Dies und jenes wäre noch zu sagen

Frühe Morgenfrische, strahlender Sonnenschein, knusprige Croissants mit hausgemachter Konfitüre, der Blick auf die kleinen Gepäckstücke auf den ungehobelten hölzernen Bodenbrettern : Police – Message in a Box (1993)…

Die Tuberosen sind angegangen und gedeihen prächtig. Die Rosen treiben zahlreiche Blüten aus. Und die Madonnenlilien spriessen. Die Freude über die Gartenarbeit. Die Weinbergschnecken sind fleissig.
Wo wir in die Natur gehen, stören wir. Ahnungslose, denen die Feinsinne für die Wirkkräfte pflanzlicher und tierischer Systeme und Energien abgestorben sind. Wir haben uns die Zeit nehmen lassen, den lebensinteressanten Prozessen nachzuspüren. Dafür werden wir geschäftstüchtig mit punktgenauen Jubiläen im Schach gehalten. Wer Glück hat, muss sich nicht wie schon vor einem halben Jahrhundert von einer aufgeblasenen Lachfigur wie Langhans eine Klinke an die Backe labern lassen.

In diesem Jahr feiert man das 50-jährige der Achtundsechziger. Das nun auch dieses Ereignis mit viel Brimborium begangen wird hätte ich nicht für möglich gehalten.
Ich habs innerhalb von vier, fünf Minuten realisiert als ich an einem laufenden Fernsehgerät vorbeigelaufen bin. Durch
diese CSU-Politikerin, die da in einer Babbelschau zum Thema ´68 durch ihr dümmliches Gerede hinterher noch tagelang für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Diese Person hat offenbar noch immer nicht verstanden, dass sie erst durch die Folgen der Veränderungen ihre heutige berufliche Position innehat. Wenns nämlich nach der ewiggestrigen Partei, der sie angehört gegangen wäre, würde sie wahrscheinlich noch heute zweimal am Tag auf dem Melkschemel sitzen, ansonsten dem Ehemann die karierten Hemden bügeln und vor der Vesper dem Pater beichten.

Überhaupt lässt sich am Beispiel des 68er Jubiläums wieder einmal wunderbar sehen, wie Geschichtsklitterung betrieben wird. So ganz nach der soliden Grundregel : Vereinfache radikal, das vermeidet Denkschmerzen und zeige die immer gleichen Bilder. Dann wird das Gewohnheitshämmerchen das Bewusstsein schon schmieden.
Weil das Thema auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder gerne einmal aufgefrischt wird, möchte ich ihnen allen, ob nördlich oder südlich des Äquators, ob diesseits oder jenseits der Elbe, einige Stichpunkte aufzeigen zur Illusionsreduktion der sogenannten 68er.
Das Jahr 1968 war lediglich der Kulminationspunkt von bürgerlichen Emazipationsbewegungen davor und danach. Die Protestbewegungen in der BRD begannen bereits in 1950er Jahren. Gegen die Wiederbewaffnung (Bundeswehr), den Beitritt zur Nato und zur Anti-Atombewegung zogen mehr Menschen auf die Strassen als bei den grossen Demonstrationen im Jahr 1968.
Die Präsentation der immer gleichen Bilder schafft eine verzerrte Ikonographie. Dadurch entsteht eine ungerechtfertigte Männerlastigkeit – die damaligen Medien, und die heutigen sind es anscheinend noch immer, waren Ansicht, Revolutionäre müssten Männer sein. Ausnahmen waren gewaltbereite Frauen wie Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin.
Als photographischer Chronist der Zeit gilt Michael Ruetz. Sein Bildband „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen“ – APO Berlin 1966 – 1969. (Zweitausendeins, Frankfurt/M., 1980) legt ein anderes Zeugnis ab. Schon auf dem Titelbild sind drei Frauen zu sehen, die von Polizisten abgeführt werden. Dass aber auch in dem Bildband von Ruetz insgesamt mehr Männer als Frauen zu sehen sind, hat zwei simple Ursachen.
Erstens studierten zu jener Zeit deutlich weniger Frauen und zweitens verblieben selbst studierende Frauen anfangs noch in der traditionellen Geschlechterrolle. Sie agierten eher im Hintergrund, indem sie beispielsweise Flugblätter tippten, die „müden Revolutionäre“ nach deren Demos ernährten etc.. Sehr schnell änderten sie jedoch das traditionelle Rollenverständnis. Männer kümmerten sich vermehrt um die Kinder oder halfen im Haushalt. Daraus entstanden in den folgenden Jahren veränderte Familienstrukturen, z.B. Kinderläden, familiäre Wohngemeinschaften.
Die positiven Folgen der immensen medialen Aufmerksamkeit, die (heute) mit dem Jahr 1968 verbunden werden, sind die schichtenübergreifenden Emanzipationsgewinne gegenüber der jeweils herrschenden Klasse in vielen sozialen Bereichen. Und ein nicht zu unterschätzender Demokratisierungsgewinn zeigt sich in der Entstehung und Entwicklung der Bürgeriniativen.

Die Legende von den studierenden Kindern, die ihre Eltern mit deren Nazivergangenheiten konfrontierten, wird weit überbewertet. Es gab einige wenige berühmte Ausnahmen. Stelvertretend sei Bernward Vesper genannt, der Sohn des obersten Naziliteraturkritikers und Dichters Will Vesper, machte den Vater-Sohn-Konflikt in seinem Romanessay „Die Reise“ (März bei Zweitausendeins, Frankfurt, 1977) öffentlich.  Beim grossen Rest herrschte vermutlich Schweigen zu diesem Thema, denn die Eltern finanzierten schliesslich das Studium und die Studentenbude ihrer Sprösslinge
Soviel zu diesem Thema. Ich muss mir selbst einzelne Punkte gelegentlich korrigierend bewusst machen. Zu stark ist die macht der plattmachenden Vereinfachung.

Der Himmel draussen ist stahlblau. An diesem sechsten Mai zweitausendachtzehn. Wozu die vergangenen Wege fremder Menschen nachgehen? Sich ansehen, was übrig geblieben ist von ihnen. Von ihren Werken.
Komm, nimm´ Deine Sense und pack´uns eine Futterlischke. Ich habe schon einiges Werkzeug verstaut. Wenn wir bald losfahren können wir schon Morgen beginnen. Im Garten von Forni Cerato.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Frühlingswoche.

(Zwei aktuelle Photographien, den obigen Beitrag illustrierend. Anklicken und gross gugge)

 

 

 

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Bücherarnos leuchtende Erinnerungseruptionen

Aus den alten Archiven aufgetaucht. Eine der Bands des Schlagzeugers Jon Hiseman. Tempest – Tempest (1973), Live in London (1973) und Living in Fear (1974). Danach war aus wirtschaftlichen Gründen Schluss. Bis auf wenige Stücke meistenteils nachvollziehbar aus meiner heutigen Sicht, trotz der erstklassigen Musikanten…

„Booksellers are all rascals…“, sagte Charles Dickens. Und der hatte mit seiner umfangreichen literarischen Produktion reichlich Erfahrungen gesammelt mit seinen Verlegern. Die Beispiele, die mir von Autoren persönlich erzählt worden sind, stützen diese Aussage. Dennoch müssen nicht alle Menschen Schlitzohren sein, die Bücher herstellen oder mit gebrauchten Büchern handeln.
Die Preisvorschläge einiger Antiquare für Bücher aus der Ärmelbibliothek dienten wahrscheinlich der Prüfung meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit. Als ernstgemeinte Verhandlungsgrundlagen waren sie absurd und ich lehnte sie folglich rundweg ab.
Inzwischen verkaufe ich über eine Plattform für Literatur und es läuft. Nicht wie geschmiert, aber es läuft durchaus zufriedenstellend. Interessant sind bei den Verkäufen die persönlichen Begegnungen mit Käufern, die ihre Schnäppchen im Ärmelhaus abholen. Heutzutage werden mehr und mehr dieser privaten Geschäfte weitgehend anonym abgewickelt. Das eröffnet fraglos für beide Seiten erweiternde Möglichkeiten.
Aber die direkten menschlichen Kontakte ziehe ich dennoch vor. Die sich dabei unter Umständen ergebenden Gespräche erbringen meist interessante Aspekte.
Der Mann, der letzthin ein kleines Konvolut von Arno Schmidt gekauft hat. Das anregende Gespräch hat mich direkt zurückkatapultiert. Die Frage ist wieder aufgetaucht, warum sich in Arno Schmidts privater Bibliothek so viele Werke von Friedrich Spielhagen finden und wo sich überhaupt der Niederschlag dieser Lektüre in seinen eigenen Werken auffinden lässt. Dieser Frage bin ich schon einmal vor fast drei Jahrzehnten nachgegangen. Ohne Erfolg.

Ein früherer Schulkamerad rief letzthin an. Wir haben uns vor etlichen Jahren beiläufig auf einer Kirmes gesehen. Hatten nach der kurzen gemeinsamen Schulzeit reichlich Kontakt wegen des gemeinsamen Hobbies. Dann liefen die Lebenswege auseinander. Nun wechseln einige Mails. Photographien ehemaliger Klassenkameraden werden versendet. (Mannomann sehen da manche alt aus). Sofort fallen mir Namen von Schülern und Lehrern ein. Anekdoten auch. Und Bands und deren Musiken, die eine gewisse Rolle gespielt haben. Jon Hiseman beispielsweise. Colosseum, Colosseum II, Tempest, Barbara Thompson´s Paraphernalia. Jede Menge Musikernamen tauchen schagartig wieder auf. Und : die Qualität der Musik ist rein subjektiv und an entsprechende Kontexte gebunden.

Es geht nichts Erlebtes wirklich verloren in einem Menschenleben.

Und auch manche (seit langem ersehnten) lichtbringenden Gegenstände aus der Dingwelt sind wieder beschaffbar, selbst wenn Gesetze und Vorschriften im Interesse der Wachstumswirtschaft das gerne verhindern woll(t)en. Es werde Licht (wie früher). Und auch so lange brennbar. Für einige Cents.

Es muss ein karmisches Einwirken sein, dass ich in der Nähe einer der Narrenhochburgen mein Leben verbringe. Gut, als Kind auf dem Kindermaskenball zu den Rhythmen einer viertklassigen Dorfbeatband verlegen herumhüpfen oder später als Jugendlicher auf dem Rosenmontagszug mitfeiern, das gehörte damals dazu. Aber wenn dann das Schicksal ernst in die moralische Instanz spricht, macht man einen grossen Bogen um das ganze höchst überflüssige Geschehen.
Ich besuchte in diesem Jahr an Fastnacht ein Museum. Bis in die Ausstellungsräume wummerdonnerten die Teschnoklänge des Umzuges. Lärm und Mussestörung als Strafe für die Vernünftigen.
Ausruhend an einem Geländer, schaute ich in die Tiefe. Und wurde dabei des Tändelns eines Pärchens gewahr. Und oh Wunder, nicht ich alleine. Über eine komplizierte Spiegelkonstruktion bemerkte ich eine Person, die mir irgendwie bekannt vorkam, und die die ganze Szenerie ablichtete.
Geehrte Besucher, Leser und Gugger : Nehmen Sie sich vor Lichtbildnern in Acht. Deren Wahrnehmungen können unberechenbar überall sein. Auch ohne Helau Geschrei. Ganz im Gegenteil.

(Photographie anklicken. Es werden dann zwar keine Kamellen aus dem Bildschirm geworfen, dafür kann man gross gugge)

 

 

Reduktionsgewinne

In der weitgehenden Auflösung der Bibliothek tönen zur Arbeit die Stimmen der Vorleser. Zwischendurch die leise aufsteigenden Zweifel. Sie gehören zum Training. Reduktion beschenkt reichlich, sie will jedoch eifrig umworben werden.
Max Volkert Martens liest ausdauernde 2350 Minuten lang das Opus Magnum Uwe Johnsons : Jahrestage. Langeweile kommt nicht auf…

Das Herz des Rechenknechtes gab den Geist auf. Schon nach der Abgabe in der sogenannten PC-Klinik stellte sich in mir eine auffällige Gelassenheit ein. Ich vergass zu fragen, wie lange eine Reparatur wohl dauern könne. Tageweise brachten die Telefonate missliebigere Neuigkeiten. Na und, es ist wie es ist. Generationen schauen mir über die Schulter aus Vergangenheiten, in denen der private Umgang und der mit einer weiteren Öffentlichkeit in ganz anderen, jedenfalls persönlicheren Formen stattgefunden hatte.

Und jetzt sitzt Du neben mir und wir fahren zurück von den Freunden weiter nördlich. Am Rand der Heide klagt man nicht über das Wetter. Man erwartet kein anderes. Wie so viele Künstler hat auch der Herr Hundertwasser nicht weggeschaut, wenn Geld knisterte. Der Bahnhof wäre eine Diskussion wert.
Die Bundesstrasse 4 pflügt durch nebeldumpfe Gegenden, vorwiegend waldicht. Neben Uwe Johnson schiebt sich Arno Schmidt in meine Gedanken. Wir fahren langsam. Ich erzähle einiges von meinem vormaligen Lieblingsautor. Seine ländlichen Erzählungen handeln hier in dieser Gegend. Als Kind war ich öfter hier. An Wochenenden mit Tante und Onkel. Ich habe eine Vorstellung von der Heidelandschaft. Und zahlreiche Erinnerungen. In all das mischen Bilder aus den ländlichen Erzählungen. Die teilweise ätzenden Sprüche gegen die hiesige Landbevölkerung. Ihre Verschwiegenheit und ihre Verschlagenheit.
Dir liegt weniger an Heidelandschaften. Bist in einer anderen Heide gross geworden in diesem Land, deren stille Abwechslungslosigkeit noch nachzuwirken scheint.
Mensch, da sind jede Menge Teiche auf der Karte. Sicher gibts da auch eine Fischräucherei. Ich hätte Lust auf ein feinfrisches Fischbrötchen. Wer mit Landkarten reist hat den besseren Überblick und erspart sich die nervendes Geplapper aus dem Maschinchen.
Da vorn rechts. In der Tat. Du hast Recht mit deiner Mutung. Zuverlässig wie gewohnt. Du vermutest dich nur selten. Die Auswahl in dem kleinen, altmodisch schlichten Ladenlokal lässt nur eine Wahl. Die Fischbrötchen sind aber auch sowas von lecker.
Gugg´ mal, die Räucheraale. Hier mit diesem Prachtexemplar würde das Abendmahl zu einem kleinen Fest.
Sag mal, ganz hier in der Nähe steht das Haus von Arno Schmidt. (Man stelle sich vor: auf der Generalkarte aus den 1990er Jahren ist an der Ecke B4 – B244 noch immer Großer Kain zu lesen. Auch dies der Titel eines Feinkleinwerkes von Arno Schmidt.)
Wir hatten zwar eine andere Route geplant. Aber die kleinen Abenteuer ergeben sich auf Umwegen.
Ich war ewig nicht mehr in Bargfeld. Verfahre mich auch prompt. Aber in einem Kaff mit vier Strassen ist das ein zu vernachlässigendes Problem.
Mensch, ist das Grundstück eingewachsen. Man sieht das Holzhaus fast garnicht mehr. Wart mal, ich dreh um, dann steigen wir mal aus für ein paar Fotos.
Du vermutest dich wirklich sehr selten. Es war diese vermaledeite kleine Kante zwischen Weg und Acker. Der Wagen sitzt fest. Mir fallen sofort einige Anekdoten ein. Wie Arno Schmidt sich auslassen konnte über Leute, die an seinem Zaun entlang waberten. Bissig konnte er sein, der Solipsist in der Heide.
Nach einigen Versuchen steht fest, dass wir alleine die Karre nicht freikriegen würden. Klinkenputzen und klingeln.
Ja, da fragen Sie am besten beim Nachbarn.
Oh, ich würde Sie gerne rausziehen. Ich mach das ja immer gerne. (Immer? Klingt da Schadenfreude mit?) Aber unser Trekker ist in der Werkstatt.
Wen würden Sie uns denn empfehlen?
Joh, versuchen Sie das mal bei …
Wo mag sich das Landvolk am frühen Nachmittag wohl aufhalten. Nichts rührt sich nach den verschiedenen Klingeln. Dort vielleicht? Unfreundliche Windböen und der fisselige Nieselregen. Da, plötzlich kommt ein Lärm näher. Ein Monstrum von einem Traktor holperbrüllt um die Ecke. Stampft eilends auf uns zu. Der Fahrer scheint unser Winken zu ignorieren. Nochmal vierhändig. Vollbremsung. Genau neben uns. Wir erklären. Fragen und bitten. Ohne Kommentar donnert er mit seinem Ungetüm auf den Hof. Holt den Wagen aus der Garage. So richtig verstanden haben wir beide nicht, was da jetzt abgeht. Verschwindet mit dem Wagen irgendwo hinten auf dem Hof. Stille. Siestazeit in einem Heidenest. Wieso kommt der nicht mit einem Traktor zum Rausziehen?
Zackig kommt er plötzlich im PKW vom Hof und rasant auf uns zugedüst. Wir steigen ein. Der Mann fährt wirklich schnittig. Redet nichts. Wozu auch. (Das sind die Ahnungslosen aus der Stadt, die zu diesem verrückten Schreiberling pilgern) Holt die schwere Kette aus dem Kofferraum. Ein Klacks für einen Profi.
Vielen Dank. Wir möchten uns gerne erkenntlich…
Er schneidet mir das Wort ab: Macht zehn Euro!! Ich zahle und bekomme verabschiedend noch den kostenlosen Hinweis: Und machenSe das nich wieder.
Leicht durchnässt aber froh setzen wir unsere Reise fort. Der Aal zum Abendessen war ein natürlich Gedicht.

Der Rechenknecht muss wieder neu eingerichtet werden. Mit dem, was nicht verloren gegangen ist. Manches lässt sich wieder rekonstruieren. Anderes nicht. Auf dem Bau habe ich schon als Schüler gelernt: ein bisschen Schwund ist immer. Schadet ja auch nichts. Wenn ich mir bei den langweiligen Arbeiten nicht Uwe Johnson vorlesen lasse, lese ich selbst. Arno Schmidt? – Allerdings! Die kleineren Stücke. Aus der Inselstrasse. Oder die Stürenburg Geschichten. Und natürlich die ländlichen Erzählungen.
Im Zug der Reduktion steht die teure Vorzugsausgabe zum Verkauf. Heute Morgen erst fand ein erfolgreiches Verkaufsgespräch statt in Sachen der dritten Werkgruppe der Bargfelder Ausgabe. Ich habe letzthin in einem öffentlichen Bücherschrank einige der alten, lieblos gemachten Taschenbücher des Fischer Verlages gefunden. Die zerfleddern zuverlässig beim umblättern der Seiten.
Das macht aber nichts, weisst du. Wenn wir wieder einmal zusammen auf eine Entdeckungsfahrt gehen, stecke ich mir eins oder zwei davon in den Rucksack. Und wenn ich den Wagen dann wieder in einer Feuchtwiese versenken sollte entgegen deiner Mutung und es obendrein draussen regnet, dann lese ich dir eine dieser kleinen Schmidtchen Paradestückchen vor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein aufs Wesentliche reduziertes Wochenende.

(Photographien OoC, da sich meine Bildbearbeitungsprogramme beim Festplattentod grusslos verabschiedet haben)

 

 

 

Neulich frühmorgens in Nordhessen

Zum anwärmen des Feierabends spielt der Gitarrist der legendären Jethro Tull mit seiner Band auf: Martin Barre – Order to play (2014) und danach erklingt das Konzert von King Crimson – Live in Toronto 28.11.2015…

An die länger werdenden Nächte muss ich mich noch gewöhnen. Frühmorgens erwacht und bereit, erneut auf den eigenen Beinen den Lebensweg zu betreten. Fünf Uhr, stockdunkel; die Temperatur ist ungemütlich.
An solchen Morgenden liegen überall Stolpersteine herum. Kaffee statt Tee beispielsweise. An einer Tanke gegen Ende der Nacht komme ich garnicht auf die Idee, einen Tee zu ordern. Kaffee am Morgen mag ich eigentlich nicht. Die Plörre schmeckt bitterlich. Ein Kommen und Gehen trotz der frühen Stunde. Ein Frühstück auf die Hand, auf der Fahrt zur Arbeit beiläufig runtergeschlungen. Und der Blick auf die Uhr an der Wand nötigt zu einem Korrekturblick auf das eigene Handgelenk. Beide Uhren zeigen die gleiche Zeit. Demnächst wird es tatsächlich fünf Uhr sein. Stolpersteine. Der Fahrer des LKW nimmt zwei Büchsen Bier mit ins Führerhaus. Tankstellen sind mittlerweile kleine Tante-Emma-Läden, Zeitungs- und Rauchwarengeschäft in einem. Mit einer Abteilung für den Schabbes, den niemand wirklich braucht, den viele aber aus unerfindlichen Gründen kaufen. Nichts wie raus jetzt und hoch in den Wald.

Die Dämmerung beginnt gegen sieben. Sofern der Himmel klar ist. Und er ist klar über der Hochebene an diesem Morgen. Orion lässt sogar sein Schwert sehen. Es ist kalt. Die schmale Strasse bergauf ist bis an den Rand bewaldet. Zu dieser Uhrzeit nur von wenigen Autos befahren. Etwa zweihundert Meter voraus trottet, eins nach dem anderen, eine Rotte Wildschweine gemächlich über die Strasse.
Um halb acht ist in dem faszinierenden Urwald im Nordhessischen ausreichend Licht zum Fotografieren. Hier stehen jahrundertealte Eichen und Buchen, einige sollen annähernd tausend Jahre alt sein. In der Stille sind zahlreiche Geräusche zu hören. Unser Wahrnehmungsvermögen ist dermassen restringiert, dass wir viele Stimmen garnicht mehr zuordnen können.
Der Hirsch, der über eine Stunde lang ausdauernd brunftig ins Morgengrauen röhrt und der Esel, dessen Schreie vom Tal her die Waldruhe zerreissen, die sind noch zu erkennen. Den vielfältigen Vogelstimmen jedoch stehen wir ebenso ahnungslos gegenüber wie den zahlreichen Baumarten.
So viel Reichtum ist uns durch unsere Lebensweise verloren.
Zweieinhalb bis drei Stunden genügen für einige Aufnahmen. Zurück am Parkplatz stehen nun auch andere Fahrzeuge. Wir beschliessen, im nahen Hofgeismar ein Café zu finden. Schwarzen Tee wirds dort wohl auch geben.

Ich wünsche allen Besuchern, Guggern und Lesern ein gediegenes Herbstwochenende.

(Wer es schafft, ein Bild länger als elf Sekunden anzuschauen, kann erstaunliche Details entdecken. Foto anklicken und los gehts)

 

 

 

 

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Auch mal denken zwischendurch kommt gut

Zwischen den Platten von Pankow laufen als Kontrastprogramm die Scheiben von Vanilla Fudge. Einige sind so sehr dem Zeitgeist verhaftet und klingen dementsprechend uralt, aber manche Werke haben es noch immer in sich. Zur Zeit: Vanilla Fudge – The Beat goes on (1968). Das war damals mein Einstieg in die sogenannte progressive Musik…

In der Tageszeitung die Überschrift: „Ohne Handy geht es nicht“. Die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zum Thema. Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen präsentieren ihre Erkenntnisse. Unterm Strich bleibt wenig Konkretes. Ich erinnere mich an die Diskussion vor Jahrzehnten, ob Fernsehkonsum bei Kindern und Jugendlichen Gewalt erzeugen könne. Oder noch früher in meiner späten Kindheit, ob Comics dumm machen würden. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen für Wissenschaftler. Welches Wissen schaffen diese Menschen eigentlich und wem nutzt es wirklich?

Immerhin erkenne ich durch diesen Artikel für mich, dass ich mit den Gebrauchsgewohnheiten hinsichtlich meines Mobiltelefons und meinem Reduktionsprojekt ganz generell inzwischen zu einer konsumistischen Minderheit gehöre. Ein volkswirtschaftlicher Schädling, um es fachlich korrekt zu benennen.
Dazu passt eine Frage,die ich immer wieder einmal bewege und auf die ich bis heute keine für mich befriedigende Antwort gefunden habe. Wie hat das denn funktioniert damals, als sich quasi über Nacht die gesellschaftliche Ordnung im Land änderte. Alle Menschen dabei scheinbar umgepolt worden sind. Wie das am Ende ausgegangen ist, besonders auch für die betroffenen Minderheiten, ist allgemein bekannt.
Meine unbeantwortete Frage kocht auch deshalb wieder hoch, weil ich aus verschiedenen Gründen derzeit viel Umgang mit Menschen habe, die in ihrer körperlichen Bewegungsfreiheit teilweise so stark beeinträchtigt sind, dass sie auf die Hilfe anderer Menschen zwingend angwiesen sind. Ich komme mir hingegen als dermassen beschenkt vor mit meinen weitgehend gut funktionierenden Körperfunktionen, dass ich mich fast schämen möchte. Über was jammere ich eigentlich? Und meine anfälligen Ungeduldseruptionen. Unzufriedenheiten überhaupt. In welchem Verhältnis das alles zu meinem Lebensglück steht, übersehe ich leider nur allzuoft. Ich werde mir meine Dankbarkeit wieder häufiger ins Bewusstsein rufen.

ich habe ein Dach überm Kopf, genug Kleidung und mehr als ausreichend zum Essen und Trinken. Zum Glück auch noch sehr starke Herzensbindungen zu einigen Menschen. Und wir alle sind mehr oder weniger gesund, haben solide Ausbildungen genossen und haben etwas Humor. Wir geben uns jedenfalls Mühe. Wie klein und nichtig sind im Vergleich dazu die tagtäglichen Aufwallungen. Wegen der Berichte in den Medien. Wegen eines nervenden Nachbarn. Wegen einer nörgelnden Kundin. Wegen eines dummen Geschwätzes irgendwo… 

Wenn ich ernsthaft darüber sinniere, wie dankbar ich für mein Leben sein sollte, dann fallen mir gerade eben auch die scheinbaren Störenfriede, die erwähnten Nerver und Nörgler ein, die Humorlosen und die Dummschwätzer. Diejenigen, die verdeckt und verborgen aus dem Hintergrund agieren. Im Grunde muss ich mich für die Begegnungen mit diesen Zeitgenossen bedanken. Sie sind Steine des Anstosses, gewiss, aber sie sind damit auf eine gewisse Art auch Wecker, die mich vor dem Tiefschlaf meines Bewusstseins bewahren. Ohne diese Menschen würde ich nichts verändern an meinem Denken und Handeln. Angenehme Zeitgenossen sind ein Geschenk, eine Erholung im Alltag; aber sie sind keine Veranlassung, sich verändernd weiterzuentwickeln. Daraus kann Lebensglück erwachsen. Das Glück ist meine Entscheidung.

 

(Fotografien, die vorab auf neueste Entwicklungen hinweisen. Unbedingt den Regenbogen anklicken, um die Galerie zu öffnen)

 

Das gute Leben zwischen Mark und Rinde

Seinerzeit, als ich Dir erstmals gegenüberstand, erklang von irgendwo aus dem Hintergrund diese zauberhaft verwunschene Musik. Und jedes Mal wenn die Musik ertönt, steigt dieses erste Bild erneut vor mir auf: Dead Can Dance – Spleen And Ideal (1986)…

Der historischen Rückblickspalte des wöchtlich erscheinenden lokalen Blättchens entnehme ich, dass im Jahr 1952 bei der örtlichen Schweinezählung 513 Stück festgestellt worden sind. Das waren 46 mehr als noch im Jahr zuvor.
Demnächst werden auch in diesem, unserem Lande wieder Scheine gezählt werden. Wahlscheine. Ich habe bereits vor Wochen im örtlichen Wahlbüro meine beiden Stimmen abgegeben. Einem Rest von demokratischer Kontrolle will ich mich auch weiterhin vergewissern.
Die noch existierenden Bauern leben und arbeiten heutzutage ausserorts. Die Vermietung von Pferdeboxen und die Unterhaltung einer Reithalle sind lukrativer. Solange man noch zum privaten Spass Tiere missbraucht und dafür mehr Geld auszugeben bereit ist, als für ordentlich produzierte Lebensmittel, hält unser Kulturschiff weiterhin den Kurs Richtung Untergang.

Ich trenne mich von Träumen. Der Spaziergang nach Syrakus auf den Spuren Johann Gottfried Seumes beschäftigt mich nun schon seit Jahrzehnten. Die grosse Kladde mit der umfänglichen Sammlung von zahlreichen Fakten, Details und Informationen zu dieser Fussreise ist obsolet geworden. Andere Reiseintentionen und -ziele sind reizvoller geworden.
Es ist die Reduktion auf die kleinen Sensationen, wie beispielsweise die kurze Reise im letzten Bericht. Es ist das Abendessen mit Freunden. Die Freude über eine wohlgelungene Fotografie.
Und vor allem die Begegnungen mit fremden Menschen. Die Annäherung an ein Leben und wenn alles gut geht, der gestattete Blick hinter die Rinde ins Innenleben. Die wirkliche Welt eben und nicht das Gegenteil davon; die virtuelle Scheinwelt, die von nicht wenigen Menschen ebenso hartnäckig wie falsch mit der Realität verwechselt wird.

(Fotografien verschiedener Baumrinden – anklicken öffnet die Galerie)