Steinernes Herz und wuchernde Assoziationen

Als Heranwachsender konnte ich nur wenig mit Soul anfangen. Zwei, drei Nummern fand ich mitreissend, aber meine Musiken kamen aus anderen Studios. Aufgrund des grossartigen Berichtes bei arte.tv über das Stax Label in Memphis läuft derzeit: The Complete Stax Volt Singles 1959-1968 (9 CDs / 1991)…

Wir diskutierten wie fast an jedem Samstag vormittags um Gott und die Welt. Er war einer meiner wegweisenden Lehrer ins Leben. Er liess mir den Raum, mich mit ihm über ganz unterschiedliche Themen auseinanderzusetzen. Er korrigierte meine juvenil rozigen Ansichten nur mässig. Wenn ich mich gar zu sehr in einen unausgegorenen Gedanken hineinmanövriert hatte, konterte er meist mit einem ziemlich provokanten Satz. Manche dieser Sätze begleiten mich noch heute.
Als lausiger Schüler kam ich zu ihm ins Haus. Meine Eltern hofften wohl, er würde es schaffen und mir dabei helfen, meine miserablen schulischen Leistungen zu verbessern. Er war Naturwissenschaftler und hatte sich einen Namen gemacht auf seinem Fachgebiet. Daneben war er sozial engagiert und hielt schon Ende der 1950er Jahre Vorträge, zum Beispiel über „Die geheimen Verführer“ von Vance Packard. Das war ein Werk, das sich kritisch mit den Methoden der Werbeindustrie und der daraus folgenden Beeinflussung des Unterbewusstseins der Konsumenten auseinandersetzte.

Aufgrund seiner Kenntnisse und Interessen bemerkte er wohl ziemlich rasch, dass es mir nicht an intellektueller Stärke mangelte. Hier lag ein deviantes Verhalten vor, verursacht durch die häuslichen Verhältnisse, durch Aufzucht und Erziehung. Er mag daraus den Schluss gezogen haben, dass Nachhilfe in meinem Fall nichts nütze und sprach also mit mir. Keine therapeutischen Gespräche und doch bot er mir die beste Therapie. Gab mir beispielsweise Lesehinweise. So begeisterte und motivierte er mich für Literatur, Philosophie, Psychologie und Geschichte.
Das meiste freilich zu früh für den grossen Buben, der ich damals noch war. Aber immerhin wurden auf diese Weise wertvolle Grundsteine gelegt. Er begleitete mehrere meiner Schulwechsel und war durch unsere spätnachmittäglichen Gespräche zu einer wichtigen Bezugsperson für mich geworden.

Ich wurde älter und wir trafen uns mittlerweile samstagsvormittags in der Küche seiner Familie. Wir tranken Bier und er kochte. Und er konnte kochen. Hausmannskost. Viel grundlegendes über das Kochen habe ich dabei gelernt. Irgendwann in dieser Zeit hatte er mir das Du angeboten. Es war eine Zeit, als Kinder und Jugendliche die Erwachsenen noch per Sie ansprachen.
An einem dieser Samstage wies er mich anlässlich der Veröffentlichung von Zettels Traum auf Arno Schmidt hin. Erzählte mir schier Unglaubliches von diesem Autor. Der Haken sass im Bewusstsein und ich kaufte mir gleich ein Taschenbuch dieses Autors. Unlesbar! Eine unmögliche Orthographie, die Interpunktion wie Kraut und Rüben. Aber irgendwie doch originell. Und vor allem witzig.

Kurze Zeit später las ich „Das steinerne Herz“ von Schmidt. Die Fabel ist, wie meist bei Schmidt, recht schlicht gestrickt. Die Kunst hingegen bestand im Aufbau des Textes und der eigenwilligen Schreibweise. Zwei Geschichten in einer. Oder vielleicht doch drei.
Naja, meinte er, der Schmidt hat ja schon allein beim Titel einige Anspielungen gemacht.
Ich verstand nicht.
Also, erstens ist Das steinerne Herz eine Geschichte von E.T.A. Hoffmann und dann ist da die Assoziation zum Kalten Herz von Wilhelm Hauff.
Ich muss die Augen ziemlich weit aufgerissen haben.
So ist das schon bei den Titeln von Arno Schmidt. Wir haben uns letzthin doch über Zettels Traum unterhalten. Zettel ist der Weber im Sommernachtraum von William Shakespeare. Allerdings in der Übersetzung von Wieland, die fast nicht zu finden ist.
So werden kleine Haken ausgelegt, die einen Heranwachsenden neugierig werden lassen.

Das Steinerne Herz ist der erste deutsche Nachkriegsroman, in dem sowohl die BRD als auch die DDR eine Rolle spielen. Und beide Staaten kriegen auch gleich ihr Fett weg. In der kunstvoll verschlungenen Handlung geht es neben anderem um zwei Liebesbeziehungen. Die Haupthandlung des Romans spielt in Ahlden. Und da Schmidt sich selbst einmal als Polyhistor bezeichnete, ist es nicht verwunderlich, dass er eine historische Liebesbeziehung in seinen Roman auch gleich noch mit einbaute.

Es handelte sich um die aussereheliche Beziehung zwischen Sophie Dorothea Herzogin von Braunschweig und Lüneburg und Philipp Christoph Graf von Königsmarck. Sophie Dorothea wurde gegen ihren Willen mit ihrem Cousin Herzog Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg verheiratet. Herzog Georg wurde der spätere engliche König Georg I. Das Paar entfremdete sich schnell und Sophie und Königsmarck begannen eine Liason. Diese wurde entdeckt. Georg Ludwig verlangte die Scheidung und einen erheblichen Teil des Vermögens seiner Frau. Königsmarck verschwand spurlos und Sophie Dorothea wurde 1694 auf Schloss Ahlden gefangen gesetzt. Sie lebte unter Hausarrest bis zu ihrem Tod 1726. Von Königsmarck, General Augusts des Starken, wurden niemals sterbliche Überreste gefunden und Sophie Dorothea ging als Sophie von Ahlden in die Geschichte ein.

Mich begeisterten die Texte Schmidts zunehmend. Ich las seine frühen Romane und seine literaturgeschichtlichen Dialoge. Wieder einmal klackten samstagsvormittags die Schnappverschlüsse der Bierflaschen und ich entwickelte eine Theorie, die ich wahrscheinlich kühn fand, aber mein Gegenüber blieb kühl zurückhaltend.
Sei vorsichtig mit dem assoziativen Denken. Da lassen sich schöne Gedankennetze flechten und Texte konstruieren. Aber im richtigen Leben braucht man die Kräfte von Imagination, Inspiration und Intuition.
Er erklärte mir geduldig und beantwortete meine Fragen ausführlich.

Ich habe im Lauf meines Lebens seine damaligen Ausführungen sehr oft wertvoll anwenden können. Dennoch ist es hin und wieder eine Lust, sich auf das assoziative Trampolin der Möglichkeiten zu begeben.

Vor vielleicht zwei Jahren entdeckte auf einem Blog, der inzwischen für die Öffentlichkeit gesperrt ist, das Lied einer englischen Folk-Rock-Band. In deren Repertoire findet sich ein Lied, das sich auffallend von ihrem sonstigen Kompositionen abhebt. Bei jenem Blogbesuch fiel mir jener Song wieder ein. Bis dahin hatte ich nicht auf den Text geachtet. Beim erneuten Hören stellte ich jedoch schnell fest, dass ich eigentlich fast garnichts verstand.
Ich suchte mir den Text und konnte es kaum glauben.
In dem Text geht um den Einzug von Herzog Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg als King George I. nach England. Ich fand den Text so toll, dass ich ihn übersetzen wollte. Fand auch rasch heraus, dass es sich um eines der bitterbösesten Spottlieder seiner Zeit handelte. Das Singen des Textes als auch das blosse instrumentale Spielen war bei leibpeinlichen Strafen verboten.
Inzwischen gibt es auch eine deutsche Wikidemikerseite zu diesem Lied. Darauf auch eine deutsche Übelsätzung des schottischen Textes. Zu einer treffenderen Übertragung des Textes mag ich mich nun nicht mehr entschliessen.

Um jedoch den Lesern meines Blogs das Vergnügen des Textes eines schönen alten Spottliedes, seiner spritzigen Melodie und der Geschichte drumherum nicht vorzuenthalten, verlinke ich hier zu dem Beitrag in der Wiki.

Eine neuere Liveeinspielung aus dem Jahr 2004 ist hier zu sehen und zu hören:

Wer spasseshalber gerne weiter assoziieren möchte, dem sei mitgeteilt, dass der Bandname Steeleye Span auf den Fuhrmann John „Steeleye“ Span zurückgeht. Dieser wiederum ist eine besungene Figur in dem alten englischen Volkslied „Horkstow Grange“.
Es gibt inzwischen auch mehrere Romane in historischem Gewand, die sich an der Königsmarck-Affäre entlangschreiben.
Im Jahr 2016 wurden im Schloss zu Ahlden bei Bauarbeiten im Mauerwerk Skelettteile gefunden. Nach eigehenden Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass sie nicht von Philipp Christoph Graf von Königsmarck stammen.

 

 

 

 

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Sommergarten Schaubudensommer Sommernächte

Zur Zeit auf Abschiedstournee ist Eric Burdon. Er war und ist einer meiner musikalischen Hausgötter. Als ich aus meiner Kleinstadt nach Berlin gekommen bin zur Ausbildung fotografischer Fertigkeiten erschien gerade dieses Album mit einer genialen Neueinspielung eines meiner ewigen Lieblingslieder: „When I was young“. The Eric Burdon Band – Sun Secrets (1974)….

Im Garten blüht und wächst es. Kräuter, Salate und Gemüse. Schokoladencosmeen, Rosen und Clematis. Mädchenaugen in betörend leuchtendem Gelb. Violette Sonnenhüte, Farbige Vielfalt bei Löwenmäulchen und Kornblumen. Im Steinbecken der Schachtelhalm und dazwischen Rohrkolben. Libellen und Girlitze. Die kleinen Kröten bemerkt man erst, wenn sie aufgeregt davonhüpfen. Erdbienen laben sich am Borretsch, Holzbienen bohren fleissig Gänge für ihre Nester ins Altholz.
An den Tränken netzen sich die Wespen und die Libellen tanzen dazu. Und im täglich früher einsetzenden Nachtdunkel zickzacken Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten. Der Amselmann besingt sein Revier vom höchsten First. Ich liebe den Sommer.

Dass derzeit einige heissere Tage den Schweiss treiben, besorgt mich weniger als die weltweit zunehmende Rodung von Wäldern. Die Bäume sind für die Erde, was die Haare auf dem Kopf eines Menschen sind. So sprach eine alte Frau vor Jahren. Denn Bäume beziehungsweise Wälder sind bewährte Windstopper. Wenn sie weniger werden, werden Brisen zu Winden und Winde zu Stürmen. Aus Waldbränden werden dann rasch Feuerstürme.

Es ist mir immer wieder erstaunlich, dass manche Bücher ihre Zeit brauchen. Nach über zwanzig Jahren las ich erneut „Der leidenschaftliche Gärtner“ von Rudolf Borchardt. Im Vorwort schreibt er, „man erwarte […] kein Buch, das, die Pfeife im Mund, die Gießkanne in der Hand und den Strohhut auf dem Kopf, entstanden ist, das nur eine stille, sanfte und freundliche Liebhaberei spiegelt.“
Es handelt sich um keine Anleitung zum säen, pflanzen oder anbauen. Borchardt trägt seine Kenntnisse und Erfahrungen in Form von essayistisch formulierten feinen Gedankengebäuden vor.

Borchardt verliess als Jude sicherheitshalber Deutschland bereits im 1933er Jahr. Er liess sich in Italien nieder und bewohnte alsdann vorwiegend Landhäuser mit entsprechenden Gärten, in denen er praktische Erfahrungen sammelte.
Aufschlussreich und für mich ungemein anregend finde ich seine folgende Überlegung. Die Geschichte der Menschheit beginnt in einem Garten. Gärten haben in verschiedenen Mythologien eine starke metaphorische Bedeutung. Die Menschheit ist jedoch durchweg nicht in der Lage, diese Gärten in angemessener Weise zu bewohnen. Daraufhin erfolgt ihre Vertreibung.
Nun versucht der Mensch, die Ordnung des verlorenen Gartens wieder herzustellen. Was natürlich nicht gelingen kann. Denn die Natur ist nicht ordentlich im menschlichen Sinne. Die Natur ist üppig und verbreitet sich chaotisch. Immer auf der Suche nach bestmöglicher Anpassung zur Erhaltung der eigenen Art. Davon zeugt auch die Vielfalt der Formen und Farben nur einer einzigen Art.
Wenn ich diese Gedanken weiterdenke und praktisch darauf anwende, wie wir heute mit der Natur – oder dem, was wir dafür halten, umgehen, dann schwindelt mir. Noch nie ist mir die Menschheit in diesem Treiben so überflüssig vorgekommen.

In der Hitze der Nacht. Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt. Wir warten lediglich noch auf die Mitternacht und die tägliche Überraschung. Gestern zogen wir einige Strassen weit hinter einer Musikkapelle her. An einer kleinen Kreuzung verharren die Musiker und zeigen auf die schräg gegenüber liegende Hausecke. Auf dem Geländer des Balkons im ersten Obergeschoss sitzen das Schwein Steffi und daneben das Wildschwein Torsten. Figuren des genialen Michael Hatzius. Es dauert keine Minute und das Pflaster dröhnt vom Gelächter der Zuschauer.

Aber heute geht kurz vor Mitternacht ein böses Wetter nieder. Viele Besucher verlassen schlagartig das originell dekorierte kleine Festivalgelände, das rund um die Kulturscheune aufgebaut ist.
Lass uns warten, bis das Unwetter aufhört, dann gehen wir bettwärts.
Geht noch ein Bier?
Ein Bier geht sicher noch!
Die Preise sind gemessen an anderen Festivals dieser Art durchweg günstig. Wir stehen und warten. Auf den Bierbringer. Und auf das Ende des Regengusses. In einer Ecke steht ein Akkordeon auf einem Stuhl. Die Bühne misst keine fünfzehn Quadratmeter. Eine Frau quietscht klarinett. Das Schlagwerk ist niedlich. Beeindruckend wie immer, der Kontrabass.
Wir trinken unser Bier und unterhalten uns. Kleine Gruppen und gute Gespräche brauche ich wie Wasser und Brot. Und wenn es dann noch so herzliebe Menschen sind. Ein kleine Frau ergreift die Violine. Ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Das klingt irgendwo zwischen Jean-Luc Ponty und Jerry Goodman. Und schon legt das Quintett los. Die Beine wippen sofort mit.
Wer holt uns noch ein Bier?
Unsere Entdeckung in dieser musikalischen Nacht: Herje Mine.
Wir werden noch einige Biere zu uns nehmen in dieser Nacht.

W.G. Sebald schreibt in einem Essay, er habe in einer Studie Sigmund Freuds gelesen, „dass das innerste Geheimnis der Musik eine Geste sei zur Abwehr der Paranoia; dass wir Musik machen, um uns zur Wehr zu setzen gegen die Überflutung durch die Schrecken der Wirklichkeit.“ Wenn ich denke, wie mein Umgang mit Musik seit jeher ist. Und tanzen? Mähneschütteln vor Jahrzehnten und die unvermeidliche Luftgitarre. Aber geh mir weg mit einer Tanzstunde. Revanchistische bourgeoise Ablenkungen von den politischen Notwendigkeiten unseres Alltags. So sprachen wir Besserwisser und wusstens doch nicht besser.
Fernando, ein Exilkubaner, verdiente sich in Ecuador als Tanzlehrer sein Auskommen. Wir waren dort eine kleine international zusammengewürfelte Gruppe. Er wurde unser Salsalehrer. Europäer und Salsa. Eine merkwürdige Mischung. Ich sehe seine steilen Stirnfalten sofort vor mir. Und ich bin tanzunbegabt. Zumindest, was vorgeschriebene Schrittfolgen betrifft. Anarchie in Sachen Rhythmus.
Bei den Deutschen beispielsweise, meinte Fernando, kannst du an ihrer Art zu tanzen, erkennen, wie sie vögeln. Ich bin bei ihm beileibe kein Salsero geworden. Kapiert habe ich jedoch, dass beim Tanzen die Bewegungen zwischen dem Herz und Becken entstehen. Selbst bei stark normierten Tänzen. Daran dachte ich, als ich all die aufgeklärten Bühnenumsteher bei der vorwärts treibenden Musik von Herje Mine gesehen habe. Aber nur kurz. Denn wir tanzen zu der mitreissenden Musik und schwelgen in praller Lebensfreude. In unserem Nachtasyl können wir auch später noch einlaufen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein fantastisches Wochenende.

(Aufgenommen in der Dresdner Neustadt)

 

Lektüre:
Rudolf Borchardt: Der leidenschaftliche Gärtner.
W.G. Sebald : Campo Santo.

Musik:
Herje Mine: Balkalagan (2018). Das ist ihre erste Scheibe. Und hoffentlich nicht ihre Letzte.

 

 

Rekurs auf den Laden. (Von wegen Reduktion)

Schallplatten, die ich in der Mittagshitze nach der Schule gekauft habe, und deren Klänge mir bei ähnlichen Temperaturen noch heutzutage ähnlich angenehme Gefühle wachrufen wie damals: Pink Floyd – Umma Gumma (1. LP, 1969). Und wenn jetzt gleich die Fenster für einen Hauch Frischluft geöffnet werden: Roxy Music – For your Pleasure (1973). Und danach noch Cockney Rebel – The Psychomodo (1974)…

Ich habe heute den letzten Band von Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ beendet. Wer sich für das dörfliche Leben zwischen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, ist mit den vielfältigen und detailreichen Schilderungen gut bedient.
Die Trilogie wurde auch verfilmt. Die ersten beiden Teile sind nahe an den beiden Büchern. Sie lassen erahnen, dass die Lektüre dennoch lohnt. Die Verfilmung des dritten Bandes ging meiner Meinung nach in die Hose. Da wurden Inhalte derart umgearbeitet, dass manche Szenen wie aus dem Zusammenhang gerissen scheinen.

Mir hat die Fabel der poetisierten Selbstlebensbeschreibung von Erwin Strittmatter (1912 – 1994) insgesamt sehr gut gefallen. Ich werde weitere Werke von Strittmatter lesen. Seinerzeit war er einer der auflagenstärksten Autoren in der DDR. Ebenso hoch dekoriert wie umstritten. Allein das stärkt den Wunsch nach mehr Material.
Beim Lesen wurden die eigenen Schleusen der Erinnerung zunehmend geöffnet. Kindheits- und Jugenderlebnisse leuchteten plastisch vor dem inneren Auge auf. Freuden, Ängste. Erste Verliebtheiten und die Auffahrt zur Landstrasse der Erwachsenen.

Es mag durch die bereits hochsommerlichen Temoeraturen hervorgerufen worden sein. Die frühen Urlaubsfahrten nach Italien. Genauer nach Fano, seinerzeit das bevorzugte Seebad des Imperators Augustus (63 v.Chr. – 14 n.Chr.).
Schon die Autofahrten dorthin. Heute schafft man mit einigen grünen Ampeln die 1000 Kilometer lange Strecke in einem halben Tag. Damals. Morgens um drei Uhr aufstehen. Cholerik und Aufregungen. Endlich war die Karawane aus mehreren Familien am Treffpunkt versammelt. Routenbesprechungen und Zigarettenqualm.
Der Innendruck in unserem Wagen nahm während der Fahrt regelmässig zu. Meine erste Magenentleerung füllte mein Strohhütchen vom letzten Jahr. Anhalten unmöglich, das hätte auf den Reisegeschwindigkeitsdurchschnitt gedrückt und die Karawane bedenklich auseinandergebracht. Jährlich verschiedene Routen wählten die jungen Familien der Abwechslung zuliebe. Die Fahrer wahrscheinlich auch, um an den Hochalpenpassstrassenüberquerungen ihre Fahrkünste unter Beweis zu stellen. Einige Strassen waren vor Mitte der 1960er noch nicht asphaltiert. Staubwolken. Kraftwagen mit Bremsausfällen oder kochenden Kühlern waren häufig am Strassenrand zu sehen. Grenzkontrollen. Benzingutscheine. Obstverkäufer am heissen Asphaltrand.

Auf den Fahrten lernte ich Orte und Namen kennen, an die ich mich noch heute gut erinnern kann. In Salurn (Salorno) gibts den Schwarzen Adler (Aquila nera) noch immer. In der Bar habe ich in den 1980er Jahren mit meiner Ducati eine längere Rast eingelegt. Como Milano Bologna Pescara Rimini Ancona. Nummerschilder merken. Automarken. Fiat Alfa Romeo Lancia. Einen Maserati oder Ferrari habe ich nie gesehen. Vom Kauf eines Maserati Ghibli GT habe ich später aus Vernunftgründen Abstand genommen. Das ehemalige Ställchen mit meinen Ducatis beschert mir noch heute schöne Erinnerungen. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?.

Und dann Fano. Der Albergo Giardinetto. Der erste Besitzer, mit dem wir in Kontakt kamen, fuhr einen Fiat Topolino. Er bediente die Gäste bei den Mahlzeiten. Pasta Asciutta. Lasagne. Minestrone. Gelati Motta.
Pizza lernte ich erst einige Jahre später in Deutschland kennen. Meine Patentante war italienverzückt. Abends waren Gäste eingeladen. Zur Musik von Rocco Granada (buona notte) oder Robertino (Tintarella di Luna) gabs selbstgebackene Pizza. Die italienischen Gastarbeiter schufteten da noch auf dem Bau oder bei Opel. Die erste Pizzeria hier am Ort öffnete ungefähr 1966.
Agip Supercortemaggiore – alleine dieses Wort fehlerfrei auszusprechen verlieh die Kraft des fuerspeienden sechsbeinigen Hundes auf dem Logo. Wie entsteht die Liebe zu einem Land?

Das Strandleben. Dauernde Einölereien gegen Sonnenverbrennungen waren lästig. Das Spiel mit anderen, vorwiegend einheimischen Kindern. Man machte einfach mit. Es gab diese Plastikugeln. Im Durchmesser etwas kleiner als Tischtennisbälle. Die untere Hälfte war farbig. Rot, grün, gelb oder blau. Die obere Hälfte war transparent. In der Mitte war ein Bildchen mit dem Portrait eines Radrennfahrers eingelegt. Ich wusste nichts davon. Anquetil? Als ich im Jahr darauf im Wuschellädchen eine Kugel mit dem Portrait von Rudi Altig erwischte, da dämmerte es mir. Jacques Anquetil.

Eine kleine Horde von fünf bis zehn Buben traf sich morgens am Strand. Dann wurde eine Rennbahn im Sand gebaut. Mit Ausdauer, Geschick und viel Gerede. Die zwei, drei Touristenbuben wurden als Mitspieler stillschweigend akzeptiert. Weniger als Bahnbauer. Aber beim Spielen gabs keine Querelen. Die Sandbahn mit Brücken und kleinen Tunneln ähnelte einer Bobbahn mit erhöhten Rändern. Wer an der Reihe war, legte schnippte seine Kugel vom erhöhten Rand in den Rundkurs. Eine immer wiederkehrende Freude in Jahren meiner Kindheit. Gewonnen habe ich niemals ein Rennen. Was löst sie aus, die Liebe zu einem Land?

Der Hotelier organisierte für die Gäste seines kleinen Albergo jedes Jahr einen Ausflug ins Landesinnere. Da ging es mit einem Bus im Tal des Metauro hoch in Richtung Urbino. Auf einem halbverlassenen Bauernhof (fattoria oder masseria?) wurde angehalten. Zwei lange Tischreihen im Freien. An Spiessen überm offen Feuer schmurgelten Hühner und Fleischstücke. Karaffen mit Rotwein. Wasserkrüge. Essen, Trinken, Lachen und mit einbrechender Dunkelheit spielten ein paar Musikanten zum Tanz auf. Aranciata für die Kinder. Die kleinen Kugelflaschen gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr. Eltern konnten von ihrem Kind enorme Leistungen für ein Fläschchen fordern. Welche Bilder befördern die Liebe zu einem Land?

Die sehr vornehme römische Familie trafen wir auch mehrere Urlaube lang jedes Jahr. Die Tochter war sicherlich einige Jahre älter als ich. Das wurde mir aber erst anfang der 1970er Jahre bewusst, als ich eher durch Zufall noch einmal meine Ferien im Albergo Giardinetto verbrachte. Die Tochter war jedenfalls wunderschön. Noch heute denke ich unwillkürlich an diese feine Jugendliche wenn ich die „Iphigenie“ von Anselm Feuerbach sehe. Was befeuert die Zuneigung zu einem Land?

Eines morgens muss das Sandbahnspiel am Strand besonders spannend gewesen sein. Die Rufe meiner Mutter hatte ich nicht gehört. Wohl aber die beiden schallenden Ohrfeigen.
Die hatte ich wohl gespürt. Aber einige ältere Frauen hatten gesehen, was da einem kleinen Jungen geschieht. In schwarzen Kleidern mit nackten Füssen sprangen sie aus ihren Liegenstühlen und keiften meine Mutter an. Lautstark. So laustark, dass sich Publikum ansammelte. Mein Vater und seine Freunde nahmen vielleicht einen Campari am Morgen. Von denen war keiner da. Die älteren Frauen waren klasse.
In den folgenden Jahren hatte ich in der italienischen Öffentlichkeit keine weiteren Schwierigkeiten mit meinen Eltern. Selbst dann nicht, als ich zwei Jahre später beim Muschelsammeln versehentlich auch eine noch halblebende für die Rückfahrt mit einpackte. Es stank schon einige Zeit. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis man in Koffern und Taschen räumte und die Quelle des Übelgeruchs fand. Das Strohhütchen von der Herfahrt war nicht mehr zu retten. Im nächsten sollte es ein neues geben. Oder ein paar Schuhe. Echt italienische Herstellung.

Es gibt eine Liebe, die macht weder hungrig noch durstig. Mit der geht man auch ohne Schuhe durchs Leben.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern fröhliche Tage.

 

(So wenig wie in diesem Jahr habe ich schon lange nicht mehr fotografiert.)

 

 

 

 

In den Zeiten als das Wünschen noch geholfen hat

Samstagmorgen, geduscht, erfrischt und zu einem frugalen Frühstück die passende Mussigg. Leider fand ich bloss dieses eine Stück. Deshalb anschliessend, einer Bekanntmachung folgend: Prinzip – Der Steher (1980)…

 

Eine Chronik schreibt nur Derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist. (J.W. v. Goethe, Maximen und Reflexionen)

i) In der Küche. Die Urgrossmutter Kättche sitzt in ihrer blauen Kittelschürze am Küchentisch. Auf ihrem Schoss hält sie die weisse Emailschüssel. Sie schnippelt Bohnen. Grüne Bohnen. Meine Erinnerung will mich auf ihrem Schoss sitzend sehen. Einerseits stand da aber bereits die Schüssel. Andererseits waren die älteren Frauen zu wahrhaft artistischen Meisterleistungen imstande. Mit einem scharfen Messer bewaffnet, einen mächtigen Laib Brot an sich geklemmt, schnitten sie eine Scheibe Brot akkurat ab, ohne sich selbst dabei eine Brust zu amputieren.
Neben dem Küchenfenster die Balkontür wies nach Osten. Mein Blick endete an den Bauernhöfen im alten Ortskern.
Die Greisin ging bedächtig ihrer Beschäftigung nach. Es war ruhig in der Küche. Sie räusperte sich ein, zwei Male. Dann begann sie zu erzählen: Es war einmal…
Die an manchen Stellen welligen Ziegeldächer und das schiefe Fachwerk jahrhundertealter Giebelwände verschwammen vor meinem Blick und auf meiner inneren Leinwand schaute ich die famosen Bilder der Märchen, die sie mir erzählte. Immer und immer wieder. Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen und das mir liebste Märchen: Tischlein deck dich. Sie schöpfte die Sprache aus ihrem Inneren und half mir nichtsahnend dabei, grossartige Bilder aus meinem kindlichen Inneren zu schöpfen.
Ihre Stimme glitt episch getragen im Erzählstrom. Ohne Aufregung oder gar Dramatisierung. Ich sah dabei Bilder, die mir guttaten. Manche kann ich noch heute aus meinen Tiefen aufsteigen lassen. Das siebte Geisslein im Uhrenkasten. Die geschorene Ziege. Rotkäppchen und die Grossmutter, wie sie aus dem Bauch des Wolfs springen. Die anschliessende Operation des Wolfs durch den Jäger hat sich mir nie zu einem sichtbaren Bild geformt. Von wegen Brutalität im Märchen. Die findet allenfalls in der Vorstellungswelt von Erwachsenen statt.

ii) Später lernte ich lesen in dem alten Märchenbuch mit den Illustrationen von Else Wenz-Vietor. Im Untertitel versprach es Die fünfzig schönsten Märchen von Grimm, Andersen, Bechstein und aus Tausendundeiner Nacht. Wie es in unser Haus kam konnte mir niemand mehr sagen. Wie es Jahre später hingegen verschwand, das weiss ich noch. Mein jugendliches Bücherbrett wurde zu schmal für die Neuzugänge. Und so musste ich Entscheidungen treffen.

iii) Als Schulkind entschwanden mir die Märchen. Josephine Siebe ist heute allenfalls Kinderbuchsammlern noch ein Begriff. Bis vor etwa dreissig Jahren noch wurden ihre erfolgreichen Kasperlebücher immer wieder neu aufgelegt. Eine hölzerne Kasperlefigur erwacht zum Leben. Die zeitlich abfolgende Geschichte in den Büchern unterscheidet sich trotz der scheinbaren Nähe zu Pinocchio erheblich in ihren Motiven und Handlungssträngen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft ich diese Bücher gelesen, ja geradezu verschlungen habe. Habe mich mitgefreut und habe mitgelitten. Hier habe ich ausdauerndes Lesen gelernt. Und dabei Trost gefunden in einer oftmals grausamen Kindheit.

iv) Spätpubertät. Einige Mitbewohner in unserer WG lasen ebenfalls sehr viel. Mit entsprechend progressivem Bewusstsein versteht sich. Eines Tages lag auf dem Küchentisch ein Taschenbuch. Iring Fetscher – Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Die Halbwertzeit der von Fetscher umgedeuteten Märchen war relativ kurz. Die bourgeoisen Herrschaftsträume des tapferen Schneiderleins oder die Deflorationsphobie von Dornröschens Vater waren wenig bildmächtig. Am ehesten trafen den Lachmuskel noch die Bremer Stadtmusikanten als ein Rentnerkollektiv, das ein Haus besetzt. Vielleicht auch nur, weil wir selbst gelegentlich Leute in besetzten Häusern besuchten oder unterstützten.
Mein erstes Studium habe ich mit einer Diplomarbeit zum Thema Märchen abgeschlossen.

v) Die eigenen Kinder waren mittlerweile ins Märchenalter gekommen und das alte Interesse erwachte erneut. Nebenberuflich begann ich eine Ausbildung zum Märchenerzähler. Bei verschiedenen Gelegenheiten erzählte ich auch öffentlich Märchen. Lustig war ein Flash Mob (ein Wort, das zu jener Zeit noch garnicht existierte) als wir in einer Gruppe den Eisenhans vor der Kirche einer Kleinstadt aufführten.
Was mich bei alledem jedoch am meisten interessierte, waren einerseits die Bilder in den Märchen und andererseits die Strukturen der Texte. Dies führte zu Fragen, z.B. warum in manchen Kulturen eher Tiere oder Pflanzen im Mittelpunkt der Erzählung stehen, in anderen hingegen Menschen auftreten. Der Tor zur Märchenarbeit mit Erwachsenen stand nun offen.

vi) Mit meinem Interesse und der Beschäftigung mit Volksmärchen war ich nicht allein. In den 1980er Jahren fanden die Märchen eine neuerliche rege Beachtung. Psychologische Ausdeutungen oder esoterische Sichtweisen wurden hoffähig. Ein Markt bildete sich und Konsumenten waren rasch bereit, glänzendes Gold hinzugeben für stumpfes Salbadern oder mysteriöse Auslegungen.
Ich habe Gesprächsgruppen geleitet. Kindergärtnerinnen versucht zu motivieren, in ihren Gruppen Märchen zu erzählen. Und in persönlichen Coachings wirkten die (vermeintlich harmlosen) Märchenbilder enorm kraftvoll.

vii) Was mich derzeit intensiv beschäftigt, ist das Thema der Verwünschung. In den Volksmärchen werden ganz verschiedene Arten der Verwünschung dargestellt. Diese Verwünschungen als Bild an sich betrachtet sind weder positiv noch negativ. Sie stellen oftmals die Initialzündungen für sich anbahnende Entwicklungsprozesse dar. Häufig sind diese Verwünschungen als solche garnicht zu erkennen. Auch das Verhalten der verwünschten Protagonisten ist in vielfacher Weise literarisch ausgestaltet. Zu beachten ist jedoch, dass in keinem mir bekannten Märchen alle Aspekte einer Verwünschungen detailliert geschildert werden. Dagegen werden bestimmte Facetten augenscheinlich vorgeführt, wie das auch bei anderen Themen in den Märchen meisthin der Fall ist.
Meine Frage ist, ob es möglich sein könnte, dass Eltern oder andere direkte Bezugspersonen in ihrem Zusammenleben mit Kindern oder auch Jugendlichen, diese bewusst oder unbewusst verwünschen (müssen), um damit eine Entwicklung zur autonomen Persönlichkeit anzustossen. Die extremen Handlungsweisen der Erwachsenen, ob schwere Misshandlungen oder Helikoptereltern, lasse ich hierbei ausser Acht, da ich darüber noch nicht genügend Material habe.

In einem folgenden Beitrag könn(t)en eigene Erlebnisse und Erfahrungen als konkrete Beispiele dienen.
Dieser heutige Bericht versteht sich als Handübung der Erinnerung. Er ist ein weiterer Baustein zu einem autobiografischen Plan. Einige Berichte des vorigen Jahres zählen ebenso dazu.

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein märchenhaftes Wochenende.

Ich-Denkmal von Hans Traxler am Mainufer

 

 

Gedanken Winter Wochenende

Am 26.1.2019 starb der legendäre Tastenspieler Ingo Bischof. Langjähriger Mitspieler bei Karthago und Kraan. Ingo Bischof hörte und sah ich erstmals mit Karthago live bei der Eröffnung des Roxy in Berlin. Das war im Januar 1976. Aus diesem Grund laut im Ärmelhaus: Karthago – Live at the Roxy. (endlich die komplette Aufnahme, 2011 )…

Langsam aber sicher sammeln sich die Entwürfe im Archiv. Anfänge oder Mittelteile oder Enden von noch zu vollendenden Beiträgen für meinen Blog. Für manche Erinnerungen ist es noch zu früh.
Das grosse Thema über jene, mich seit Jahren beschäftigende, Generation, der einmal der fatale Scheinfreispruch von der „Gnade der späten Geburt“ attestiert worden ist muss warten, so sehr er sich auch vordrängeln mag. Zu viele dieser Menschen mit ihren verkorksten Biografien und den daraus folgenden merkwürdigen Abirrungen leben noch in meinem Umfeld. Zudem sind nach dem Mauerfall noch einige Biografien aus dem Osten des Landes hinzugekommen.

Eine weitere auffälige Gruppe, über die in einem Beitrag zu berichten ist, sind Menschen meines Alters, die sich vor dem Mauerfall auf ehrerbietige Weise mit Institutionen der untergegangenen Deutschen Republik im Osten eingelassen haben. Dadurch haben sie sich ein Anrecht erworben auf bestimmte staatsnahe Berufe. Manche von denen, die sich zu dienstfertig erwiesen haben, müssen sich seit dreissig Jahren eingestehen, dass jene Institutionen sie sitzengelassen haben wie man schal gewordene Partner sitzen lässt. Die Lenker jener Institutionen hingegen weiden ihre Schäfchen auf den fruchtbaren Wiesen inmitten blühender Landschaften. Auch dafür gibt es Gründe, halbfertige Beiträge weiter zu fund(ament)ieren.

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher aus dem Bereich der Belletristik gelesen. Ich kann Texte jenseits der Fachliteratur  wieder leidlich geniessen. Nach Jahren der Stagnation. Die intensivere literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Erzähltheorien hat mich dem reinen Lesegenuss entfremdet. Potz Lotman und Kristeva. Und Genette als Fundament. Fokalisierungen, Diegesen, Metalepsen und auktoriale Erzähler – geh mir weg damit. Das hat mir die beim Lesen aufsteigenden Bilder vernebelt. Trotz aller Kritik aus der poststrukturalistischen Ecke haben diese Theorien jedoch einen gewissen Reiz. Man muss halt ein gerüttelt Mass an kritischer Distanz wahren.
Andererseits entlarvt das erworbene Wissen natürlich die Texte. Auch meine eigenen, versteht sich. In vielen Blogs lese ich aufgrund dieser Einsichten immer weniger. Und wenn dann beim Leser noch einige psychologische Grundweisheiten vorhanden sind, entblättern sich die Erzähler in ihren Beiträgen vor dem Leser. Und am Ende kann es sogar peinlich sein, die eigenen Texte unter bestimmten Aspekten zu beleuchten.
Auch dies ist für mich also ein Grund vorsichtiger oder eben in längeren Abständen zu posten. Und nebenbei diejenigen zu beneiden, die ihre Beiträge von woanders her kopieren. Keine eigene kreative Leistung zwar, aber auch diese Menschen vermitteln helle Selbstbilder – wenn man genauer hinschaut.

Gelesen habe ich in den letzten Tagen mit Genuss:
Eine Menge Reportagen von Gabriele Goettle (Davon sind fünf Bände in der Anderen Bibliothek erschienen).
Ben Witter – Müssiggang ist allen Glückes Anfang.
Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone.
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind. Da freue ich mich von gleichen Autor auf das Nachfolgewerk „Alle sieben Wellen“, mit dem ich jetzt gleich beginnen werde.

An meinen begonnenen Texten werde ich dennoch weiterschreiben. Manchmal träume ich davon, ein Buch daraus zu machen. Machen zu lassen. Aber wie Mr. Wakeup beim träumenden Little Nemo ruft mir sofort eine Stimme zu: wieso?…und noch deutlicher in Versalien: WIESO.
Wieso sollte die Welt ausgerechnet solche Geschichten wie die Deinen brauchen? Mach´ besser was nützliches.
Was nützliches?
Koche ein unspektakuläres Gericht und lade liebe Menschen zu einem Mahl ein.
Lege Dir einen Nutzgarten an.
Geh´ hinaus an die Randgebiete und sammle Holz. Mit ein wenig Tapferkeit widerstehst Du Waldbesitzern und Feldschützen.
Restauriere einen alten gusseisernen Kanonenofen. Dazu brauchst Du nämlich viel Geduld.
Und bei allem: Sei eigensinnig und bleibe dennoch menschlich.
???

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse).

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Winterwochenende.

(Das Bild des Ofens wird wahrscheinlich schon bald folgen)

 

 

 

 

Kommende Herbsttage

Neben einigen Boxen des legendären Bear Family Labels flatterte mir diese Scheibe ins Haus.  Dirtmusic – Bu Bir Ruya (2018)…

Sein berühmtes Gedicht Herbsttag datierte Rainer Maria Rilke auf den 21.9.1902, geschrieben in Paris. Das Leben im Kreis der Künstlerkollegen in Worpswede hatte er hinter sich gelassen. Die formale Trennung von Frau und Kind war vollzogen worden. Bereits im August war er in der Hauptstadt angekommen. Im Reisegepäck trug er den Auftrag, eine Monographie über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben. Seine französischen Sprachkenntnisse waren noch dürftig. Der Kontakt mit Rodin erwies sich von Anfang an als schwierig.
Mag sein, dass Rilkes Sommer gross war. Gross an Vorstellungen oder Erwartungen neuer Horizonte in Frankreich vielleicht.
Der Herbst brachte ein unangenehm feuchtes Klima vom Atlantik her in die Metropole. Bei seinen einsamen Spaziergängen auf dem Marsfeld oder der Esplanade des Invalides mögen Rilke die Bilder aufgeleuchtet haben, die ihren Ausdruck in der melancholisch klingenden letzten Strophe seines Gedichtes Herbsttag gefunden haben.

Mein diesjähriger Sommer war sehr gross. Voller Entdeckungen und schöner Erlebnisse. Neue Erkenntnisse und viele menschliche Begegnungen waren sehr beeindruckend. Monatelang schien es, wir würden einen endlosen Sommmer feiern dürfen. Das Leben war leicht. Die anstrengenderen Arbeiten waren in die Zukunft gerichtet und endeten in Freude und Erfüllung.
Als ich letzthin eher beiläufig auf Rilkes herbstliches Gedicht stiess, verspürte ich spontan Lust, meine Stimmung, die mich durch den kommenden Herbst tragen wird, in entsprechenden Versen auszudrücken.

 

Herbsttag

Liebste, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg Deinen Schatten auf die Wege in den Fluren
und in Deinen Spuren lass die Winde los.

Wir danken den letzten Früchten für ihre Pracht;
und sammeln sie noch zwei sonnige Tage,
wir bereiten sie köstlich und verlockend; und ohne Klage
verabschieden wir den Sommer und geben Acht.

Wer jetzt unser Haus betritt, wünscht sich kein andres mehr.
Wer jetzt hier bei uns sitzt, wird gerne lange bleiben,
wird mit uns lachen, reden, lange Kladden schreiben
und wird mit uns neue Wege hin und her
ruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(21.9.2018, unterwegs)

 

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