Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Baeckeoffe. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers aus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.

45 Gedanken zu „Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

  1. Zwölf Meter. Kann man sich näher sein und doch so entfernt? Damals wie heute. Anhand Ihrer so trefflichen Beschreibung kann ich die uniformierten Gestalten an mir vorübergehen sehen. Ich halte den Athem an… und… nichts passiert. Ich will jetzt nochmal in Frieden die Bilder schauen, diese Ihre Geschichte begleitet mich anhautend warm.

    Gutlebenserwägungssichere Grüße, Ihre Frau Knobloch, friedliebend zugetan.

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    • Meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, ich danke Ihnen, dass Sie meinem Beitrag das Kostbarste geschenkt haben, was Sie haben. Ihre Lebenszeit.
      Und wenn Sie dereinst einmal Ihr Lipperlandien verlassen sollten und Ihr Weg dabei ins liebliche Bembelland führen sollte… Von hier aus liegt das Elsass quasi vor der Haustür.
      Herzliche Frühmorgengrüsse, Ihr Herr Ärmel (auch in der schwärzesten Nacht wärmend zugeneigt)

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  2. Nun, nachdem ich mit Ihnen mitgereist bin – vielen Dank hierfür – wollte ich einen schlauen Kommentar schreiben – auch um mich von den in die Zange nehmenden Tagesgeschehen zu lösen – , habe aber den Schritt zu schnell getan und die Fotos angesehen – schlicht der Kracher. Jetzt fällt mir nichts mehr ein… Neben Ihren ohnehin sehenswerten Fassaden, Türmen, Gewässern haben es mir zwei Fotos angetan, das eine, das in der heutigen Zeit wie eine Filmkulisse eines entsprechenden Films wirkt, aber schlimme Realität war. Im Prinzip ist das alles noch gar nicht so lange her, durch die Gnade der späten Geburt *) kommt es uns aber so vor. Ein kalter Hauch umstreift einen, wenn man dieses Stillleben wirken lässt. Und das andere, ebenso Filmkulisse, vielleicht ein Roadmovie, durch die bunten Herbstfarben in die Hügelländer der Ferne schlängeln, vielleicht ein Zelt aufschlagen, ein Lagerfeuer und sich die alten Geschichten aus den 70en erzählen, als man noch Musik vom Radio aufnahm …. 😉
    Abendliche Grüße aus dem Abendland.
    *) https://de.wikipedia.org/wiki/Gnade_der_sp%C3%A4ten_Geburt

    (Nick Cave / Skeleton Tree – 2016)

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    • Ich danke Ihnen für Ihren vortrefflichen Kommentar, Herr Autopict.
      Natzweiler Struthof habe ich bereits mehrfach gesehen und das Grauen springt einen förmlich an. Und das liegt nicht nur an dem Galgen. (Und er wäre sofort wieder einsatzbereit, ganz gleich, welche Herrschaft sich des Geländes bemächtigte.)

      Für mich sehr beeindruckend ist immer wieder die Landschaft, die Lebensart und die Geschichte des Elsass. Es liegt alles so nahe beieinander wie Le Struthof und der Odilienberg.

      Mit der „Gnade der späten Geburt“ habe ich mich lange und zeitweise ziemlich intensiv beschäftigt. Und zwar auf ganz andere Weise als der Begriff seinerzeit in den Medien diskutiert worden ist.
      Ich habe für mich herausgefunden, dass diese Jugend schwere Störungen in der Zeit ihrer Pubertät erlebt und erlitten haben muss. Auch da ist allerdings der Unterschied zwischen der ländlichen und der städtischen Bevölkerung in Betracht zu ziehen. Und die Grauzone dazwischen, je nachdem welche Kriegsereignisse individuell erlebt worden sind, kann ich kaum abschätzen.
      Ich beziehe mich dabei ganz konkret auf Menschen, die mir persönlich bekannt geworden sind in meinem Leben. Familie, Arbeitskollegen, Lehrer oder die Eltern von Freunden – es haben sich erstaunliche Übereinstimmungen hinsichtlich verschiedener Denk- und Verhaltungsweisen wahrnehmen lassen.

      Vormorgengrauende Grüsse aus dem ruhigen Bembelland,
      Herr Ärmel

      (Achim Reichel – Solo mit Euch / 2010)

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  3. Dankeschön für diese Erinnerungsreise, wobei wir damals nicht Natzweiler Struthof besichtigt haben ,ich bekomme bei der realen Konfrontation die Bilder nie mehr aus dem Kopf, ist schon schwer beim Lesen darüber.

    Lieber Gruss vom Dach Karin

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        • Le Struthof und Theresienstadt – Ebenso wie mich.
          Theresienstadt, weil es auf den ersten Blick wie ein ganz normaler Stadtteil aussieht. Und Natzweiler-Struthof weil – man verzeihe mir – alles so aussieht wie damals. Und in einem wird schlagartig der Wunsch stark wird, dass nirgends ausgemergelte Menschen in gestreifter Kleidung auftauchen….

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  4. Lieber Herr Ärmel,
    im Elsass war auch ich schon des öfteren unterwegs, die Grenze zu Lothringen verschwimmt, und Vieles, was Sie so anschaulich beschreiben, weckte sofort Erinnerungen an Eigengesehenes. Ja, der Krieg ist immer mal wieder noch sichtbar, manche Skulptur erinnert daran. Ich schließe mich Ihnen an: mögen keine Kapitulationsverträge mehr zu unterschreiben sein, noch besser: mögen die Kriege auf der Erde weniger bis nichts werden!
    herzliche Grüße
    Ulli

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    • Ihre Worte gegen Kriege, liebe Frau Ulli, in die Ohren derer, die sie aus Profitgier immer wieder anzetteln.
      Ich werde im nächsten Jahr sicherlich nochmals das Elsass besuchen. Oder das Burgund, oder die Provence, oder das Limousin, oder Cevennen ach ach ach…
      Herzliche Wochenendgrüsse,
      Herr Ärmel

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      • Im Elsass bin ich jedes Jahr, aber nun habe ich große Sehnsucht nach der Bretagne.
        Heute wurde ein Museum in den Vogesen eröffnet, eine französisch-deutsche Zusaammenarbeit, hier will man an den 1. Weltkrieg erinnern, als ich das im Radio hörte, dachte ich an Ihren Artikel!
        Die Kriegstreiber werden sich von mir kaum umstimmen lassen und Umdenken geht laaangsaaam, leider!
        Herzliche Abendgrüße an Sie,
        Ulli

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        • „Die Kriegstreiber werden sich von mir kaum umstimmen lassen…“ ich muss Ihnen leider zustimmen. Wenn man bedenkt, dass ohne die Vorfinanzierung der Deutschen Bank und der Commerzbank (die Dresdner gibts ja zum Glück nicht mehr) der Zweite Weltkrieg garnicht anzufangen gewesen wäre…. Und der Überfall auf die Sowjetunion ohne die unermesslichen Benzinlieferungen von Standard Oil aus den USA unmöglich gewesen wären… Und diese Amerikaner feiern viele Menschen hier als ihre Befreier…
          Es ist zum Haare ausraufen wenn man historisch exakt darüber nachdenkt…

          Weitere herzliche Wochenendgrüsse an Sie,
          Herr Ärmel

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  5. Ein so vielfältiger anregender Text, dass mir an jeder Ecke Assoziationen kamen. Darf ich diesem so überreichen Bild denn noch Eigenes hinzufügen, frage ich mich? Und kann es doch nicht ganz unterdrücken: da ist die Erinnerung an die IJGD-Lager (Internationaler Jugendgemeinschaftsdienst), in denen ich 15jährig „mit der Welt da draußen“ erstmals in Kontakt kam, da ist auch das erste Mal, als ich über die französische Grenze fuhr, per Autostopp und 16 Jahre alt (1958), ein Franzose hatte mich mitgenommen und hielt gleich nach der Grenze, zeigte mit weit ausholender Gebärde auf das Gelände vor uns und sagte: „Das habt ihr getan“. Es war ein Kriegsgräberfeld aus dem ersten Weltkrieg. da verstand ich: dieser Seite der deutschen Geschichte wirst du nicht entfliehen können, du wirst ihr überall begegnen… Viel später dann der genauso unauslöschliche Eindruck, als ich vor dem Isenheimer Altar stand und der eben auch diese wundersame Seite der deutschen Seele zeigt. Und ja, der Süden, Aix-en-Provence, 6 Monate als Stipendiatin, nun schon 20, und die Reise mit dem Frachter nach Algerien, wo mir der Koch kein Essen servieren wollte, weil ich Deutsche war (sein bester Freund war erschossen worden). Ich höre hier lieber auf und danke Ihnen für den Erinnerungsstrom, der sich gerade in mir auftut und der, genau wie bei ihnen, bis in die feinen Verästelungen der Gegenwart hineinreicht.

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    • Liebe Frau Gerda, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar und den Schilderungen Ihrer privaten Erfahrungen. Mich berühren diese Geschichten noch immer stark.
      Ich bin etwas jünger, vielleicht hat mir aus diesem Grund niemals jemand die Schandtaten von uniformierten Deutschen vorgeworfen. Was mir spontan zu Ihrem Kommentar einfällt, ist eine Dokumentation, die früheste Schüleraustausche zwischen deutschen und französischen Schülern darstellt und abhandelt. Vielleicht mögen Sie sich diese Dokumentation ansehen. An manchen Stellen ist eine kleine Tonstörung. An anderen wässern sich mir noch immer die Augen.
      Ich sende herzliche Grüsse in den Süden,
      Herr Ärmel

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      • Ich danke Ihnen, werde es mir in voller Länge anschauen. Wie schwer es gerade die Grenzgänger hatten (Franzosen, die Deutschland und Deutsche, die Frankreich liebten), wurde mir wieder bewusst, als ich jetzt den Roman „Max“ von Markus Orths las (es geht um das Leben von Max Ernst). Max Ernst und Paul Eluard (bürgerlich Grindel) haben sich im ersten Weltkrieg im Schützengraben gegenüber gelegen und nur durch Zufall nicht gegenseitig erschossen. Sie wurden lebenslange Freunde. Der andere lebenslange Freund war Hans Arp, Elsässer, der sich aus Horror vor dem Nazi-Krieg fortan Jean nannte.

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  6. Mit Ihnen zu reisen ist sicher eine Wucht. Ich könnte wochenlang zuhören, wenn es jemand vermag die Geschichte(n) klug und bildreich zusammenzufügen. Das Foto mit de Landstraße hat mich sofort angesprungen und der Blick ging kurz zur Reisetasche, die in der Ecke vor sich hin schläft. Danke für Ihren Ausflug mit uns!

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    • Ich bin sicherlich kein einfacher copain du voyage. Schon allein das ständige hantieren mit dem Geraffel. Überall stehen bleiben und gugge. Hier und dort. Spontane Änderungen der geplanten Reiseroute sind noch das kleinere Übel. In Cafés oder Kneipen stundenlang sitzen können wie an einem Bach oder vor einem Altarbild. Und dabei am Ende noch mit wildfremden Menschen sprechen… Es gibt wahrlich angenehmere Reisebegleiter als mich.
      Dennoch ist es mir eine Freude, wenn Ihnen der kleine Ausflug Freude bereitet hat.
      Herzliche Wochenendgrüsse,
      Herr Ärmel

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      • Ach, lieber Herr Ärmel, wir sind da offenbar beide mit den ähnlichen Makeln versehen. Das dachte ich mir ja schon fast. Meine Mitreisenden sind stets dankbar für jeden Fort-Schritt den sie erledigen dürfen, während ich immer hinterhertrödle(Fotoapparillo immer im untersten Teil des Rucksacks, daher dauernd am Stehen und Rumkramen, auf`s Licht warten, in die Gegend schauen, Sitzen wollen zum besser-schauen etc.). Dazu kommt noch der kulinarische Anspruch und die Informationslust…. Jaja, es ist ein Graus. Daher reise ich meist allein oder vereinbare Treffpunkte (dem Handy sei dank an dieser Stelle, dafür taugt`s). Ihnen ein schönes Wochenende im vermutlich einlullenden Dauerregen, Frau Blumentorte

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  7. Abwechselnd heiß und kalt wird`s mir beim Lesen und bei der Betrachtung der guten Fotos!
    Der kleine Wasserfall und das mit alten Sachen „trächtige“ Flachdach, nein, alle Bilder sind gut, wie gesagt!
    Sie sehen unbedingt höchst individuell, nicht das, was sich drängende Menschenmassen sehen!
    Hier hat es eine feine Bühne!
    E cooles Wocheend wünsche ich!

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    • „Abwechselnd heiß und kalt wird`s …“ Sie, liebe Frau Wildgans sind am Leben, aber sowas von…. ist das nicht wunderbar?
      Ihre Feinstkomplimente nehme ich selbstredend mir selbst den Bauch pinselnd mit in den späten Abend
      Ei, aach Ihne e schee Wocheend, gell dort driwwe uff de Hiwwel iwwerm Rhoi – –

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  8. Es sind leider hauptsächlich die falschen Leute, die KZs besuchen. Diejenigen, die ohnehin keine Kriege und keine Genozide anzetteln würden. Schlimmer als die Besichtigung von KZs fand ich nur den Rundgang durch Yad Vashem. Das war 2000, ich erinnere mich, dass wir alle dunkle Sonnenbrillen aufsetzten, als wäre es eine Schande an einem solchen Ort zu weinen.
    Zur heiteren Seite des Lebens gehört das Bild mit den Gugelhupf-Formen. Ja, ja, ich weiß wie das ist, wenn einem solche Details ins Auge springen und der Rest der Reisegruppe muss warten …. Daher geht es mir wie der Blumentorte, ich verlasse meine Reisegruppen immer wieder oder reise auch sehr gerne allein …..
    Danke für den kultivierten Reisebericht, Irgendetwas neues lerne ich aus ihren Texten immer …

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    • Für Ihren letzten Satz, 1. Gerne! und 2. ein solch gediegenes Kompliment aus dem Munde einer Anghörigen Ihres Berufsstandes: das bedeutet mir was 🙂

      Leider haben Sie Recht, was die Besuchergruppen jener Orte des Grauens angeht – es sind in der Tat diejenigen Menschen, die keine Gemetzel anzetteln. Was aber, wenn die Zeiten sich ändern? Meiner Erfahrung nach, werden aus vielen Menschen, die jetzt noch solche Orte aufsuchen und innere Schwüre ablegen, dann unter den rechten Umständen zu Mitläufern wenn nicht zu Mitläufern oder gar Mittätern.
      Zum Glück bin ich nicht in einer solchen Situation und weiss nicht, wie ich mich dann verhalten würde. Das ist alles nur eine Frage des Drucks.

      Also freuen wir uns lieber an so schönen Details wie den Kugelhupfformen,,,

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      • Gugelhupf heißen die Dinger bei uns 🙂
        .
        Was das Lernen betrifft, so ist es meiner Erfahrung nach oft so, dass Menschen mit extrem überschaubarem Wissen sich für so gebildet halten, dass es für sie nichts neues mehr zu erfahren gibt 🙂

        Ich glaube auch, dass es völlig unrealistisch und selbstüberschätzend ist zu meinen, dass man selbst unter keinen Umständen zu verbrecherischen Handlungen fähig wäre.

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        • …und Kougelhopf im Elsass…
          Zu Ihren folgenden Absätzen – so ist auch meine Erfahrung und Meinung. (scio nescio!) Ich könnte noch den Humor anfügen. Menschen, die über einen echten Humor (im psychologischen Sinne) verfügen, die haben ihn einfach. Ein „richtiger Deutscher“ hält sich für naturgegeben humorvoll, aber wehe, wenns drauf ankommt… das flüchtet man besser rechtzeitig. Auch das alles fundiert erfahren in meinem jeweiligen eigenen Lebenswelten

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  9. Lieber Herr Ärmel,

    das ist ein sehr, sehr reicher Text (und die Bilder dazu, um die nicht zu vergessen). Ich lese inzwischen kaum mehr Blogs, wie ich auch viel seltener schreibe, aber dieser Beitrag von Ihnen, für den bin ich sehr dankbar. Rührend, schön, menschlich und kundig.

    Seien Sie herzlich gegrüßt und hoffentlich auf ein Wiedersehen
    Ihr Zeilentiger

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    • Ich kann Ihre Blogredutkion sehr gut verstehen. Wer könnte das besser?
      Umso mehr danke ich Ihnen für Ihren feinen Kommentar, der mir angenehm schmeichelt.

      Ein Wiedersehen? Aber immer wieder gerne und vorzugweise in der realen Welt.
      Ich sende Ihnen herzliche Grüsse,
      Ihr Herr Ärmel

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      • Ja, hoffentlich ein Wiedersehen in der leiblichen Welt. Da ich gerade mit dem Gedanken spiele, einen anderen digitalen Kanal zu schließen, wäre es noch ein Grund mehr, in Ihre Gegend und die „ebbsche Seit“ zu fahren und Menschen wiederzubegegnen, die ich doch erst übers Bloggen kennengelernt hatte.
        Herzliche Grüße
        Ihr Zeilentiger

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  10. Tolle Fotos, da sollte ich auch dringend mal wieder hin. Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel an Straßburg, Colmar und einen Weinbauernort, der wohl das Elsässer Pendant zu Rüdesheim gewesen sein muss. Drosselgasse hoch drei.

    Aber die Gegend war schön.

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    • Eine Kleinreise pro Jahr in den Elsass mache ich nach Möglichkeit gerne.
      Ich habe aber einen Vorteil: von Lummerland aus sind nur zweieinhalb Atustunden bis dahin (wenns auf der A5 läuft…)

      Du warst wahrscheinlich in Riquewihr (Reichsweier), das kleine Örtchen mit den Parkplätzen drumrum. Ich bedaure dich noch nachträglich 😉

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