Genussfülle und Küchenreduktion

Nächtens versunken in der Abteilung Kompilationen des Ärmelschen Musikalarchivs. Unglaublich, was sich in den Jahren so alles ansammelt. Diese merkwürdige Trouvaille beispielsweise: Deutscher Demokratischer Beat, eine Versammlung von vier CDs mit nie zuvor gehörten Namen von Bands und Solisten aus der DDR…

Schnee fällt in den letzten Maitagen auf den Rhein nieder. Ich sitze am Ufer und denke an Menschen, mit denen ich hier schon in früheren Zeiten zusammengesessen habe. Das Schmalzbrot ist eine Sünde wert, der Kochkäse ohnehin und der Apfelwein (wegen der Hitze sauergespritzt) die reine Labsal.
Wenn man dem Fliessen eines Gewässers nachspürt und nichts weiter im Sinn hat als die leiblichen Genüsse, lockert das den zähen Fluss der Erinnerungen.

Damals, lange vor den Erkenntnissen und Freuden der Fülle durch Reduktion. Damals, als man in den neu entstehenden Supermärkten noch die aufgeklebten Preisschildchen auf den kostspieligen Weinen… das ist lange her. Damals, als in der frühreifen Lebenserfahrungssuppe Ästhetik, Aisthesis und Kallistik ein trübes, ja ein geradezu unverdauliches Lebenselixir ergeben hatten.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie alles oder wer damit anfing, aber irgendwann stand eine Handkelter für Apfelwein auf dem Balkon der WG. Weine aus Früchten und hausgekochte Marmeladen, damit begann es wohl. Und Gorengs, weil man da grobgehackt ziemlich unterschiedliche Ingredienzen einfach einrühren konnte. Die unschuldigen Anfänge der Kochkunst.

Im Ärmelelternhaus stand „der Pellaprat“. Dabei handelt es sich um das damalige Standardwerk von Henri-Paul Pellaprat, „Der Grosse Pellaprat. Die moderne französische und internationale Kochkunst (L´art culinaire moderne). Dieses Werk war mir jedoch zu voluminös und die Fotos der Gerichte liessen auf eine komplizierte Herstellung der Speisen schliessen. Nichts für die leicht chaotische Küche einer WG also.
Dann lagen nur kurze Zeit später auf dem Grabbeltisch eines Buchladens zwei Werke genau richtig. Paul Bocuse, Die neue Küche (La cuisine du marché) und Gaston Lenôtre, Das grosse Buch der Patisserie (Faites votre pátisserie, glaces et confiserie). Abwaschbare Einbände und knappe Texte. Die Falle schnappte zu.
Da wir seinerzeit einem gewissen, jugendlich überheblichen, Anspruch huldigten, wollten wir nicht nur Gourmets sein sondern untereinander auch als Gourmands gelten. Folglich wurde von da ab die laute Musik leiser gedreht und das Wissen an Werken wie beispielsweise Eugen van Vaersts Gastrosophie oder von den Freuden der Tafel geschult und daneben Warenkunden eingeübt.

Das Kochen und Backen nahm manchmal skurile Formen. Um es kurz zu machen. Mit den immer aufwändigeren Zubereitungen und ausgefeilteren Menus wuchs im gleichen Masse auch der Wettbewerb untereinander. Wir waren nun mal keine ausgebildeten Köche, sondern eher eingebildete Zubereiter. Trotz der häufig gut gelungenen Tafelfreuden. Aber das Ganze nahm eine denkwürdige Entwicklung. Mein persönliches Beispiel ist der Hase.

Herr Ärmel senior gehörte hobbymässig der grössten deutschen Privatarmee an. Und er huldigte darin der planmässigen Herstellung eines Ungleichgewichtes in der belebten Natur, sprich, er war Jäger. Ich würde heute sein verdutztes Gesicht zu gerne nochmals sehen als ich, der ich in jenen Jahren den Genuss von Wild schon aus familienpolitischen Gründen kategorisch ablehnte, eines Tages um einen Hasen bat. Die Bitte ward umgehend gewährt unter der Bedingung, dass ich den Hasen eigenhändig zum Kochen vorbereiten würde. Das war kein Problem für mich, Fische hatte ich zuvor schon etliche ausgenommen.

Den Hasen brauchte ich für den Lièvre à la royale du sénateur Couteaux (Der Hase auf königliche Art des Senators Couteaux), ein Rezept, das Paul Bocuse angeblich wiederentdeckt hatte. Das Rezept misslang mir. Der extrem zarte Hase wird über einem länglichen Topf aufgebahrt, in dem sich die schmackhafte Sauce befindet. Und das Fleisch wird abgelöffelt. Aber nach dem dritten zerfallenen Hasen witterte Herr Ärmel senior eine Hinterlist meinerseits und versagte weitere Hasen.
Dieses Rezept bewirkte bei mir eine andere Sichtweise. Die sollte sich aber erst mit den Jahren im Bewusstsein konkret bemerkbar machen…

„Wenn man bei der Herstellung eines Gerichtes nichts mehr weglassen kann. Wenn es perfekt mundet und man jede Ingredienz noch schmecken kann, dann ist der Sinn erfüllt.“ Diese beiden genialen Sätze stammen von Herrn G. Herzlichen Dank dafür Herr G.

Damit ist für meinen heutigen Erkenntnisstand der tiefere Sinn der Kochkunst ebenso schlicht wie treffend beschrieben. Wenn ich in sehr alten Rezeptsammlungen lese, finde ich genau diese Einsicht bestätigt.
Genau das Gegenteil scheint mir heute der Fall. Verrückteste Kreationen und Zusammenstellungen; am langen Ende nur dazu erdacht, den Konsumwahn auch auf dem kulinarischen Gebiet immer weiter zu treiben.
M
an kann Speisen nach Belieben, ja bis zur schieren Unschmeckbarkeit mit Gewürzen oder Kräutern anreichern. Man kann aber auch seine eigene Geschmackswahrnehmung schärfen.
Mein Motto: Erffekthascherei und Modeströmungen strikt vermeiden. Keine Trockengewürzsammlungen, kein Alkohol in Marmeladen, Gelees und Konfitüren. Reduktion auf ein traditionell überliefertes Minimum. Das macht Freude bei der Zubereitung, trainiert das Geschmackserleben und spart obendrein Geld und Zeit.

Die Unmengen Pappelsamen, die durch die Flusslandschaft schweben, nennen Sie Pappelschnee. Eine schöne Metapher, finde ich.

(Fotografien im Vorübergehen aufgenommen. Anklicken, dann öffnet sich die Galerie)

 

Advertisements

Barjederwundersonderbar

Gefällt mir nach den ersten Probeanhörungen immer besser. Auch der Titel hält, was er verspricht: Long John and The Killer Blues Collective – Heavy Electric Blues (2017)…

Aus meiner Reduktionskladde.
„In Deutschland beeindruckt mich noch immer diese plötzlich auftauchende, imperial anmutende Grösse, angesichts derer man sich unwillkürlich der eigenen Kleinheit bewusst werden kann (und zeitweise auch sollte). Martialisch mächtige Bauwerke, um einige Meter zu breite Boulevards und Magistralen oder auch grobgklotzige historische Memoriale. Barbarossa, Hermann, Germania, Walhalla, Blücher. Und Bismarck, natürlich. Mannigfaltige Beeindruckungen durch Äusserlichkeiten. Funktioniert zuverlässig auch in den Nachbarschaften.“

„Es mag sein, dass es anfangs tatsächlich nicht vorrangig um Profit, Kontrolle und Überwachung ging. Aber was seinerzeit als sogenanntes soziales Netzwerk begonnen hatte, ist für viele Menschen längst zur unlösbaren Verstrickung verkommen“.

Wenn die feisten Frauen des Landkegelklubs auf ihrem Stadtausflug grölend die frauenverachtenden Sprüche an der Saufkneipe knipsen, will ich nicht nachstehen und den geschmackvoll einladenden Biergarten der Kneipe fotografieren. Richtig widerwärtig finde ich, dass dort gelegentlich DDR Parties veranstaltet werden. Was ist eine DDR-Party? Wenn das der Herr Edel wüsste: „Die grossen Geheimnisse entstehen dort, wo wir alles zu wissen glauben (Herr Edel / Heimat, 2-2, 1:36:10).“

„Um diese private Bar aus den 1960er Jahren fotografieren zu dürfen, war die Vorbedingung, die anheimelnde phosphoriszierende Beleuchtung wieder funktionsfähig zu machen. Die Bar war seinerzeit Mittelpunkt eines Freundeskreises. Als der Eigentümer aus verschiedenen Gründen mit den spätabendlichen Vergnügungen kürzer trat, geriet die Bar im Lauf der Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf. Die Liköre zersetzten sich im Lauf der Zeit in ihre giftigschön grellleuchtenden Farben. Die Entsorgung vor einigen Jahren wäre eine eigene Geschichte wert. Was mir hingegen gut gefällt, sind die illustren alten Barutensilien, die meine Fantasie beflügeln.
Die meisten Menschen bereichern sich dadurch, dass sie anderen etwas wegnehmen. Nur wenige Menschen hingegen, bereichern sich dadurch, dass sie anderen Menschen etwas selbstlos geben.“

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Maiwochenende.

(Die Bilder wurden im Vorübergehen fotografiert. Anklicken und gross gugge)

Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

i
Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

ii
Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

iii
Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

iv
Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

v
Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

vi
Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

vii
Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

viii
Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

ix
Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

Zu guter Letzt? Kommt der neue Anfang…

Die Besucher, Leser und Gugger, die diesen Blog schon länger auf ihren Schirmen haben, kennen die untenstehende Fotografie. Sie zeigt den letzten Beitrag des zu Ende gehenden Jahres an…

Die wichtigsten Arbeiten sind erledigt. Der kleine Koffer liegt offen am Boden. Morgen wirds losgehen. Kennenlernen, essen, trinken und feiern. Hier und da und dort. Ich freue mich auf die Begegnungen mit anderen Menschen in anderen Landschaften.
In diesem Jahr wird es auf diesem Blog keinen Jahresrückblick geben. Ich halte es lieber mit zwei Versen eines Liedes von den Dubliners:
„For what’s done is done and what’s won is won
and what’s lost is lost and gone forever…“

Im kommenden Januar werde ich mit einer Buchvorstellung meinen ersten 2017er Beitrag beginnen. Damit wird dann die zukünftige Richtung angezeigt werden. Denn mit firlefänzigen Nichtigkeiten will ich niemandem die Zeit rauben.

Freude und Menschlichkeit seien die Wegweiser bei allem Handeln, Denken und Fühlen. In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern, Lesern und Guggern im kommenden Jahr viel Humor und gutes Gelingen in allen Belangen.

(Dieses Motiv wird so nicht mehr aufzunehmen sein. Die in die Welt grüssende Figur ist seit kurzem von schmucklosen Antennen umstellt. Das sind die Zeichen der Zeit)

71ec1-p231-01

Wer ebenfalls grüssen mag, klickt auf die Fotografie

Dekonstruktions-Rekonstruktionen

Weihnachtsmärkte und Jahresrückblicke landauf landab. Da scheinen sich reale und virtuelle Welt nahe zu kommen. In den musikalisch vielgescholtenen 1980er Jahren gab es trotz allem Bands mit trefflichen Texten zur bedrohlichen (Welt)Lage und dennoch leichter lebensfroher Musik: Fischer-Z – Red Skies over Paradise (1981)…

Was du ererbt von deinen Vätern… Dieser Ausriss eines Zitates von Johann Wolfgang von Goethe hing mir lange Zeit nach. Es verführt einerseits zu materiellen Betrachtungsweisen, andererseits hat Sigmund Freud damit einer Berufsgruppe, aus der mittlerweile auch eine vielverzweigte Industrie geworden ist, zu dauerhaftem Einkommen verholfen.
Ich habe mich früher etwas schwer getan mit diesem Zitat. Seit Jahren aber betrachte ich es von ideellen Seite und damit hat sich der Horizont erheblich erweitert. Verarbeite das, was du von deinen Vorfahren ererbt hast, indem du daraus lernst und deinen Horizont erweiterst. Und nicht, indem du jammerst und dich beschwerst. Ich weiss, wovon ich rede, denn ich kenne meine eigenen Jammereien und Beschwernisse. Ohne die lebt sich es viel fröhlicher und vor allem leichter. Worte und Begriffe als Wegweiser..
Seit drei Jahren habe ich nun versucht, diesen drei Tonnen schweren Tresor über ganz unterschiedliche Kanäle zu verkaufen oder zu verschenken. Ich kann die Mailwechsel und Telefonate nicht mehr zählen. Und dann, am Ende hats eben doch geklappt. Wie im richtigen Leben. Oder, mit Hermann Hesse zu reden, von allem was der Mensch begehrt, ist er immer nur durch Zeit getrennt.

Schwer gefallen sind mir seit je die Gänge über Weihnachtsmärkte. Den Ärmelkindern blieben sie folglich erspart. Und bis heute wurde mir gegenüber kein Vermissen zum Ausdruck gebracht.
Die Geschäftemacherei passt nicht in mein Bild von Weihnachten. Einen vorläufigen traurigen Höhepunkt erreicht mein diesjähriger Gang über einen Weihnachtsmarkt. Nicht ein einziger Stand hat etwas mit Weihnachten zu tun. Keine Bude mit Räuchermännchen oder Lebkuchen. Döner wurden zwar in Deutschland erfunden, aber auch der frühlingsgerollte Mr. Wok ändert nichts an meinem Unwohlsein. Den erbärmlichen Höhepunkt bildet die Krippenschänke. Ein Kleinlabyrinth für Trinker. Überm Portal die üblich falsche Krippenszene. Nazareth und Bethlehem; Könige und Hirten beieinander. Ein König sowie ein Hirte fehlen bei der Darstellung. Ob die sich derweil in der Krippenschänke die Kante geben, will ich angesichts des Gegröhles schon um 18:00 Uhr nicht mehr herausfinden.
Die Essundtrinkbuden sollen auch auf anderen Weihnachtsmärkten die weihnachtlich anmutenden Stände mehr und mehr verdrängen. Städte und Kommunen vergeben das Weihnachtsmanagement an Veranstaltungsfirmen. Die wollen Reibach machen und fordern entsprechend hohe Standgebühren. Heisser, billiger Fusel und schlechtes Essen lassen dabei die Kassen am hellsten klingen. Private oder gemeinnützige Hersteller von Artikeln, die noch an Weihnachten erinnern, haben da nichts mehr verloren. Und überhaupt Weihnachtsstimmung, hier gehts um Spass und ums Geschäft.
Wie naiv ich noch immer sein kann, erlebte ich angesichts der Spreu auf dem Boden. Ich dachte, die sei da, um keine kalten Füsse zu bekommen während man an einem Stand steht. Aber weit gefehlt. Die wird ausgetreut, um die weggeworfenen Essensreste und die verschütteten Getränke aufzunehmen. Von dem abendlich vielfach Erbrochenen ganz zu schweigen.

Das eingangs erwähnte Zitat lautet im Zusammenhang:

Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
[…]
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
[Goethe: Faust. Eine Tragödie. in: Goethe-HA Bd. 3, S. 28-29)

                                         (Fotografien zum Text – anklicken vergrössert nur das Bild, nicht den Schrecken)

Multipelabsurdes Adventsallerlei

Bei den ersten Klängen erinnerte ich mich zurück an damals. Beim Kauf von Beggar´s Banquet und den Weg zurück zum Plattenspieler. Die grosse Spannung. Seit Monaten warte ich auf diese für die Stones sehr ungewöhnliche Platte. Eine Verneigung vor ihren Idolen aus den bluesigen Kaschemmen der USofA. Die Aufnahmen im Studio sollen bloss drei Tage gedauert haben. Das reicht für erdig ehrlichen Blues. Eine Bluesband waren sie nie. Dennoch haben sie ihn drauf:
The Rolling Stones –  Blue and lonesome (2016)…

Es ist richtig und es stimmt ja auch. Hier in diesem Blog wirds immer ruhiger. Mich trösten die Nachfragen per Mail. Das schafft das wohlige Gefühl, nicht vergessen zu sein. Einerseits.
Aber über was soll ich sinnvoll schreiben?
Wen interessiert, wie man ein drei Tonnen schweres Monstrum von einem Tresor in Zentimeterarbeit aus einer Garage schafft. Und dass die Ladefläche eines Zölftonner LKWs fast zusammenbricht beim Aufladen.
Von Mails und Blogbeiträgen, die man an Lebenshelfer weiterleiten möchte, die den Absendern die Köpfe mit einem Schuss Realität waschen.

Viel Arbeit gabs in den letzten Wochen und Monaten. Von den neuesten Erfahrungen mit professionellen Aufkäufern von Büchern, Porzellangeschirren, Metallmöbeln und anderen Überflüssigkeiten schreibe ich lieber nicht. Man möchte gelegentlich zweifeln am Verstand von Menschen, die immerhin einen Führerschein und das Wahlrecht besitzen.
Es ist nicht einfach in diesen Zeiten, wenn man das Leben liebt und freudvoll in die Zukunft sieht. Da muss man hin und wieder Gleichgesinnte suchen wie die sprichwörtliche Stecknadel. Ausserdem bin ich wieder viel unterwegs. Auch da sammelt sich manches an Erlebnissen und neuen Erfahrungen an.

Über Leonard Cohen, seine Musik und wie sehr ich ihm dankbar bin und sein werde für manche seiner Lieder habe ich nicht geschrieben. Mir war die Stimmung verdorben, als ich die vielen Hinweise auf seinen Tod in Blogs wahrgenommen hatte. Solche Plattitüden und Unwissenheit hatte er wahrlich nicht verdient.
Ebenso habe ich es vermieden, über die Präsidentschaftswahlen zu schreiben. Über die hier in Deutschland machen die Komiker im Fernsehen schon jetzt ihre Witze. Und über die in den USofA hat Deutschland gelacht und gespottet. Jedenfalls diejenigen, die etwas auf sich hielten und eine Meinung hatten. Was nichts darüber aussagt, dass sie wirklich durchschaut hätten, über wen oder was sie ihre flachen Witze gerissen haben.

Inzwischen ist wieder Advent. Mir geht schon seit geraumer Zeit mein Jahresendbeitrag für diesen Blog durch den Kopf. Vielleicht freue ich mich einfach, dass ich meine grosse Dunkelheit dieses Jahres erhellend durchdrungen habe. Das mag aber auch mit dem aufregenden neuen Projekt zusammenhängen. Im kommenden Jahr werden weitere Prozesse des Alltags vereinfacht werden. Darüber wird dann vielleicht etwas Berichtenswertes mitzuteilen sein. Hier oder im neuen Blog.
Bis dahin wird der Wechsel langsam und überlegt gesteuert und vollzogen werden. Und deshalb gönne ich mir in dieser herrlich leuchtenden Konsumterrorzeit auch vier Adventskränze. Für jeden Adventssonntag einen. Und weil sie so schön sind und ich mich gegen keinen entscheiden wollte. Und zur Erleuchtung des Ärmelhauses. Und überhaupt.

                                                                            (Foto anklicken bringt sie grösser ins Bild)