als Polyhistor bezeichnete, ist es nicht verwunderlich, dass er eine historische Liebesbeziehung in seinen Roman auch gleich noch mit einbaute.

Es handelte sich um die aussereheliche Beziehung zwischen Sophie Dorothea Herzogin von Braunschweig und Lüneburg und Philipp Christoph Graf von Königsmarck. Sophie Dorothea wurde gegen ihren Willen mit ihrem Cousin Herzog Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg verheiratet. Herzog Georg wurde der spätere engliche König Georg I. Das Paar entfremdete sich schnell und Sophie und Königsmarck begannen eine Liason. Diese wurde entdeckt. Georg Ludwig verlangte die Scheidung und einen erheblichen Teil des Vermögens seiner Frau. Königsmarck verschwand spurlos und Sophie Dorothea wurde 1694 auf Schloss Ahlden gefangen gesetzt. Sie lebte unter Hausarrest bis zu ihrem Tod 1726. Von Königsmarck, General Augusts des Starken, wurden niemals sterbliche Überreste gefunden und Sophie Dorothea ging als Sophie von Ahlden in die Geschichte ein.

Mich begeisterten die Texte Schmidts zunehmend. Ich las seine frühen Romane und seine literaturgeschichtlichen Dialoge. Wieder einmal klackten samstagsvormittags die Schnappverschlüsse der Bierflaschen und ich entwickelte eine Theorie, die ich wahrscheinlich kühn fand, aber mein Gegenüber blieb kühl zurückhaltend.
Sei vorsichtig mit dem assoziativen Denken. Da lassen sich schöne Gedankennetze flechten und Texte konstruieren. Aber im richtigen Leben braucht man die Kräfte von Imagination, Inspiration und Intuition.
Er erklärte mir geduldig und beantwortete meine Fragen ausführlich.

Ich habe im Lauf meines Lebens seine damaligen Ausführungen sehr oft wertvoll anwenden können. Dennoch ist es hin und wieder eine Lust, sich auf das assoziative Trampolin der Möglichkeiten zu begeben.

Vor vielleicht zwei Jahren entdeckte auf einem Blog, der inzwischen für die Öffentlichkeit gesperrt ist, das Lied einer englischen Folk-Rock-Band. In deren Repertoire findet sich ein Lied, das sich auffallend von ihrem sonstigen Kompositionen abhebt. Bei jenem Blogbesuch fiel mir jener Song wieder ein. Bis dahin hatte ich nicht auf den Text geachtet. Beim erneuten Hören stellte ich jedoch schnell fest, dass ich eigentlich fast garnichts verstand.
Ich suchte mir den Text und konnte es kaum glauben.
In dem Text geht um den Einzug von Herzog Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg als King George I. nach England. Ich fand den Text so toll, dass ich ihn übersetzen wollte. Fand auch rasch heraus, dass es sich um eines der bitterbösesten Spottlieder seiner Zeit handelte. Das Singen des Textes als auch das blosse instrumentale Spielen war bei leibpeinlichen Strafen verboten.
Inzwischen gibt es auch eine deutsche Wikidemikerseite zu diesem Lied. Darauf auch eine deutsche Übelsätzung des schottischen Textes. Zu einer treffenderen Übertragung des Textes mag ich mich nun nicht mehr entschliessen.

Um jedoch den Lesern meines Blogs das Vergnügen des Textes eines schönen alten Spottliedes, seiner spritzigen Melodie und der Geschichte drumherum nicht vorzuenthalten, verlinke ich hier zu dem Beitrag in der Wiki.

Eine neuere Liveeinspielung aus dem Jahr 2004 ist hier zu sehen und zu hören:

Wer spasseshalber gerne weiter assoziieren möchte, dem sei mitgeteilt, dass der Bandname Steeleye Span auf den Fuhrmann John „Steeleye“ Span zurückgeht. Dieser wiederum ist eine besungene Figur in dem alten englischen Volkslied „Horkstow Grange“.
Es gibt inzwischen auch mehrere Romane in historischem Gewand, die sich an der Königsmarck-Affäre entlangschreiben.
Im Jahr 2016 wurden im Schloss zu Ahlden bei Bauarbeiten im Mauerwerk Skelettteile gefunden. Nach eigehenden Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass sie nicht von Philipp Christoph Graf von Königsmarck stammen.