Dümmer dumm Pocahontas nicht dabei zu haben

Nichts wird ganz vergessen. Aus den Tiefen der Archive wieder aufgetaucht : Phonoroid – Two many Frames (1998). Die folgende Scheibe findet seit 1969 immer wieder den Weg auf meinen Plattenteller. Dabei war zu dieser Zeit die Band schon fast Geschichte : The Jimi Hendrix Experience – Electric Ladyland (1968)…

Andeutungen ziehen wie Wolken auf. Freundliche Wolken am ahnungslos blauen Himmel. Die Einladung leuchtet blitzgrell. Herzbebende Freude. Und sogleich Fragen : warumwohinwann. Und überhaupt? Doch bis dahin war Geduld angesagt.
Fast sommerliches Wetter. Die Wärme macht den grossen Koffer entbehrlich. Handgepäck mit Wanderschuhen. Ja, ich habe meine Badehose dabei (im schicken Schnitt der sechziger Jahre). Fragen und verschmitzt vertrackte Andeutungen. Bis mir irgendwann dämmert : der Dümmer.
Aber da bin ich schon ausserhalb der Reichweite meines schmalen Bücherbrettchens und fern von Pocahontas. Und nichts hätte mir, als dem so grossherzig Eingeladenen besser angestanden als bei einem frugalen Picknick in dieser Seelandschaft mit Pocahontas die abendliche Stimmung zu schmücken. Ich danke allerherzlichst für diese besondere und nicht alltägliche Freude, die mir im Gedächtnis bleiben wird.
Vergessen waren für Stunden die bedrohten Paradiese unseres fragil gewordenen Daseins. Der Dümmer, zweitgrösster See Niedersachsens, wurde 1953 eingedeicht. Dieser radikale Eingriff in eine seit der Eiszeit natürliche gewachsene Landschaft hatte und hat tiefgreifende Folgen. Ablesbar an der Veränderung hinsichtlich der typischen Vegetation dieses besonderen Ökosystems mit allen negativen Auswirkungen auf die heimische Tierwelt. Oder sichtbar auch an den Blaualgenansammlungen bei zu warmen Temperaturen.

Einem Hinweis von Herrn Zeilentiger folgend sah ich mir den Film „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ an. Im Verlauf des Films nahm in mir eine merkwürdige Gefühlsachterbahn Fahrt auf. Deprimierend war am Anfang der Ist-Zustand unserer radikal ausgebeuteten Daseinsgrundlage – der Erde – zu sehen. Wie lange kann das überhaupt noch gut gehen? Vergiftete Böden. Mit Gewässern, die zunehmend multiresistent gegen Antibiotika sind. Tiere als gnadenlos ausgebeutetes Material zur Bedürfnisbefriedigung. Und Menschen, die weltweit zusehends verelenden, und dies nicht nur materiell.
Mit jedem neuen Tag, der mir geschenkt, ohne dass ich dafür konkret etwas tue, wird mir klarer, in welche fatale Lage wir uns manövriert haben.

Unsere bürgerliche Gesellschaftsform im Zusammenwirken mit einer kapitalistischen Wirtschaftsweise wird uns, bzw. die Menschen, die uns nachkommen dem Abgrund in immer rascheren Schritten näher bringen. Die bürgerliche Standardlüge, dass „jeder es schaffen kann“ im Kontext des Irrglaubens „ständig weiter wachsenden“ Volkswirtschaften, in welcher „der Wohlstand aller wachsen wird“ wuchert wie ein gefrässiges soziales Krebsgeschwulst.
Nur durch Spass und Konsum wird die träge Masse noch ruhig gehalten. Dauerndes Handfesselwischen, dummdaddeln und Netzwerke, die als sozial verklärt werden, in der Wirklichkeit jedoch stark desozialisierend wirken, verhindern ein konkretes soziales Miteinander und vernünftiges soziales Handeln. Und darauf wird es zunehmend ankommen. Zumindest für die Menschen, die sich die Wahrnehmung und das Bedürfnis für ein menschwürdiges Zusammenleben bewahrt haben.

„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen : Nein!“*

In mir schwingt ein Glücksgefühl nach bei der Erinnerung daran als wir morgens am Rheinufer lagen. Hingelagert auf der alten englischen Picknickdecke, umwoben vom Duft blühender Linden. Den Arbeiten auf dem grossen Strom zusehen. Vorbeiziehenden Menschen auf dem Uferweg. Und dabei die mitgebrachten Leckereien schnabulieren.
Unsere Gespräche dabei sind mir durch nichts zu ersetzen. Dieses Gefühl lässt sich nicht in eine Tastatur tippen. Die wiederholten und doch einmaligen Augen=Blicke.
Was uns näher bringt ist das Wissen, „es ist ein grosser Irrtum, zu glauben, dass die Menschheits-Probleme gelöst werden. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen“.*
Ich werde jetzt nachsehen, ob die gesammelten Lindenblüten inzwischen soweit getrocknet sind, dass ich die Blätter flott abzupfen und die Blüten geschützt lagern kann.

*Die beiden Zitate im Text stammen von Kurt Tucholsky.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

(Photographien sind beim Besuch der Webseite in einer Galerie gross zu sehen.)

 

 

 

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DSGVerordnung weiterhin wirkungslos gegen Selbstschuld

Am vergangenen Wochenende waren wir auf dem 44. Open Ohr Festival. Wie seit all den Jahren stand es unter einem bestimmten Motto. Dazu viel Musik, Theateraufführungen, Filme und Diskussionsveranstaltungen. Und erfrischend anders auftretende und aussehende Menschen. Fast wie in den 1970er Jahren. Lange nicht gehört : Jethro Tull – Aqualung (1971)…

Was für eine grandiose Woche. Über allem schwebt das heutige Datum. Der 25. Mai. Und die DSGVO. Die sogenannte Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union. Das will auch erstmal fehlerfrei ausgesprochen werden. Dass es diese Verordnung bereits seit zwei Jahren gibt, hat sich in dieser Woche in Windeseile herumgesprochen. Um was geht es darin und was hat all das mit mir zu tun? Viel und wenig. Lachen und weinen abwechselnd. Man will mir mehr Transparenz hinsichtlich meiner im Internet kursierenden persönlichen Daten ermöglichen.
Da zog der Suckerberg seine kaugummiblasende Ammischau in Brüssel ab. Süss und hohl. Und die Eurokraten buckeln vor diesem antidemokratischen Datenhändler. Der darf bestimmen, wann, wie und was er gefragt wird. Da sollte sich im umgekehrten Fall einmal der Chef eines im Dax notierten deutschen Unternehmens im Fall einer behördlichen Befragung in USammiland trauen. Der würde mit einem satten Milliardenstrafzettel auf seinen Chefsessel zurückfliegen.
Die beste Veränderung in der DSGVO ist meines Erachtens das Recht auf „Vergessenwerden im Internet“. Das heisst komplette Datenlöschung, wenn ich mich beispielsweise in einem der desozialisierenden Netze abmelde.
Ich persönlich fand den überaus arroganten Stil des Suckerberg erhellend. Er zeigte nämlich, dass er genau der Ammi ist, für den ich ihn seit 2004 halte. Er war ein unaffälliger Student mit Dollarnoten in den Augen. Allenfalls durchschnittlich gebildet, was das Weltwissen betrifft. Dem räuspert sein kleiner Mann im Ohr zu: „Sammel doch mal die Daten deiner Kommilitonen. Lässt sich vielleicht was draus machen.“ Er bastelt sich eine Plattform und sammelt. Und die Trolls wollen mitspielen und schenken ihm ihre Daten. Und es werden immer mehr. Auch in anderen Ländern. Und endlich auch in Deutschland. Inzwischen gibts wahrscheinlich keinen Berliner Bundestagsabgeordneten der fünften Hinterbank, der kein Datenspender für den Suckerberg ist. Selbstredend alle Parteien sind seinem Netz. Handballvereine machen mit, Skatbrüder und Ballermänner sowieso. Und kein Unternehmen bewahrt klaren Verstand – alle meinen dabeisein zu müssen, sich präsentieren zu müssen. Freunde haben zu müssen. Kunden zu aquirieren.
Ach, und das Milliardenheer der einsamen Handfesselwischer. Heinz Jürgen mit seiner Modelleisenbahn genauso wie Babsi die Kaktusstrickerin. Bisschen Aufmerksamkeit, ein kleines bisschen gefühlte Anerkennung. Alles nur virtuell – mehr ist es nämlich nicht. Echte Anerkennung, wirkliches Miteinander funktioniert anders und fühlt sich ganz anders an.

Der Suckerberg ist nicht der böse Bube. Er war lediglich ein Ammistudi mit einer naiven Vision. Zu dem skrupellosen Datenhändler hat nicht er selbst sich gemacht.
Das waren und sind seine Datenspender weltweit. Und die sind nun in seinem Netz gefangen. Statt dem Netz zu entkommen, spenden sie offenbar lieber weiter ihre privaten Daten zum geschäftlichen Nutzen des Suckerberg Imperiums.

Jan-Philipp Albrecht, innen- und justizpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament und Parlamentsberichterstatter für die Datenschutz-Grundverordnung zeigte sich nach der Schau des Suckerberg in Interviews betroffen über dessen Auftritt in Brüssel. Denn auch seine Fragen wurden von dem befragten Suckerberg nicht konkret beantwortet. Und wie hat der grüne Albrecht darauf reagiert? Genau so! Er hat hinterher gejammert. Er beklagt überdies die europaweit einzigartige deutsche Abmahnkultur. Deutsche Anwälte mit entsprechenden Allüren scharren schon mit den Hufen und wetzen bereits ihre Abmahngebührenmesser.
Österreich, laut André Heller das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten, könnte jedoch Vorbild für unsere Regierung sein. In Österreich darf erst nach einem schriftlichen Hinweis und einer geregelten Zeitspanne tatsächlich abgemahnt werden. Aber unsere deutschen Politiker jeglicher Couleur haben für derlei Bevölkerungsschutz keine Zeit. Die sind gerade mit freiwilligen Datenejakulationen beschäftigt.
Es wird nach diesen Zeilen niemanden mehr verwundern, dass sowohl das Europäische Parlament als auch die Europäische Kommission ein Konto bei der Datensammelstelle des Suckerberg unterhalten.
Mich tröstet, dass sich in meinem persönlichen Umfeld Menschen tummeln, die sich den Netzen der Desozialisierung verweigern. Weiter so!

Wer darüber jammert, was mit den persönlichen Daten geschehen ist oder gerade eben jetzt geschieht, ist selbst schuld. Vor dem Datenspenden ein wenig Nachdenken erspart hinterher den Katzenjammer.
Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Bloggern zwei, drei echte Freunde oder Freundinnen. Virtuelle Netzwerke desozialisieren die Menschen und können abhängig machen.

 

 

Gelegentlich Feste feiern – das Leben immer feiern

Für die Strassen unter einem sonnigblauen Himmel : der unglaubliche Ärmelmix. Musik aus vier klingend erlebten Jahrzehnten…

Ein grosses Fest steht vor der Toreinfahrt. Die Vorbereitungen dafür laufen, wie jedes Jahr, bereits seit längerer Zeit. Spätestens wenn nach den letzten erfolglosen Anpreisungen mit Billigpreisen kein Mensch mehr einen Schokoladennikolaus kaufen will, beginnt das grosse Umschmelzen. Vergleichbar der Wandlung in der Liturgie wenn aus Fleisch Oblaten werden und aus Blut Wein. Spätestens dann verwandelt die Süsswarenindustrie Nikoläuse in Osterhasen.

Das christliche Fest der Zuversicht und Hoffnung. Und drei freie Tage. Zeit für eine Kurzreise. Überall werden sich Menschen treffen. Ich freue mich schon auf die gesellige Runde. Ein heiteres Zusammensein. Gespräche über dies und das. Unterhaltsam und besinnlich je nachdem. Essen und Trinken an einer reich besetzten Tafel. Die menschliche Nähe verbindet. Eine Atmosphäre des Frohsinns.

Die Frage liegt in der Luft und man kann sie förmlich greifen. Welche menschliche Nähe erfahren die unzähligen Menschen, die in den kommenden Tagen (und nicht nur dann) alleine vor ihren Bildschirmen sitzen oder mit aufgeregt nervösen Fingern ihre Handfesseln bestreichen. Medial vorgetäuschte menschliche Nähe. Kommunikation sicherlich. Aber die gegenseitigen AugenBlicke fehlen. Berührungen, Gesten, der Klang der Sprache. Das Lächeln. Scheinbare Verbindungen, in denen man dennoch unverbindlich bleibt. Weil man selbst masslose Forderungen im Herzen trägt ist es besser, selbst unsichtbar zu bleiben. Was bleibt hinter der Maske, ist die Sehnsucht. Auch in der Sehnsucht wohnt eine Sucht.

Der Himmel ist wunderbar blau. Ich schneide Efeu auf der Au. Das Geraffel ist verpackt und die kleine Reisetasche steht bereit. Ich bringe einen Kuchen mit. Haareschneiden am Karfreitag passt. Alte Zöpfe taugen wenig. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern bunte und gesellige Tage. Und denken Sie angesichts der aktuellen Diskussion nach dem neuesten unglaublichen Datendiebstahl daran : der beste Datenschutz in den sogenannten sozialen Netzwerken – sich garnicht erst anmelden. Darauf verzichten können und sich dafür mit wirklichen Menschen in der wirklichen Welt verbinden. Das zählt und das zahlt sich aus.

 

(Photographien selbsterklärend – anklicken macht gross)

 

Warum nicht mal kontrapunktisch ? (für Herrn Z.)

Bis auf ganz wenige landestypische Ausnahmen erinnere oder kenne ich erstaunlicherweise alles, was vor wenigen Jahren noch aus dem Alltag nicht wegdenkbar schien. Eine ungewisse Dankbarkeit steigt aus der Erinnerung auf. Ich habe jene Handwerkzeuge noch benutzen können. War in manche Pozesse einbezogen, die jüngeren Menschen kaum noch vermittelbar sind.
Die Beschleunigung zur Veränderung unseres Alltag hat ein unmenschliches Ausmass erreicht. Frank Quilitzsch hat fleissig gesammelt und humorvoll aufgeschrieben, was bald verschwunden sein wird.
Iris Berben und Thomas Thieme lesen abwechselnd : Frank Quilitzsch – Dinge, die wir vermissen werden (3CD / 2011)..

Durch die Ritzen des Rolladens grisseln Sonnenstrahlen. Wir haben uns beide wachgeträumt.
Barfuss in den Garten gehen; frische Bärlauchplättchen rupfen für das Frühstücksei im Glas. Die Sonne durchflutet den Lebensraum. Zum Frühstück erklingt Musik nach dem Codex Faenza. Ein grosser Tag liegt vor uns.

Letzte Woche sind wir noch durch den Schnee gegangen. Aus dem kleinen Teich im ehemaligen Bruch gingen Nutrias behäbig auf das Ufer und das Objektiv zu.
Wir entscheiden uns angesichts des prächtigen Wetters heute für die Hohlwege am Rand eines Dorfes im Rheinhessischen. Durch den langen Winter haben wir viel Kondition eingebüsst. Wie befreiend die frische Luft wirkt und wie angenehm belebend die kraftvolle Sonne wärmt. Hoch oben in den Weinbergen auf einer Wiese sitzen. Die weiten Blicke ins Rheintal verlieren sich irgendwo im blauen Dunst voller Versprechen auf den Frühling. Zum Abschluss der Kleinwanderung gibts eine trockene Weissweinschorle im alten Kelterhaus.

In Frankfurt findet die Luminale statt. Vor zwei Jahren war ich dort mit voller Ausrüstung. Lass uns mit leichtem Besteck gehen. Mühselig gehen die Beladenen. Wir parken in der Innenstadt. Die statisch ausgeleuchtete Katharinenkirche mit der mächtigen meditativen Orgelmusik. Sich dem Licht und der Musik hingeben, durchfliessen lassen.
Den Sinn der Geschichte, die mittels Licht auf der Fassade des bekannten Römer erzählt wird, verstehe ich nicht. Umso besser dafür das beeindruckendste Spektakel des Abends. Die Illumination der Alten Oper. Dem Link folgen : die Präsentation ist empfehlenswert. In vier Kapiteln wird die Geschichte dieses imposanten Bauwerks dargestellt. Wir stehen staunend. Nach dem Besuch besprechen wir unsere Photograhien am Bildschirm. Gibt es etwas natürlicheres als miteinander zu sprechen, sich austauschen. Der direkte Dialog ist durch kein filterndes Medium zu ersetzen.

Der erste Tag der Woche beginnt vormittags mit der Beerdigung einer ehemaligen Klassenkameradin. Die Reihen lichten sich. Heimweh oder Fernweh, was schmerzt mehr? Eine ernstzunehmende Frage. Jeder neue Tag birgt so viele kleine Glücke. Man braucht doch nur hinzuschauen und zuzugreifen.
Wer vorher zu viele Bedingungen an sein Leben stellt, verfängt sich nur allzuleicht im Netz der eigenen Fehleinschätzungen. Und hat hinterher das Nachsehen und bleibt allein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir seit zweitausend Jahren den Teufel fürchten, statt die Menschen um uns herum zu lieben. Sie zu lassen, wie sie nun mal sind mit ihren Vorzügen und Schwächen. Denn wer sich der Sonne zuwendet, lässt den Schatten hinter sich…

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine erfreuliche Woche.

 

(Photographien, nebenbei aufgenommen. Anklicken für bessere Blicke empfiehlt sich)

 

Die Musik :  United Jazz & Rock Ensemble – Round seven (1987)…

 

Wie in den Jahren zuvor: Zu guter Letzt

Meine motiverende musikalische Begleitung für das weihnachtliche Geschenkebasteln:
Rolling Stones – Beggars Banquet (1968) und Rolling Stones – Let it bleed (1969)…

Wie gehabt verweist die Fotografie auf den letzten Eintrag des Jahres. Ich habe mir die jeweils letzten Einträge der vergangenen Jahre erneut angeschaut. Jeder hatte textlich und stilistisch seine ganz eigenen Schwerpunkte. Vieles davon ist inzwischen selbst Geschichte geworden. Fast schon vergessen, zeugen sie von momentaner Gültigkeit. Wenig bleibt.

Für mich war das 2017er Jahr ein gutes Jahr. Ein hervorragendes Jahr.
Ds Reduktionsprojekt läuft prima. Die Lebensfreude ist grandios und beflügelt. Was in jüngeren Jahren noch eine Wunschvorstellung mit gelegentlichen praktischen Versuchen und seit einigen Jahren eine klar umrissene Idee gewesen ist, kann ich nun realisieren. Ein vielfach angeschabter und geflickter Lebensfaden leuchtet nun in schönstem Rot.
Die Autonomie, einige äussere Lebensumstände und vor allem die meinem Herzen nahen Menschen sind Grundlage und Antrieb für das Gelingen. Von einigen merkwürdigen Entwicklungen und tief erlebtem Glück wird im kommenden Jahr konkret in einigen Beiträgen zu berichten sein.

Durch den weitgehenden Verzicht auf die lärmend geschwätzigen Medien beschränken sich besorgniserregende oder traurige Nachrichten auf einen überschaubaren Kreis von Menschen in meinem persönlichen Umfeld.
Ereignisse, auf die ich weder Einfluss nehmen kann, noch die Macht habe, sie zu bestimmen, interessieren mich zunehmend weniger. Dafür will ich dort, wo ich darum gebeten werde oder es für sinnvoll erachte, meine Kraft, meine Kenntnisse und Fähigkeiten zur Unterstützung anbieten.

Ich denke in dieser Zeit an die Menschen, die mir in diesem Jahr, jeder in seiner und auf seine Art, nahegekommen sind. Menschen, denen ich persönlich begegne, kann ich mit einem tiefen Augenblick meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Den virtuellen Begegnungen danke ich hier auf diesem Weg. Im mündlichen oder schriftlichen Austausch erhielt ich wunderbare Anregungen. Nicht zu vergessen auch einige horizontweitende Lehrstücke. Der Smaragd ist genauso viel wert wie der Diamant.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern im kommenden Jahr Gesundheit, Besonnenheit und Lebensfreude


Wer des Lebens Kürze kennt, der legt es klüger an und braucht es zum Vergnügen (Johann Peter Uz – 1720-1796)

 

 

 

Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)