Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

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Salzig die Kehle wenn die Welle an Land läuft

Es gab Bands damals, die hatten eigens einen Texter für ihre Lieder. Deren Texte waren für uns Schüler arge Herausforderungen. Wir nahmen damals wörtlich, was wir uns anders garnicht denken konnten. Eine dieser Bands war Procol Harum. Die lyrische Poesie von Keith Reid fasziniert mich. Das Lied gab der ganzen Langspielplatte ihren Titel: Procol Harum – A Salty Dog (1969)…

„Ey, machst mir noch einen?“
„Aber klar. Zum Wohl.“

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne die alten vertonten Gedichte. Übertrage auch manche gerne. Es geht eher um die Stimmung dabei, die Atmosphäre, die vom Text durch die Musik ausströmt. Weniger um den angeblichen tieferen Sinn. Was uns der Dichter damit sagen will? Kopfgesteuerte Interpretationen zerpflügen das Gefühl. Eine schöne Geschichte hat Udo Lindenberg vor Jahrzehnten bereits aus diesem Lied gemacht.

„Das Gleiche nochmal?“
„Yepp. Aber mach´ mirnen Doppelten.“

„Alle Mann an Deck – wir laufen auf Grund!“
Ich höre den Käpt´n schrei´n
„Durchsucht das Schiff, löst den Koch ab:
Lasst keinen am Leben.“
Durch alle Meerengen, rund um Kap Hoorn:
Wie weit können Matrosen fahren?
Vertrackte Strömung, qualvoller Kurs,
Lebend kommt keiner davon.

Wir segelten in Gegenden, die niemand vor uns sah, dahin,
Wo Schiffe heimkommen zum Sterben
Keine vornehme Piek, auch keine steile Klippe
kam dem Auge unsres Käpt´ns gleich
Nach sieben Tagen Seekrankheit liefen wir einen Hafen an
So weiss der Sand und die See so blau –
Kein guter Ort zum sterben

Wir haben Kanonen abgefeuert, Masten abgefackelt und
Pullten vom Schiff zum Strand
Der Käpt´n flennte, wir Seeleute weinten:
Unsere Tränen waren Freudentränen
Das ist viele Monde her und noch mehr Juninächte
Seit wir an Land festmachten
Ein salty Dog, des Seemanns Logbuch,
Euer Zeuge meine eigene Hand….

„Einen nehme ich noch. Der rollt so schön wie eine sanfte Welle die Dünung runter.“
„Gerne. Du weisst ja, was ich für deinen nehme: 4cl Wodka, 8cl Grapefruchtsaft und zerstossenes Eis ganz wie es in deine Strömung passt….“
„Leg doch nochmal den Tonarm in die Rille
„Na denn…“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen guten Wind in den Segeln.

 

 

 

Grenzenloser Bloggerbetriebsausflug

Französische Bands waren und sind hierzulande leider weitgehend unbekannt. Während des Schreiben dieses Beitrages: Ange – Le Cimitière des Arlequins (1973). Danach, ebenfalls aus dem Jahr 1973: Magma – Mekanïk Destruktïw Kommandöh …

Dem Buch fehlt der Schutzumschlag. Das helle blaugrüne Leinen weist etliche Flecken auf, der Rücken ist nur minimal lichtrandig. Das Büchlein im Format Klein8° passt gerade recht in die Hände eines elfjährigen Jungen. Nach Hinweisen zum Autor suche ich vergeblich. Das Buch wandert seit Jahrzehnten in und mit meiner Bibliothek.
Eine spannende Pfadfindergeschichte. Ich war selbst lange Jahre bei den Pfadfindern. Das Buch mag ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten gewesen sein. Von wem es mir geschenkt worden sein mag, ich erinnere es nicht mehr. Erschienen ist es im Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris.
Lange vor der Schaffung der EWG, der Vorläuferin der EU, kam den führenden Politikern beider Länder der glorreiche Gedanke, dass zukünftige Kriege zu vermeiden seien, wenn die Jugend sich kennenlernen und miteinander im Austausch wäre. Im Rahmen des Elysèe Vertrages wurde auch die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) beschlossen. Schon bald danach begann ein gegenseitiger Jugendaustausch.

Meine erste lange Urlaubsfahrt mit Freunden verbrachte ich in Frankreich. Jahre waren seit der Gründung des DFJW vergangen. Wir entdeckten Frankreich auf eigene Faust. Im Elsass kam es durchaus noch vor, dass man als deutscher Jugendlicher, zudem mit längerem Haupthaar, als boche beschimpft worden ist.
Ich hatte seinerzeit noch keinen Führerschein, aber meine Freunde waren bereits etwas älter. Mit einer Citroen Dyane 6 und einem Opel Kadett A fuhren wir Richtung Süden. In der Nähe von Marseille zelteten wir auf dem steinigen Boden hoch über dem azurblauen Meer. Spontan sind mir an diese Reise nur wenige Tatsachen erinnerlich. Baguette, Käse, südfranzösische Pizza und die für unsere Verhältnisse chaotischen Verkehrsverhältnisse. Pastis, den man immer weiter wasserverdünnen konnte, bis uns der Wirt scheel anschaute. Rotwein und Gauloises. Damals noch zum Schülertraumpreis. Die bezaubernd fremde Lebensart. Und die nervigen Grenzkontrollen dort wie hier. Seitdem war ich viele Male in Frankreich und kenne fast alle Gegenden.

Im Jahr 1914 wurde in Saint-Denis für die CIWL (Compagnie Internationale des Wagons-Lits) mit der Fertigungsnummer 2419D einer von über zwanzig Speisewagen hergestellt. Während des bald darauf beginnenden Ersten Weltkriegs diente dieser Wagen im Befehlszug des Maréchal Ferdinand Foch nach einem Umbau als sein mobiles Büro.
In diesem rollenden Raum wurde am 11. November 1918 die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches ratifiziert.
Danach wurde der Wagen im Ehrenhof des Armeemuseums in Paris ausgestellt.

Wenn Du das Elsass und die Vogesen noch nicht kennst, so ist es mir eine Freude, Dir in dieser einmaligen Kulturlandschaft viel Sehenswertes zu zeigen und näherbringen. Die kleinen malerischen Dörfer und Städtchen. Flammkuchen und Edelzwicker. Den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar. Kugelhopff und Baeckeoffe. Das Kloster auf dem Odilienberg. Und das nicht weit davon entfernte ehemalige Konzentrationslager Natzweiler Struthof. Die kultivierte Lebensart liegt hier so nah bei der rohesten Barbarei, dass man es kaum fassen kann. Auf dem Lingenkopf lagen die beiden Schützengräben nur zwölf Meter von einander entfernt. Musste ein Soldat austreten, so rief er dies dem militärischen Gegner zu und erbat sich damit freies Geleit. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht. Kriegshandlungen sind nicht vorausschaubar.

Als die Deutsche Wehrmacht 1940 Frankreich einen Waffenstillstand aufzwang, wurde der Eisenbahnwagen auf Befehl Hitlers vaus dem Aremeemuseum geholt und an die gleiche Stelle im Wald von Compiègne gebracht, um darin den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen.
Danach wurde der Wagen per Eisenbahn nach Berlin spediert, da er nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde er kurzfristig ausgestellt und anschliessend in einem Magazin eingelagert. Im Jahr 1944 wurde er aus Sicherheitsgründen nach Thüringen verbracht. In den letzten Kriegstagen wurde der Wagen dort durch ein Feuer beschädigt. In der Geschichtswissenschaft gibt es noch immer verschiedene Meinungen über die Urheberschaft der Zerstörung.

Auf der Fahrt von Colmar in die Vogesen werden wir an einem kleinen Ort vorbeikommen. An der dortigen Kirche ist eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an einundfünfzig Mitbürger, die zu Reichsdeutschen erklärt worden sind und somit in die deutsche Wehrmacht oder die SS gezwungen worden sind.
Mir fällt da eine kleine Auberge in der Nähe ein, in der es bescheidene Zimmer und eine typisch elsässer Küche gibt. Jetzt ist die Zeit der feinen Wildgerichte. Heisse Maronen und Pilze. Morgen könnten wir dann eine kleine Rundfahrt in den Vogesen machen oder eine Kleinstadt besuchen. Oder beides.

Der Unterbau des Waggons überstand den Brandanschlag und wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, zu einem Werkstattwagen umgebaut und entspechend genutzt. Seine letzte Verwendung war als Werkswagen Nr.17 im Weichenwerk in Gotha. „Aufgrund seiner weichen Federung erhielt er dabei den Spitznamen Kanapee.“ Nach einer neuerlichen Beschädigung wurde der betagte Eisenbahnwaggon im Jahr 1986 verschrottet.

Was mir beim Rundgang durch eine Kleinstadt wie Obernai auffällt, ist diese wohltuende Nichtperfektion. Nichts ist überrestauriert. Man sieht den Gebäuden an, dass sie belebt sind. Das pulsierende Leben selbst in den ruhigen Nebenstrassen überträgt sich auf den Reisenden. Wie wärs mit einer Einkehr in einem Salon de Thé? Oh, da gibts frische Eclairs. Welche Creme magst Du lieber, Schokolade oder Vanille? Ich nehme bloss einen petit noir.
Hier lässt es sich leben. Die Böden sind ungemein fruchtbar. Selbst jüngere Menschen sprechen wieder den elsässischen Dialekt. Vielleicht finden wir später ein gemütliches Resaturant. Einen Baeckeoffe habe ich ewig nicht mehr gegessen.
Mit der Vergangenheit und den historischen Orten geht man in Frankreich nicht anders um als in anderen Ländern.
Das Konzentrationslager Le Struthof ist anschaulicher instandgesetzt, als ich das von deutschen Konzentrationslagern kenne. Aber hier soll nicht aufgerechnet werden, wie mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wird. Es ist unwürdig und unpassend.

Strassburg? Auf dem Weg dorthin werden wir Mutzig passieren. Auf einem Hügel neben der Stadt liegt die angeblich grösste Militärfestung Europas. Die Feste Wilhelm II. für siebentausend Soldaten. Nach heutigem Geld soll der Bau eine Viertelmilliarde Euro verschlungen haben.
Es kann sein, dass in Strassburg ziemlich viel los sein wird, nach der Ruhe hier am Rand der Vogesen. Vor dem Münster schieben und drängen sich die Menschenmengen. Himmelstrebende gotische Baukunst, die sich auf einen schnellen Blick nicht erfassen lässt.
Martialisch aussehende Männer der Antiterroreinheiten patroullieren und zeigen überall Präsenz. Beim Eintritt in jegliche öffentliche Gebäude muss man den Inhalt seiner Taschen und Rucksäcke präsentieren. Lass uns lieber in ein ruhigeres Viertel gehen. Jetzt ist die Jahreszeit für moules frites. Schau, das kleine Restaurant dort drüben sieht gut aus. Die Muscheln, zubereitet á la marinière, sind ebenso delikat wie schmackhaft.
Aber nun nichts wie weg aus diesem Getümmel. Die Feuerwehr stellt auf der berühmten place Kléber einen fündundzwanzig Meter hohen Weihnachtsbaum auf. Menschenmassen in der Herbstsonne. Eine kleine Tüte heisse Kastanien für auf den Weg. Die verschmitzt schauenden Augen des lächelnden Maronenmannes lindern den inneren Aufruhr der vielfältig verwirrenden Eindrücke.

Der Roman „Lichter am Grenzhof“ von Jürgen Rauser hielt mich seinerzeit in Atem. In den Sommerferien haben die Gruppenführer einer deutschen und einer französischen Pfadfindergruppe eine Begegnung zwischen ihren Buben vereinbart. Die Jungs wissen nichts voneinander und lernen sich in den Vogesen durch geheimnisvolle Begebenheiten und Zwischenfälle kennen und kommen sich im Verlauf der Ferien näher.
Am Ende entwickeln daraus sich Freundschaften. In dem Buch steht vor dem Text eine gedruckte Widmung:
„Der Jugend Deutschlands und Frankreichs, die eine Versöhnung aufgerichtet hat
über der blutdurchtränkten Erde des Grenzlandes, –
Eine Gemeinsamkeit, die so sehr erfahren ist,
dass sie nie wieder im Hass der Völker verbrennen darf.“

Es bleibt angesichts der Geschichte des vormals prominenten Eisenbahnwagens zu wünschen und zu hoffen, dass zwischen Deutschland und Frankreich zukünftig nie mehr Kapitulationen zu unterzeichnen sein werden.
Und mit einer Reisebegleitung wie Dir würde ich jetzt sofort ins Elsass fahren. Zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr zur Blütezeit. Oder in der Hitze des Sommers zum Picknick an einen Wasserfall. Grenzüberschreitend.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein friedvolles herbstliches Wochenende.

(Eine Fotografie anklicken. Die Galerie öffnet selbsttätig)

 

 

 PS: Das im Beitrag erwähnte Buch: Rauser, Jürgen: Lichter am Grenzhof. Illustrationen Irene u. Rolf Scharwächter. Verlag Alsatia, Freiburg Colmar Paris, 1965. 191 S.

Bei aller Reduktion sinnliche Fülle beispielsweise

Massenveranstaltungen und Aufmärsche werden mir zusehends befremdlicher. Ein Fest im Kreis herzoffener Menschen liegt mir näher. Kleinststädte und Flüsse, die sinds. Da komme ich her. Carl Orff – Carmina Burana (André Previn + Wiener Philharmoniker)…

Die lichten Stunden des Tages werden kürzer. Erntezeit. Letzte wärmende Sonnenstrahlen. Fast gleichzeitig regnet es in den Sonnenschein. Verschwenderisch buntes Blattleuchten, umkränzt von Regenbögen. Windböen zausen Büsche und Bäume. Treiben das Laub stossweise vor sich her wie es ihnen gefällt.
Abschied von den Sommerwirten am Steindamm nach einem leichten Mahl. Die Sonne, mittagsüdlich überm breiten Strom wärmt noch immer ganz angenehm gegen die kalten Windstösse im Rücken. An der ungemähten Streuobstwiese die Räder an knorrigen Baumstämmen anlehnen. Am Wegrand angebissenes und sogleich weggeworfenes Obst. Dabei liegen die reifen saftigen Birnen im hohen Gras griffbereit um den Stamm herum. Man braucht sich bloss zu bücken. Einem labyrinthisch verzweigten Apfelbaum hat jemand einen armstarken Ast abgebrochen.
Kein gutes Jahr für Walnüsse, dieses Jahr. Aber immerhin. Die mitgebrachten handlichen Tüten füllen sich.
Beim Nüssesammeln fragt eine Frau nach dem Tun.

Na, Nüsse sammeln.
Und was machen Sie dann damit?
Was man damit macht? – essen natürlich.
Die kann man tatsächlich essen?
Aber sicher, die sind sehr lecker…

So weit sind wir also schon gekommen. Mögen solche Menschen lebenslang von Hunger, Kälte und Wassermangel verschont bleiben, Nicht auszudenken, was wäre wenn.
Die Herbstwinde haben den uralten Apfelbaum befreit von seiner reifen Überfülle. Es liegen mehr Äpfel am Boden als ich aufnehmen kann. Das ist auch in Ordnung so, denn Tiere sollen auch noch Futter finden.

Ein letzter Blick in die Tiefe der alten Allee. An ihrem Ende befindet sich der lange Strand. In der dunklen Jahreszeit werden wir hier nicht im Sand liegen. Allenfalls Flippflitschsteine über kabbelnde Wellen tanzen lassen. Schon jetzt liegt dieser Teil der Aue verwaist. Die Ruhe wird sich jetzt mehr und mehr ausbreiten. Zur besinnlichen Rückkehr in ein kleines Paradies. Wir werden nicht frieren im kommenden Winter. Gespräche mit Menschen. Gemeinsam essen und trinken. Musik, Bücher und Filme. Sichere Herzenswärme gegen auszehrend kalte Einsamkeit.
Spaziergänge und Radfahrten. Jakobsberger Au. Langenau. Nonnenau. Und die Rabeninsel.

Die alte Fähre wird gleich kommen und uns übersetzen. Nur ein paar Kilometer noch und die prall gefüllte Satteltasche wird ihrer fruchtigsauren saftigen Last entledigt. Kurz darauf schon breitet sich im Ärmelhaus der verführerische Duft des sanft dämpfenden Apfelkompotts aus.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern goldenes Oktoberwochenende.

(Fotografien der Fülle – anklicken und die Grösse geniessen)

 

 

 

Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)