Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

v
Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

vi
Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Zu guter Letzt? Kommt der neue Anfang…

Die Besucher, Leser und Gugger, die diesen Blog schon länger auf ihren Schirmen haben, kennen die untenstehende Fotografie. Sie zeigt den letzten Beitrag des zu Ende gehenden Jahres an…

Die wichtigsten Arbeiten sind erledigt. Der kleine Koffer liegt offen am Boden. Morgen wirds losgehen. Kennenlernen, essen, trinken und feiern. Hier und da und dort. Ich freue mich auf die Begegnungen mit anderen Menschen in anderen Landschaften.
In diesem Jahr wird es auf diesem Blog keinen Jahresrückblick geben. Ich halte es lieber mit zwei Versen eines Liedes von den Dubliners:
„For what’s done is done and what’s won is won
and what’s lost is lost and gone forever…“

Im kommenden Januar werde ich mit einer Buchvorstellung meinen ersten 2017er Beitrag beginnen. Damit wird dann die zukünftige Richtung angezeigt werden. Denn mit firlefänzigen Nichtigkeiten will ich niemandem die Zeit rauben.

Freude und Menschlichkeit seien die Wegweiser bei allem Handeln, Denken und Fühlen. In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern im kommenden Jahr viel Humor und gutes Gelingen in allen Belangen.

(Dieses Motiv wird so nicht mehr aufzunehmen sein. Die in die Welt grüssende Figur ist seit kurzem von schmucklosen Antennen umstellt. Das sind die Zeichen der Zeit)

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Wer ebenfalls grüssen mag, klickt auf die Fotografie

Dekonstruktions-Rekonstruktionen

Weihnachtsmärkte und Jahresrückblicke landauf landab. Da scheinen sich reale und virtuelle Welt nahe zu kommen. In den musikalisch vielgescholtenen 1980er Jahren gab es trotz allem Bands mit trefflichen Texten zur bedrohlichen (Welt)Lage und dennoch leichter lebensfroher Musik: Fischer-Z – Red Skies over Paradise (1981)…

Was du ererbt von deinen Vätern… Dieser Ausriss eines Zitates von Johann Wolfgang von Goethe hing mir lange Zeit nach. Es verführt einerseits zu materiellen Betrachtungsweisen, andererseits hat Sigmund Freud damit einer Berufsgruppe, aus der mittlerweile auch eine vielverzweigte Industrie geworden ist, zu dauerhaftem Einkommen verholfen.
Ich habe mich früher etwas schwer getan mit diesem Zitat. Seit Jahren aber betrachte ich es von ideellen Seite und damit hat sich der Horizont erheblich erweitert. Verarbeite das, was du von deinen Vorfahren ererbt hast, indem du daraus lernst und deinen Horizont erweiterst. Und nicht, indem du jammerst und dich beschwerst. Ich weiss, wovon ich rede, denn ich kenne meine eigenen Jammereien und Beschwernisse. Ohne die lebt sich es viel fröhlicher und vor allem leichter. Worte und Begriffe als Wegweiser..
Seit drei Jahren habe ich nun versucht, diesen drei Tonnen schweren Tresor über ganz unterschiedliche Kanäle zu verkaufen oder zu verschenken. Ich kann die Mailwechsel und Telefonate nicht mehr zählen. Und dann, am Ende hats eben doch geklappt. Wie im richtigen Leben. Oder, mit Hermann Hesse zu reden, von allem was der Mensch begehrt, ist er immer nur durch Zeit getrennt.

Schwer gefallen sind mir seit je die Gänge über Weihnachtsmärkte. Den Ärmelkindern blieben sie folglich erspart. Und bis heute wurde mir gegenüber kein Vermissen zum Ausdruck gebracht.
Die Geschäftemacherei passt nicht in mein Bild von Weihnachten. Einen vorläufigen traurigen Höhepunkt erreicht mein diesjähriger Gang über einen Weihnachtsmarkt. Nicht ein einziger Stand hat etwas mit Weihnachten zu tun. Keine Bude mit Räuchermännchen oder Lebkuchen. Döner wurden zwar in Deutschland erfunden, aber auch der frühlingsgerollte Mr. Wok ändert nichts an meinem Unwohlsein. Den erbärmlichen Höhepunkt bildet die Krippenschänke. Ein Kleinlabyrinth für Trinker. Überm Portal die üblich falsche Krippenszene. Nazareth und Bethlehem; Könige und Hirten beieinander. Ein König sowie ein Hirte fehlen bei der Darstellung. Ob die sich derweil in der Krippenschänke die Kante geben, will ich angesichts des Gegröhles schon um 18:00 Uhr nicht mehr herausfinden.
Die Essundtrinkbuden sollen auch auf anderen Weihnachtsmärkten die weihnachtlich anmutenden Stände mehr und mehr verdrängen. Städte und Kommunen vergeben das Weihnachtsmanagement an Veranstaltungsfirmen. Die wollen Reibach machen und fordern entsprechend hohe Standgebühren. Heisser, billiger Fusel und schlechtes Essen lassen dabei die Kassen am hellsten klingen. Private oder gemeinnützige Hersteller von Artikeln, die noch an Weihnachten erinnern, haben da nichts mehr verloren. Und überhaupt Weihnachtsstimmung, hier gehts um Spass und ums Geschäft.
Wie naiv ich noch immer sein kann, erlebte ich angesichts der Spreu auf dem Boden. Ich dachte, die sei da, um keine kalten Füsse zu bekommen während man an einem Stand steht. Aber weit gefehlt. Die wird ausgetreut, um die weggeworfenen Essensreste und die verschütteten Getränke aufzunehmen. Von dem abendlich vielfach Erbrochenen ganz zu schweigen.

Das eingangs erwähnte Zitat lautet im Zusammenhang:

Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
[…]
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
[Goethe: Faust. Eine Tragödie. in: Goethe-HA Bd. 3, S. 28-29)

                                         (Fotografien zum Text – anklicken vergrössert nur das Bild, nicht den Schrecken)

Multipelabsurdes Adventsallerlei

Bei den ersten Klängen erinnerte ich mich zurück an damals. Beim Kauf von Beggar´s Banquet und den Weg zurück zum Plattenspieler. Die grosse Spannung. Seit Monaten warte ich auf diese für die Stones sehr ungewöhnliche Platte. Eine Verneigung vor ihren Idolen aus den bluesigen Kaschemmen der USofA. Die Aufnahmen im Studio sollen bloss drei Tage gedauert haben. Das reicht für erdig ehrlichen Blues. Eine Bluesband waren sie nie. Dennoch haben sie ihn drauf:
The Rolling Stones –  Blue and lonesome (2016)…

Es ist richtig und es stimmt ja auch. Hier in diesem Blog wirds immer ruhiger. Mich trösten die Nachfragen per Mail. Das schafft das wohlige Gefühl, nicht vergessen zu sein. Einerseits.
Aber über was soll ich sinnvoll schreiben?
Wen interessiert, wie man ein drei Tonnen schweres Monstrum von einem Tresor in Zentimeterarbeit aus einer Garage schafft. Und dass die Ladefläche eines Zölftonner LKWs fast zusammenbricht beim Aufladen.
Von Mails und Blogbeiträgen, die man an Lebenshelfer weiterleiten möchte, die den Absendern die Köpfe mit einem Schuss Realität waschen.

Viel Arbeit gabs in den letzten Wochen und Monaten. Von den neuesten Erfahrungen mit professionellen Aufkäufern von Büchern, Porzellangeschirren, Metallmöbeln und anderen Überflüssigkeiten schreibe ich lieber nicht. Man möchte gelegentlich zweifeln am Verstand von Menschen, die immerhin einen Führerschein und das Wahlrecht besitzen.
Es ist nicht einfach in diesen Zeiten, wenn man das Leben liebt und freudvoll in die Zukunft sieht. Da muss man hin und wieder Gleichgesinnte suchen wie die sprichwörtliche Stecknadel. Ausserdem bin ich wieder viel unterwegs. Auch da sammelt sich manches an Erlebnissen und neuen Erfahrungen an.

Über Leonard Cohen, seine Musik und wie sehr ich ihm dankbar bin und sein werde für manche seiner Lieder habe ich nicht geschrieben. Mir war die Stimmung verdorben, als ich die vielen Hinweise auf seinen Tod in Blogs wahrgenommen hatte. Solche Plattitüden und Unwissenheit hatte er wahrlich nicht verdient.
Ebenso habe ich es vermieden, über die Präsidentschaftswahlen zu schreiben. Über die hier in Deutschland machen die Komiker im Fernsehen schon jetzt ihre Witze. Und über die in den USofA hat Deutschland gelacht und gespottet. Jedenfalls diejenigen, die etwas auf sich hielten und eine Meinung hatten. Was nichts darüber aussagt, dass sie wirklich durchschaut hätten, über wen oder was sie ihre flachen Witze gerissen haben.

Inzwischen ist wieder Advent. Mir geht schon seit geraumer Zeit mein Jahresendbeitrag für diesen Blog durch den Kopf. Vielleicht freue ich mich einfach, dass ich meine grosse Dunkelheit dieses Jahres erhellend durchdrungen habe. Das mag aber auch mit dem aufregenden neuen Projekt zusammenhängen. Im kommenden Jahr werden weitere Prozesse des Alltags vereinfacht werden. Darüber wird dann vielleicht etwas Berichtenswertes mitzuteilen sein. Hier oder im neuen Blog.
Bis dahin wird der Wechsel langsam und überlegt gesteuert und vollzogen werden. Und deshalb gönne ich mir in dieser herrlich leuchtenden Konsumterrorzeit auch vier Adventskränze. Für jeden Adventssonntag einen. Und weil sie so schön sind und ich mich gegen keinen entscheiden wollte. Und zur Erleuchtung des Ärmelhauses. Und überhaupt.

                                                                            (Foto anklicken bringt sie grösser ins Bild)

Neuerfindungserinnerungen

Ab und zu, wenn ich mich wieder einmal auf die Erinnerungsschaukel setzen mag, höre ich mich durchs Werk einer Kapelle oder eines Musikalartisten soweit das im Ärmelarchiv befindlich ist. Aus gegebenem Anlass laufen seit gestern viele Scheiben von David Bowie, so in dieser Reihenfolge etwa: The Man who sold the World (1970), Hunky Dory (1971), The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars (1972), Aladdin Sane (1973), Pinups (1973), Diamond Dogs (1974), Heroes (1977), Low (1977), Lodger (1979)…

Dann war Schluss. Nein, nicht mit Bowies Musik. Auf eine Dreistundenkurznacht sollte ein langer Tag folgen. Der Wecker beendete ein merk=würdig waberndes Traumgewebe. Eine Kanne starken schwarzen Tee kochen zur Rückkehr ins alltägliche Leben.
Kurz die Mails anschauen. Schnellbesuch bei einem Blogger. Bedankt sich bei Bowie. Kurzkommentar meinerseits. Mit einem Fragezeichen vor der Stirn allerdings. Eine Seite, die ich mit einem entsprechenden Suchwort einmal wöchentlich abends zu befragen pflege, noch rasch anklicken. Am Morgen. Die Nacht war eindeutig zu kurz. Bowie gestorben? Vorgestern war doch erst die neue Scheibe erschienen. Ich suchte und las einige Nachrufe.

Die Zeit vergeht und es sind Vorbereitungen zu treffen für die längere Fahrt nach Südosten. Zwei Termine, der eine eher profan. Aber danach einen äusserst charmanten Bloggerkollegen treffen, das weckt die Lebensgeister. Die Nachrichen von Bowies Tod dämpfen die Freude ein wenig. Schnell noch eine feine Musikmischung zusammenstellen für die Kraftwagenfahrt. Ich bin unkonzentriert. Mit David Bowie sind so viele Erinnerungen verbunden.
Als Kleinstadtbuben, die wir waren, hatten wir StonesKinksDoors im Kopf. Was im Radio so lief und die Köder auswarf zum Schnappen im Plattenladen. Über Bowie wurden sonderbare Sachen erzählt. Das machte neugierig.

David Bowie? Ja klar, haben wir. The Man who sold the World. Das Cover. Ein Mann in Frauenkleidern auf dem Sofa. Verrückt. Die Probehörung dauerte keine drei Stücke weit. Gekauft. Danach erschien jedes Jahr zuverlässig eine neue Scheibe. Jede ein wenig anders, was die Musik und textliche Themen anging.

Freie Fahrt auf der Autobahn. Prima. Fast jedes Lied projiziert ein kleines Erinnerungskino auf der Windschutzscheibe. Ich erinnere mich an lange vergessene Situationen. Der Wagen zieht gemächlich dahin. Ein Teil von mir scheint ihn auf der Spur zu halten. Aladdin Sane. Unterwegs in den abgefahrendsten Klamotten. Bei mir hats immerhin zu Frack, Gamaschen und einem weissen Ledergürtel gereicht (Halstuch sowieso). Und ein halbes Jahr später fing er an, im Anzug auf der Bühne zu stehen. Pinups. Anzüge waren sowas von out. Diese abgedroschene Floskel, dass Bowie sich immer wieder neu erfunden hätte in den morgendlichen Nachrufen. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre lebte er in Berlin auf Entzug. Das Ergebnis waren drei einmalige Alben. Low. Heroes. Lodger.
So ein Quark, neuerfunden; der Mann hat sich weiterentwickelt. Hat konsequent sein Ding gemacht. Hat sich ab Ende der 1970er Jahre in seichte Popsümpfe begeben. Er hat damit das Zentrum meines musikalischen Kosmos verlassen. Scary Monsters war für Jahre die letzte Scheibe in meinem Musikalarchiv. Mit der Filmmusik zu Christiane F. hat er mir einen Schlussakkord gespielt. Im Sound in der Genthinerstrasse war ich seit einigen Jahren nicht mehr gewesen. Andere Szenen wurden bestimmend für meinen weiteren Weg.

D. B. wurde zwischendurch auch bei den Gesprächen mit dem sehr liebenswürdigen Herrn Z. erwähnt, eher nebenbei jedoch. Wir besuchten eine Wirtschaft zur Magenfüllung. Das Publikum hätte Teil des Bowiepersonals sein können. Aus dem Radio spielt Bowie. Ausgerechnet in dieser Kneipe. Zu schnell bricht der Abend herein. Wir verabschieden uns. Schönen Dank Herr Z. für die ebenso amüsanten wie gediegenen Stunden.
Die sonderbare Stadt scheint ohne waagrechte Ebenen auszukommen. Hoch und runter. Asphaltröhren überall. In einem langen Tunnel ziehen die Deckenlampen übers Wagendach dahin. The Spiders from Mars. Der Lallfritz hat mir die wahrscheinlich umständlichste Route zur Autobahnauffahrt vorgeschlagen. Es beginnt zu regnen. Nachtschwärze auf der wenig befahrenen Strasse. In die Gedanken an die vorangegangen Gespräche mischt die Musik wieder lebendige Erinnerungsbilder.

Wir wussten beide, dass zwischen unseren Wegen viel Ödland lag. Aber wir liessen geschehen was uns möglich war. Wunderschöne Momente, einmalig in ihrer Tiefe. Niemals zu wiederholen; und einfrieren, das wussten wir, würden sie nicht haltbarer machen. Wir lagen eng beieinander nachmittags in der Sonne neben meiner Werkstatt.
Die Arbeit war beendet, das Werkzeug wieder an seinem Platz.. Die beiden Motorräder waren in Schuss. Aus der Werkstatt umwehte uns die Musik von Aladdin Sane. Eine kleine Probefahrt zum Baggersee vielleicht. Wir schwiegen einverstanden. Deine Hand glitt unter mein T-Shirt. Wir schauten den sanften Bewegungen deiner Fingern zu, lachten beide gleichzeitigkurz auf wegen der öligen Reste in deinen Nagelbetten auf der weissen Haut.
Schweigendstill blickten wir uns nur unverwandt in die Augen. Lady Grinning Soul.  Ganz langsam bist du aufgestanden. Hast mein T-Shirt in Ordung gebracht mit deinem unergründlichen Lächeln. Der Daumen am Starter erweckte dein Motorrad zum Leben. Du hast den Gang eingelegt und bist aus dem Hof gefahren.
Ich habe den Kickstarter meiner Ducati durchgetreten und bin zum Baggersee gefahren. Den Frack habe ich auf dem nächsten Flohmarkt verkauft.

(Wichtig an der Fotografie sind weder der junge Mann mit dem unzeitgemäss provokanten Kurzhaarschnitt, auch nicht der Renault R4 oder die Ente rechts sondern der Bus am linken Bildrand. Wo sieht man heute noch einen Renault Estafette ausser in einem alten Film)

Geburtstagsparty an einer Kiesgrube

Geburtstagsparty an einer Kiesgrube