Du erinnerst Dich doch: Ebereschen

Heute Abend dampft das Radio: stone.fm….

 

      Ebereschen  (Gottfried Benn)

Ebereschen – noch nicht ganz rot
von jenem Farbton, wo sie sich entwickeln
zu Nachglut, Vogelbeere, Herbst und Tod.

Ebereschen – noch etwas fahl,
doch siehe schon zu einem Strauß gebunden
ankündigend halbtief die Abschiedsstunden:
vielleicht nie mehr, vielleicht dies letzte Mal.

Ebereschen – dies Jahr und Jahre immerzu
in fahlen Tönen erst und dann in roten
gefärbt, gefüllt, gereift, zu Gott geboten −
wo aber fülltest, färbtest, reiftest du −?

 

 

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Keine Ahnung, welcher Titel da passen könnte

Es ist eine Erinnerung an damals. An jenen heissen Sommernachmittag. In der Plastiktüte eine Doppellangspielplatte. Den Tonarm aufgelegt. Und schon die ersten Töne kamen aus einer anderen, noch unbekannten Welt: Pink Floyd – Umma Gumma (1969)…

Abends am Ufer stehen. Die Familie Kanadagans ist noch vollzählig. Sechs Jungvögel. Eine Junggans hat offensichtlich Probleme mit den Flügeln. Sie kann ihre Flügel zwar aussstrecken, aber an der Stelle des „Ellenbogens“ stimmt etwas nicht. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler. Vorbeigeher äussern bei ihrem Anblick sogleich und lautstark Mitleid. Da muss man doch was tun. Da muss jemand bei der Stadt anrufen. (immer sollen oder müssen die anderen etwas tun, versteht sich) Aufschlussreich, wenn man mit diesen Mitleidenden ins Gespräch kommt. Ihre Denkweisen kennenlernt.
Diesselben emotionalisierten Menschen verzehren heisshungrig Hühnchen und denken sich nichts dabei, dass alle kleinen Hähnchen spätestens bei der Geschlechtsreife anderweitig verarbeitet oder vernichtet werden. Von den Kälbern werden die männlichen rasch verzehrt bis auf wenige Ausnahmen; nur die weiblichen Tiere werden als Milch- und Fleischlieferanten am Leben gelassen. Mit der Geschlechtsreife bekommen die männlichen Tiere einen Hautgout der besonderen Art, einen unerwünschten Geschmack.
Wir haben uns kollektiv soweit von der Natur entfernt, dass vielfach die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr verstanden werden.
Die Junggans mit den verdrehten Flügeln tut sich mittlerweile schwer beim schwimmen. Durch ihr Gewicht hängen die abstehenden Federn im Wasser wie eine Bremse. Und irgendwann wird man das alte Lied singen von dem Fuchs, der die Gans geholt hat.

Zur Zeit erhitzt man sich in den Kulturabteilungen der Zeitungen und in den Literaturblogs über die literarische Seifenoper in Klagenfurt. Ob Busunfälle, Amokläufe, G-20 oder Literaturshows – Hauptsache das Publikum wird vom Wesentlichen abgelenkt. Und somit Jedem das seine und Jeder das ihre.  Während dieser Tage wirft sich die Bachmann in ihrem Brandgrab wahrscheinlich einige Pillen ein und spült sie mit teurem Kognac runter. Ach herrjeh. Und die Schreiberlinge und die Literaturkennerlinge und die Publikumlinge. Und ihr affektiertes und wichtigtuerisches Gewäsch und Geschnatter. Sie sind verzichtbar, da sie nichts leisten für den Fortschritt der Menschheit.
Eines meiner diesjährigen Geburtagsgeschenke waren die Tagebücher 2002 – 2012 von Fritz J. Raddatz. Auf dem Schutzumschlag ist er posend abgelichtet als schillernder Fatzke in diesem Geschäft der Blender. Sechshundertzweiundneunzig Seiten glatt gebügelte Eitelkeit in Pomade. Eine Kostprobe gefällig?
„Ich hatte immer gedacht, eine Geschichte des Rowohlt Verlages kann man, was die 60er Jahre betrifft, nicht schreiben ohne ein GROSSES, tragendes FJR-Kapitel. Kann man aber. Viel mehr als ein Portier war ich dort also nicht.“ (Raddatz, Fritz J.: Tagebücher 2002 – 2012. Rowohlt, Reinbeck, 20142, S.427.)
Und hinter der Nebelwand dieser Scheinwelt regiert das knallharte Geschäft, die Kalkulation, die schmierigen Seilschaften und das faulige Geschacher. Ist das nicht zutiefst lächerlich? Da schätze ich manche Texte in den kleinen Blogs viel mehr. So richtig aus dem Leben eines Menschen aus der wirklichen Welt, dass ich fast vergesse und es mir gleichgültig wird, ob sie wahr oder erfunden sind.

Die Bildung unterteilt die Menschen in Gruppen. Das Geld trennt jeden Menschen von seinen Mitmenschen. Soziale Arbeit? Meine ist derzeit neben anderen das wöchentliche Aufräumen im öffentlichen Bücherschrank meiner Gemeinde. Wie sehr drängt es manche Menschen ihre Bücher loswerden zu müssen? Bücher werden roh in den Schrank gestopft. Andere wühlen und grapschen wahllos. Ich habe darin unlängst einen kleinen Pappband gefunden. Die folgenden Zitate sind daraus: Tucholsky, Kurt: Schnipsel. Reinbeck, Rowohlt, 1973.

„Deutschlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Deutschlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.“

„Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus.“

„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

„Wenn sich in Rußland auch nur ein Achtel der Entführungen, Erpressergeschichten, Bandenüberfälle und Gewalttaten ereignete wie in Amerika –: das Geschrei der sittlich entrüsteten Amerikaner möchte ich mal hören! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung machen, sich auf Reisen anständiger benehmen und im übrigen den Schnabel halten.“

„Ein Künstler braucht keinen Erfolg zu haben. Aber ein Zahnarzt, der nicht von Schmerzen befreit; ein General, der dauernd Prügel bekommt, und ein Wirtschaftskapitän, der nicht weiß, wo Gott wohnt –: diese drei dürften nicht ganz das Richtige sein.“

Erfolgreiche Künstler verdienen freilich mehr. Und wen bewundert man mehr? Denjenigen, dem alles zufliegt, der glatt durchkommt und glänzend dasteht? Oder denjenigen, der aus den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und gegen alle Schwierigkeiten einige Fertigkeiten sich erringt? Umdenken tut Not. Diringend!
Aber in Zeiten des Internet und des Allesumsonsthabenwollen relativiert sich das alles. Um Kunst zu produzieren muss man nicht mehr lange üben, Berge versetzen, Flüsse durchschwimmen oder Brücken bauen und überqueren. Im Notfall erledigt der rücksichtslose Einsatz des Wischtelefons das alles ohne Kosten und Anstrengungen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende mit leuchtenden Erkenntissen.

(Fotografien zur Illustration des Textes. Foto anklicken für einen deutlicheren Hinblick)

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Reduktion : weiterhin gut behütet

Auf Radio Stone.fm einen heissen Titel gehört und spontan die dazugehörige Scheibe besorgt. Da geht die Post ab, die Musik fährt in die Beine: Hot Boogie Chillun – 15 Reasons to Rock´n´Roll (2005)…

Soweit ich mich erinnere, begannen vor einem Jahr auf den Tag genau, die ersten konkreten Schritte des Reduktionsprojekts. Wie oft zuvor schon hatte ich gedacht; man müsste, man sollte und man könnte. Dies und jenes mehr oder weniger halbherzig versucht, manches auch umgesetzt. Jetzt also mit lebendiger Konsequenz aber ohne dogmatische Anwandlungen ins Abenteuer der Reduktion springen.
Ich hätte mir nicht räumen lassen, was daraus in kurzer Zeit entstanden ist. Nein, keine Karriere und keine Anhäufung von Mammon, Es sind die Beobachtungen, die Wahrnehmungen und die Gespräche mit anderen Menschen. Der Gewinn sind die daraus erwachsenden Erkenntnisse. Sein lassen, was nicht weiterbringt und letztendlich lediglich Kraftvergeudung ist.
Die Erleichterung, sich nicht mehr zu beschweren über Kleinigkeiten. Kein Geschwätz über Dritte hinter den Linien. Lernen vom Wissen anderer Menschen. Mut schöpfen. Staunen über das derzeit fast schon pervertierte Kaufverhalten von Konsumenten. Die Freude über die dritte Brut der Amseln im Nest im Efeu. Lebensfreude pur, indem man das Wichtige vom Unwichtigen trennt. Die Aufzählungen liessen sich weiterführen. Noch läuft nichts perfekt. Stolpern gehört dazu. Fallen ist nicht schlimm, sondern liegenbleiben..

Ja, ich kommentiere gelegentlich noch immer in anderen Blogs. Zum Beispiel schrieb ich diesen hier: „Kannibalen waren der letzte Schrei in den frühen Reiseberichten des 16. und 17. Jahrhunderts. Deshalb legten die Verleger auf derlei Grusel & Grauen enormen Wert, das hob schliesslich die Verkaufszahlen. Also in etwa die Blödzeitung für den Adel der frühen Neuzeit. Ich stelle mir gern die indigenen Bevölkerungen vor. Lauschend den Reden der Missionare. Was mögen die Indianer wohl davon gehalten haben, dass wir bei vielen Gelegenheiten unseren Erlöser als Brot aufessen und sein Blut als Wein trinken…“. Dass es die Kannibalen, in der Form, wie sie literarisch tradiert worden sind, so nicht gab, haben Historiker längst erforscht.

Alle reden von Gentrifizierung. Gemeint sind in diesem Kontext meist raffgierige Spekulanten, die Immobilien aufkaufen, um sie zu renovieren oder umzubauen. Durch neuerliche Vermietung oder den Verkauf als Eigentum wird danach ein satter Profit erhofft. Über eine andere Form der Gentrifizierung finden sich Informationen nicht so leicht. Bestimmte Bevölkerungsgruppen kaufen nach und nach Ein- oder Mehrfamilienhäuser in einer Strasse oder einem Viertel in einer kleineren Stadt. Aus verschiedenen Gründen verlieren andere Investoren den Anreiz zum Kauf und für Verkäufer beginnen die Preise ihrer Immobilie zu sinken.
Im Lauf einiger Jahre sind die Immobilien des Quartiers mehrheitlich im Eigentum einer Bevölkerungsgruppe. Kulturwissenschaftlich spricht man von dem Gegenteil von Integration, nämlich der kulturellen Segregation. Ein international bekanntes Beispiel dieses Phänomens sind die weltweit verbreiteten Chinatowns. Hierzulande gibt es meines Wissens keine Chinatown.

Ich freue mich auf die Begegnung mit anderen kreativen Menschen. Die Vernissage findet Morgen um 19:00 Uhr statt.

(Herr Ärmel ist bekannt als der Untertan mit Mantel, Regenschirm und Hut. Die hier präsentierten prächtigen Hüte jedoch befinden sich nicht in den Ärmelschen Hutschachteln. Foto anklicken öffnet, wie immer, die Galerie)

 

 

Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Sonntägliche Kleinstgrossreise

Unkompliziert nur so zum Spass. Siouxsie And The Banshees – Through The Looking Glass (1987)..

Ich habe zweiunddreissig Länder bereist und in einigen davon gelebt und gearbeitet. Vier verschiedene Kontinente. Aber was besagt das schon? Einige wenige dieser Länder würde ich gerne wieder einmal besuchen. Da gibt es noch einige weisse Flecken auf meinen Landkarten. Aber wenn ich ernsthaft darüber nachdenke vermisse ich keines wirklich.

Erst gestern stiegt dieser Gedanke erneut in mir auf, als mir die Fülle bewusst wurde, mit der ich beschenkt wurde.
Eine halbe Autostunde entfernt liegt das kleine Dorf. Knapp 1500 Einwohner. Dreizehn Strassen. Ich war vorher schon hier und suche das Geburtshaus des berühmtesten Bewohners. Den findet man bedauerlicherweise nicht in der Wikipedia unter dem Eintrag des Dorfes. Obwohl er mit seinem Buch „Leben und Schicksale“ (3 Bde. 1792-97) ein wichtiges Quellenwerk zur Zeit geschaffen hat.
Dafür findet man einen anderen. Der hat es weit gebracht als Chemiker, der das Schlafmittel Luminal erfunden hat. Und noch weiter in der NS-Zeit. Wehrwirtschaftsführer. Beteiligt an der Entwicklung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Soman. Hochgeehrt beerdigt in Wuppertal in den 1950er Jahren.

Ich gehe am Judenpfad entlang. Das schlicht umzäunte Rasenstück ist etwa fünfzig Meter lange und fünf Meter breit. Dort stehen mehrere alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Das Dorf liegt im Einzugsgebiet der Shum-Gemeinden (das Akronym für Speyer, Worms und Mainz). In diesen Städten entwickelte sich im Mittelalter ein elaboriertes jüdisches Geistesleben, das bis heute diese Religion weltweit impulsiert.

Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Bahnhof. Bloss die Ortsnamen erinnern an die Endstation der ehemaligen Wiestalbahn. Von hier wurden die Sandsteinblöcke abtransportiert, mit denen beispielsweise die Gebäude des Mainzer Bahnhofs gebaut worden sind.  Ein Stück des Bahnsteigs ist noch erkennbar. Ich verlasse den Ortskern. Am Ortsrand liegt der Friedhof. Der Grabstein des Vaters jenes Chemikers. Er war Landwirt. Wo mag seine Frau Philippina zu Grabe gelegt worden sein. Ihr Name steht nicht auf dem Stein. Hinter dem Friedhof beginnen direkt die Weinberge.

Rheinhessen ist das grösste Weinbaugebiet Deutschlands. Ich wandere durch einen Wingert, der von zwei Seiten von einer Mauer geschützt ist. Im Windschatten der Mauern ist es schon frühsommerlich warm. Ein Summen und Sirren erfüllt die Luft. Mauereidechsen dösen in der wärmenden Sonne. In der Ecke steht ein neugotisches Wingerthäuschen. Vom Dach aus kann man das fantastische Panorama der rheinhessischen Schweiz bewundern.

In einiger Entfernung erhebt sich über einer Sandgrube ein Trullo. Trulli sind Schutzhäuschen, die in Apulien vorkommen. Warum es sie hier in dieser Gegend gibt, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Ausflügler kratzen in den Terassen auf der Suche nach Austern. Vor fünfzig Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Davon ist heute nur der Rhein übrig, der ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt sein Bett gefunden hat.

Zurück im Dorf stehe ich vor einem restaurierten alten Bauernhaus. Ein Schild gibt Auskunft, dass in diesem Anwesen Karl Lahr im Jahr 1885 geboren sei. „Lahr ging 1905 nach London, absolvierte eine Bäckerlehre und engagierte sich in diversen politischen Institutionen. Etwa seit 1915 betrieb er einen Buchladen am Red Lion Square im Herzen Londons. Wenig später war er auch als Verleger tätig. Sein bookshop war Treffpunkt der Intellektuellen Englands und Lahr galt für mehr als fünf Jahrzehnte als populäre Persönlichkeit der Londoner Bücherwelt. Er verstarb 1971 in London.“
Und sofort Fragen über Fragen. Wieso geht einer weg aus diesem Dorf. Und warum ausgerechnet nach London. Wie kommt ein Bäcker dazu, Buchhändler und Verleger zu werden. Noch dazu 1915, also im Krieg. Ein Deutscher in England. Genug Anregungen um zuhause Antworten zu finden.

Während ich meinen Gedanken noch nachhänge, weckt mich das friedliche Murmeln des Wiesbachs. Wie er zwischen den Gärten dahinfliesst mit dem Grasweg daneben. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit in meinem Dorf.
Die verfallende Mauer lässt eine längst vergangene Pracht erkennen. Die Mauer umgibt den Garten des gegenüberliegenden Schlosses. Erbaut von den Wild- und Rheingrafen kam es in der hier sogenannten Franzosenzeit (1972 – ~ 1815) in Privatbesitz. Das Schloss wie auch der ganze Strassenzug könnten genausogut im Elsass stehen. Die Einflüsse sind noch gut erkennbar.

Ein weiteres Schild an einem anderen Haus, das aus der Entfernung betrachtet, eine Gastwirtschaft sein könnte, weist auf Alexander von Humboldt hin. In der Tat übernachtete von Humboldt hier am 12. Oktober 1789. Der zwanzigjährige Alexander von Humboldt war mit seinem Studienfreund Jan van Geuns von der Göttinger Universität zu einer fünfwöchigen Fussreise in Deutschland unterwegs. Van Geuns hat die Reiseeindrücke in einem Buch festgehalten (Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt durch Hessen, die Pfalz, längs des Rheins und durch Westfalen im Herbst 1789.)

Vier Stunden Fussmarsch in einem kleinen Dorf und drumherum. Berühmte und berüchtige Namen, historische Ereignisse, kulturelle Gegebenheiten und erstaunliche Naturwunder. Zusammengenommen ein Kompendium der Merkwürdigkeiten. Dieses Wort vermittelt heute allenfalls noch etwas eher seltsames. Dabei meint es im ursprünglichen Wortsinn nicht mehr und nicht weniger, dass eine Sache oder ein Ereignis würdig ist, be- oder gemerkt zu werden.
Dass hier gelegentlich eine Strasse durch einen Bach führt, hat nichts weiter zu sagen…

(Fotografien anklicken und gross gugge)

 

 

Gold aus Warnemünde

Die aktuellen Scheiben von Magma (Félicité Thösz, (2012), Rïah Sahïltaahk (2014) und Šlağ Tanz (2015) haben mich erschreckt. Viel besser kommt mir in die Ohren: Calexico – Edge Of The Sun (2CD Lim. Ed., 2015)…

Zwei Autoren. Einer ist aufgewachsen und sozialisiert in der BRD. Der andere aufgewachsen und sozialisiert in der DDR. Beide recherchieren. Martenstein wandert dafür sogar ins Gefängnis. Und Peuckert verspielt viele Chancen einer möglichen Karriere.
Der Reihe nach.
Die reifere Jugend erinnert sich noch an die Tagesthemen der ARD. An die vom 9.11.1989. Genau. Günter Schabowskis Pressekonferenz. Und die Jüngeren lernen das mittlerweile im Schulunterricht.
Den beiden Autoren, oder wars bloss einer von den beiden, fällt nämlich eine zeitliche Diskrepanz auf. Warum teilte Schabowski die wichtige Nachricht erst 1989 und nicht schon 1985 den Journalisten mit?

Guttenberg ist mittlerweile Wirtschaftsminister. Das von hat er abgelegt. Ein kluger Zug von Anpassung an proletarische Gepflogenheiten. Sein Hasspegel in der BRD wird nur noch von dem des Hartmut Mehdorn überboten. Der kleine Gregor Gysi hats inzwischen zum Kulturminister gebracht. Und Sascha Anderson ist Chef der Leipziger Buchmesse. Ach ja, und das obwohl er doch inzwischen der Schwiegersohn von Herrn M. Walser geworden ist.
Die Autoren berichten über einen langen Zeitraum. Spielen sich die Bälle zu. Wenn man das so sagen kann. Aktuell spielt die Geschichte im Jahr 2015.
Da kam einiges ins Rollen als Günter Schabowski die welterschütternde Nachricht verlas: „Soeben wird mir mitgeteilt, dass an der Ostseeküste der Deutschen Demokratischen Republik umfangreiche Erdölvorkommen entdeckt worden sind. Nach den Angaben unserer Geologen handelt es sich um die grössten bisher bekannten Lagerstätten der Erde. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat sich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, dass ab sofort Öl zu Verfügung steht.“ … Pause. Stimmengewirr. Fragen. „Soweit ich weiss, gilt das ab sofort. Unverzüglich.“

Inzwischen wird ja versucht, diese unglaubliche Neuigkeit umzudrehen. Das wird teilweise so absurd, dass man die Bevölkerung Glauben machen will, die beiden deutschen Staaten wären wiedervereinigt. Inzwischen soll es schon Menschen geben, die das glauben.
Die sollten mal Herrn Guttenberg, den Wirtschaftsminister der DDR dazu befragen. Oder Herrn Mehdorn. Der hat Robotron zum weltweit führenden Computerhersteller gemacht. Und dafür einen Vorstandsposten bei der Bahn sausen lassen.
Die Autoren versuchen die Geheimnisse der Erdölförderung aufzudecken. Sie sprechen mit ganz unterschiedlichen Menschen. Und immer hat irgendjemand irgendwie die verhindernden Finger im Spiel. Herr Kasner, vormals Pfarrer, vermisst seine Tochter Angela. Die verschwand nach ihrer Heirat mit einem gewissen Herrn Merkel. Sie wird in Bautzen vermutet. Darüber will aber niemand sprechen. Und etwas genaues weiss sowieso niemand.
Für einen nächsten Termin nimmt Martenstein fünf Kilo Gras im Koffer mit. Die Grenzkontrollen sind zwar ziemlich lasch, aber er wird prompt erwischt. Die Leute in der DDR sollen trinken und nicht rauchen. Martenstein bringt das ins Gefängnis. Auch Peukert bekommt genug Schwierigkeiten. Und verarmte Menschen aus der BRD reissen sich um ein Arbeitsvisum für die DDR.

Martenstein, Harald; Peuckert, Tom: Schwarzes Gold aus Warnemünde. Aufbau atb, Berlin 2016.

Zum Schmökern habe ich eigentlich garkeine Zeit. Von wegen Reduktion und so. Dennoch warens für mich 256 durchweg kurzweilige Seiten.