Dienstags? Als weiter… was will merr mache…

Die Gründe sind verschieden. Hier laufen die alten Scheiben, mit denen ich als junger Bursche meine Plattensammlung angefangen habe. Heute erklingen hauptsächlich die Werke von Family und Colosseum…

Nichts los auf dem Markt. Es ist bereits halbneun. Schon klar, die Kauftempel öffnen erst um zehn Uhr. Davor hat man seine Ruhe in der Stadt und findet ohne weiteres einen Parkplatz.

Wir haben unsere Siebensachen rasch zusammen. Aber die Zwetschen.
Ob ich vielleicht nicht doch mal… Pflaumenblau trifft Grünauge.
Die sehen genau richtig aus. Soll ich oder soll ich?

Zwei Kilo, bitte.
In der Sommerküche steht der uralte gusseiserne Bräter (von Märklin Göppingen) auf dem kleinen Gasherd. Für zwei Kilo Zwetschen, die hier herum Quetsche genannt werden, sind hundert Gramm Zucker ausreichend. Und eine Prise frisches Zimtpulver sorgt für den Pfiff im Aroma.
Drei Stunden langsam einköcheln lassen und gelegentlich umrühren. Dann ist er fertig, der Latwersch oder die Latweje. So wird im südhessischen Ried das fast schwarze Pflaumenmus genannt.

Als Begleitmusik dazu passt dieses herzige Heimatlied.

Es ist zu einer lieben Gewohnheit geworden. Dienstags treffen wir uns in der Äppelweinbeiz. Der Wirt sieht seinem 88. Geburtstag entgegen. Und die Gäste befürchten danach das Ende einer der letzten wirklich typischen Apfelweinwirtschaften. Bereits in der letzten Woche waren die Fensterläden heruntergelassen. Am Laden der Eingangstür hing ein Papierstreifen. Vorübergehend geschlossen. Wie lange dauert vorübergehend? In der Beiz gegenüber trafen wir einige Stammkunden. Ahnungslosigkeit. Spekulationen.
Gestern hing dieser vermaledeite Schrieb noch immer
am runtergelassenen Fensterladen. Wir also gegenüber eingekehrt. Im Eichkatzerl die üblichen Stammgäste von gegenüber angetroffen. Mit denen wir „immer“ einen Tisch teilen. Die haben auch keine Ahnung. Nach zwei Schoppen und einem kleinen Gebabbel sind wir weitergezogen. Im Dax andere Stammgäste getroffen.
Was gibts Neues?
Nix neues. Prost!

Wir werden an den kommenden Dienstagen den gleichen Weg einschlagen. Wir hoffen auf hochgezogene Rollläden. Notfalls gibts in der näheren Umgebung noch andere Lokalitäten. Nicht unbedingt solche, an denen wir gestern das Schauspiel mitverfolgten, wie drei Busladungen chinesische Touristen durch eine Toreinfahrt in den offenen Hof einer Gastwirtschaft eingesaugt worden sind. Viele alte Wirtschaften mit dem ursprünglichen Flair gibts nicht mehr. Und Wirte, die noch selbst keltern, kann man bald an einer Hand abzählen.

Was wollte ich noch schreiben?

Ach ja, die im Bräter eingekochten zwei Kilo Zwetschen ergaben je ein grosses und ein kleines Glas schwarzer Latwersch. Die Bäurin am Rande des alten Ortskerns meinte ganz lapidar, unter zwanzig Kilo würde sie erst garnicht anfangen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern erfreuliche Spätsommertage.

(Ein Bembel im Dax in Sachsenhausen)

 

 

 

 

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Septemberfülle und irgendwas ist ja immer

Im Oxfam Buchladen fiel mir ein Karton mit drei Schallplatten in die Hände. Zuhause den alten Plattenspieler aus dem Keller geholt und reaktiviert. Erstaunlich, wie das Leben so spielt. Meine Schallplattenversammlung hatte ich vor Jahrzehnten verkauft. Und jetzt dieses bekannte Gefühl: schwarze Scheiben aus ihren Hüllen ziehen. George Harrison und Kollegen: The Concert for Bangla Desh (1971)…

Im September 1986 wurde mir eines Morgens bewusst, dass ich diesen Monat sehr lieb habe. Seitdem habe ich mich des öfteren gefragt, woher diese Liebe kommen mag. Entscheidende Lebensveränderungen fielen in diesen Monat. Neue Wege öffneten sich. Manche frei gewählt, andere notgedrungen. Menschen kennengelernt, die zu Freunden wurden. Andere Freunde starben lange vor der Blüte ihres Lebens.
Ich glaube, es ist die Atmosphäre. Es beginnt schon beim Wetter. Morgenfrische und blauer Himmel lassen einen guten Tag erwarten. Eine Stunde später ist der Himmel grau und mahnt vor Übermut. Er verweist auf den vor der Tür stehenden Herbst. Ein Weilchen später hat die Sonne den Hochnebel aufgelöst. So durchwehen frohe Gedanken die Seele.
Eine schlüssige Antwort jedoch scheint nicht in Sicht.

Hin und wieder durften wir vor dem Abendessen fernsehen. Donnerstags lief von 17 bis 18 Uhr die Sendung Sport-Spiel-Spannung. Einmal monatlich. Und ohne Wiederholung. Im Werbefernsehen bewunderte ich Armin Dahl. Und Karoline, die karierte dänische Kuh gefiel mir viel besser als Frau Antje, die holländische Käsefee.
Werbebilder im Fernsehen erhalten sich lebenslang. Und wer meint, frei von der Macht der Bilder zu sein, der sollte sich bald kennenlernen.

Auf arte.tv läuft derzeit die Serie Slow Life. Zehn Filmchen zeigen, jeweils fünf bis sechs Minuten lang, wie man das Publikum weichkocht für die neue Weltordnung. Schöne Sätze werden da von Fachleuten gesprochen. Nachdenken darüber lohnt sich.
„Der Verbraucher ist das Produkt, aber das verstehen die meisten Menschen nicht“, so James Williams, der sich mit Aufmerksamkeitsökonomie und der Manipulationskraft von Apps beschäftigt. Ganz so neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht. Bereits in seinem Werk Walden schrieb Henry David Thoreau: „Siehe da! Die Menschen sind die Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden.“
Die Menschen im Silicon Valley schicken ihre Kinder angeblich überwiegend auf Steiner-Schulen, weil es im Unterricht keine Computer und TVs gibt. Das ändert nichts an den Arbeiten ihrer Eltern. Denn auch die sind längst Gefangene der von ihnen entwickelten Apps.

Aufenthalte in Städte strengen mich zunehmend an. Allein, wie sich viele Menschen im urbanen Getriebe bewegen, wie sie aussehen und handeln und was dabei gesprochen wird. Deshalb zitiere ich derzeit gerne meinen Lieblingssatz.
„Wer schön sein muss, der will auch leiden.“ Der stammt von Till Lindemann. Und ein aktuelles Musikvideo seiner Band gefällt mir gut.

In der Stadt unterhält Oxfam einen eigenen Buchladen. Die Damen waren ob meiner Einlieferung erfreut. Ihre Freude wurde zu meiner Freude. Der öffentliche Bücherschrank hier in der Gemeinde verkommt langsam zu einer Papiertonne. Ich komme mit dem Aufräumen und sortieren nicht mehr nach. Nicht wenige Menschen scheinen Bücher zu hassen.
Auf einer Anzeigenseite biete ich ein Plakat aus den siebziger Jahren an. Interessenten haben sich bereits gemeldet. Eine Anfrage kam von einer Frau, die für eine dieser Scheinschauen für Antiquitäten und angebliche Raritäten arbeitet und fragte, ob ich mir vorstellen könne, dieses Bild in ihrer Nachmittagsschau anzubieten. Die Verblendungsgindustrie macht offenbar vor nichts und Niemandem mehr halt.

Der September. Von einem mir persönlich bekannten und geschätzten Blogger hörte und las ich seit Längerem nichts mehr. Vor einigen Tagen schwirrte eine Nachricht in den elektronischen Postkasten. Der Mann erfreut sich eines grossen Glückes. Was zählen jetzt noch die Zeiten, die möglichen Irrtümer und gelegentlichen Zweifel auf dem Weg zu diesem Gipfel?

Der Hochnebel wehrt sich mit einem sanften Sprühregen. Dennoch löst die Sonne die grauen Wolkenschleier auf. Für heute jedenfalls. Es ist nicht wichtig, ob es auch Morgen so sein wird. Von Bedeutung sind die Menschen, denen wir in unseren Herzen Wohnung geben.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen wunderschönen Spätsommertag.

 

(Photografische Impressionen aus Hessen vom vergangenen Wochenende)

 

 

Reflektionen im Morgengrauen

Wenig Musik gehört in den letzten Wochen. Dafür viel gelesen.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Van Bo Le-Mentzel – Der kleine Professor.
Und zur Zeit: Erwin Strittmatter – Der Laden.
Klingende Töne zum Frühstück: Dead Can Dance – Dionysus (2018)…

Leere Läden in der Innenstadt. Ein Vorurteil. Es gibt in fast jeder Strasse ein Nagelmalerstudio, einen Tätowierladen oder eine Piercingwerkstatt als letzte Instanzen, wo für das breite Publikum noch eine echte Kommunkation stattfindet. Oder man hält sich einen Hund.
Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Gebrauchshunde. Jagdhunde, Wachhunde. Folglich stehen sie mir noch immer näher als Katzen. Die Sympathie bekommt jedoch zusehends Risse. An den Hunden liegt das meist nicht. Zumindest so lange sie an der kurzen Leine geführt werden.
Es sind Leinenhalter, die sich Hunde anschaffen. Als lebendige Spielzeuge, Partner- oder Kinderersatz. Und natürlich auch als Einsamkeitsvertreiber. Irgendeine Ansprache auf der emotionalen Ebene braucht schliesslich jeder Mensch. Und so hört sich das dann gelegentlich an.
Kannst du das nicht mal lassen? Wie oft muss ich dir das denn noch sagen? Jetzt merk´ dir das doch endlich mal!
Im urbanen Raum werden immer mehr Flächen verdichtet. Grünflächen für Hundescheisse und -pisse werden rar. Einziger Vorteil, Hundebesitzer haben durch ihren vierbeinigen Besitz sogleich ein Gesprächsthema. In manchen Städten werden mittlerweile Hochbeete für Blumen oder kleine Bäume angelegt. Ein wichtiger Grund dafür liegt auf der Hand. Was den unsozialen Hundebesitzer natürlich nicht abhält. Er nimmt seine Fusshupe oder die frisch gestriegelte Flohschleuder in die Hand und setzt das Tier zum Kacken hoch ins Beet. Da machens die grossen Tölen ihren Besitzern leichter. Die hüpfen alleine hoch. Es ist widerlich, wie einige öffentliche Anlagen inzwischen aussehen.

An der Strassenseite des Ärmelhauses zieht sich ein flachwüchsiger Efeu am Sockel entlang. Seit Jahren trotzt er tapfer der täglich auf ihn hinrieselnden Hundepisse und den stinkenden Tretminen der Köter.
Wir könnten die freien Stellen unten am Sockel mit grossen Kieselsteinen belegen und dazwischen Steinbrech und andere unempfindliche Pflanzen anwachsen lassen.
Und die Hundebesitzer, frage ich stirnrunzelnd.
Wir könnens ja mal versuchen.
Das Ergebnis sieht gut aus. Inzwischen haben einige Wurzeln den Weg zwischen den Fugen der Verbundsteine hinunter ins Erdreich gefunden. Dadurch fühlen sich manche Zeitgenossen offensichtlich aufgefordert die grossen Kieselsteine als Steine zum Anstossen zu nehmen. Also werde ich in den kommenden Tagen die Steine in ein Zementbett legen müssen. Wer blaue Zehen begehrt, dem soll dieser Wunsch erfüllt werden.

Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Der Nachbar arbeitet zielstrebig an seiner Karriere als Deppchef. Er wohnt einige Häuser weiter auf der gegenüber liegenden Strassenseite. Und hat einen Hund. Er kommt die Strasse runter mit seinem Tier an der Leine. Bleibt genau gegenüber stehen. Der Hund muss sitzen machen. Das dauert. Ich vermute, der Hund will einfach weiterlaufen. Wie mit den anderen Familienmitgliedern auch. Hunde sind Gewohnheitstiere. (Welcher Bremer Stadtmusikant gibt den Rhythmus mit der Pauke vor?). Endlich sitzt das Tier befehlsmässig. Es erhält seine Kaubelohnung. Der Nachbar quert die Strasse mit seinem Hund. Und führt ihn zum Pissen zielstrebig an den Efeu. Ich bin ein untypischer deutscher Nachbar. Streit übers Hoftor liegt mir nicht.
Ich beobachte lieber und lerne dazu. Erfahrungen sind fruchtbarer als Streiterien.
Zufällig sehe ich den Deppchef, als er just die Strasse überquert. Schlagartig kratzt er die Kurve, als er mich wahrnimmt. Das Ärmelhaus ist ein Eckhaus und so biegt er mit seinem Tier in die andere Strasse. Letzthin öffnete ich frühmorgens die Jalousie. Er schien mich nicht zu bemerken. Sportlich reisse ich das Fenster auf. Der Deppchef reisst nicht minder sportlich an der Leine und kläfft seinen Hund an.
Musst du immer dahin laufen. Das ist doch alles schön gemacht. Kommst du jetzt wohl.
Vorige Woche standen wir uns Auge in Auge gegenüber und er sagt lobend:
Ihr habt die Pinkelecke aber schön hergerichtet.
Ebendrum, weil es keine Pinkelecke ist.
Aber der Efeu. Irgendwas hat der, dass der Hund da immer hin will.
Ja klar, weil jeder seinen Hund in den Efeu pinkeln lässt. Ist doch wie Zeitunglesen für Hunde.
Aber ihr habts schön gemacht. Sieht richtig klasse aus.
Genau, deshalb hoffen wir auch, dass die Pinkelei aufhört, weil es so ansehnlich ist.
Ach so. Es gibt Gesichtsausdrücke, die kann man nicht beschreiben…

In der Einführungsvorlesung stellt der Professor für Gestaltung digitaler Medien den Studenten eine Frage.
Welche elektronischen Aparaturen nutzen für Ihr Studium?
Ein einziger Studi verwendet zuhause noch einen Computer. Etwa ein Drittel der Studierenden nutzt Notebooks oder Tablets. Der grosse Rest benutzt hauptsächlich die elektronische Handfessel. Und die ersten schielen bereits nach dem Armband zur Sebst- und/oder Fremdüberwachung. Mit dem man der Welt zeigen und mit-teilen kann, was wirklich zählt im Leben, zum Beispiel wieviele Schritte noch fehlen zur Erreichung des individuellen Tagespensums.
Bei den Studierenden ist diese frappierende Naivität auffallend. Es gibt kaum einmal eine kritische Nachfrage zu den Vorlesungen der Dozenten. Zukünftige akademische Hilfsarbeiter, die immer unnötigere neue Apps erfinden. Mit denen sollen die Internetnutzer vom Wesentlichen abgelenkt werden. Das Rotkäppchensyndrom. Konsumartikelhersteller und Dienstleistungsanbieter als reissende Wölfe. Und hier werden ihre willfährigen Knechte herangezogen. Deren Grosseltern waren noch Handwerker, Bauern oder Büroangestellte. Haben Dinge hergestellt oder bearbeitet, die für die meisten Menschen weitgehend nutzbringend gewesen sind.

Früher habe ich mir vor Wahlen manchmal die Reden von Politikern vor Ort angehört. Es waren nicht viele Reden und es ist lange her. Zu viel fette Sahne statt handfestem Eintopf mit deftigem Schwarzbrot.
Eher zufällig wurde ich vor zwei Jahren Zeuge eines Auftritts des Spitzenkandidaten der Demokratischen Union Deutschlands. Fünfzig, seine floskelnden Schlagworte beklatschende Nichtdenker zollten Beifall für Luftballons und Kugelschreiber. Der Wahlkrampfmanager hatte den Tourbus der Wasserträger mit Parolen verzieren lassen. Ausgerechnet genau zwischen den Rücklichtern prangte die nichterfüllende Prophezeiung: „NRW – nie wieder Schlusslicht“. Obs daran lag, jedenfalls hat seine Partei die bis dahin regierende vormals sozial Demokratische Partei ab. Schlusslicht ist das Bundesland auch nach dem Regierungsparteienwechsel geblieben.

Die für meine diesjährige Wahl zum europäischen Parlament entscheidende Wahlkampfrede habe ich, wie mir scheint,  bereits mehrmals gehört und in meinem Herzen wohl bewegt. Die Namen und einige Phänomene mögen sich geändert haben, die grundlegenden Probleme sind geblieben. Und neue sind hinzugekommen. Das Gift der politischen Korrektheit wird allerorten versprüht.

Man könnte fast verzweifeln angesichts dieser einst schleichenden und jetzt masslos beschleunigten  Veränderungen. Gäbe es da nicht die verbliebenen Inseln der Menschlichkeit.
In dieser Woche waren wir in einer der letzten echten Frankfurter Apfelweinwirtschaft. Wir betraten das Lokal gegen achtzehn Uhr. Sechs Tische. Fünf lange Tische mit Bänken auf beiden Seiten. Auf dem runden Tisch verweist ein Schild auf den Stammtisch. Auf drei anderen Tischen stehen Klappschilder mit der Aufschrift reserviert. Wir setzen uns zu den alten Männern.
Der Abend war so grandios, dass wir danach Gästerezensionen im Internet suchten. Von stürmischer Begeisterung bis hin zu eindringlichen Warnungen waren die Bewertungen. Allein diese Bandbreite ist mir ein positives Qualitätsmerkmal. Wo alle begeistert sind, kann etwas nicht stimmen. Wo mehrheitlich gewarnt wird, werde ich jedoch vorsichtig.
Da wird vor dem maulfaulen Wirt gewarnt. Der Mann ist sechsundachtzig und arbeitet seit fast siebzig Jahren hinter der Theke. Bei einem meiner ersten Besuche sprach er uns an und fragte, woher wir kämen. Es entspann sich ein Gespräch, in dessen Verlauf er uns viel von sich und seiner Wirtschaft erzählte.
Von bösartigen alten Männern und deren Sprüchen kann man in den anonymen Kritiken lesen. In der Tat erinnern manche an Waldorf und Statler aus der Sesamstrasse. Neben uns die beiden haben diese Lachfältchen, die Gutes verheissen. Eine aufgemöbelte Blondine betritt den Schankraum.
Der Alte neben uns bemerkt grinsend: Siebzehn Jahr´ blondes Haar.
Eher zweimal siebzehn wenn nicht dreimal, entgegne ich. Wir lachen herhaft. Immer mehr Gäste kommen herein. Nach und nach werden die Reserviertschilder von den Tischen genommen. Es ist auffällig, dass keine Handtelefone auf den Tischen liegen. Das liegt nicht nur am Durchschnittsalter der Gäste. Hier sitzt man zusammen an langen Tischen und spricht miteinander. Es wird lauter. Die Beiz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirt nimmt immer wieder den Zehn-Liter-Bembel aus dem Schwingestell auf der Theke und füllt ihn erneut. Bier steht hier nicht auf der Getränkekarte.
Neben uns sitzt jetzt ein anderer älterer Herr. Er kommt aus dem bayrischen. Hat früher lange in Frankfurt gearbeitet. Als Steinmetz hat er ein bekanntes Kunstwerk an markanter Stelle geschaffen. Seit einigen Jahren ist er Witwer. Kommt immer wieder hierher. Kann von der Stadt und dieser Wirtschaft nicht lassen.
Uns gegenüber nehmen zwei Frauen Platz. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Leben seit vielen Jahren in einer Fernbeziehung. Die Gespräche werden persönlicher. Wie gesagt, hier liegen keine Handfesseln auf den Tischen. Und spätestens sollte erkennbar sein, warum anfangs die Reserviertschilder auf den Tischen stehen.
Besonders kritischer Bewertungen erfreut sich der Kellner. Kein Mann für Gelaber. Ist dein Glas leer, tauscht er es gegen ein volles Glas aus. Unaufgefordert. Wer nichts mehr mag, legt seinen Deckel aufs Glas. Hin und wieder können seine Sprüche verwirren. Einmal standen Gäste unter der Tür. Suchten offensichtlich freie Tische. Es waren freie Pläte vorhanden. Der Kellner sprach sie an. Sie würden einen freien Tisch suchen. Er zeigte auf freie Plätze. Sie schienen unentschieden. Er sagte kurz: Also, wenn Ihr schauen wollt, dann geht am besten ins Museum.
Als ich einst einen „Äppler“ bestellte. fuhr er mich an: Wenn du Äppler willst, den gibts drüben am Kiosk. Hier gibts Apfelwein. Dazu muss man wissen, Äppler ist ein Kunstwort, das in der Marketingabteilung einer industriellen Apfelweinmosterei erfunden worden ist. Und leider immer mehr Verbreitung findet. Besonders bei Leuten, die nicht von hier sind. Uffgeplackte.
Und es fällt auf, dass in dieser Wirtschaft vorwiegend Einheimische verkehren. Südhessischer Humor ist nicht jedermanns Sache. Es wird immer lauter. Kreuz und quer wird durch das Lokal geredet und gerufen.
Mir fällt eine Szene ein, die ich vor Jahren hier erlebte und die mir die Atmosphäre in dieser Wirtschaft so kostbar macht.
Zwei Jungkarrieristen mit engen blauen Anzugshosen und langen brauen Spitzschuhen betreten das Lokal. (Braun und blau kleidet die Sau – auch das war so eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter). Die beiden Typen schauen sich um. Nehmen schliesslich Platz neben einem Mann mit gelber Armbinde. Der trinkt seinen Schoppen. Sein Hund liegt ruhig zu seinen Füssen. Die beiden fühlen unsicher in dieser realen Umgebung. Rundum Gebabbel und Gelächter.
Schliesslich meint einer der beiden den Blinden ansprechen zu müssen und schnörkelt los: Ein schönes Tier haben Sie da. Das hat doch sicher eine gute Ausbildung.
Freilich, entgegnet der Angesprochene, der ist gelernter Industriekaufmann.

Bei dem Alter des Wirtes stellt sich immer häufiger die bange Frage, wielange es dieses Lokal noch geben wird. Wie das weitere Schicksal solcher Lokalitäten aussieht, ist sattsam bekannt. Wir wissen, dass nichts bleibt und bedauern es oft.

Wir verlassen nach den mächtigen Rippchen mit Kraut und etlichen Schoppen mit den beiden Frauen das Lokal und fahren nach Bornheim. Wir verabschieden uns voneinander, denn unser Weg führt zu einem letzten Schoppen in eine andere (vormals )legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe. Auch dort ergab sich rasch ein Gespräch. Aber das würde den Rahmen sprengen.

Nichts bleibt? Doch. Die Menschlichkeit und der Humor.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

 

 

In diesem Juli : Wochenendreduktionsfrei

In merkwürdigen Zeiten und sonderbaren Zuständen stimuliert abgefahrene Musik punktgenau die zugehörigen Sinne. Der Mann muss ein Exot in seinem Land gewesen sein. Hipper als die Hipster und freakier als die Beatniks. Nach europäischem Vorbild soll er in der Traditon der Lebensreformer gelebt haben. Und das ausgerechnet im Plastikwunderland. Eine einzige Scheibe wurde von ihm veröffentlicht. Avantgarde im besten Sinn des Wortes. Und doch hat er mit seiner Musik viele Musiker von Rang und Namen in ihrem Schaffen beeinflusst :
Eden Ahbez – Eden’s Island (1960)…

Weil solche Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Menschheit offenbar wichtig sind, läuft seit einiger Zeit die wissenschaftliche Forschung zum Thema Selfie in einer Kooperation zwischen der Hochschule für Philosophie München und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Im Jahr 2015, so eine der Erkenntnisse, sollen mehr Menschen beim Selfieknipsen ums Leben gekommen sein als durch Angriffe von Haien. Was das konkret bedeutet wird ebenso wenig beantwortet wie die Frage, wem – ausser den Wissenschaftlern – diese Aussage dient.
Mein Interesse ist geweckt, folglich suche ich eine entsprechende Quelle der anderen Seite.
Im Jahr 2015 wurden 98 Angriffe von Haien auf Menschen erfasst, davon endeten sechs für die jeweiligen Menschen tödlich. Bis konkrete Zahlen vorliegen, gehe ich logischerweise von sieben Todesfällen beim Selfieknipsen aus. Rückwärts von einer Staumauer gefallen vielleicht. Eine Treppe runtergesegelt. Oder oder… Meine Frage bleibt : wem helfen diese Erkenntnisse?

Ich bin eben doch mehr fürs Konkrete.
Ich durfte Gast sein bei einer Hochzeit mit vielen traditionellen Elementen. Manche davon kannte ich bisher nur von Hörensagen. Auf dem Rückweg von der östlichsten Stadt Deutschlands war ich schon wieder als Gast eingeladen. Ein besonderes Jubiläum wurde gefeiert.
Ein Hinterhof der ganz besonderen Art. Darin ist ein Teppich ausgelegt. Die Bühne für eine fantastische Viermannkapelle. Nach und nach treffen etwa fünfundzwanzig handverlesene Gäste ein. Menschen zwischen zehn und neunzig Jahren. Sorgfältig ausgewählte Versorgung für das leibliche Wohl aller Anwesenden hebt die Stimmung. Knapp fünfzig Quadratmeter reichen für ein solches Fest in der Tat aus. Für einige Stunden ist die Welt in Ordnung. Ich schätze die Begegnung mit einer freundlichen Bloggerin aus dem Norden. Immer wieder überrascht es mich angenehm, welche Menschen man wo und wann trifft.
Die Musikanten, so höre ich, sind von der Atmosphäre so angetan, dass sie am folgenden Morgen noch ein Video in jenem famosen Hinterhof aufgenommen haben.

Die grossen Kinder haben ein Überraschungswochenende arrangiert. Ein Dorf, dessen Namen ich noch nie gehört habe. Wir landen irgendwo in einem gemieteten, gediegenen Haus an einem Stauseegewirr in der Eifel. Weisse Flecken auf unser aller Landkarte. Die Fahrt durch eine anregende Landschaft. Miteinandersein, essen und trinken. Wir haben alles da, was wir brauchen. Nach langen Nächten morgens in einem Stausee schwimmen zur Erfrischung. Und viel Lachen. Dafür brauchts weder Karibik noch irre Animateure.

Mir fällt auf, dass ich wieder weniger fotografiere. Seit Wochen habe ich keine Photographien mehr entwickelt. Einzig hunderte Fotos gelöscht. Und es stehen noch viele Ordner auf der Liste.
Zwei Fragen stellt man sich gewöhnlich, bevor man den Auslöser drückt. Warum lichte ich dieses Motiv ab. Aber vor allem : liebe ich dieses Motiv? Sicheren Antworten darauf scheine ich derzeit zu entbehren.

„Hallo, Nachbar. Komm´doch mal raus. Ist Mondfinsternis.“
Meine Lust ist gedämpft, ich sitze just an diesem Beitrag. Das feine Steinerglas liegt jedoch griffbereit. Die Kiffer drei Häuser weiter haben zusätzlich zu ihrem aufblasbaren Sprudelbecken im Gärtchen jetzt auch noch einen grossen Bildschirm unter der Pergola. Was ich an diesen Nachbarn aufrichtig schätze : sie leben so wie sie können. Und tun nicht so als ob. Im Gegensatz zu den kleinbürgerlichen Kulturmöchtegerns mit ihrem aufgeblasenen Getue sind nämlich deren Attitüden ebenso schlicht wie nachvollziehbar.
Gestern Abend gefiel mir der blasse, ungekämmte Mondkopf besser.
„Kannste doch mal knipsen.“
„Nö. Mein Geraffel schläft schon.“
Ich kenne eine Photographin, von der ich weiss, dass sie heute Abend das Spektakel mit ihrem Besteck verfolgen wird. Deren feinsinnigem Blick und ihren Photograhien traue ich.

Ich fahre nochmal zum öffentlichen Bücherschrank. Seit fast zwei Wochen entsorge ich daraus die papierne Diarrhoe von  HeinrichBergiusKonsalik. Richtig übelriechend wirds dann bei readersdigest. Welche Leserschaft mag sich zeitvertreibend mit derlei Stoff tummeln? Nicht mehr illiterat und dennoch nicht von den Musen geküsst.

Innerhalb von zwei Tagen habe ich die jeweils drei Folgen von Ku´damm ´56 und Ku´damm ´59 gesehen. Stellenweise haben mich die dargestellten Ereignisse doch sehr angerührt. Erinnerungen sind manchmal unerbittlich wenn sie schlagartig eruptiv aufschäumen.

Am zunehmend dunkelnden Nachthimmel ist unterhalb der rotbraunen Mondscheibe der Mars schön rot zu sehen. Die Tuberosen verströmen ihren betörenden Duft freigiebig im Garten.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feinsommerliches Wochenende. 

(Photographien einfach so aus der Kamera)

 

 

Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Salzig die Kehle wenn die Welle an Land läuft

Es gab Bands damals, die hatten eigens einen Texter für ihre Lieder. Deren Texte waren für uns Schüler arge Herausforderungen. Wir nahmen damals wörtlich, was wir uns anders garnicht denken konnten. Eine dieser Bands war Procol Harum. Die lyrische Poesie von Keith Reid fasziniert mich. Das Lied gab der ganzen Langspielplatte ihren Titel: Procol Harum – A Salty Dog (1969)…

„Ey, machst mir noch einen?“
„Aber klar. Zum Wohl.“

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne die alten vertonten Gedichte. Übertrage auch manche gerne. Es geht eher um die Stimmung dabei, die Atmosphäre, die vom Text durch die Musik ausströmt. Weniger um den angeblichen tieferen Sinn. Was uns der Dichter damit sagen will? Kopfgesteuerte Interpretationen zerpflügen das Gefühl. Eine schöne Geschichte hat Udo Lindenberg vor Jahrzehnten bereits aus diesem Lied gemacht.

„Das Gleiche nochmal?“
„Yepp. Aber mach´ mirnen Doppelten.“

„Alle Mann an Deck – wir laufen auf Grund!“
Ich höre den Käpt´n schrei´n
„Durchsucht das Schiff, löst den Koch ab:
Lasst keinen am Leben.“
Durch alle Meerengen, rund um Kap Hoorn:
Wie weit können Matrosen fahren?
Vertrackte Strömung, qualvoller Kurs,
Lebend kommt keiner davon.

Wir segelten in Gegenden, die niemand vor uns sah, dahin,
Wo Schiffe heimkommen zum Sterben
Keine vornehme Piek, auch keine steile Klippe
kam dem Auge unsres Käpt´ns gleich
Nach sieben Tagen Seekrankheit liefen wir einen Hafen an
So weiss der Sand und die See so blau –
Kein guter Ort zum sterben

Wir haben Kanonen abgefeuert, Masten abgefackelt und
Pullten vom Schiff zum Strand
Der Käpt´n flennte, wir Seeleute weinten:
Unsere Tränen waren Freudentränen
Das ist viele Monde her und noch mehr Juninächte
Seit wir an Land festmachten
Ein salty Dog, des Seemanns Logbuch,
Euer Zeuge meine eigene Hand….

„Einen nehme ich noch. Der rollt so schön wie eine sanfte Welle die Dünung runter.“
„Gerne. Du weisst ja, was ich für deinen nehme: 4cl Wodka, 8cl Grapefruchtsaft und zerstossenes Eis ganz wie es in deine Strömung passt….“
„Leg doch nochmal den Tonarm in die Rille
„Na denn…“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen guten Wind in den Segeln.