Im Dschungel vor der Haustür

Angeregt durch eine Dokumentation der BBC zum Thema Krautrock, fielen mir die seinerzeit wegweisenden deutschen Elektroniker wieder ein, z.B Tangerine Dream, Klaus Schulze, Neu! oder auch: Cluster – Zuckerzeit (1974)…

Als Künstler hat sich Werner Herzog in meinem Bewusstsein verankert durch seinen Bericht „Vom Gehen im Eis.“ Dass einer ein Gelübde ablegt, das einen verehrten Menschen vom Sterben abhalten soll, indem er sich im Winter von München nach Paris aufmacht zu Fuss bis ans Krankenbett der betagten Patientin, das hat mich damals tief beeindruckt. Vor allem auch, weil Frau Eisler danach noch fast zehn Jahre gelebt hat.
Auch seine Spielfilme mochte und mag ich sehr. Dass er seit fast dreissig fast ausschliesslich Dokumentarfilme dreht, hatte ich zwar auf dem Schirm, aber die sind leider kaum in den Kinos zu sehen. Am Wochenende fand ich „Tod in Texas“ bei youtube. In der Dokumentation geht es um die Täter und Opfer eines Verbrechens und die Todesstrafe für einen der Delinquenten. Herzog führt die Interviews. Seine Stimme und die Art seiner Fragen können Gänsehaut erzeugen.

Ellmau ist an mir vorbeigegangen. Eine Lächelparty ohne den wichtigsten Gast. Die sinnlos verschleuderten Millionen zahlt die Gesellschaft. Wie lange eigentlich noch?
Der kleine Gernegross Blatter ist endlich zurückgetreten. Das fand ich denn eher lustig. Gespannt bin allerdings darauf, wie sich die Beschuldigten und Verdächtigen nun gegenseitig mit Dreck bewerfen. Auffällig auch diesmal wieder die schon fast ekelhafte Zurückhaltung deutscher Fussballfunktionäre.
Ein Frage habe ich noch: 1998 und 2010, soviel steht bereits fest, wurde für die Vergaben der WM gezahlt. Wurde in den Jahren 2002 (Japan / Korea) und 2006 (Deutschland) etwa nicht gezahlt? Und vorher und nachher?
Ach ja, die Deutsche Bank und ihre zwei Führer. Die haben das Handtuch geworfen und werden den Ring verlassen. Auf 14 Milliarden Euro sind die Rechtskosten inzwischen gestiegen für Anklagen gegen das Institut, das massgeblich an der (Vor-)Finanzierung des Zweiten Weltkriegs beteiligt gewesen ist. Egal, wer dort jetzt Chef werden wird, in der Stellenausschreibung werden Eigenschaften verlangt, zu denen Menschlichkeit keinesfalls zählt.

Bei soviel Verwirrung ziehts mich in die Wälder. Dschungel. Der liegt nur wenige Kilometer von Lummerland entfernt. Auf der Rabeninsel beispielsweise. Der schmale Pfad zur Inselspitze mit Blick auf Mainz ist derzeit nicht begehbar. Umgestürzte Bäume und über einen Meter hohes Brennesseldickicht machen die Passage unmöglich. Dafür gibts dann feine Sandstrände. Familiär oder eher verschwiegen. Und dann auch sumpfähnliches Gelände – womit sich die Kreise wieder schliessen.

                                     (Foto anklicken öffnet die Galerie – In Firefox F11 drücken und noch grösser gugge)

 

28 Gedanken zu „Im Dschungel vor der Haustür

  1. Naja, wir hatten ja einige Rücktritte. Von Deutschen Bankern, vom Trainer Klopp, von Häuptling Winnetou und von unserem Ober-Linken. Das war der Gipfel, titelt die taz heute: Weltpolitik jetzt ohne Gysi! Aber wir machen weiter, gelle?

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  2. Lieber Herr Ärmel,
    ihrem Beitrag, obwohl der Stimmungssituation in diesem, unserem Lande durchaus angemessen und entsprechend, würde ich gerne zum Troste antworten: „Wird`schon wieder“ –

    Allein: Ich trau`mich nicht.

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    • Ihre Worte, lieber Menachem, sind ebenso tröstend wie zweifelbeladen.
      Und genau aus diesem Grunde sind Ihre Worte so wichtig. Um uns aufzuwecken.
      Sie zeigen, dass wir miteinander sprechen müssen, unsere Vorbehalte gegeneinander überwinden müssen, denn es werden Tage kommen, da werden wir auf unsere gegenseitige Hilfe angewiesen sein. Vielleicht schon bald.
      Abendschöne Grüsse aus dem solidarischen Bembelland

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  3. Es gab mal die Gnade der späten Geburt, kann es auch zu spät sein, wenn der Krautrock spurlos an einem vorbeigezogen ist?
    Wann begann das große Lügen im Fußball, beim Endspiel 1978 in Argentinien oder schon bei der Argentinien Reise des DfB 1977? Der wurstige Sepp steht hier in einer schönen Tradition mit dem rüstigen Johannes. Oder gar noch früher?
    Hat der Freund, der mit viel Engagement eine Banklehre machte und nun ein Rädchen im Deutschen Bankiversum ist, seine Seele verkauft?
    Ist der Jugend- und Kinderfeuerwehrverband schlechter als der Kinderschutzbund, weil er das Geld von Edathy angenommen hat?
    Ist man auf der Flucht wenn man in den Dschungel geht, oder auf der Suche?
    Gibt es wichtigste Gäste und ist es vielleicht besser, die Zeit des bajuwarischen Castings wird mit Weißbierwurst verbraten als mit neuen fragwürdigen Aufwärm-Ideen?
    Glaubt noch jemand, dass über Griechenland ernsthaft diskutiert wird oder wissen wir, dass hingehalten wird bis man sich daran gewöhnt hat?
    Ist es gut dass wir zwei kriegslose Generationen haben, oder nur Glück, oder Blindheit auf einem Auge?
    Ist die Todesstrafe gut oder schlecht oder sind wir zu beschützt (abgelenkt), um dies beurteilen zu können?
    Warum scheinen wir sicher in unseren Entscheidungen, die vielleicht auf einer Wirtschaftskraft basieren, dessen Geflecht wir indirekt verurteilen?
    Sind dies Fragen, die auf Antworten warten, oder bereits Antworten die Alternativen anbieten, denn letztendlich ist es nur anders und damit egal?
    Fragen über Fragen auf alle Fälle, und Ihre Fotoserie ist grandios.
    😉

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  4. Ja, sie sind fast ausnahmslos grandios, Ihre Kommentare!!! Ihre Fragen sind auch die meinen.
    Es ist alles im Fluss, Geschichte wird gemacht und wir nehmen uns mit den vielleicht siebzig uns zur Verfügung stehenden Jahren durchweg zu wichtig. Und die Beherrschenden und Besitzenden ohnehin.
    Warum können sich Beherrschende so schlecht beherrschen im Allgemeinen und im Besonderen sowieso?
    Es ist natürlich nicht zu spät, wenn der Krautrock an einem vorbeigerauscht ist. Das erspart viel Zeit mit „Viel Lermens um Nichts“ (Shakespeare) und dumpfes Teutonengeklimper.
    Teil der Maschine sind wir alle; die Frage ist jedoch, wie lange wir in der Lage sein werden, Sand ins Getriebe dieser Maschine zu streuen. Insofern hat der Jungbanker noch manche Optionsscheine zur Verfügung.

    „Ist man auf der Flucht wenn man in den Dschungel geht, oder auf der Suche?“ – eine treffliche Frage!
    In den aushäusigen Dschungeln findet man vielleicht, dass man garnicht flüchten muss ~~~

    Ihr Kommentar gefällt mir sehr gut – vielen Dank dafür und nachmitternächtliche Grüsse aus dem hellwachen bembelland

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  5. Warum eigentlich Krautrock?
    Hatte diese damals doch sehr fortschrittliche Art und Weise Musik zu machen nicht etwas total avantgardistisches?!
    Eine tolle Zeit war das…zum Beispiel im Vergleich zum leider immer noch aktuellen kwasselnden Hiphop,
    der mir viel eher wie Krautpalaver daherkommt…

    An Po-litik bin ich nicht besonders interessiert *g* das weißt du ja längst,
    sie langweilt mich schon seit Jahren gehörig schier zu Tode, weil immer ähnlich, gleich…
    Wahl Wahl Wahl und danach immer die stets ähnlichen Krautköpfe, überall, weltweit, und glauben kann man diesen
    Po-litikern eh nie was, genau wie den Fifa- und anderen -Funktionären, Bankmanagern — Schmierentheater all around the world…

    Deine Fotos sind wieder einmal wundervoll, lieber Schreibundfotofreund!
    Wo genau liegt denn diese Art von Dschungel im Bembelland?
    *neugierig guck*
    Liebe Morgengrüße vom Ländle-Lu

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    • Ich danke für das Fotokompliment.
      Einfach Tante Guurgel mal nach Nonnenaue / Langenaue fragen: südöstlich von Mainz, westlich der untergegangenen Salierpfalz Tribur.
      Morgenspritzige Grüsse aus dem frischen Bembelland

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    • Krautrock, weil das eine englische Zuschreibung gewesen ist. Das war nicht nur abwertend gemeint, denn die deutschen Musiker suchten einen Weg zwischen den us-amerikanischen und englischen Vorbildern.
      Am individuellsten (und avantgardistischsten) waren dabei die Elektroniker, die hatten keine Vorbilder sondern wurden selbst welche, bis heute teilweise.
      Morgenspritzige Grüsse aus dem frischen Bembelland

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  6. Das ist beruhigend, dass es nie zu spät ist, wobei man ja eigentlich immer gerne ‚dabei‘ sein will…
    So. Dann muss ich mal nach meinem Sandvorrat sehen, ich fege ja im Frühjahr immer zusammen (Kehrwoche)…
    Morgengraue, briefkastenleere Grüße nach Bembelonien.

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  7. Danke für diesen virtuellen Vertikalathmenpfad. Da wo er undurchdringlich erscheint fand das Auge den größten Trost, weil nichts besser von unserer menschlichen Unterlegenheit zeugt wie einhaltgebietene Natur.
    Ihnen hinterlege ich unpöbelige Grüße, herzlich zugeneigt wie stets, Ihre Frau Knobloch.

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      • Mit dem Gruß zog justamente dunkles Gewölk hier auf. Was natürlich bonfortionös ist, denn bleibt es weiter so trocken, ist das Lipperland bald unspriessig…
        Danke und schön, Sie wiederzulesen hier, freut sich Ihre Ihnen zugeneigte Frau Knobloch, kwietschvergnügt.

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  8. Schöner Dschungel, so einen soll es hier auch geben, da wo sich die Elbe in zwei Arme trennt. Deine Fotos haben mich gerade inspiriert diesen Dschungel am Wochenende mal aufzusuchen, falls das Wetter passt. Falls nicht habe ich ja noch ein paar andere zum bearbeiten *g*.

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  9. „Vom Gehen im Eis“ – noch so etwas, das ich mir längst hätte aneignen sollen und es noch nicht tat. Auch die Dokumentation wäre es sicher sehr wert. Und an dem Sandstrand möchte ich einmal ins Wasser steigen. Ich weiß nur gerade nicht, wann und überhaupt.
    Herzliche Grüße aus den Betonauen!

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      • Über die Savannen … Haben wir uns über die Faszination von Savannen schon einmal ausgetauscht, lieber Herr Ärmel? Mein „überhaupt“ war etwas nachlässig eingebracht. Es ließe sich auch streichen. Herzliche Grüße aus dem Kessel

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        • Nein, lieber Zeilentiger, zwar haben wir dieses und jenes Thema wenigstens angeschnitten, Savannen waren meiner Erinnerung nach jedoch nicht dabei.
          Ein neuer Einstieg wäre somit leicht möglich.
          Ärmelabendliche Grüsse aus dem haribosauren Bembelland

          (Das überhaupt habe ich aus dem Kontext gestrichen)

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