Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Gelbschwarzrote Küche der Armen

Für viele, später weltberühmte Musiker waren er und seine sich stetig verändernde Band das Sprungbrett auf die grossen Bühnen. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er mein Interesse für den Blues geweckt hat. Auch im Alter von 83 Jahren ist nach wie vor präsent: John Mayall & The Bluesbreakers – Talk about that (2017)…

Gelb. Schwarz. Rot. Gelbe Umschläge, schwarze Schrift und in Rot der Name des Verlages. MÄRZ (Der Link führt zur informativen Webseite des Verlages). Der Verlag und sein Programm waren zwischen 1969 und ??? sind nicht weniger legendär als der Verleger Jörg Schröder.
Als junger Mann bekam ich in einem Antiquariat eher beiläufig die zahlreichen Rezensionsexemplare des Verlages für kleines Geld angeboten. Diese Bücher waren allesamt von einem seinerzeit bekannten Autoren dort verkauft worden.
Ein typischer linker Verlag mit der zeitgeistlich weiten Spanne von politischer Aufklärungsliteratur über die Werke junger Autoren bis hin zu pornografischen Werken. Im März Verlag erschienen einige Bücher Leonard Cohens erstmals in deutscher Sprache. Zeitgenössische amerkanische Autoren wurden dem deutschen Publikum präsentiert. So beispielsweise Carlos Castaneda, Ken Kesey oder Neil Postman. Aber auch junge deutsche Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Peter O. Chotjewitz, Paulus Böhmer oder Hermann Peter Piwitt fanden hier vorübergehend eine verlegerische Heimat. Der Verlag bot daneben noch Nachdrucke verschiedener politischer Klassiker an. Meine umfangreiche Sammlung von Titeln des März Verlages steht längst in fremden Bücherregalen. Einer der ganz wenigen mir verbliebenen ist:
Couffignal, Huguette: Die Küche der Armen. Mit über 300 Rezepten. Aus dem Französischen von Monika Junker-John und Helmut Junker. Frankfurt, März bei Zweitausendeins. 1977. OLn. OU aus Pergamin, DEA, 4°, 384 S.

Kaum ein Fernsehsender kommt derzeit ohne Kochsendung aus. Die bringen ordentliche Einschaltquoten. Dass die wenigsten Zuseher die Gerichte später selbst kochen ist in entsprechenden Untersuchungen inzwischen gut dokumentiert. Kochbücher werden auch gern gekauft als Verlegenheitsgeschenke.
In diesen Zeiten rasanten Konsums ist Die Küche der Armen so etwas wie eine kulinarische Atempause in der alltäglichen  Völlerei. Dieses Buch bietet neben den zahlreichen Rezepten einen fundierten Einblick in die Esskultur des grossen, ärmeren Teils der Weltbevölkerung. Was aus dem Mangel heraus an Kreativität entfaltet wird, um sättigende Speisen zuzubereiten, ist erstaunlich. Freilich mögen manche Speisen für mitteleuropäische Vorstellungen reichlich exotisch sein. Auch sind etliche Zutaten hierzulande garnicht erhältlich. Viele Rezepte machen jedoch schon beim Lesen Lust, sie selbst auszuprobieren. Und das nicht bloss, weil man an vielen Rezepten erkennen kann, wie einfach, gesund und preisgünstig man kochen und sich ernähren kann.

Die Vorstellung dieses Buches ist der Auftakt für kommende Beiträge in diesem Blog. Es geht dabei um die Fülle in der Reduktion. Jeder weiss um den Zustand der Welt, fast jeder beklagt ihn. Aber viel zu wenige Menschen sind bereit, bei ihrem eigenen Verhalten zu beginnen. Für die herrschenden Verhältnisse sind wir alle verantwortlich durch unsere Einstellungen und besonders durch unser Konsumverhalten.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine gute Woche.

 

 

Dekonstruktions-Rekonstruktionen

Weihnachtsmärkte und Jahresrückblicke landauf landab. Da scheinen sich reale und virtuelle Welt nahe zu kommen. In den musikalisch vielgescholtenen 1980er Jahren gab es trotz allem Bands mit trefflichen Texten zur bedrohlichen (Welt)Lage und dennoch leichter lebensfroher Musik: Fischer-Z – Red Skies over Paradise (1981)…

Was du ererbt von deinen Vätern… Dieser Ausriss eines Zitates von Johann Wolfgang von Goethe hing mir lange Zeit nach. Es verführt einerseits zu materiellen Betrachtungsweisen, andererseits hat Sigmund Freud damit einer Berufsgruppe, aus der mittlerweile auch eine vielverzweigte Industrie geworden ist, zu dauerhaftem Einkommen verholfen.
Ich habe mich früher etwas schwer getan mit diesem Zitat. Seit Jahren aber betrachte ich es von ideellen Seite und damit hat sich der Horizont erheblich erweitert. Verarbeite das, was du von deinen Vorfahren ererbt hast, indem du daraus lernst und deinen Horizont erweiterst. Und nicht, indem du jammerst und dich beschwerst. Ich weiss, wovon ich rede, denn ich kenne meine eigenen Jammereien und Beschwernisse. Ohne die lebt sich es viel fröhlicher und vor allem leichter. Worte und Begriffe als Wegweiser..
Seit drei Jahren habe ich nun versucht, diesen drei Tonnen schweren Tresor über ganz unterschiedliche Kanäle zu verkaufen oder zu verschenken. Ich kann die Mailwechsel und Telefonate nicht mehr zählen. Und dann, am Ende hats eben doch geklappt. Wie im richtigen Leben. Oder, mit Hermann Hesse zu reden, von allem was der Mensch begehrt, ist er immer nur durch Zeit getrennt.

Schwer gefallen sind mir seit je die Gänge über Weihnachtsmärkte. Den Ärmelkindern blieben sie folglich erspart. Und bis heute wurde mir gegenüber kein Vermissen zum Ausdruck gebracht.
Die Geschäftemacherei passt nicht in mein Bild von Weihnachten. Einen vorläufigen traurigen Höhepunkt erreicht mein diesjähriger Gang über einen Weihnachtsmarkt. Nicht ein einziger Stand hat etwas mit Weihnachten zu tun. Keine Bude mit Räuchermännchen oder Lebkuchen. Döner wurden zwar in Deutschland erfunden, aber auch der frühlingsgerollte Mr. Wok ändert nichts an meinem Unwohlsein. Den erbärmlichen Höhepunkt bildet die Krippenschänke. Ein Kleinlabyrinth für Trinker. Überm Portal die üblich falsche Krippenszene. Nazareth und Bethlehem; Könige und Hirten beieinander. Ein König sowie ein Hirte fehlen bei der Darstellung. Ob die sich derweil in der Krippenschänke die Kante geben, will ich angesichts des Gegröhles schon um 18:00 Uhr nicht mehr herausfinden.
Die Essundtrinkbuden sollen auch auf anderen Weihnachtsmärkten die weihnachtlich anmutenden Stände mehr und mehr verdrängen. Städte und Kommunen vergeben das Weihnachtsmanagement an Veranstaltungsfirmen. Die wollen Reibach machen und fordern entsprechend hohe Standgebühren. Heisser, billiger Fusel und schlechtes Essen lassen dabei die Kassen am hellsten klingen. Private oder gemeinnützige Hersteller von Artikeln, die noch an Weihnachten erinnern, haben da nichts mehr verloren. Und überhaupt Weihnachtsstimmung, hier gehts um Spass und ums Geschäft.
Wie naiv ich noch immer sein kann, erlebte ich angesichts der Spreu auf dem Boden. Ich dachte, die sei da, um keine kalten Füsse zu bekommen während man an einem Stand steht. Aber weit gefehlt. Die wird ausgetreut, um die weggeworfenen Essensreste und die verschütteten Getränke aufzunehmen. Von dem abendlich vielfach Erbrochenen ganz zu schweigen.

Das eingangs erwähnte Zitat lautet im Zusammenhang:

Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
[…]
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
[Goethe: Faust. Eine Tragödie. in: Goethe-HA Bd. 3, S. 28-29)

                                         (Fotografien zum Text – anklicken vergrössert nur das Bild, nicht den Schrecken)

Wie viel ist ein Kilo lebenserhaltendes Brot wert ?

Im Zuge der Vereinigung von DDR und BRD fielen dem Bundesvermögensamt viele landwirtschaftliche Flächen zu. Dies geschah teilweise durch die landwirtschaftliche Kollektivierung in den 1950er Jahren, durch politisch motivierte geänderte Kataster oder weil vorherige Eigentümer nicht mehr auffindbar waren. Diese Flächen werden seit der sogenannten Wende am Markt angeboten. Mittlerweile sind diese Nutzflächen begehrte Spekulationsobjekte geworden. Durch die so erzielten Verkaufserlöse fallen dem deutschen Finanzminister jährlich erhebliche Summen zu. Für interessierte Landwirte sind die für Ackerland verlangten Kaufpreise und Pachten heutzutage fast unerschwinglich geworden. Der deutsche Osten galt seit jeher als die Kornkammer unseres Landes. Heute sind es internationale Bodenspekulanten und Agrarchemieindustrien, die das Land besitzen für ihre geldgierigen Interessen.

The whole World turned upside down (Billy Bragg)

In 1649
To St. George’s Hill,
A ragged band they called the Diggers
Came to show the people’s will
They defied the landlords
They defied the laws
They were the dispossessed reclaiming what was theirs

We come in peace they said
To dig and sow
We come to work the lands in common
And to make the waste ground grow
This earth divided
We will make whole
So it will be
A common treasury for all

The sin of property
We do disdain
No man has any right to buy and sell
The earth for private gain
By theft and murder
They took the land
Mow everywhere the walls
Spring up at their command

They make the laws
To chain us well
The clergy dazzle us with heaven
Or they damn us into hell
We will not worship
The God they serve
The God of greed who feed the rich
While poor men starve

We work we eat together
We need no swords
We will not bow to the masters
Or pay rent to the lords
Still we are free men
Though we are poor
You Diggers all stand up for glory
Stand up now

From the men of property
The orders came
They sent the hired men and troopers
To wipe out the Diggers‘ claim
Tear down their cottages
Destroy their corn
They were dispersed
But still the vision lingers on

You poor take courage
You rich take care
This earth was made a common treasury
For everyone to share
All things in common
All people one
We come in peace
The orders came to cut them down

38 Stunden Warschau (eine Annäherung)

Feurige Rhythmen, um den Winter endlich zu vertreiben: Ray Barretto – Charanga moderna (1962)…

Die moderne Architektur des Flughafens Frédéric Chopin in Warschau ist grosszügig und weiträumig angelegt. Dennoch geht es trotz der Uhrzeit und der vielen Menschen angenehm gelassen zu. Von aufgeregter Hektik keine Spur. Mag sein, weil man auch von den  gewohnten unablässigen Lautsprecheransagen in anderen internationalen Flughäfen  verschont bleibt.
Wir finden uns schnell zusammen und die Vorfreude der Teilnehmer ist spürbar.

Über breite Boulevards fahren wir zu der Wohnung, die uns für zwei Übernachtungen zur Verfügung steht. Koffer auspacken und die wenigen hundert Meter zur Altstadt gehen ist eins, alle sind hungrig. Dort verlocken kleine Restaurants mit den Spezialitäten der einheimischen Küche.

Paul Bowles sagte einmal, dass in Tanger Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig nebeneinander bestehen. Im Wesen dieser Stadt liegt etwas Verborgenes… (Patti Smith – M Train, S. 281)

Am folgenden Morgen steht ein ausgedehnter Rundgang durch die Altstadt an. Kaum vorstellbar, dass nach der Ruinierung der gesamten Stadt durch deutsche Besatzungstruppen die Altstadt noch zusätzlich gesprengt worden ist. Sieht doch alles aus wie früher. Wobei früher, eine lange Epoche vor dem September 1939 bedeutet. Die Stadt wurde nach 1945 wieder aufgebaut. Wohnraum wurde dringend benötigt. Danach hat man begonnen, die altstädtischen Strassenzüge originalgetreu zu rekonstruieren und wieder aufzubauen. An manchen Stellen sind Tafeln aufgestellt, die zeigen, wie die deutschen Truppen die Stadt hinterlassen hatten, daneben kann der Blick des Besuchers das Bild mit der heutigen Wirklichkeit vergleichen. Wir sind tief beeindruckt angesichts der Vorstellung, wie eine solche Leistung in einer Wirtschaftordnung mit den bekannten Versorgungsengpässen möglich gewesen ist. Polen wurde 2004 Mitglied der Europäischen Union und hat erst seitdem Zugang zu den Fördergeldern aus den verschiedenen Fonds. (Später in Danzig werden wir erste Antworten parat haben)

Wir schlendern durch die Strassen. Das Schloss erstand aus einem Trümmerhaufen zu neuem Glanz. In der Umgebung des Chopinhauses umfängt sanfte Klaviermusik die Fussgänger. An Canalettos Aufenthalt in Warschau und seine dabei geschaffenen Gemälde erinnern die aufgestellten Bildtafeln, die ebenfalls den Vergleich von damals zu heute ermöglichen. Canaletto (i.e. Bernardo Bellotto 1722 – 1780) verbrachte seine letzten Lebensjahre in Warschau.
Es wird Zeit für eine kleine Erholung.  Vorbei am Denkmal des Nikolaus Kopernikus und weiter runter auf der Nowy Świat bis zur Nummer 35, dort ist das Blikle. Eines der traditionsreichsten Warschauer Cafés. Die Holztäfelung, die Fauteils und Canapées im meergrünen Samt vermitteln nonchalant einen Hauch von gestrigem Charme. War das reiche kulturellen Leben dieser Stadt je am Boden, ja fast ausgelöscht? Noch haben wir zu wenige Kenntnisse der polnischen Mentalität. Das hausgemachte Gebäck und die Pralinen sind mehr als eine Sünde wert. Wir besprechen unsere Eindrücke und Wahrnehmungen.

Vor dem Café trennen sich unsere Wege für eine Weile, da wir unseren eigenen Interessen nachgehen möchten. Ich will noch weiter in der Altstadt flanieren und ein wenig horsche und gugge. Durch das Tor der alten Stadtbefestigung gehe ich in den neueren Teil. Immer wieder erinnern Hinweise auf den Bürgersteigen daran, wo man ab Mitte 1940 durch eine Mauer das Warschauer Ghetto von der übrigen Stadt abtrennte. Den Spuren unseligen deutschen Handelns kann man hier nicht entgehen. Mir fallen meine zahlreichen Aufenthalte in England ein. Im Süden und Westen der Insel wird an vielen Orten ebenfalls an Ereignisse des Zweiten Weltkrieges erinnert. Aber mir wird ein Unterschied bewusst. Während in England auf erklärenden Schildern die Schwächen der deutschen Militärs meist hervorgehoben werden, findet hier keine Wertung statt. Es wird lediglich die Erinnerung wachgehalten. Keine kommentieren Anmerkungen sind zu lesen. Diese Form der Erinnerungskultur berührt mich eigentümlich.

Aus der Bar neben dem Haus, in dem E.T.A. Hoffmann (wer kennt den Mann heute noch?) von 1804 bis 1806 lebte und arbeitete, erklingt feiner Jazz-Rock in angenehmer Lautstärke. Schoppen statt shoppen denke ich mir und betrete die Bar. Ich bestelle mir ein Bier und einen Wodka Żołądkowa (Wodka mit Minze). Die polnischen Biere sind ungeheuer lecker und das Wässerchen fliesst ohne einen Kratzer, sanft wie Öl in die Kehle. Der erste Wodka kommt wie ein Keil, der zweite wie ein Pfeil und die nächsten sind so leicht und plötzlich wie ein Vögelchen. Sagt einer, der es wissen muss. Ich trage meine Eindrücke in die Kladde und geniesse dabei die solide Musik. Überhaupt gefällt mir in den unterschiedlichen Lokalitäten, dass es noch möglich ist, sich zurückzulehnen und sich ganz der Musik hinzugeben und es andererseits möglich ist, ein Gespräch zu führen, ohne dass man die Musik übertönen muss.

Später treffen wir uns Restaurant Kucharzy des archäologischen Museums. Ein grosser Saal mit vielen Tischen. Gut besucht, die Köche arbeiten sichtbar für alle Gäste. Der Oberkellner geleitet uns zu einem Tisch, von dem aus wir das ganze Restaurant überblicken können. Vorspeisen werden auf fahrbaren Tischchen direkt am Tisch zubereitet. Wir geniessen unser Abendmahl. Am langen Nebentisch wird eine Geburtstagstorte aufgetragen und der Oberkellner zelebriert den Anschnitt. Die Tischgesellschaft stimmt ein Lied. an. Nach und nach singen alle Gäste des Restaurants den Gesang mit. Alle? Wir verstehen den Text nicht und sind überdies ziemlich erstaunt, dass alle anderen Gäste auch mitsingen. Die ganze Stimmung hat etwas altbekanntes, eine Atmosphäre wie aus einer anderen Zeit, es schwingt eine Herzlichkeit, die einen ergreift und ans eigene Herz geht. Kein Schicki-Micki und keine Maskerade, nur Einverstandensein, Wohlfühlen und das Leben geniessen. Für diesen Abend, diesen Augenblick.

Ich kam zu dem Schluss, dass meine Vormittage im Café ‚Ino mein Unwohlsein zwar verlängert, ihm aber auch eine gewisse Grösse verliehen hatten. (Patti Smith – M Train, S. 271)

Am nächsten Morgen müssen wir die Wohnung verlassen und suchen in der Nähe ein Café für das Frühstück. Das Nero ist nur zwei Strassen entfernt. Kunden stehen Schlange vor der Theke. Beim Blick in die Auslage wird rasch klar, warum. Als wir an der Reihe sind, stellen wir unser Frühstück individuell zusammen. Wir schmausen und freuen uns auf die nächste Etappe, in der wir zu Wurzeltouristen werden. Unser Tisch steht zwischen der Theke und der Treppe hinab in den Keller.
Für die polnische Bevölkerung war der Zutritt zum Café Nero, erfahren wir, während der deutschen Besatzung strikt verboten. Und dennoch befand sich – wenn man hier die Treppe runtersteigt, die damals versperrt war – im Keller unter dem Café der Sender des polnischen Untergrundradios. Von dort aus wurde, solange das möglich war, der polnische Widerstand kommuniziert

Erfüllt von dem Erlebten, den Eindrücken in diesen 38 Stunden in Warschau beginne ich, so ganz vom äussersten Rande her, mehr oberflächlich tastend als erkennend, einen Hauch polnischer Mentalität zu erahnen. Das Barometer der Neugier steigt.

                                                                               (Foto anklicken öffnet die Galerie)