Erstaunliche Beobachtungen auf zehn Quadratmetern

Wiederanhörungen. Was hat noch Gültigkeit? Reihenweise verlassen Scheiben das Musikalarchiv.
Bleiben wird: Billy Cobham – Crosswinds (1974)…

Die Schwalben haben ihre Nester verlassen. In diesem Jahr ist der Sommer schon vor dem Hochsommer vorüber. Ich hoffe auf einige weitere sonnige Tage. Immerhin konnte eine Schwimmrunde im Rhein stattfinden.
Im öffentlichen Bücherschrank die „Auto“biografie von Marilyn Manson gefunden. Das meiste hat wohl ein Redakteur des Rolling Stone zusammengeschrieben. Ich kenne keine Musik dieser Kreatur. Ein Klon zwischen Sylvesterrakete und Lumpensammler. Das typische, der beiden möglichen us-amerikanischen Schicksale. Ein kleiner, hässlicher Versager, der sich geschworen hat, es eines Tages allen zu zeigen. Was bringt einen Mensch dazu, sich nur um aufzufallen den Familiennamen eines gewissenlosen rechtsradikalen Massenmörders zuzulegen.
Der Zweite Weltkrieg kostete etwa 50 Millionen Menschenleben. Die aussenpolitischen Aktionen der US-Amerikas kosteten seit dem Zweiten Weltkrieg geschätzte 30-40 Millionen Menschenleben weltweit. Ich bin noch auf der Suche nach der genauen Quelle, bzw. exakteren Zahlen. Das geistferne Druckwerk liegt inzwischen in der Altpapiertonne.

Viel Balzac gelesen in letzter Zeit. Die menschliche Komödie. Das hält fein vom Bloggen ab. Erstaunlich aktuell erscheinen viele Beschreibungen Balzacs. Es scheint sich wenig geändert zu haben in den letzten zweihundert Jahren. Oder zweitausend.
Hauptsache das Bewusstsein schläft. Das nutzt Produzenten wie Konsumenten. Und den Politikern ists allemal recht.
Die alltägliche Einbildung vieler Menschen, informiert zu sein.
Ein balltretender Gladiator wechselt die Arena für eine Viertel Milliarde Euro.
Die Condottieri, die Söldnerführer des ausgehenden Mittelalters heissen heute Topmanager. Niemandem verpflichtet ausser dem Eigennutz. Vor allem dem eigenen. Verantwortungslos wird die Welt belogen und betrogen. Die Zeche zahlen die anonyme Menschenmasse. Arbeitsplatzvernichtung, Zerstörung des privaten Lebens; die Kollateralschäden des Wachstums. Früher segnete die Kirche die Auswüchse der Herrschenden. Heutzutage haben die Unternehmensberatungen dieses profitable Geschäft an sich gerissen. Schlimm nur, dass der Kleinbürger glaubt, in diesem Spiel eine reelle Gewinnchance zu haben. Auch mal gewinnen zu können. Naja, so einer, wie Marilyn Manson vielleicht.
Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es auch nicht wahr.
Und alle halbe Jahre gibt es ein neues Konsumprodukt für die Müllhalde, das niemand wirklich braucht. Dann ziehen die gekauften Werbesöldner durch die Lande und irrlichtern mit Kaufgründen. Und was hatten wir seit unserer Kindheit schon alles an Fantastischem gehabt, was seit Jahren nicht verrotten kann. Hot Wheels, Silly Putty, Pez-Boxen, Hüpfbälle, Flummis oder Knuffls um nur ein paar frühe Artikel zu nennen.
Und schon daddelts auf dem Einsamkeitsverwischfon. Die Werbung ist in den Einfachhirnen verankert und beginnt zu wuchern. Das nennt man heute Kommunikation. Ein menschliches Gegenüber aus Fleisch und Blut kann man sich mit keiner Handfessel herbeiwischen.

Der konsequente Verzicht auf die Nachrichtenmedien tut gut. Es kehrt Ruhe ein in den Falten der Seele eines modernen Menschen. Zurück zum Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Dahin, wo das must-have oder must-go-to keine Bedeutung hat. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen statt von Floskeln, Icons oder Gefällt-Mir-Klicks. Den Gefühlsausdruck des Mitmenschen erleben.
Ich merke es daran, dass ich in den letzten Monaten mindestens fünfzehn bis zwanzig Beiträge in diesem Blog nicht mehr geschrieben habe. Angefangen und spontan aufgehört.
Nur das Negative zu schreiben, das können viele Blogger besser als ich. Und die schönen Ereignisse, die wundervollen Entdeckungen und prächtigen Momente sind mir wieder dermassen kostbar geworden, dass ich sie nur mündlich teilen mag. In den Gesprächen, bei denen niemand unablässig aufs Daddelfon schielen muss. Oder im Garten zuschauen, wie sich die neuen Weinbergschnecken heimisch machen. Erstaunliche Beobachtungen sind möglich auf zehn Quadratmetern.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern weiterhin noch ein paar feine sommerliche Tage.

(Fotografien zur Illustration. Klick öffnet die Galerie)

 

Reduktion? Nicht bei Herzensfreude und Schönheit

Wetter fast wie im April. Nur heisser. Passend dazu: Peter Hammill – All that might have been (2014). Die fetzigen Nummern für das Matratzenlager im nachtschwülen Partykeller: Knockout Rockin´ (Collector CD. Thanks to RYP). Nach über einem Jahrzehnt erneut eine solide Facharbeit: Procol Harum – Novum (2017)…

Die Ausstellung ist nun beendet. Vor den Organisatoren und beteiligten Künstlern ziehe ich meinen Hut und danke allen Machern und Mitmachern herzlich für ihr grosses Engagement. Sponsoren unterstützten die Vernissage und Ausstellung grosszügig. Das Interesse des Publikums in dem begrenzten Umfeld war beeindruckend. Positive Presseberichte waren erfreulich zu lesen. Wenn während der Ausstellungstage zudem Kunstwerke verkauft worden sind oder Anschlussaufträge folgten, dann war die Freude perfekt.
Die Aussenwand mit dem grossen Graffiti wird noch bis zum Abbruch des vormaligen Supermarktes zu bewundern sein. Über einen dauerhaften Standort wird derzeit nachgedacht. Das Sprühteam um Manuel Gerullis hat mit seiner künstlerischen Street-Art in diesem Jahr zudem den Kulturpreis der Stadt Wiesbaden gewonnen.

Mich haben die Gespräche inspiriert. Sowohl die mit den Künstlern als auch mit interessierten Guggern. Natürlich gibts da auch merkwürdige Begegnungen. Aber das sind für mich dann die eigentlichen Sahnehäubchen. So beispielsweise eine kenntnisreiche ältere Dame angesichts eines meiner Wasserbilder.

Das ist aber schön gemalt. Das ist mit Photoshop, gell?
Das ist eine Fotografie. Alles ohne Photoshop.
Doch, das ist Photoshop.
Das ist eine ganz normale Fotografie. Da ist nichts zusätzlich manipuliert.
Ja, das sehe ich auch, dass Sie das abfotografiert haben. Aber es ist trotzdem schön gemalt.
Das ist kein Gemälde. Ich habe das so fotografiert, wie ich es gesehen habe. Es ist die Spiegelung einer Wasser – –
Ja nein!, aber…
(manchmal kehrt die Stille von selbst ein).

Allzu still wirds jedoch nicht werden. Die Vorbereitungen für eine Einzelausstellung zu Beginn des nächsten Jahres werden schon in Kürze beginnen.

(Fotografien. Die obere und die untere sind Einzelbilder. In der Mitte ist es wie gewohnt eine Galerie. Anklicken und gross gugge)

Keine Ahnung, welcher Titel da passen könnte

Es ist eine Erinnerung an damals. An jenen heissen Sommernachmittag. In der Plastiktüte eine Doppellangspielplatte. Den Tonarm aufgelegt. Und schon die ersten Töne kamen aus einer anderen, noch unbekannten Welt: Pink Floyd – Umma Gumma (1969)…

Abends am Ufer stehen. Die Familie Kanadagans ist noch vollzählig. Sechs Jungvögel. Eine Junggans hat offensichtlich Probleme mit den Flügeln. Sie kann ihre Flügel zwar aussstrecken, aber an der Stelle des „Ellenbogens“ stimmt etwas nicht. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler. Vorbeigeher äussern bei ihrem Anblick sogleich und lautstark Mitleid. Da muss man doch was tun. Da muss jemand bei der Stadt anrufen. (immer sollen oder müssen die anderen etwas tun, versteht sich) Aufschlussreich, wenn man mit diesen Mitleidenden ins Gespräch kommt. Ihre Denkweisen kennenlernt.
Diesselben emotionalisierten Menschen verzehren heisshungrig Hühnchen und denken sich nichts dabei, dass alle kleinen Hähnchen spätestens bei der Geschlechtsreife anderweitig verarbeitet oder vernichtet werden. Von den Kälbern werden die männlichen rasch verzehrt bis auf wenige Ausnahmen; nur die weiblichen Tiere werden als Milch- und Fleischlieferanten am Leben gelassen. Mit der Geschlechtsreife bekommen die männlichen Tiere einen Hautgout der besonderen Art, einen unerwünschten Geschmack.
Wir haben uns kollektiv soweit von der Natur entfernt, dass vielfach die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr verstanden werden.
Die Junggans mit den verdrehten Flügeln tut sich mittlerweile schwer beim schwimmen. Durch ihr Gewicht hängen die abstehenden Federn im Wasser wie eine Bremse. Und irgendwann wird man das alte Lied singen von dem Fuchs, der die Gans geholt hat.

Zur Zeit erhitzt man sich in den Kulturabteilungen der Zeitungen und in den Literaturblogs über die literarische Seifenoper in Klagenfurt. Ob Busunfälle, Amokläufe, G-20 oder Literaturshows – Hauptsache das Publikum wird vom Wesentlichen abgelenkt. Und somit Jedem das seine und Jeder das ihre.  Während dieser Tage wirft sich die Bachmann in ihrem Brandgrab wahrscheinlich einige Pillen ein und spült sie mit teurem Kognac runter. Ach herrjeh. Und die Schreiberlinge und die Literaturkennerlinge und die Publikumlinge. Und ihr affektiertes und wichtigtuerisches Gewäsch und Geschnatter. Sie sind verzichtbar, da sie nichts leisten für den Fortschritt der Menschheit.
Eines meiner diesjährigen Geburtagsgeschenke waren die Tagebücher 2002 – 2012 von Fritz J. Raddatz. Auf dem Schutzumschlag ist er posend abgelichtet als schillernder Fatzke in diesem Geschäft der Blender. Sechshundertzweiundneunzig Seiten glatt gebügelte Eitelkeit in Pomade. Eine Kostprobe gefällig?
„Ich hatte immer gedacht, eine Geschichte des Rowohlt Verlages kann man, was die 60er Jahre betrifft, nicht schreiben ohne ein GROSSES, tragendes FJR-Kapitel. Kann man aber. Viel mehr als ein Portier war ich dort also nicht.“ (Raddatz, Fritz J.: Tagebücher 2002 – 2012. Rowohlt, Reinbeck, 20142, S.427.)
Und hinter der Nebelwand dieser Scheinwelt regiert das knallharte Geschäft, die Kalkulation, die schmierigen Seilschaften und das faulige Geschacher. Ist das nicht zutiefst lächerlich? Da schätze ich manche Texte in den kleinen Blogs viel mehr. So richtig aus dem Leben eines Menschen aus der wirklichen Welt, dass ich fast vergesse und es mir gleichgültig wird, ob sie wahr oder erfunden sind.

Die Bildung unterteilt die Menschen in Gruppen. Das Geld trennt jeden Menschen von seinen Mitmenschen. Soziale Arbeit? Meine ist derzeit neben anderen das wöchentliche Aufräumen im öffentlichen Bücherschrank meiner Gemeinde. Wie sehr drängt es manche Menschen ihre Bücher loswerden zu müssen? Bücher werden roh in den Schrank gestopft. Andere wühlen und grapschen wahllos. Ich habe darin unlängst einen kleinen Pappband gefunden. Die folgenden Zitate sind daraus: Tucholsky, Kurt: Schnipsel. Reinbeck, Rowohlt, 1973.

„Deutschlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Deutschlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.“

„Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus.“

„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

„Wenn sich in Rußland auch nur ein Achtel der Entführungen, Erpressergeschichten, Bandenüberfälle und Gewalttaten ereignete wie in Amerika –: das Geschrei der sittlich entrüsteten Amerikaner möchte ich mal hören! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung machen, sich auf Reisen anständiger benehmen und im übrigen den Schnabel halten.“

„Ein Künstler braucht keinen Erfolg zu haben. Aber ein Zahnarzt, der nicht von Schmerzen befreit; ein General, der dauernd Prügel bekommt, und ein Wirtschaftskapitän, der nicht weiß, wo Gott wohnt –: diese drei dürften nicht ganz das Richtige sein.“

Erfolgreiche Künstler verdienen freilich mehr. Und wen bewundert man mehr? Denjenigen, dem alles zufliegt, der glatt durchkommt und glänzend dasteht? Oder denjenigen, der aus den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und gegen alle Schwierigkeiten einige Fertigkeiten sich erringt? Umdenken tut Not. Diringend!
Aber in Zeiten des Internet und des Allesumsonsthabenwollen relativiert sich das alles. Um Kunst zu produzieren muss man nicht mehr lange üben, Berge versetzen, Flüsse durchschwimmen oder Brücken bauen und überqueren. Im Notfall erledigt der rücksichtslose Einsatz des Wischtelefons das alles ohne Kosten und Anstrengungen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende mit leuchtenden Erkenntissen.

(Fotografien zur Illustration des Textes. Foto anklicken für einen deutlicheren Hinblick)

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Reduktion : weiterhin gut behütet

Auf Radio Stone.fm einen heissen Titel gehört und spontan die dazugehörige Scheibe besorgt. Da geht die Post ab, die Musik fährt in die Beine: Hot Boogie Chillun – 15 Reasons to Rock´n´Roll (2005)…

Soweit ich mich erinnere, begannen vor einem Jahr auf den Tag genau, die ersten konkreten Schritte des Reduktionsprojekts. Wie oft zuvor schon hatte ich gedacht; man müsste, man sollte und man könnte. Dies und jenes mehr oder weniger halbherzig versucht, manches auch umgesetzt. Jetzt also mit lebendiger Konsequenz aber ohne dogmatische Anwandlungen ins Abenteuer der Reduktion springen.
Ich hätte mir nicht räumen lassen, was daraus in kurzer Zeit entstanden ist. Nein, keine Karriere und keine Anhäufung von Mammon, Es sind die Beobachtungen, die Wahrnehmungen und die Gespräche mit anderen Menschen. Der Gewinn sind die daraus erwachsenden Erkenntnisse. Sein lassen, was nicht weiterbringt und letztendlich lediglich Kraftvergeudung ist.
Die Erleichterung, sich nicht mehr zu beschweren über Kleinigkeiten. Kein Geschwätz über Dritte hinter den Linien. Lernen vom Wissen anderer Menschen. Mut schöpfen. Staunen über das derzeit fast schon pervertierte Kaufverhalten von Konsumenten. Die Freude über die dritte Brut der Amseln im Nest im Efeu. Lebensfreude pur, indem man das Wichtige vom Unwichtigen trennt. Die Aufzählungen liessen sich weiterführen. Noch läuft nichts perfekt. Stolpern gehört dazu. Fallen ist nicht schlimm, sondern liegenbleiben..

Ja, ich kommentiere gelegentlich noch immer in anderen Blogs. Zum Beispiel schrieb ich diesen hier: „Kannibalen waren der letzte Schrei in den frühen Reiseberichten des 16. und 17. Jahrhunderts. Deshalb legten die Verleger auf derlei Grusel & Grauen enormen Wert, das hob schliesslich die Verkaufszahlen. Also in etwa die Blödzeitung für den Adel der frühen Neuzeit. Ich stelle mir gern die indigenen Bevölkerungen vor. Lauschend den Reden der Missionare. Was mögen die Indianer wohl davon gehalten haben, dass wir bei vielen Gelegenheiten unseren Erlöser als Brot aufessen und sein Blut als Wein trinken…“. Dass es die Kannibalen, in der Form, wie sie literarisch tradiert worden sind, so nicht gab, haben Historiker längst erforscht.

Alle reden von Gentrifizierung. Gemeint sind in diesem Kontext meist raffgierige Spekulanten, die Immobilien aufkaufen, um sie zu renovieren oder umzubauen. Durch neuerliche Vermietung oder den Verkauf als Eigentum wird danach ein satter Profit erhofft. Über eine andere Form der Gentrifizierung finden sich Informationen nicht so leicht. Bestimmte Bevölkerungsgruppen kaufen nach und nach Ein- oder Mehrfamilienhäuser in einer Strasse oder einem Viertel in einer kleineren Stadt. Aus verschiedenen Gründen verlieren andere Investoren den Anreiz zum Kauf und für Verkäufer beginnen die Preise ihrer Immobilie zu sinken.
Im Lauf einiger Jahre sind die Immobilien des Quartiers mehrheitlich im Eigentum einer Bevölkerungsgruppe. Kulturwissenschaftlich spricht man von dem Gegenteil von Integration, nämlich der kulturellen Segregation. Ein international bekanntes Beispiel dieses Phänomens sind die weltweit verbreiteten Chinatowns. Hierzulande gibt es meines Wissens keine Chinatown.

Ich freue mich auf die Begegnung mit anderen kreativen Menschen. Die Vernissage findet Morgen um 19:00 Uhr statt.

(Herr Ärmel ist bekannt als der Untertan mit Mantel, Regenschirm und Hut. Die hier präsentierten prächtigen Hüte jedoch befinden sich nicht in den Ärmelschen Hutschachteln. Foto anklicken öffnet, wie immer, die Galerie)

 

 

Reduktionsverfahren

Er fuhr einen TR4A und ich einen +8. Wir trafen uns an einer Tankstelle und kamen gleich ins Gespräch. Über unsere Liebe zu alten Engländern. Ein Auto nur so zum Spass würde ich heute nicht mehr fahren. Ich gäbe aber was drum, könnte ich ihn nochmals auf der Bühne sehen. Vor Jahren zu früh verstorben: Volker Kriegel – Houseboat (1979)…

Im Zug meiner Reduktionsversuche ergeben sich zunehmend aufschlussreiche Gespräche. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich darüber Gedanken machen, sich auf die oder andere Weise zu beschränken. Dem angeblich ewigen Wachstum zu widerstehen.
Beispielsweise auf Fernreisen zu verzichten und das eigene Land kennenlernen. Was mich dennoch überrascht, dass doch relativ wenig gebraucht gekauft wird. Dafür braucht es allerdings Geduld. Wer alles gleich und sofort haben will, der wird mit den Gebrauchtangeboten schnell enttäuscht sein. Wer hingegen mittelfristig plant und entsprechend Zeit mitbringt, der kann die schönsten Erfolge verbuchen. Und es gibt fast alles als gebrauchte Gegenstände.

Das digitale Altgeraffel findet nach und nach neue Besitzer. Dadurch werden hier die eigenen Bestände aktualisiert. Es gibt Dinge, die kauft man am besten gebraucht. Technik sowieso. Da gibt es auf beiden Seiten Gewinner.
Die Mail mit der Lieferungsankündigung enthält eine merkwürdige Frage: „Sind Sie auch Kunde bei x***x? Damit ist eines der sogenannten sozialen Netzwerke gemeint, auf die offensichtlich kein Unternehmen mehr verzichten kann. Das Wort Kunde finde ich aber beeindruckend. Sofort trabt meine Fantasie Richtung Strassburg zum Europäischen Gerichtshof. Die einzige Instanz, die uns noch einigermassen gegen die uns aussaugenden Datenvampire schützt. Gelegentlich jedenfalls.
Es wäre wünschenswert, denke ich mir, wenn man den üblichen Netzwerken ab sofort untersagen würde, ihre Registrierten als Mitglieder zu bezeichnen. Denn Mitglieder sind sie mitnichten. Stattdessen müssten alle dort Mitmachenden Kunden genannt werden. Dann würde manchen vielleicht ein Licht im Kopf aufgehen, was er oder sie für die Hergabe privater Daten eigentlich geliefert bekommt ausser Illusionen.

Nein, ich habe keine Angst vor dem, was manche Menschen weltweit anrichten. Im Prinzip sind wir doch alle Zeitbomben. Die meisten von uns entschärft der Tod. Aber eine einzige querschiessende Zuckerverbindung im Hirn und schon dreht ein Mensch durch oder ein anderer läuft Amok. Insofern bin vorsichtig und zeige nur zaghaft mit dem Finger auf andere Menschen.

Hinweisen möchte ich noch auf eine kleine, aber feine Ausstellung. Werke verschiedener Künstler in ganz unterschiedlichen Techniken. Darunter befinden sich auch einige meiner Fotografien.

 

(Was die Fotografien mit all dem zu tun haben? Eins anklicken, die Galerie betreten und für jede der Fotografien statt der statistischen vorbeihuschenden elf Sekunden ruhig zwanzig Sekunden aufwenden und genau hinschauen. Der Gewinn wird sich einstellen.)

 

Saugtulpen über Singvögeln seitwärts

Nun ist schon wieder ein Gutteil des Jahres vergangen und endlich hat mich eine aktuelle Scheibe ergriffen. Warum, das wird sich bestimmt noch herausstellen. Bis dahin dreht sich dauerrotierend: Me and That Man – Songs Of Love and Death (2017)…

Vor einigen Wochen erhielt ich den kleinen Zettel. Du könntest mal deinen Petter anrufen. Das letzte Mal begegneten wir uns bei der Beerdigung meiner Got. Auf dem Zettel stand seine Telefonnummer. Ich habe das geplante Telefonat mehrfach hinausgeschoben. Nun ist es zu spät. Der letzte Engel meiner Kindheit hat sich die Flügel umgeschnallt. Mögen sie ihn damit erkennen und gut aufnehmen im Anderland.

Blogs verfolgen, Beiträge zur Kenntnis nehmen, über Kommentare auf dem Laufenden sein – der elektronische Rechenknecht hatte zunehmend zu tun. Und mir wurde die Kontrolle immer lästiger. Dass es auch anders geht, und vor allem, wie man sich wieder Ruhe und feine Freizeit verschafft, dafür danke ich Ihnen weiterhin herzlichst, aber das wissen Sie ja ohnehin.
Der dadurch gewonnene Abstand zur Bloggerei sorgt für schönste Erhellungen. Und andere Lektüren. Jörg Schröder beispielsweise schrieb: „Schreiben Sie wie die Leute reden. Die Leser wollen etwas aus dem Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife bestanden haben“ (Schröder, Kriemhilds Lache).
Und genau dort liegt nach meiner Kenntnis in vielen Blogs der Hund begraben. Da auch ich mich mit meinem Blog in der Öffentlichkeit präsentiere, weiss ich schliesslich, wovon ich rede wenn es um Eitelkeiten geht. Ich bin kein Bewohner von Bloggerhausen. Und die Mentalität der Hingabe für Hergabe ödet mich an. Weniger schreiben und wieder mehr lesen. In Büchern. Und in den Kladden eigener Aufzeichnungen spazierengehen. Tintenhandschriftlich mit Menschen aus Fleisch und Blut verkehren. Der Bildschirm als Gegenüber ist kein Ersatz für das wirkliche Leben.

Im Zug sass mir gegenüber einer dieser typischen Nerds. Notenbuch auf dem Schoss und zwei Handfesseln vor sich. Ein mit beiden Händen dauerbeschäftigter Mensch über Stunden. Normalerweise fällt mir zu solchen Anblicken sofort eine bissige Bemerkung ein. Aber ich habe mich letzthin wieder an das schöne Beispiel von Jesus und dem toten Schäferhund erinnert.
Ich nehme den Mann wahr und siehe, auf dem Deckel seines Kleinrechenknechts pappen einige Aufkleber. Auf einem steht ein Satz, ein Mantra geradezu, das zu den interessantesten Gedankenausflügen anregt: „Es gibt Leute, die glauben, es gäbe eine Cloud. Aber es gibt bloss die Computer anderer Leute.“

Ostern steht vor der Tür. Ich habe viele Gründe froh zu sein. Ich bringe es bloss noch nicht mit dem anstehenden Fest zusammen. Vielleichts wirds noch. Bis dahin meditiere ich den Spruch des Graffitis, den ich letzthin sah: „Leute in meinem Alter sollten sich überlegen, in welchem Zustand die Welt sein soll, die sie Keith Richards hinterlassen wollen.“

(Foto anklicken – die Galerie ist rund um die Uhr geöffnet)